Man erlebt es wohl nur einmal: ein 500stes Reformationsjubiläum. Eigentlich wollte ich am zusätzlichen Feiertag nur in Ruhe ein Lutherbier trinken. Schließlich hat Josef Wieland über Wirtschaftsethik und Reformation schon das Wesentliche aufgeschrieben [LINK] und auch sonst wird genug darüber gesprochen. Sollen doch all die Reformationsredner ihr Compliance-Risiko selber tragen: „Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen,“ heißt es in Matthäus 12,36.

Aber wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über – oder in meinem Fall: die Tastatur. Das Gerichtsrisiko aus dem Matthäus-Evangelium muss ich dann wohl tragen. Oder auf Gnade hoffen. In beiderlei Hinsicht kann der Reformator ein Vorbild sein.

Gedenken wir also der Reformation!

Was soll man auch sonst mit Toten machen, außer ihrer zu gedenken? Und die Reformation ist tot – mausetot. Wer das noch nicht wusste, der konnte es heute morgen einer Nachricht im Deutschlandfunk entnehmen. Es war eine Nachricht über den obersten Reformations-Amtsträger: Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der nutzt die Jubiläumspublicity. Wer würde das nicht tun? Aber wozu? Für eine Erinnerung an „sola scriptura, solus christus, sola fide und sola gratia“? Weit gefehlt: Zur reformatorischen Idee seligen Angedenkens heißt es vielmehr: Der Ratsvorsitzenden der EKD „fordert mehr Geld“. Natürlich nicht für sich, das machen nur die anderen, die Gierhälse aus der Wirtschaft. Er fordert vielmehr „mehr Geld“ für gute Zwecke: für (1) Bildung, für (2) mehr soziale Gerechtigkeit, gegen (3) Altersarmut. Und er fordert (4) von den wohlhabenden Bürgern mehr Verantwortung und Engagement. Ist daran irgend etwas falsch?

Die Themen sind ja gut: Man muss sicher reden (1) über bessere Bildung – und über Moralismus als Wissensersatz, (2) über soziale Gerechtigkeit – und deren vereinseitigte Vereinnahmung gegen das Recht, (3) über Armut im Alter – und über die Frage, welche Lebensstandarderwartungen wir alle bei scheinbar unabänderlich steigenden Lebenserwartungen hegen und (4) darüber, wie hilfreich es ist, Lösungen für Strukturprobleme von „den Wohlhabenden“ zu erwarten statt von einer deutlich breiteren Vermögensbasis für alle.

Aber zum 500sten Jahrestag des mehr oder minder historischen Thesenanschlages könnte man auch reden über die Frage, wie passend es eigentlich ist, wenn der evangelische Oberpriester die mediale Aufmerksamkeit ausgerechnet für Geldforderungen nutzt, als habe es Luthers Auseinandersetzung mit Herrn Tetzel und dessen besonders intensiven Ablassbrief-Geschäftsmodells nie gegeben.

Heiligt der gute Zweck die populistischen Mittel? Nein!

Kurze Frage, noch kürzere Antwort. Für Protestanten zu kurz. Die brauchen mehr Text. Zur reformatorischen Tradition gehört das Gespräch über, mit und notfalls gegen den Text der Schrift. Zum Beispiel über das Gleichnis aus dem Lukasevangelium:

VOM UNEHRLICHEN VERWALTER (LUKAS 16,1-9)

1 Er (Jesus) sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3 Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7 Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig. 8 Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. 9 Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

Ein Korruptionsaufruf im Neuen Testament?

Es ist eine klassische Korruptionssituation. Typ „Bestechung“. Mit Korruption in der Wirtschaftsethik ist immer eine Dreiecksbeziehung gemeint: drei Akteure, drei Rollen, die miteinander verbunden sind. Da ist einmal der Prinzipal, in unserem Fall ein reicher Mann. Der hat einen Vertrag, eine wechselseitige Bindung mit einem oder mehreren Klienten. Hier ist es ein Schuldvertrag mit den Schuldnern: Er hat ihnen etwas geliehen. Und irgendwann ist die Schuld zu begleichen. Eine alte Forderung des Rechts. Aber dann gibt es einen Dritten: einen Agenten. Der hat seinerseits einen Vertrag mit dem Prinzipal. Er bekommt seinen Lohn dafür, dass er im Auftrag des Prinzipals die Verträge verhandelt, überwacht usw. Nicht auf eigene Rechnung, sondern im Rahmen seines Amtes, nur so steht der Verwalter als Agent des Prinzipals mit den Klienten in Kontakt.

Was ist nun Korruption? Korruption ist der Missbrauch eines Amtes zugunsten eines anderen (hier kommen z.B. verschiedene „Geschenke“ ins Spiel) und in Erwartung eines Vorteils von diesem, wodurch ein Dritter, nämlich der Prinzipal geschädigt wird. Im Gleichnis ist es ganz eindeutig:

Der Verwalter als Agent missbraucht sein Amt zugunsten der Klienten, zugunsten der Schuldner: „Schreib flugs fünzig“.

In Erwartung eines Vorteils von diesen: Sie sollen ihm Freunde sein und ihn aufnehmen, wenn er arbeitslos geworden ist.

Und zum Schaden des Prinzipals: Dieser wird um einen Teil seines Vermögens betrogen.

Was hier so einfach und klar ist, ist heute nicht immer so klar. Das liegt daran, dass der Prinzipal oft kein Individuum, kein reicher Mann ist. Der Prinzipal ist oft eine Organisation: eine Firma, eine Behörde – oder der Staat als Ganzes.

Korruption in jeder Form, groß und klein, zerstört jede Kultur. Zerstört jedes Rechtssystem. Korruption ist eines der großen Hindernisse für gute Entwicklung in armen Ländern. Der Kampf gegen Korruption ist Voraussetzung für Entwicklung. Gut also, dass es kein Tabu mehr ist, darüber zu sprechen. Gut, dass wir nicht mehr sagen: „Ist doch nicht so schlimm.“

Korruption fängt oft ganz klein an: Mit Geschenken. Diejenigen, die später als Angeklagte am Pranger stehen, merken es manchmal gar nicht, wenn sie in so eine Dreieckssituation geraten.

Da ist die Mitarbeiterin eines Freizeitparks, zuständig dafür, dass andere Firmen die Grünanlagen pflegen. Die bekommt von einer Gärtnerei zu Weihnachten erst schöne Weihnachtssterne, dann zum Geburtstag immer teurere Geschenke. Sie arbeitet mit dieser Firma über Jahre hinweg vertrauensvoll zusammen, Dann kommt plötzlich der Staatsanwalt. Der Freizeitpark (ihr Principal) war über viele Jahre hinweg von dieser Gartenbaufirma betrogen worden. Unsere Mitarbeiterin hatte – vertrauensvoll – nicht mehr ganz so gründlich hingesehen.

Woher kommt so etwas – unter ganz normalen Menschen? Wenn wir etwas geschenkt bekommen, dann wollen wir uns gerne revanchieren. Reziprozitätsnorm heißt diese Neigung, Gutes mit Gutem zu vergelten. Eine wichtige menschliche Eigenschaft. Für Amtsträger kann dies zum Fallstrick werden. Denn wie schnell revanchiert man sich, für die Geschenke, für die Einladung, für die gute Atmosphäre bei Verhandlungen und merkt gar nicht, dass man sich plötzlich nicht mehr als Person revanchiert, sondern dazu sein Amt nutzt. Das ist die Dankbarkeitsfalle.

Heute wird daher genau hingesehen, es wird Transparenz gefordert: Organisationen wie Transparency International, die sich dem Kampf gegen die Korruption verschrieben haben, wollen von jedem Verein wissen: Wer sind Deine Spender? Wer sind Deine Sponsoren? Schnell wird Abhängigkeit unterstellt. Was ist die Gegenleistung? Von wem bist Du abhängig?

Vielleicht ist manche Transparenzforderung überzogen. Aber grundsätzlich ist es gut so. Denn es muss vollkommen klar sein: Der Zweck heiligt nicht die Mittel ! Veruntreuung, Amtsmissbrauch, Bestechung und Korruption in all ihren Erscheinungsweisen vergiften die Gesellschaft, zerstören jede Art von rechtsstaatlichen Strukturen. Und wenn im Gleichnis des Lukas dieser Verwalter nicht schon vorher entlassen worden wäre, dann wäre spätestens jetzt ein guter Zeitpunkt dafür.

Zweck-Mittel-Pragmatismus – Agiles Management in der Krise?

Wer so grundsätzlich in Amtspflichten denkt, der hat aber nun mit diesem Text bei Lukas ein Problem. Denn zuerst wird der Verwalter vom Herrn gelobt. Und dann empfiehlt auch noch Jesus genau diese veruntreuende und korrupte Vorgehensweise seinen Jüngern.

Klug habe der Verwalter gehandelt. „Macht euch FREUNDE mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn ER zu Ende geht, SIE euch aufnehmen in die ewigen Hütten.“

Die moderne Auslegung von Gleichnissen will das nicht wahrhaben. Sie will nicht wahrhaben, dass hier vielleicht doch Veruntreuung, Amtsmissbrauch und Korruption gut geheißen wird. In einem theologischen Kommentar heißt es sinngemäß: Auf die Veruntreuungen komme es gar nicht an. Das Thema des Textes sei ein ganz anderes: Der Verwalter sieht mit aller Klarheit eine schwierige Situation auf sich zukommen: Arbeitslosigkeit, Armut. Er zaudert nicht, er entscheidet. Er tut das, was jetzt zu tun ist: Für sich eine Lebensmöglichkeit zu schaffen nach der unausweichlichen Kündigung. DARIN liegt seine Klugheit, DAHER wird er gelobt.

Der Verwalter sieht die Kündigung, er sieht die disruptiven Prozesse und ist ein Meister des agilen Selbstmanagements. Das Gottesreich ist nah. Jesu Wiederkunft, sein Ankommen, sein Advent steht unmittelbar bevor. JETZT muss man sich entscheiden. JETZT muss gehandelt werden. Und DARIN ist der Verwalter in der Tat ein Vorbild.

Kein Versuch mehr, den Chef umzustimmen. Der Verwalter schaut nach vorn und fragt: Wen brauche ich morgen? Und wie kann ich neue Freunde gewinnen? Dass er diese Freunde mit Veruntreuung gewinnt? Das sei nur ein Nebenaspekt und höchst geachtete Professoren der Theologie empfehlen dem Leser, darauf bitte nicht zu achten. Denn bei einem Gleichnis sei es ja nur der EINE Vergleichspunkt, den man betrachten solle: Die Fähigkeit zur Entscheidung.

So mag es gemeint gewesen sein, damals – vor 2000 Jahren – in der Zeit der Naherwartung. Die Wiederkunft des Herrn als Richter stand ja unmittelbar bevor. Die Strukturen dieser Welt (Rechtsstaatlichkeit, Amtstreue, Loyalität) – die kann man hinter sich lassen.

Krise dauert manchmal länger – Parusieverzögerung ist normal

Das war damals – vor 2000 Jahren. Die erwartete Wiederkunft des Herrn hat sich etwas verzögert. Die Theologen nennen das Parusieverzögerung: Die Verzögerung der Widerkunft Christi und des jüngsten Tages. Wie gehen wir um mit solchen Verzögerungen? Wenn wir am Montag morgen auf die Bahn warten: Geplante Ankunft 7:30 und es gibt eine Verzögerung und wir erhalten keine Information, dann ist das auch eine Parusieverzögerung. Das Erscheinen der Bahn verzögert sich – ein wenig.

Stellen wir uns vor: Wir warten 10 Minuten – gut. 20 Minuten – weniger gut. 30 Minuten, 2 Stunden, 8 Stunden. Und wir stehen immer noch da und warten auf die Bahn, denn es ist ja nur eine Verzögerung. Ist es da nicht irgendwann klug, das Warten aufzugeben?

Nach 2000 Jahren Parusieverzögerung muss die Entscheidung längst getroffen sein, dass wir uns nicht in die Naherwartung flüchten, sondern diese Welt und deren Strukturen mitgestalten, Integrität befördern, vertrauenswürdige und gerechte Strukturen schaffen. Dass wir uns an Nachhaltigkeit orientieren, als würde sich die Erde noch viele Generationen um die Sonne drehen und als hätte nie einer gesagt, man solle so leben, als bräche morgen das Gottesreich an. Wenn wirklich morgen das Gottesreich anbräche, dann müssten wir uns nicht mehr um den Klimawandel sorgen. Dann bräuchten wir keinen CO2-Ausstoß reduzieren. Dann wäre eine weltweite Schere zwischen Arm und Reich kein Boomerang, der einem Sorgen machen müsste.

Nein – wir sollten nicht mit dem Gottesreich morgen rechnen, sondern die Welt ein Stück gerechter, nachhaltiger und integrer machen, wo immer das in unserer Macht steht.

Religiös legitimierter Amtsmissbrauch?

Kein Lob also des pragmatischen, agilen und nur daher „untreuen“ Verwalters! Aber damit ist das Problem mit der Dreieckssituation noch nicht erledigt. Wenn jemand etwas schenkt oder Schulden erlässt, dann gibt es eine gute Tradition. Diese sagt „Vergelt’s Gott“. Gemeint ist: Ich selbst kann Dir Dein Geschenk oder Deinen Schuldenerlass nicht angemessen vergelten. Möge der Herr es tun.

Beim Evangelisten Lukas kommt noch das Armutsmotiv hinzu: Selig sind die Armen, denn Ihrer ist das Himmelreich. Die Armen dieser Welt seien es, die Fürsprecher sein können, wenn es am jüngsten Tage um die Frage „Himmel, Fegefeuer oder Hölle“ geht. Auch so wurde das Gleichnis in Lukas 16 gelegentlich verstanden: Die Armen seien die Schuldner des reichen Mannes. Macht Euch bei den Armen Freunde, gebt Ihnen (notfalls mit Amtsmissbrauch), damit sie Euch den Einlass in den Himmel nicht verwehren, sondern damit Ihr dann Freunde habt, wenn ihr sie braucht.

Das ist eine Robin-Hood-Logik: Nehmt von den Reichen und gebt es den Armen, dann werden diese Euch den Weg in den Himmel bahnen. In meiner Heimatstadt Augsburg haben die reichen Fugger durchaus auch Angst bekommen, da ja bekanntlich das Nadelöhr der Himmelspforte für die Reichen als besonders schmal gilt. Und sie haben mit der ersten Sozialsiedlung den Armen geholfen im Vertrauen darauf, dass Ihnen diese dann doch einen Weg zur Seligkeit bahnen. Verknüpft Eure Corporate Social Responsibility mit klugem Stakeholder-Management. Schafft eine Win-Win-Situation ! Macht Euch Freunde mit …..!

Und die Kirche? Schon in der alten Kirche galt die Kasse der Kirche gleichzeitig als die Kasse der Armen. So konnte es dazu kommen, dass eine Gabe an die Kirche und eine Gabe an die Armen das Gleiche wurde. Eine Gabe an die Armen wurde zu einer klugen Investition in die ewige Seligkeit.

In der römischen Kirche kam noch das Amtsmotiv hinzu: Das Petrusamt. Der Stellvertreter Christi auf Erden bekam Einfluss auf die Entscheidungen des jüngsten Gerichts: auf Fegefeuer, Himmel und Hölle. Und so konnte eine neue Dreiecksbeziehung entstehen: Christus der Weltenrichter als Prinzipal; Petrus mit dem Schlüssel zum Himmelreich als Agent (und der Papst als dessen Amts-Nachfolger). Dieser Agent erhält ungeheure Macht über Zukunftshoffnungen und Zukunftsängste der Gläubigen. Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon heißt dann: Kauft den Ablassbrief, damit Euch der Agent des Himmels erlöst von Euren verdienten Qualen.

Es ist dieses Korruptionsdreieck, an dem sich Martin Luthers Zorn entzündet hat. Er hat gesehen, dass hier Amtsmissbrauch stattfindet. Der Amtsinhaber nutzt seine Machtposition, um – scheinbar im Auftrag des Prinzipals – das Gegenüber, die Gläubigen, zu erpressen.

Martin Luther hat gesehen, dass hier der Prinzipal von seinem Agenten betrogen wird. Es sind nicht nur die Gläubigen, die mit Angstdrohungen erpresst werden. Nein: Gott selbst wurde betrogen. Er wurde betrogen um die Möglichkeit, einfach gnädig zu sein. Sein Gericht wurde vorweggenommen – zum Vorteil des untreuen Verwalters und zum Bau des Petersdomes in Rom. Die katholische Kirche als Wächterin der Moral hat damals ihr Amt überzogen. Da sind sich Protestanten und Katholiken seit langem einig.

Lange her? Oder heute noch aktuell?

Die Amtsnachfolger des päpstlichen Agenten

Sind wir heute, 500 Jahre später, in der nachreformatorischen Ära angekommen? Wo freie Menschen ohne Angst vor göttlichem Gericht und moralischer Bevormundung in Freiheit sich und anderen in Liebe dienen?

Oder funktioniert das Geschäftsmodell mit Angst und Moral immer noch ganz gut? Vermutlich sind die Wächter der Moral heute andere und auch Form und Inhalt des Ablasshandels haben sich geändert. Sind die Zukunftsprognosen der Klimaforscher nicht ein guter Ersatz für die Angstbilder mittelalterlicher Kathedralen? Bei Buchtiteln wie „Selbstverbrennung“ liegt dieser Vergleich nahe. Und wieviele Compliance-Systeme sind eigentlich nur deshalb installiert worden, weil Systeme guter Due-Diligance im Non-Compliance-Fall als strafmildernd verkauft werden?

Die Angst vor Gott und seinem Gericht weicht heute einer anderen Angst: der Angst vor dem Staatsanwalt, vor einer ungnädigen Öffentlichkeit, der Angst vor dieser Sucht nach Transparenz. Jede Spende soll öffentlich sein. Über jede Freundschaftsgabe muss Rechenschaft abgelegt werden. Die heutigen Wächter der Moral (Transparency International, Germanwatch, hochschulwatch, das ganze Geflecht kritischer zivilgesellschaftlicher Gruppen) meinen es alle gut und tun unserer Gesellschaft einen wichtigen und unverzichtbaren Dienst. Aber ob auch dabei der gute Zweck immer die Mittel heiligt?

Ob auch diese Wächter der Moral – wir brauchen sie! – irgendwann in die Versuchung kommen, ihr Amt zu überziehen? Ob sie auch irgendwann sich und ihre Organisation verwechseln mit der Gesellschaft als Ganzer? Ungefähr so, wie auch der eine oder andere in den kirchlichen Hierarchien sich selber mit dem Willen Gottes verwechselt haben mag?

Die Bilder haben sich vielleicht gewandelt, aber die Strukturen nicht.

Wer früher seine Kinder zur Moral erziehen wollte, der sagte: Gott sieht alles. Und erzog sie zu ängstlichen Menschen und nicht zur Integrität.

Wer später Bürger zu einem kritischen Staatsverständnis erziehen wollte, der sagte: Big Brother is watching you. Und erzog sie zu Staatsverdrossenheit und Staatsaversion, aber nicht zu selbstbewussten und aufrechten Bürgern.

Wer heute Manager zur Wirtschaftsmoral erziehen will, der sagt: „Stell Dir vor, dass es morgen in der Zeitung steht.“ Und veranstaltet öffentliche Schauprozesse oder Verhaftungen vor laufenden Kameras. Ob wir wirklich so die Integrität fördern? Oder nur die Angst vor der Öffentlichkeit, vor den Medien und überhaupt: Ob wir dabei nicht nur die Angst vor öffentlichen Ämtern schüren?

Vielleicht sollten wir skeptisch sein mit allen, die sich all zu vollmundig als Hüter der Moral etablieren und in dieser Rolle eine große Macht ausüben.

Das Gericht als Gnade

Für Martin Luther war es am Ende nur noch Gott selber, den er als Autorität anerkannte und der ihm in der Schrift und Jesus Christus neu begegnet war. Wer wird entscheiden über Himmel und Hölle, über Seligkeit und Verdamnis? Werden es die Armen sein? Die Aufrichtigen? Die Wächter der Moral in allen Religionen und allen Gesellschaften? Wird es Petrus sein?

Hypothese 1: Vielleicht wird es keiner sein – weil der Richterstuhl am Ende einfach leer ist. Für Martin Luther war dies kein denkbarer Gedanke. Der abwesende Gott – für Luther eine Drohung, für manche heute eine Hoffnung.

Hypothese 2: Wenn Gott der Gott ist, der den Christus-Gläubigen in Jesus begegnet, der sich also selbst auf die Menschen einlässt, dann wird der sicher nicht so faul sein, diese Aufgabe an irgendeinen Agenten, an irgendeinen Amtsträger und Vertreter abzugeben. Dann wird er das schon selber machen und es ist gar kein Raum da für korruptionsanfällige Dreiecksgeschäfte oder Amtsmissbrauch. Gott selber wird sich dann jedem einzelnen zuwenden und ihn ansehen – in einem kurzen und lichten Moment.

Dieser Blick Gottes – wäre er nicht die Hölle? Dieser Blick als gleisendes Licht, als vollkommene Transparenz: …… alles wird offenbar, alle großen und kleinen Mauscheleien, jeder Betrug und jede Verleumdung, jede Amtsanmaßung und jeder noch so kleine Amtsmissbrauch. Das muss die Hölle sein.

Dieser Blick Gottes – wäre er nicht der Himmel? Wenn vollkommene Transparenz nicht nur in die Akten, sondern auch in Herzen und Seelen blicken kann? Wir können darauf vertrauen, dass er dann nicht nur die Taten sieht, sondern auch jedes Gefühl, jede Angst und jede Verzweiflung. Vielleicht wird er dem untreuen Verwalter sagen: „Du hast Deinen Herrn betrogen. Es gibt keine Entschuldigung. Aber ich habe Deine Angst mitgefühlt, Deine Angst und Deine Überforderung. Der Zweck heiligt nie die Mittel. Aber Du, als fühlender Mensch, Du bist mir heilig.“ Einmal so erkannt und verstanden zu werden, das muss doch wohl der Himmel sein.

Wenn dieser Gott sich jedem einzelnen von uns zuwendete. Wenn dieser Gott uns ansähe, dann bräuchte man hinterher keinen Himmel und keine Hölle mehr und auch niemanden, der darüber entscheidet, ob wir hierher oder dorthin gehören.

Übrigens: Die Moralwächter dieser Welt – die werden dann abgedankt haben …. Wie auch immer sie heute heißen mögen. Wenn Gericht und Gnade in eins fallen: Dann ist das Gottesreich angebrochen.

Reformationsbotschaft: Macht hoch die Tür!

Jüngster Tag und die Auferstehung sind noch eine Weile hin. Jetzt begehen wir erst mal das Reformationsjubiläum und dann geht es auf Weihnachten zu. Mir würde es schon reichen, wenn vor der Auferstehung die Reformationsbotschaft nochmals lebendig würde. Dann würden die Angstmacher von links und rechts auf aufrechte und fröhliche Menschen treffen. Diese hätten ziemlich viel Mut, irgendwann auf eigenen Füßen aufrecht zu stehen und sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Angst- und Droh-Botschaften, mit denen man meint, Verhalten zu steuern, würden einfach verpuffen.

Noch ist es nicht so weit. Aber bald beginnt wieder die Zeit des Wartens, die man Advent nennt. Auch in diesem Jahr dürfte nach dem adventlichen Warten nicht das Gottesreich anbrechen, sondern der Welt-Geschenke-Tag am 24. Dezember.

Das ist nicht schlimm. Das ist auch nicht der Himmel. Und weil man von einem Wirtschaftsethiker dann doch ein paar Ermahnung erwartet, will ich diese nicht schuldig bleiben:

– Wenn Sie als Amtsträger beschenkt werden, dann machen Sie sich klar, dass das Geschenk eigentlich gar nicht für Sie, sondern für Ihre Organisation bestimmt ist!

– Wenn Sie persönlich beschenkt werden, versuchen Sie es mal mit Freude und denken erst gar nicht über Gegenleistungen nach!

– Wenn Sie schenken: Erwarten Sie keine Gegenleistung! Und vor allem: Tun Sie es fröhlich und selbstbewusst. Schenken und spenden Sie denjenigen, für die Ihr Herz schlägt. Und nicht, weil Ihnen der Oberhirte einer moralisierenden evangelischen Kirche ein schlechtes Wohlstandsgewissen einzureden meinte.

In diesem Sinne: Gedenken wir der Reformation – auch in der Adventszeit! 

 

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