Eine Rezension zu: Günter Wilhelms – Helge Wulsdorf, „Verantwortung und Gemeinwohl. Wirtschaftsethik – eine neue Perspektive“, Regensburg (Friedrich Pustet) 2017

Es gibt zahlreiche Einführungen in die Wirtschaftsethik, mit denen sich Interessierte in die verschiedenen Aspekte dieser Form angewandter Ethik beziehungsweise der ethischen Reflexion des Wirtschaftsgeschehens einarbeiten können. Günter Wilhelms und Helge Wulsdorf stellen mit „Verantwortung und Gemeinwohl“ eine Überblicksdarstellung vor, die darauf zielt, wirtschaftsethische Analysen für die Veränderungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft handhabbar zu machen. Sie wollen Orientierung bei der Gestaltung von Transformationsprozessen geben, indem sie zentrale Bewertungskategorien in der Wirtschaft zur Geltung bringen.

Dabei stellen sie als Kernbegriffe Kommunikation, Partizipation, Kooperation und Transparenz in den Mittelpunkt. Sie widmen ihnen als „Ethosindikatoren wirtschaftlichen Handelns“ ein eigenes Kapitel. Zur Strukturierung der Materie, die sie schlank, klar und jargonfrei darstellen, unterscheiden sie zudem, welche Probleme auf der Mikro-Ebene („das individuelle Wirtschaftssubjekt“), der Meso-Ebene („der korporative Wirtschaftsakteur“) und der Makro-Ebene („das gesamtwirtschaftliche System“) behandelt werden müssen. Ähnlich wie in der Grundlagendarstellung von Bernd Noll (Noll 2013) wird dadurch eine Weitung des Blicks von individueller Verantwortung bis hin zur Gestaltung betrieblicher Strukturen oder transnationaler Vereinbarungen ermöglicht.

Vermieden wird die Wiederholung alter Debatten, zum Beispiel ob nun intrinsische Motivation oder Regelmodellierung in den Vordergrund gestellt werden sollten. Es hilft dabei, dass der Band die Organisationsethik und Organisationsentwicklung systematisch in die wirtschaftsethischen Überlegungen einbindet. Die Autoren sind vor allem daran interessiert, wie realistische Gestaltungsoptionen eröffnet werden können – akademischer Streit wird in dem Band nicht perpetuiert.

Das philosophische Grundlagenkapitel 3 („Ethik als Reflexion moralischer Praxis“) legt in knappen Definitionen die Ausgangspositionen dar, zielt aber nicht auf die Problematisierung von begrifflichen Feinheiten ab, sondern will Voraussetzungen für das Schaffen von Rahmenbedingungen vernünftigen Handelns beschreiben: „Die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit von Akteuren besteht ethisch gesprochen insbesondere darin, dass diese zunächst sprach- und urteilsfähig werden, dass sie mit anderen Worten die ethischen Implikationen ihrer Handlungssituation sowohl erkennen und beschreiben als auch analysieren und bewerten können“ (S. 16 f.).

Wilhelms und Wulsdorf bringen für eine solche problemlösungsorientierte Darstellung gute Voraussetzungen mit: Beide sind mit zahlreichen Veröffentlichungen zu praktisch und theoretisch relevanten wirtschaftsethischen Themen hervorgetreten, beide haben Erfahrungen mit der Transformation von Institutionen und Unternehmen gesammelt. Prof. Wilhelms, Lehrstuhlinhaber in Paderborn, ist einer der profiliertesten Vertreter der christlichen Sozialethik und hat zu verschiedenen wirtschaftsrelevanten Themen publiziert, Dr. Wulsdorf ist Leiter der Stabsstelle Nachhaltige Geldanlagen bei der Bank für Kirche und Caritas in Paderborn, ist Vorstandsmitglied des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) und leitet außerdem die Prüfungskommission des Zertifikatsfernlehrgangs „Fachberater für nachhaltiges Investment“.

Wirtschaftsethische Kompetenzen sind bei beiden in ein theologisches Gesamtverständnis eingebettet. Die christliche Perspektive kommt aber im Buch nur insoweit zum Tragen, als ein bestimmter Begriff des Gemeinwohls vorausgesetzt zu sein scheint, der sich wohl vor dem Hintergrund eines christlichen Humanismus bestimmen ließe. Eine Inanspruchnahme von darüber hinaus gehenden metaphysischen Voraussetzungen ist nicht festzustellen – was der Publikation wohl eine noch größere Anschlussfähigkeit in Lehre und Praxis ermöglicht.

Die in der wirtschaftsethischen Debatte zunehmende Bedeutung der Kultur beziehungsweise kulturellen Einbettung ist an mehreren Stellen berücksichtigt. „Kultur“ beziehungsweise „Kultivierung“ wären auch Schlüsselbegriffe, die die Problemfelder Kommunikation, Partizipation, Kooperation, Transparenz verbinden könnten. Sowohl bei der Unternehmenskultur als auch im Blick auf die kulturellen Voraussetzungen, mit denen Akteure in den Wirtschaftsprozess mit seinen ethischen Dimensionen eintreten, ermöglicht eine kulturelle Sensibilität, die interpersonellen Faktoren einer „soft power“ zu erkennen, die Transformationen erst ermöglichen. Insbesondere in einer globalen Ökonomie werden diese Faktoren gewiss noch an Bedeutung zunehmen; eine Wirtschaftsethik, die nicht auch Weltwirtschaftsethik ist, verliert daher zusehends an Sprachfähigkeit. Die Debatte um Steueroasen und Steuerflucht beziehungsweise die Besteuerung von transnationalen Konzernen zeigt das beispielhaft.[1]

Neben der kulturellen Dimension darf auch die politische Dimension der Wirtschaftsethik nicht vergessen werden. Das zu selten geübte Stellen der Machtfrage gehört ebenso dazu wie die Betonung der Beteiligung von Betroffenen. „Person-, Organisations- und Gemeinwohl sowie darüber hinaus das Wohl der Umwelt kommen nur dann zur Entfaltung, wenn die von wirtschaftlichem Handeln Betroffenen auf allen Ebenen beteiligt werden und ihre Interessen selber oder zumindest stellvertretend, also advokatorisch in Ordnungen und Institutionen sowie Strukturen, Funktionen, Prozessen, Handlungen und Überzeugungen einbringen können“ (S. 79).

Auch hier vermeidet der Band eine ökonomistische Einseitigkeit. Wirtschaftliche Fragen werden in ihrer ethischen und politischen Relevanz ernst genommen. Darum ist es ganz stimmig, dass an mehreren Stellen die „demokratische Wirtschaft“ beziehungsweise das „demokratische Unternehmen“ gefordert werden. Wirtschaftsethik wird so im Austausch mit politischer Logik weiterentwickelt. Das Beispiel TTIP, das im Abschnitt zur Makroebene angeführt wird, illustriert dies eindrucksvoll. Wenn es gelingt, den Bereich politischer Gestaltung einzubeziehen, dann lasen sich auch unfruchtbare Gegenüberstellungen von Markt und Moral vermeiden. Es wird weder realitätsfern gepredigt, noch gefordert, die Ethik einer Marktrationalität unterzuordnen: „Sie ist damit nicht etwa das Schmiermittel, um wirtschaftliche Prozesse in Gang zu halten oder womöglich noch effizienter zu machen“ (S. 94). Zur Makro-, Meso- und Mikro-Ebene werden jeweils Fallbeispiele angeführt, die Anschaulichkeit ermöglichen und Konkretisierungsebenen beschreiben. In ihnen bewährt sich auch die Berücksichtigung der Ethosindikatoren Kommunikation, Partizipation, Kooperation, Transparenz. Knapp und übersichtlich kann „Verantwortung und Gemeinwohl“ manches schon wegen des Umfangs nur skizzieren – aber die Skizze bietet eine sehr gute Grundlage für den Einstieg in die Wirtschaftsethik und ein produktives Weiterdenken in Forschung, Lehre und Praxis.

Literaturangabe:

Noll, Bernd (2002/2013): Wirtschafts- und Unternehmensethik in der Marktwirtschaft, Stuttgart (2. aktual. Aufl. 2013).

[1] In seinem Einführungsband „Wirtschaftsethik. Vom freien Markt bis zur Share Economy“, München (C.H. Beck) 2015, widmet Nils Ole Oermann daher dem Fallbeispiel „Globales Kapital und Steueroasen“ mit Recht einen eigenen Abschnitt.

 

Der Rezensent

Dr. Bernd Villhauer

Dr. Bernd Villhauer ist seit 2015 Geschäftsführer des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann studierte er Philosophie, Alte Geschichte und Kunstgeschichte in Freiburg i.Brsg., Jena und Hull (England). Im Abschluss an die Promotion zu einem kulturphilosophischen Thema war er für verschiedene Unternehmen tätig, zuletzt als Lektoratsleiter der Verlagsgruppe Narr Francke Attempto, davor u.a. für den Verlag Mohr Siebeck und die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG). Parallel dazu lehrte Villhauer als Dozent an den Universitäten Karlsruhe, Jena, Darmstadt und Tübingen.

Seine derzeitigen Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Finanzmarkt, Investment und Börse. Er schreibt dazu an einem Einführungsbuch „Finanzmarkt und Ethik“, das 2019 erscheinen soll. Außerdem koordiniert er am Weltethos-Institut die Arbeitsgruppe „Finanzen und Wirtschaft“, ist Leiter des Good Governance Lab der European School of Governance (EUSG) und äußert sich regelmäßig in seinem Blog „Finanz & Eleganz“.

 

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