Die Debatte um die Resilienz der freien Forschung steht im Zentrum eines aktuellen Projekts: Mit der Ringvorlesung “Was ist schon neutral? Haltung in der Krise!” beteiligt sich die Universität Greifswald im Sommersemester 2026 an der bundesweiten Kampagne “Hochschulen zeigen Haltung!”. Unter dem Titel “Wissen in Not – Schützt die Wissenschaftsfreiheit des Grundgesetzes vor wissenschaftsfeindlicher Politik?” thematisieren Professor Daniel Wolff und Clara Folger im Rahmen der Ringvorlesung am 20. Mai an der Universität Greifswald die Gefahren für eine freie Wissenschaft. Mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen zeigt sich das Thema aktueller denn je. Im Interview mit dem Universitätsmagazin Campus*1456 analysieren die beiden Expert*innen die rechtlichen Schutzlücken und diskutieren darüber, wie das Wissenschaftssystem seine Resilienz gegenüber autoritär-populistischer Einflussnahme stärken kann.
Wissenschaft unter Beobachtung: Die zunehmende Gefahr des autoritären Populismus
Auf die Frage, ob die Wissenschaft in Deutschland in einer existenziellen Krise stecke, sagt Clara Folger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Öffentliches Recht und Grundlagen des Rechts der Universität Greifswald: “Die freie Wissenschaft als solche ist in ihrer Existenz aktuell nicht bedroht. Angesichts des in weiten Teilen Europas und auch in Deutschland erstarkenden autoritären Populismus wächst aber die Gefahr wissenschaftsfeindlicher Politiken, unter denen Wissen in Not geraten kann. Denn die populistische Welteinteilung in ein homogenes Volk, das einer korrupten Elite gegenübersteht, macht die Wissenschaft als akademische Elite zum Feindbild. Und als ideologische Gegnerin im autoritär-populistischen Wertesystem ist die Wissenschaft nicht nur Projektions-, sondern auch konkrete Angriffsfläche antiakademischer Politik.”
Vor diesem Hintergrund betont Prof. Dr. Daniel Wolff, Professor für Öffentliches Recht und Grundlagen des Rechts, die Notwendigkeit präventiver Strategien. “Deshalb ist es wichtig, bereits im Vorfeld einer akuten Notlage für freies Wissen wissenschaftspopulistische Szenarien durchzuspielen, um rechtliche Schutzlücken zu identifizieren. Dann können Maßnahmen zur Resilienzsteigerung des Wissenschaftssystems in einem Zeitraum ergriffen werden, in dem wissenschaftsfreundlich eingestellte Akteur*innen noch handlungsfähig sind. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen im Herbst wird dieser Zeitraum womöglich nicht allzu lange währen”, so Wolff.
Wenn Wahrheit zur Machtfrage wird
Das Grundgesetz wird gegenwärtig vor allem mit dem Schutz des Individuums verbunden, während die Wissenschaftsfreiheit jedoch einen kollektiven Prozess schützt – das freie Suchen nach Wahrheit. Hier liegt eine kritische Weiche für die gesamte Gesellschaft, da das Ausbleiben dieses Schutzes unweigerlich zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse im öffentlichen Diskurs führen kann. “Werden institutionalisierte Wahrheitsfindungsprozesse nicht mehr geschützt, lösen sich politische Machtansprüche von den Fesseln der Kritik und des Hinterfragens. In den Diskursräumen der Gegenwart sind ‚alternative Fakten‘ ein Mittel, um die Unterscheidung zwischen Wahrheits- und Machtanspruch aufzuheben”, betont Folger. “Wenn Wahrheit zur Machtfrage wird, ist alles möglich: 2 + 2 = 5, vorne ist hinten, Krieg ist Frieden. Die Kontrolle von Wahrheitsdiskursen eröffnet die Deutungshoheit über die öffentliche Meinung. Das geht jeden etwas an.”
Weitere Informationen
Das vollständige Interview lesen Sie in unserem Hochschulmagazin Campus*1456. Es ist Teil einer größeren Debatte: Im Rahmen der bundesweiten Kampagne „Hochschulen zeigen Haltung!“ veranstaltet die Universität Greifswald die Ringvorlesung „Was ist schon neutral? Haltung in der Krise!“. Hier werden Wissenschaftsfreiheit, demokratische Verantwortung und die Rolle der Hochschule in gesellschaftlichen Konflikten intensiv diskutiert. Der Vortrag “Wissen in Not – Schützt die Wissenschaftsfreiheit des Grundgesetzes vor wissenschaftsfeindlicher Politik?” von Prof. Dr. Daniel Wolff und Clara Folger findet am 20. Mai 2026 um 18 Uhr in Hörsaal 2, Ernst-Lohmeyer-Platz 6 der Universität Greifswald, statt.







