Beiträge aus der Forum Wirtschaftsethik Jahresschrift 2016

Julika Baumann Montecinos, Joachim Fetzer

 

Solidarität „umsetzen“?

„Solidarität 3.0 – Fundament für gesellschaftliches und wirtschaftliches Handeln heute?“ Dies war die Leitfrage der Jahrestagung 2016 des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik und eines Expertengesprächs, zu dem sich einige Redner der Tagung und Autoren des Forums Wirtschaftsethik (2017) versammelten.1 Gegenstand dieser Konsultation war nicht nur der Solidaritätsbegriff selbst, sondern auch mögliche Anwendungs- und Ausprägungsformen, aus denen sich vier Konzepte herauskristallisierten: Sharing Economy, Shared Value, Commons und Gemeinwohl-Ökonomie.2 Diese Konzepte sollen im Folgenden aufgegriffen und diskutiert werden.

Nimmt man die Frage nach den Umsetzungsmöglichkeiten von Solidarität als Ausgangspunkt, so lässt sich feststellen, dass die Ansätze der Commons-Bewegung, der Gemeinwohl-Ökonomie, der Sharing Economy und auch des Shared Value Vorschläge präsentieren, welche Solidarität in der Praxis realisierbar machen könnten und dabei gängige ökonomische Theorien ergänzen, wenn nicht sogar grundsätzlich umkrempeln wollen. Ziel ist eine „bessere Welt“, doch ein genauer Blick lohnt sich, weil man einerseits die vier genannten Konzepte nicht über einen Kamm scheren kann und weil sich andererseits innerhalb der Ansätze jeweils unterschiedliche Formen und Facetten finden. Tauchen wir zunächst also ein in diese unterschiedlichen Welten!

Einfach mal machen? Stippvisite durch die wirtschaftliche und politische Praxis

Valencia in Südspanien – in dieser Region mit wenig Niederschlag und intensiver Landwirtschaft wird die kollektive Nutzung eines aus zahlreichen Haupt- und Unterkanälen bestehenden Bewässerungssystems seit dem Mittelalter durch eine selbstorganisierte und selbstverwaltete Gemeinschaft erfolgreich umgesetzt (vgl. Ostrom 1999, S. 91 ff. sowie Nutzinger 2010, S. 4). Die Bauern versammeln sich regelmäßig und wählen Funktionsträger, welche die Durchsetzung der gemeinschaftlich festgelegten Regeln überwachen und gegebenenfalls Sanktionen verhängen. Dass die Zahl unerlaubter Wasserentnahmen trotz starker Anreize außerordentlich niedrig ist, spricht für sich. Damit zeigt das Beispiel der spanischen Huertas für eine komplexe, mit Dilemmastrukturen behaftete Konstellation eine Lösung auf, die jenseits von Staat und Markt funktioniert. Im Anschluss daran plädieren auch zahlreiche Vorschläge der sogenannten Commons-Bewegung „für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“ (vgl. Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung 2012) und präsentieren Beispiele für Commoning aus der ganzen Welt.

Ziehen auch wir weiter nach New York, Kuala Lumpur, Rio de Janeiro, Timbuktu – oder wohin soll es denn gehen? Suchen Sie es sich aus – denn dank Couchsurfing.com haben Sie Freunde auf der ganzen Welt! Eine Registrierung auf der Internetplattform genügt, und schon steht einem eine Community an Couchsurfern offen, die für einen Besuch kostenfrei eine Schlafgelegenheit zur Verfügung stellt – das ist „Sharing“, und es geht um authentische Erfahrungen und um das Kennenlernen neuer Leute, als wären es alte Freunde.

Sie hätten auch über Airbnb.com buchen können. Dann hätten Sie eine Privatwohnung oder ein Zimmer in einer Privatwohnung gemietet und würden dafür bezahlen. Das Kennenlernen und das gemeinsame Hausen gäbe es womöglich obendrauf, immerhin ist die Unterkunft eigentlich die Wohnung eines anderen. Ist das denn auch „Sharing“, oder doch „Economy“, oder eben „Sharing Economy“? Jedenfalls agiert Airbnb auch rechtlich in einer Grauzone (vgl. Hulverscheidt 2016), zahlreiche Beschränkungen und Verbote sind die Folge, zum Beispiel in New York, Barcelona, Amsterdam und Berlin. In der deutschen Hauptstadt ist es seit Mai 2016 verboten, komplette Wohnungen tage- oder wochenweise zu vermieten, es droht ein Bußgeld von bis zu 100.000 Euro (vgl. Mayer 2016).

Ebenfalls in Berlin sind etwa 3.000 Ehrenamtliche in der Foodsharing-Initiative aktiv (vgl. Beitzer/Timmler 2016 sowie Haase/Pick 2017, S. 80 f.). Sie stellen Kühlschränke auf, in die noch verzehrbare Lebensmittel gelegt werden können, die sonst weggeworfen würden. Die Nachbarn können sich daraus bedienen, Geld fließt dabei keines. Es geht um die Verringerung der Lebensmittelverschwendung. Für ihren Ansatz wurde die Initiative mit dem Preis „Zu gut für die Tonne“ des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz ausgezeichnet. Doch auch hier greifen die Behörden ein: Die Berliner Veterinär- und Lebensmittelaufsicht sieht eine potenzielle Gesundheitsgefährdung und möchte die Kühlschränke als Lebensmittelbetriebe klassifizieren und mit entsprechend strengen Auflagen belegen.

Die Beispiele zur Sharing Economy zeigen, dass es Unterschiede zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Sharing-Modellen gibt, die nicht nur Fragen nach Motivation und Zielsetzung, sondern auch nach dem staatlichen Umgang damit aufwerfen. Bevor diese Fragen unten ausführlicher diskutiert werden, sollen zunächst Beispiele zu den Praxis-Konzepten des Shared Value und der Gemeinwohl-Ökonomie vorgestellt werden. Damit tauchen wir in die Welt der „klassischen“ Unternehmen ein, und können im deutschsprachigen Raum bleiben.

Der Weg führt uns dabei beispielsweise zu einem traditionsreichen deutschen Unternehmen – der Deutschen Post. Auf ihrer Website führt die Deutsche Post DHL Group aus: „Bei allen unseren Umweltschutzaktivitäten spielt der Wertschöpfungsansatz des Shared Value eine bedeutende Rolle. Shared Value bedeutet, dass wir unsere Marktposition stärken, indem wir soziale Belange und Umweltschutzthemen in unserem Kerngeschäft berücksichtigen. Unsere vielfältigen Maßnahmen […] sind also nicht nur gut für die Umwelt und die Gesellschaft, sondern schaffen auch einen Mehrwert für unsere Kunden und für uns: Wo Treibstoff oder Strom gespart werden, sinken auf Dauer die Betriebskosten. Daher rechnen sich viele Investitionen in umweltfreundliche Technologien“ (DPDHL 2017). Nicht nur im Umweltschutzbereich, sondern beispielsweise auch im Hinblick auf eine nachhaltig gestaltete Lieferkette kann auf eine solche Win-Win-Situation hingearbeitet werden: Wenn die wachsende Nachfrage nach nachhaltig produzierten Produkten bedient und gleichzeitig die sozialen und ökologischen Belange entlang der Lieferkette adressiert werden, dann werden sowohl unternehmerischer Wert als auch gesellschaftlicher Wert geschaffen – dies ist mit „Shared Value“ gemeint, und so haben es sich zahlreiche Unternehmen in aller Welt auf die Fahnen geschrieben.

Über 2000 Unternehmen unterstützen nach Auskunft der Initiatoren die sogenannte Gemeinwohl-Ökonomie, ca. 400 sind Mitglied in einem Gemeinwohl-Verein und über 120 von ihnen haben eine Gemeinwohl-Bilanz mit Peer-Evaluierung oder externem Audit erstellt (Gemeinwohl-Ökonomie 2017c). Der Ursprung dieses Ansatzes, der auf eine „vollständige alternative Wirtschaftsordnung“ abzielt, führt zu dem Österreicher Christian Felber (2016, S. 1), dem Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie, und wir erfahren, dass in der Welt, die er vorschlägt, „unternehmerischer Erfolg eine ganz andere Bedeutung haben wird als heute, [weswegen] auch andere Führungsqualitäten gefragt sein [werden]: Nicht mehr die rücksichtslosesten, egoistischsten und ‚zahlenrationalsten‘ Manager werden gesucht, sondern Menschen, die sozial verantwortlich und -kompetent handeln, mitfühlend und empathisch sind, Mitbestimmung als Chance und Gewinn sehen und nachhaltig langfristig denken. Sie werden die neuen Vorbilder sein“ (ebd., S. 4).

Gemeinsame Bewässerungssysteme in Spanien, Couchsurfing und das zeitweise Anmieten einer anderen Privatwohnung mittels Airbnb, Food-Sharing, ein neues Verständnis unternehmerischer Wertschöpfung im Sinne von Shared Value nicht nur bei der Deutschen Post, Gemeinwohl-Bilanzen und die Propagierung der Gemeinwohl-Ökonomie als einer grundsätzlich alternativen Wirtschaftsordnung, dies sind ergänzbare Beispiele für neuere oder neu in die Diskussion gekommene Vorschläge für eine „bessere Welt“.

Im Folgenden sei diese Stippvisite überführt in eine kurze Darstellung der inhaltlichen Grundlagen dieser Konzepte, die weitere Hinweise im Hinblick auf die Frage bietet, inwiefern diese Konzepte zu einer „besseren Welt“ beitragen möchten.

Begriffliche Klärungen und Diskurse

Commons – Sharing Economy – Shared Value und Gemeinwohl-Ökonomie: Wie einfach wäre es, wenn sich hinter diesen Begriffen klar definierte Realitäten verbergen würden. Tatsächlich verweisen diese Begriffe allerdings selbst wieder auf Konzepte, mit denen gesellschaftliche Zusammenhänge beschrieben und/oder normativ gefasst werden. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sich teilweise bereits höchst komplexe Diskurse und Differenzierungen innerhalb der vier Konzepte entwickelt haben. Diese können im Folgenden nur angedeutet werden.

Commons – historische Wirklichkeit und gesellschaftskritische „Bewegung“

Der Begriff der „Commons“ wird häufig mit Elinor Ostrom in Verbindung gebracht, die in ihrem Hauptwerk „Governing the Commons“, deutsch „Die Verfassung der Allmende“ (1999), anhand von zahlreichen Fallbeispielen Erfolgsbedingungen für eine gemeinsame Nutzung von begrenzten oder abnutzbaren Gemeingütern erarbeitet und damit eine praxisbasierte Antwort auf die von Garrett Hardin (1968) postulierte „Tragedy of the Commons“ bietet. Hardin hatte beschrieben, dass es bei dieser Gütergruppe zwangsläufig zu einer Schädigung komme, wenn Individuen bei der Nutzung jeweils in ihrem besten Interesse handelten: „Freedom in a commons brings ruin to all“, so das ernüchternde Fazit Hardins (ebd., S. 1244). Die Lösungsbeispiele Ostroms „jenseits von Staat und Markt“ (1999) widersprechen dieser Ansicht und eröffnen hierzu ein breites Forschungs- und Anwendungsfeld. Zu einer Einordnung der Ergebnisse Ostroms lässt sich dabei dreierlei anmerken (vgl. Wieland 2012, S. 246 f.): Erstens gilt es festzustellen, dass sich ihre Analysen auf „Common Pool Resources“ beziehen, also auf Güter, von deren Nutzung zwar niemand ausgeschlossen werden kann, die aber rival sind (zum Beispiel: Fische im Meer, Bewässerungssysteme), und nicht auf Commons oder Gemeingüter insgesamt. Zum Zweiten lässt sich die Frage stellen, inwiefern sich die auf lokale Situationen bezogenen Analysen Ostroms auf eine globale Ebene, also auf die Nutzung von „global commons“ oder „global public goods“ übertragen lassen. Zum Dritten lässt sich in der Beobachtung, dass Ostrom die Annahme opportunistischen Verhaltens der individuellen Nutzer in ihre Überlegungen mit einbezieht (vgl. Ostrom 1999, S. 46) eine inhaltliche Unterscheidung zu den Ansätzen der sogenannten „Commons-Bewegung“ (Helfrich/Heinrich-Böll-Stiftung 2009, 2012) ausmachen. Dennoch gibt es viele Anknüpfungspunkte an diese aktuellen Diskurse. So verorten auch die Vertreter der Commons-Bewegung ihre Vorschläge zur Nutzung von Gemeingütern ausdrücklich „jenseits von Staat und Markt“ (ebd.). Dies wird beispielsweise in der folgenden Definition von Yochai Benkler (2009, S. 96) deutlich: „Gemeingüter sind institutionelle Räume, in denen Menschen ungehindert von den für Märkte notwendigen Beschränkungen handeln können.“ So auch im Glossar eines Sammelbandes von Silke Helfrich und der Heinrich-Böll-Stiftung (2009, S. 24): „Commons sind von der (einer spezifischen) Gemeinschaft geteilte Werte oder Interessensgegenstände. Sie sind ein gemeinsames Erbe, das, was einer Gemeinschaft überliefert wurde oder was im Ergebnis kollektiver Produktion entstand. ‚Commons‘ bezieht sich auf alles, was zum Erhalt derer beiträgt, die eine Identität teilen: Biodiversität, Land, Wasser, Handlungswissen, (Transport-) Netzwerke, Sprache oder kulturelle Rituale. Ohne diese Gemeingüter gibt es keinen sozialen Zusammenhalt, keine Gemeinschaft. Die meisten Ökonomen verstehen Gemeingüter als etwas Materielles und als etwas objektiv und unabhängig von der sozialen Entität Vorhandenes. Doch Commons sind die materiellen Güter und das Wissen, die Menschen gemeinsam haben.“

Gemeinwohl-Ökonomie – Bilanzierungs-Tool und revolutionäre Bewegung

Erstmals öffentlich in Erscheinung getreten ist die Bewegung zur „Gemeinwohl-Ökonomie“, die sich um Christian Felber und im Kontext von Attac Österreich gebildet hatte, im Rahmen des Symposiums „Unternehmen neu denken“ im Oktober 2010 in Wien (vgl. Köhne/Heidbrink 2017, S. 287; Gemeinwohl-Ökonomie 2017a). Seitdem haben sich 7.079 Privatpersonen, 2.234 Unternehmen und Organisationen sowie 64 PolitikerInnen dieser Bewegung angeschlossen (ebd.), und zahlreiche Unternehmen haben eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

Grundlage dessen ist die sogenannte Gemeinwohl-Matrix, in der die fünf Werte Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit sowie Demokratische Mitbestimmung und Transparenz mit den sogenannten Berührungsgruppen A) LieferantInnen, B) GeldgeberInnen, C) MitarbeiterInnen und EigentümerInnen, D) KundInnen, Produkte, Dienstleistungen, Mitunternehmen sowie E) Gesellschaftliches Umfeld in Verbindung gebracht und in entsprechende Bilanz-Indikatoren überführt werden (Gemeinwohl-Ökonomie 2017b).

Dabei versteht sich die Gemeinwohl-Ökonomie „gemäß Selbstbezeichnung [als] neue Alternative zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und zentraler Planwirtschaft“ (Köhne/Heidbrink 2017, S. 288). Als „eine vollständige alternative Wirtschaftsordnung“ hat sie dabei unter anderem zum Ziel, den „rechtliche[n] Anreizrahmen für die Wirtschaft […] von Gewinnstreben und Konkurrenz auf Gemeinwohlstreben und Kooperation [umzupolen]“ und entsprechendes Agieren der Unternehmen zu belohnen, zum Beispiel durch Steuervorteile (Felber 2016). Indem die den Gemeinwohlkriterien genügenden Produkte und Dienstleistungen dadurch preiswerter würden, würde zudem ethischer Konsum gefördert (vgl. Große 2016, S. 28).

Sharing Economy – Digitalisierung und neuer Lebensstil

Eine einheitliche Definition von „Sharing Economy“ (manche sprechen auch von „Share Economy“) ist denkbar schwierig, da es sich gewissermaßen um einen Sammelbegriff für kommerzielle und nicht-kommerzielle Angebote, für die dazugehörigen Plattformen und Strukturen und damit letztlich für die Beschreibung eines ganzen Lebensstils handeln kann: „Die derzeitige Faszination für die Share Economy hat tieferliegende, gesellschaftliche Gründe. Hinter der Idee des geteilten Konsums steht für viele auch der Wunsch nach einem besseren, nachhaltigeren Leben. Man will weniger besitzen, weniger wegwerfen und qualitativ bessere Produkte konsumieren. Das Bedürfnis, alternativ zu wirtschaften, ist seit Anbeginn moderner, kapitalistischer Gesellschaften immer wieder ein Thema“ (Dörr/Goldschmidt 2016).

Ökonomisch gesprochen zielen Angebote der Sharing Economy auf eine Vergabe von Rechten zur eigentumslosen Ressourcennutzung (vgl. Haase/Pick 2017, S. 81). Geteilter Konsum, der über entsprechende Plattformen koordiniert wird, ermöglicht Zeit- und Kostenersparnisse, letztere auch in Form verringerter Transaktions- und Grenzkosten (vgl. Dörr/Goldschmidt 2016). Der Begriff der „Make-Or-Buy-Entscheidung“ (Williamson 1985) zeigt, dass der Kauf nur eine Möglichkeit ist – man kann Ressourcen eben auch selbst generieren (vgl. Haase/Pick 2017, S. 82) – oder sharen. Es geht um „Access statt Ownership“, ganz im Sinne Aristoteles‘ (vgl. Teubner 2014, S. 322): „Der Reichtum einer Sache liegt eher im Gebrauch als im Eigentum“ (Aristoteles, 384-322 v. Chr), dem aus den Marketingabteilungen mancher Leasingunternehmen gar zugeschrieben wird, der „Vater des modernen Leasinggedankens“ zu sein (z. B. Pentenrieder 2015). „Teilen statt Haben“ – bei Airbnb und Uber ist das schlicht ein Geschäftsmodell (vgl. Dörr/Goldschmidt 2016), das dabei eben auch unter den Sammelbegriff der Sharing Economy fällt.

Michaela Haase und Doreén Pick nehmen anhand verschiedener Aspekte eine Unterscheidung zwischen kommerzieller und nicht-kommerzieller Sharing Economy vor (2017, S. 86 ff.): Im Hinblick auf die Motivation der beteiligten Akteure führen sie aus, dass bei kommerzieller Sharing Economy die Eigeninteressen im Vordergrund stünden, während bei der nicht-kommerziellen Sharing Economy in erster Linie im Interesse der Gesellschaft oder der Natur gehandelt werde, wobei es zu den Begünstigten meist einen konkreten Bezug, oft in Form von räumlicher Nähe, gäbe. Im Hinblick auf die Akteure kommen bei beiden Formen, so Haase und Pick, sowohl Individuen als auch Organisationen in Frage, wobei bei kommerzieller Sharing Economy die großen, oft medienwirksamen Player dominierten, die zur Koordination der Aktivitäten entsprechende Plattformen einrichteten. Bei nicht-kommerzieller Sharing Economy gäbe es hingegen tendenziell eher viele kleinere Player, die weniger mediale Beachtung finden. Im Zusammenhang mit nicht-kommerzieller Sharing Economy lasse sich, auch wenn das Eigeninteresse der Akteure nicht im Vordergrund steht, doch eine ökonomische Wertschöpfung beobachten, die auch ohne den Marktmechanismus funktioniert und wirtschaftlichen Nutzen ermöglicht (vgl. ebd., S. 91). In jedem Fall habe „[d]ie nicht-kommerzielle [Sharing Economy] […] dazu beigetragen, die Vielfalt von Unternehmen zu erhöhen“ (ebd., S. 89).

Shared Value – Management-Konzept als Alternative zu oder Weiterführung von CSR

Der Begriff Shared Value (vgl. für die folgenden Ausführungen Wieland et al, 2017, S. 77-84) wurde von Michael Porter und Mark Kramer (2006, 2011) in die akademische Diskussion eingeführt und als ein Konzept gefasst, nach dem ökonomische Wertschöpfung mit einer gleichzeitigen Schaffung gesellschaftlichen Mehrwerts einhergeht. Porter und Kramer beschreiben die Schaffung von Shared Value als Ergebnis von Produkt- und Marktinnovationen, Produktivitätssteigerungen sowie der Entwicklung lokaler Branchencluster und damit im Kontext eines auf Marktwachstum ausgerichteten Konzepts (Porter/Kramer 2011, S. 64, 67), in dem Unternehmen vor der Chance stehen, gesellschaftliche Bedürfnisse auf effektive und effiziente Weise in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu übersetzen (vgl. Wieland et al 2017, S. 82). Während Porter und Kramer damit eine auf Fragen der strategischen Unternehmensführung konzentrierte Perspektive auf die Schaffung von Shared Value einnehmen (vgl. dazu Möhrer 2017), versteht die Europäische Kommission (2011, S. 7 f.) und im Anschluss daran der Ansatz Josef Wielands (2014, 2017, Wieland/Heck 2013, Wieland et al. 2017) Shared Value als Ergebnis der Kooperationsleistung eines Unternehmens mit seinen Stakeholdern und betont dabei die polylingualen und polykontextualen Prozesse zur gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung. Nach einem solchen Verständnis stellen Stakeholder-spezifische sowie kerngeschäftsbezogene CSR-Aktivitäten Wirkmechanismen zur strategischen Shared Value Creation (SVC) dar (vgl. Wieland et al 2017, S. 82), während Porter und Kramer ihr Creating Shared Value (CSV) als Alternative zu CSR betrachten (vgl. Porter/Kramer 2011, S. 76). Damit bieten die vorgestellten Ansätze zu Shared Value zwar unterschiedliche Einschätzungen im Hinblick auf die aktuelle CSR-Debatte. Dennoch zeigt sich, dass es letztlich immer um Fragen zur Natur und Rolle von Unternehmen und damit um Fragen des Verhältnisses zwischen Unternehmen und Gesellschaft geht. Dass Unternehmen und Gesellschaft gemeinsam Wert schaffen – ökonomischen und gesellschaftlichen Wert – darum geht es grundsätzlich bei Shared Value, und darin sind sich die unterschiedlichen Ansätze, bei aller Verschiedenheit, einig.

Ausblick

Vier Konzepte mit zahlreichen Binnendifferenzierungen – die Welt ist komplex. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Frage stellen, ob es auch etwas Gemeinsames gibt, weswegen es sich lohnt, die vier heterogenen und gleichzeitig auch noch in sich vieldeutigen Begriffe und Konzepte gemeinsam zu betrachten. Zu vermuten ist zunächst, dass die genannten Ansätze alle auf die eine oder andere Weise Vorschläge jenseits verbreiteter Denkgewohnheiten der ökonomischen Theorie unterbreiten und damit gewissermaßen als Alternativen gelten können. Zum anderen teilen all diese Konzepte, dass sie – bereits aufgrund ihrer Bezeichnungen – auf etwas Gemeinschaftliches und damit womöglich auf eine Form von Solidarität abstellen, was sie zu Konzepten für eine bessere Welt machen könnte. In diesem Sinne wurden sie auch bei der Jahrestagung sowie im Expertengespräch behandelt. Diese Vermutung in einen theoretischen Analyserahmen zu fassen und die normativen Zukunftserwartungen kritisch zu diskutieren, ist Aufgabe eines eigenen Beitrages (Fetzer 2017, S. 88-100).

 

Fußnoten

1 Die Autoren danken den Teilnehmern dieser Konsultation: Jörg Althammer, Otto Geiß, Alexander Gemeinhardt, Timo Meynhardt, Birger P. Priddat, Michael Schramm, Frank Simon, Josef Wieland.

2 Der Gemeinwohl-Atlas verfolgt einen anderen Ansatz als die Gemeinwohl-Ökonomie. Vgl. hierzu Meynhardt (2017), S. 68-77 und Sahr/Schweizer (2017), S. 101-109.

 

Literatur

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Williamson, O. E. (1985): The Economic Institutions of Capitalism. Firms, Markets, Relational Contracting, New York.

 

Die Autoren

Julika Baumann Montecinos

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Institutional Economics von Prof. Dr. Josef Wieland sowie Referentin der Institutsleitung des Leadership Excellence Institute Zeppelin der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Zuvor studierte sie Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau und war mehrere Jahre in der Automobilbranche tätig. Sie ist externe Doktorandin am Lehrstuhl für Katholische Theologie und Wirtschaftsethik von Prof. Dr. Michael Schramm an der Universität Hohenheim. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind informelle Institutionen, transkulturelles Management sowie Unternehmensverantwortung im transkulturellen Kontext.

montecinos@dnwe.de


Prof. Dr. Joachim Fetzer

schreibt zu wirtschaftsethischen Themen der Digitalisierung, Unternehmensverantwortung und Compliance, lehrt als Honorarprofessor für Wirtschafts­ethik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, FH Würzburg-Schweinfurt, und ist als Moderator und Redner tätig. Seit 2005 gehört er in verschiedenen Funktionen dem Vorstand des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik an und ist Mitglied im Lenkungskreis des Sustainable Development Solutions Network (www.sdsngermany.de).

Die Monographie „Die Verantwortung der Unternehmung“ des promovierten Theologen und Volkswirts wurde 2004 mit dem Max-Weber-Preis für Wirtschafts­ethik des IW Köln ausgezeichnet.

fetzer@dnwe.de

 

 

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