Die Würzburger Werteschule stellt ein digitalisiertes Kurskonzept zum interdisziplinären Aufbau moralischer Orientierungskompetenz zur freien Verwendung an Schulen und Hochschulen vor.

Der Würzburger Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Harald Bolsinger, Dekan der Fakultät Wirtschaftswissenschaften an der FHWS, stellt ein neues interdisziplinär einsetzbares Kompetenzbildungsmodul zur angewandten Ethik vor. Das bilinguale Blended-Learning-Konzept basiert auf umfangreichen Erfahrungen in Ethikveranstaltungen an der FHWS und kann kostenlos für den nichtkommerziellen Einsatz zur Wertebildung an Schulen und Universitäten verwendet werden (siehe www.wirtschaftsethik.biz/lehre/werteorientierte_argumentation).

„Werteorientierung zu verstehen und die eigene Werteorientierung argumentativ einbringen zu können, ist eine Schlüsselkompetenz nicht nur für junge Menschen.“ begründet Prof. Dr. Bolsinger sein Engagement für die werteorientierte Argumentation. Ethikkurse, die sich zur didaktisch durchdachten Kompetenzbildung gezielt digitaler Methoden bedienen, verbinden Digitalisierungs- und Ethikkompetenz, führt Bolsinger aus: „Die Gesellschaft von morgen erfordert den gezielten Wertediskurs im Rahmen der Digitalisierungsherausforderungen nötiger denn je. Es ist unsere Aufgabe, an Schulen und Universitäten dafür die geeigneten Kompetenzgrundlagen zu legen.“

„Die Inhalte sind theoretisch fundiert, praxisorientiert, aktuell und geben den derzeitigen Stand der Forschung wieder.“ begründet Prof. Dr. Wolfang Renninger (OTH-AW) die Verwendung des Kurses im Digitalisierungskontext an der Ostbayerischen Technische Hochschule Amberg-Weiden. Der Kurs schließe sowohl inhaltlich als auch didaktisch eine Lücke im Angebot der Hochschulen zur Ethik-/Wertebildung. Das ausgewogene, didaktische state-of-the-art-Blended Learning Konzept mache es durch den modularen Aufbau leicht, trotz der umfassenden Darstellung des Themas, Teile davon gezielt für einzelne Lehrsituationen auszuwählen und zu adaptieren, ergänzt der Re ferent für Nachhaltigkeitsmanagement an der OTH-AW Alexander Herzner. Auf Basis der Erfahrungen an der OTH-AW bereiten Prof. Dr. Frank Ebinger und Lehrbeauftragter Kurt Freudenthaler derzeit einen Kurseinsatz für die Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm vor.

An der FHWS in Würzburg und Schweinfurt fungiert der Kurs als Good Practice für den weiteren Ausbau der Digitalisierung in der Präsenzlehre. Der an der technischen Umsetzung in Moodle beteiligte Medienpädagoge Matthias Karl unterstreicht, dass „die digitalen Elemente des Kurses keinen Selbstzweck darstellen, sondern immer nur zum Einsatz kommen, wenn es medienpädagogisch sinnvoll ist.“ Auf diese Weise sei es gelungen, das „Beste aus beiden Welten“ der Präsenz- und Online-Lehre zu vereinen.

Prof. Dr. Bolsinger dankt dem Mitbegründer der Würzburger Werteschule Prof. Dr. Christian Bauer für seine wertvollen Hinweise bei der Kursentwicklung: „Die philosophische Reflexion bei der Kursentwicklung durch Kollegen Bauer war ebenso unverzichtbar, wie die Experimentierfreudigkeit, um Ethik mit digitalen Lehrmethoden zu verbinden.“ Vor allem das 2017 mit dem Wolfgang Heilmann-Preis ausgezeichnete medienpädagogische Konzept „Digitale Mündigkeit“ von Bauer habe Bolsinger bei der Kursentwicklung inspiriert, dessen Idee 2012 in der ersten Unternehmensethikveranstaltung von Prof. Dr. Bolsinger an der FHWS durch ein Schlüsselerlebnis geboren wurde.

In dieser Präsenzlehrveranstaltung wurde deutlich, dass die Mehrzahl der Studierenden mit einer utilitaristischen Vorprägung und damit einer auf Gewinn/Ertrag zielenden verkürzten Sichtweise von Verantwortung in die Veranstaltung kamen. Im Falle einer der Realität entnommenen Fallstudie zu Kindersklaven beim Kakaoanbau wurde das besonders deutlich. Hier argumentierten Studierende mit den üblichen Standards wie Arbeitsplatzsicherung in den Industrieländern, Renditepflicht zugunsten der Shareholder usw., um schlimmste Menschenrechtsverletzungen in der Zulieferkette des größten Anbieters am Kakaomarkt zu rechtfertigen, da ihnen die Kompetenz fehlte, anderen Wertealternativen zu finden, zu bewerten und zu verbalisieren.

Hieran wurde deutlich, dass Unternehmensethik nicht ohne den Blick für Werte und Wertesysteme sowie deren Fundamente gelehrt werden darf. Die Lehre muss mutig genug gestaltet sein, um normative Fragen zu bewegen und diese im Kontext wesentlicher Wertesysteme – mit klaren Antworten und Unterstützung bei einer Werterangbildung – zu beleuchten: Angefangen von den Landesverfassungen und dem deutschen Grundgesetz über die EU-Grundrechtscharta und die Menschenrechte auf UN-Ebene bis hin zu den Kernbotschaften der größten Religionen als Wertelieferanten. Den Studierenden fehlte in erster Linie ein argumentativer Katalog von Werten sowie die philosophische Freiheit, gezielt jenseits des Nutzenprinzips und Gewinn/Verlust-Kategorien argumentieren zu dürfen und zu sollen.

Um dem zu begegnen wurde das „Würzburger Modell Werteorientierter Argumentation“ entwickelt, das es den Studierenden erlaubt, ethische Fragestellungen selbständig zu definieren und mit relevanten Wertekategorien diskursiv ergebnisorientiert zu beleuchten. Die Methode zum kompetenten Argumentationsaufbau erlaubt es, selbst Orientierung zu gewinnen und Dritten klare Orientierung auf Basis eines individuellen und transparenten Werterankings zu geben, das in einem diskursethischen Sinne zur Diskussion gestellt wird. Die Anwendung der Methode führte zu einer hohen Güte und Vielfalt der in Prüfungssituationen vorgelegten Argumentationen der Studierenden.

 

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