Der Preisträger ging in seiner Rede auf die “neue Relevanz” seiner Disziplin ein und appellierte an die Gäste, Demokratie als Gemeinschaftsaufgabe wahrzunehmen. “Geschichte ist ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerutscht und zur Münze in der öffentlichen Auseinandersetzung geworden”, so Conrad. Neben einem großen Interesse an historischer Einordnung sehe er aber auch eine zunehmende Polarisierung des öffentlichen Diskurses. Gerade für Historikerinnen und Historiker sei es deshalb essenziell, dieser Aufladung eine Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven entgegenzusetzen.
“Demokratie ist etwas, das wir gemeinsam auf der Tagesordnung haben müssen.” Mit diesem Appell schloss Prof. Dr. Sebastian Conrad am 9. Juni 2026 seine Preisträgerrede anlässlich der Verleihung des Schader-Preises vor rund 240 geladenen Gästen in Darmstadt. Der Historiker, der an der Freien Universität Berlin als Professor für Neuere Geschichte lehrt, hatte zuvor die gegenwärtig hohe Relevanz seiner Disziplin im gesellschaftlichen Gefüge betont.
Geschichte, so Conrad, sei in Deutschland so präsent wie lange nicht mehr: “Geschichte ist ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerutscht und zur Münze in der öffentlichen Auseinan-dersetzung geworden”, so Conrad. Neben einem großen Interesse an historischer Einord-nung sehe er aber auch eine zunehmende Polarisierung des öffentlichen Diskurses. Gerade für Historikerinnen und Historiker sei es deshalb essenziell, dieser Aufladung eine Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven entgegenzusetzen. Das gelte auch für zwei Themenfelder, die gegenwärtig stark in der Diskussion stehen: die Geschichte der Globalisierung und des Kolonialismus. “Vor allem die Kolonialgeschichte ist zu einer Projektionsfläche geworden, auf der die mit der Globalisierung verbundenen Ungleichheiten stellvertretend verhandelt werden. Zugleich reicht sie tief in die deutsche Erinnerungskultur und Geschichtspolitik hinein.”
Zuvor hatten der Darmstädter Oberbürgermeister Hanno Benz und Prof. Dr. habil. Jan Hilligardt, Regierungspräsident des Regierungspräsidiums Darmstadt, Bezug auf die Relevanz von Conrads Arbeit in der behördlichen Realität genommen. Der Preisträger fordere auf “Globalisierung neu zu denken, auch im kommunalen Kontext”, so Benz. Globalisierung sei kein abstraktes Konzept, sondern “unser Alltag”.
Laudatorin Prof. Dr. Dr. hc. Ute Frevert, Präsidentin der Max Weber Stiftung, betonte die Souveränität und Abgewogenheit Conrads, er analysiere “identitätspolitische Debatten und Diskurse lieber kühl und sachlich, als sich selber darin zu positionieren”. Seine Arbeit trage dazu bei, gesellschaftliche Probleme so aufzubereiten, dass sie als lösbar wahrgenommen werden können.
“Sebastian Conrad hat mit seiner Forschung die gesellschaftlichen Debatten in Deutschland und international maßgeblich geprägt”, so auch Prof. Dr. Dorothea Kübler, die Conrad als Sprecherin des Senats der Schader-Stiftung den Preis verlieh. Seine Arbeit als Globalhistoriker, der sich intensiv mit der Geschichte des Kolonialismus befasst hat, “hat unser Verständnis des Verhältnisses von Globalisierung und Nationalstaatsbildung erweitert”. Im Rahmen der Preisverleihung wurde turnusgemäß das dienstälteste Senatsmitglied aus dem Amt verabschiedet, der Rechtswissenschaftler und Schader-Preisträger 2019, Prof. Dr. Christoph Möllers. Im Rahmen des Festakts wurde Andrea Bartl als Vorsitzende des Stiftungsrats verabschiedet, ihr folgen in der Stiftungsratsleitung Philipp Thoma, Bürgermeister der Gemeinde Fischbachtal, und Sybille Wegerich, Vorständin der Darmstädter Bauverein AG.
Sebastian Conrad ging zum Ende seines Vortrags, der anschließend von langem Applaus begleitet wurde, auf den Umgang mit Geschichte ein. Sie sei “ein Anker, an dem man sich festhalten kann”, werde aber von zahlreichen Autokraten dieser Welt aber zunehmend instrumentalisiert. Aber auch in Deutschland habe die politisch motivierte Absage von wissenschaftlichen Vorträgen zugenommen. Er unterstrich daher die demokratische Aufgabe seiner Zunft: “Geschichtswissenschaftler müssen an der Wissenschaftsfreiheit festhalten!”
Mit dem Schader-Preis zeichnet die Schader-Stiftung Gesellschaftswissenschaftler*innen aus, die aufgrund ihrer wegweisenden wissenschaftlichen Arbeit und durch ihr vorbildliches Engagement im Dialog mit der Praxis einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme geleistet haben.
Der Schader-Preis wird jährlich in Darmstadt überreicht. Verliehen wird der Preis vom Senat der Schader-Stiftung, dem die Preisträgerinnen und Preisträger der vergangenen Jahre angehören: Prof. Dr. Martina Löw (2025), Prof. Dr. Silja Häusermann (2024), Prof. Dr. Steffen Mau (2023), Prof. Dr. Lisa Herzog (2022), Prof. Dr. Armin Nassehi (2021), Prof. Dr. Dorothea Kübler (2020) und Prof. Dr. Christoph Möllers (2019). Mit der Verleihung des Schader-Preises gehört Sebastian Conrad dann sieben Jahre lang dem Senat der Schader-Stiftung an.
Die Schader-Stiftung fördert seit 1988 den Dialog zwischen Gesellschaftswissenschaften und Praxis.
Mehr Informationen zur Stiftung und zum Schader-Preis sind unter www.schader-stiftung.de/schader-preis/ zu finden.







