Die Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen – kurz CSR – ist nicht neu, befindet sich jedoch seit geraumer Zeit im Wandel. Der Ukraine-Krieg hat eine Frage in den Fokus gerückt, die auch außerhalb dieses Konfliktes relevant ist: Wie verhalten sich Unternehmen in Kriegszeiten? Und aus wirtschaftsethischer Sicht vor allem die Frage: Wie sollen oder sollten sich Unternehmen in politischen Fragen verhalten? Kurz: Wie beschreiben wir die Corporate Political Responsibility? Zu diesem Thema haben wir 5 Fragen an … Prof. Dr. Dominik H. Enste.

 

(1) Wo beginnt für Sie “politisches Engagement von Unternehmen” und an welche Beispiele denken Sie?

Prof. Dr. Dominik H. Enste: Deutsche Unternehmen haben immer auch eine Mit-Verantwortung für den Standort Deutschland. Sie gestalten die Rahmenbedingungen mit – u.a. über ihre Verbände. Eine Positionierung gegenüber einzelnen Parteien erwarte ich dabei nicht; aber eine klares Bekenntnis zur Verbindung von Marktwirtschaft und freiheitlich-demokratischer Grundordnung (=> Soziale Marktwirtschaft). Statt sich gegen Parteinen zu positionieren, kann sich die Verantwortungsübernahme durch Unterstützung von konkreten politischen Maßnahmen zeigen. Für geregelte Zuwanderung aufgrund des Fachkräfteengpass oder für Nachhaltigkeit durch Innovation etc. Das vermeidet die Vereinnahmung durch Parteien. Darüber hinaus müssen sie den Dialog mit den Stakeholdern v.a. Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen pflegen.

 

(2) Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Legitimität des politischen Engagements von Unternehmen bestellt? Was ist angemessen und was nicht?

Prof. Dr. Dominik H. Enste: Sich zu politischen Maßnahmen – ggf. über Verbände zu äußern ist legitim und notwendig. Dies geschieht ja auch transparent und kann so Informationen bereitstellen für die Politik. Parteispenden sind legal und wenn diese an demokratische Parteien fließen, spricht nichts dagegen – und wenn dies auf legalen Wegen transparent geschieht.

 

(3) Welche Grenzen hat politisches Engagement von Unternehmen und wann kann es auch gefährlich und schädlich sein?

Prof. Dr. Dominik H. Enste: An den Pranger stellen ist eine mittelalterliche Methode, die ich auch bei guten moralischen Gründen für problematisch halte. Grundsätzlich gilt für mich, dass der systematische Ort der Moral die Rahmenordnung ist (Karl Homann). Aber man gibt den Menschen (und Unternehmen kein gutes Gewissen, wenn man Ihnen sagt, dass sie gar keines zu haben brauchen (Helmuth Plessner). In diesem Zwischenraum sollten Manager und Unternehmen Stellung beziehen. Allerdings warne ich vor vorschnellen moralischen Verurteilungen. Es ist gerade in der Wirtschaftsethik nicht alles schwarz oder weiß. Und auf eine Formel, was gut oder schlecht ist, haben sich die Moralphisophen in über 2.000 Jahren nicht einigen können. Deshalb ist das (Reputations-)Risiko immer mit zu denken.

 

(4) Welche internen Strukturen (Corporate Governance) und welche Expertise benötigen Unternehmen, um gute politische Entscheidungen zu treffen?

Prof. Dr. Dominik H. Enste: Neben eines Wertemanagement (Wieland) sind vor allem Vorbilder gefragt. Führungskräfte und Manager brauchen dafür eine solide ethische Grundausbildung. WIr bilden in unserem Master Behavioral Ethics, Economics and Psychology an der IW Akademie zusammen mit der TH Köln solche Führungskräfte neuen Typs seit über 10 Jahren aus und bieten auch Seminare für Unternehmen an, um die Führungskräfte entsprechend zu schulen. Denn neben Strukturen, braucht es Menschen, die entsprechend geschult und begeistert von Ethik sind.

 

(5) Worin sehen Sie Chancen und für welche Themen wünschen Sie sich mehr politisches Engagement von Unternehmen?

Prof. Dr. Dominik H. Enste: Unternehmen können ein Ort für Diskurse sein und so die Filterbubbles bei bestimmten Themen überwinden helfen. Eine Vertrauenskultur schafft dafür die Voraussetzungen und kann einen geschützten Raum für offene Debatten sein und so Spaltungstendenzen vorbeugen.

 

Corporate Political Responsibility – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe des DNWE. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

Über Prof. Dr. Dominik H. Enste

Prof. Dr. Dominik H. Enste hat nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln, Dublin und Fairfax (Virginia) studiert (Diplom) und zu wirtschaftsethischen Themen promoviert (Dr. rer. pol). Nach einigen Jahren in der Finanz- und Versicherungsbranche wechselte er 2003 zum Institut der deutschen Wirtschaft Köln und ist seit 2011 dort Leiter des Kompetenzfeldes Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik. Seit 2012 ist er außerdem Geschäftsführer der IW Akademie GmbH und zugleich seit 2013 Professor für Wirtschaftsethik und Institutionenökonomik an der Technischen Hochschule Köln und Dozent an der Universität zu Köln.

 

 

 

 

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Ein Kommentar
  1. Thomas Jagella / 2. April 2024 um 11:43 /Antworten

    Zur Aussage: „Parteispenden sind legal und wenn diese an demokratische Parteien fließen, spricht nichts dagegen – und wenn dies auf legalen Wegen transparent geschieht.“

    Ich denke, diese stark durch die Arbeitgebersicht geprägte Aussage ist aus mehreren Gründen zu einfach und zu positiv gedacht:
    Generelles Problem ist, dass die o.a. Transparenz, wer wann warum zu wem Zugang hatte, und -noch wichtiger- was Ergebnis dieses Austauschs war, zum einen schlicht immer noch nicht vorhanden ist; natürlich auch als Ergebnis von Lobbyarbeit. Zum anderen ist die Diskussion über und die Definition von Legalität ja auch Ergebnis eines von Lobbyist:innen beeinflussten Prozesses. Anders ausgedrückt: Lobbyist:innen sichern durch Lobbyarbeit ihre Zukunft.
    Die Legalität ist aber auch nicht das eigentliche Thema, sondern die Legitimität von Parteispenden, also nicht die juristische, sondern deren moralische Bewertung: Fakt ist, dass die Zugänge von Lobbyisten zu Entscheider:innen in der Politik dramatisch ungerecht und damit undemokratisch verteilt sind. Große Wirtschaftsunternehmen und/oder deren Verbände, die beide über die entsprechenden Personal- und Geldressourcen verfügen, haben es da viel leichter als kleinere oder NGOs, und spielen diesen Vorteil hemmungslos aus. Resultat ist, dass diese etablierten und oft beharrenden Wirtschaftskräfte z.B. in Mobilität, Energie und landwirtschaft stärker gehört werden, als innovative Marktteilnehmer:innen mit anderen Werten.
    Das ist nicht nur, aber besonders gut auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit zu erkennen, wo es den Platzhirschen immer noch zu einfach gelingt, auch und gerade mit Politikunterstützung ihre eben oft weniger nachhaltigen Wirtschaftsmodelle zu verteidigen.
    So war z.B. beim Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz bzw. dessen EU-Analogon, der CSDDD, immer wieder zu lesen, dass „die Wirtschaft“ diese ablehnen würde. Fakt ist aber, dass es renommierte Unternehmen gibt und gab, die deren Umsetzung bzw. Einführung explizit und aktiv fordern.
    Wir müssen gar nicht bis zu den Tabak-Lobbyist:innen zurückdenken: Die Diskussionen über e-Fuels, über ein Tempolimit usw. sind weitere, ganz aktuelle Beispiele für legale Einflüsse von Wirtschaftsvertreter:innen und politische Entscheidungen, die bestehende Geschäftsmodelle sichern sollen, obwohl diese von Wissenschaftler:innen abgelehnt werden und schlimmsten Falls Teilen der Bevölkerung schaden.

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