Wie wird die Gleichstellung in verschiedenen Mitgliedstaaten der EU hergestellt – und welchen Erfolg haben diese Maßnahmen? Das vom Fraunhofer ISI koordinierte EU-Projekt EFFORTI hat ein Evaluationssystem entwickelt, um den Effekt von Gleichstellungsmaßnahmen im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) zu messen. Jetzt wurden die Berichte zur Geschlechterungleichheit in FuE in sieben europäischen Ländern veröffentlicht.

Der produktive Umgang mit Vielfalt ist ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und Hochschulen. Besonders wichtig ist das für den Bereich Forschung und Entwicklung: Das Potenzial von Frauen, älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder Beschäftigten unterschiedlichster Herkunft zu nutzen, führt zu mehr kreativen Ideen, erweiterten Blickwinkeln und neuen Herangehensweisen.

Vor diesem Hintergrund hat ein Forschungsteam im EU-Projekt EFFORTI Indikatoren entwickelt, die den Effekt von Gleichstellungsmaßnahmen auf die Qualität und die Leistungsfähigkeit von Forschung und Innovation untersuchen. Zusätzlich zu klassischen Indikatoren wie der Anzahl von Patenten und Publikationen werden neue Konzepte eingebunden. Beispielsweise hat das Fraunhofer ISI Indikatoren aus dem Bereich »Responsible Research and Innovation« eingebracht, in dem es bereits mehrere Forschungsprojekte realisiert hat. Dr. Susanne Bührer, Projektleiterin am Fraunhofer ISI, nennt Beispiele: „Wir wollen untersuchen, ob Frauen in stärkerem Umfang als ihre männlichen Kollegen in den Bereichen Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftserziehung und der Einbindung gesellschaftlicher Akteure in den Forschungsprozess engagiert sind.“ Eine auf der Projektwebseite verfügbare Toolbox enthält alle Indikatoren sowie eine Vielzahl weiterer Informationen zum Evaluationsansatz.

Das Forschungsteam hat zudem einen vergleichenden Bericht veröffentlicht. Dieser zeigt unter anderem, dass Deutschland in den vergangenen Jahren beim Thema Gleichstellung in Forschung und Entwicklung enorm aufgeholt hat. Allerdings sind Frauen in Entscheidungsgremien und Spitzenpositionen weiterhin unterrepräsentiert. Auch das Monitoring von Gleichstellungsmaßnahmen in Forschung und Entwicklung erhält in Deutschland erst seit Kurzem wachsende Aufmerksamkeit.

Der vergleichende Bericht basiert auf sieben Länderberichten, die die Rahmenbedingungen von Gleichstellung in Österreich, Deutschland, Dänemark, Spanien, Ungarn, Frankreich und Schweden analysieren. Ein Schwerpunkt der Untersuchung lag auf der geschlechterspezifischen Beteiligung und Segregation im Forschungs- und Innovationssystem, auf Gleichstellungsstrategien und deren Einfluss auf Forschung, Technologie, Entwicklung und Innovation in den einzelnen Ländern sowie auf entsprechenden Evaluationspraxen.

Dr. Susanne Bührer nennt wichtige Ergebnisse: „Frauen sind in ganz Europa weit häufiger als Männer prekären Arbeitssituationen im Hochschulbereich ausgesetzt, ganz besonders stark ausgeprägt ist diese Situation in Ungarn. Dabei hat die Zahl der Wissenschaftlerinnen in den letzten Jahren generell in ganz Europa zugenommen. Spanien bleibt der Spitzenreiter bei weiblichen Beschäftigten im Bereich Forschung und Entwicklung. Unabhängig vom Bereich Forschung und Innovation lässt sich schließlich zeigen, dass Frauen nach wie vor einen weit höheren Anteil an unbezahlter Arbeit erledigen als Männer. Die Unterschiede sind jedoch in den skandinavischen Ländern Schweden und Dänemark am wenigsten stark ausgeprägt.“

Als nächster Schritt ist eine Online-Toolbox geplant. Mit dieser können Nutzerinnen und Nutzer aus Ministerien, Unternehmen und Forschungseinrichtungen etc. die vielfältigen Effekte verschiedener Gleichstellungsmaßnahmen messen und die Förderinstrumente wenn nötig anpassen. Die Toolbox wird ab Mai 2019 kostenfrei zugänglich sein.

 

Über EFFORTI:

Das Projekt EFFORTI (Evaluation Framework for Promoting Gender Equality in R&I) wird von der Europäischen Kommission im Rahmen von Horizon2020 finanziert. Ziel des Projekts ist, für die positiven Effekte der Gleichstellung der Geschlechter in Forschung und Entwicklung sensibilisieren und so zu einem Forschungs- und Innovationssystem beitragen, das sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist.

An dem Projekt sind neben dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI auch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, die Universität von Katalonien (Spanien), die Universität von Aarhus (Dänemark), die Joanneum Research Forschungsgesellschaft (Österreich), die Association of Hungarian Women in Science, NaTE (Ungarn) und Intrasoft International (Luxemburg) beteiligt. Analysen werden in Dänemark, Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweden, Spanien und Ungarn durchgeführt. Das Projekt endet nach dreijähriger Laufzeit im Mai 2019.

 

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