Und besitzen die natürliche Fähigkeit zu verstehen.

Auch VW Ingenieure sind Menschen. Oder müsste es angesichts der seit 2015 andauernden Dieselgate-Affäre nicht besser heißen: auch VW Ingenieure sind nur Menschen. Menschen, die, wie die Süddeutsche in Ausgabe 17/2017 im Kontext der Ausführungen zum Dirty Diesel schön beschreibt, in Zwängen gefangen sein können.

Fehlende Alternativen zum Arbeitsplatz bei VW in Wolfsburg, das kreditfinanzierte Einfamilienhaus, die Tochter, die sich gerade in der nahe gelegenen Schule bestens entwickelt und die Frau, die stolz im firmeneigenen Tiguan in die Yoga Stunde fährt, nachdem sie vorher bei Alnatura ausschließlich Bioprodukte für den nachhaltigen Haushalt eingekauft hat. Wer kann da nicht nachvollziehen, dass Widerspruch und kritische Rückfragen weitestgehend ausblieben und die Software wunschgemäß entwickelt wurde.

Also: auch VW Ingenieure sind nur Menschen? Nein, ich bleibe dabei, auch VW Ingenieure sind Menschen. Und Menschen haben, den hermeneutischen Überlegungen des deutschen Philosophen Gadamer folgend, die natürliche Fähigkeit zu verstehen.

Es ist unwahrscheinlich, dass Menschen natürliche Fähigkeiten mit Eintritt ins Unternehmen verlieren. Wahrscheinlicher – und im Fall von VW zutreffend – ist es allerdings, dass Fähigkeiten von Unternehmen nicht gefördert beziehungsweise bewusst unterdrückt werden. In einem Unternehmen, das sich durch eine authentische Gesprächskultur auszeichnet und in dem relevante Themen mit Offenheit und Richtungssinn diskutiert werden können, wäre es vermutlich nicht zu einem Betrug diesen Ausmaßes gekommen.

Ist es zweifelsfrei erfreulich, wenn Unternehmen darum bemüht sind, die Ende 2015 verabschiedeten nachhaltigen Entwicklungsziele im Rahmen ihrer unternehmerischen Aktivitäten angemessen zu berücksichtigen, so scheint es in meinen Augen eine Mindestanforderung an eine verantwortliche Unternehmensführung zu sein, dass wenigstens das Kerngeschäft im wahrsten Sinne des Wortes „sauber“ betrieben wird. Im Fall von VW heißt dies konkret: „Wir produzieren saubere Fahrzeuge.“

Dass das Kerngeschäft sauber bleibt, können hermeneutisch geschulte Führungskräfte in entscheidender Form beeinflussen. Denn Führungskräfte, die verantwortbare Unternehmensziele und Leitbilder mit Hilfe hermeneutischer Kompetenzen authentisch vermitteln und die auf alles hören, was im Rahmen von Mitarbeitergesprächen diesbezüglich geäußert wird, leisten einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung einer Unternehmenskultur, in der Ingenieure nicht nur verstehen, dass manipulierte Abgaswerte dem Leitbild widersprechen, sondern ohne Ängste die Umsetzung begründet ablehnen können.

Die Entwicklung hermeneutischer Kompetenzen erhöht somit nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter einen Sinn in der Unternehmenstätigkeit erkennen, sie verringert auch die Wahrscheinlichkeit von individuellem und unternehmerischem Fehlverhalten.

 

Dr. Jochen J. Weimer, dnwe Mitglied und Autor des Buches „Ökonomische Hermeneutik. Unternehmen verantwortlich führen.“

 

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