Was heißt für euch “schön”, was “Wirklichkeit”? Könntet ihr euch vorstellen, ausschließlich in einer virtuellen Welt zu leben? Worin unterscheiden sich die beiden Welten oder gehören sie schon immer zusammen, existiert überhaupt nur eine Wirklichkeit? Was bedeutet das Träumen in diesem Zusammenhang? Diesen Fragen stellte sich Lilli Martha Trier (Klasse 7, Gymnasium Leopoldinum, Detmold), im Rahmen der PhilosophieArena 2022. Lesen Sie hier den von der Jury prämierten Text.

 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der man sich für eine Wirklichkeit entscheiden kann. Im Jahr 2101 wurde eine Volksabstimmung gemacht. Man konnte damals dafür stimmen, ob man seine Heimat in der normalen Wirklichkeit behalten wollte, oder, ob man in eine “neue” Wirklichkeit umziehen wollte. Die Abstimmung ging mit 50 % zu 50 % aus, deshalb entschied man sich dazu, es jedem selbst zu überlassen.

Jetzt haben wir es 90 Jahre später, mittlerweile kann man sich selbst für eine Seite entscheiden, in der man dann für eine lange Zeit bleibt. Als Mensch der neuen Wirklichkeit befindet man sich in Wirklichkeitskapseln. Eine Art Maschine, die dein Gehirn so beeinflusst, dass du denkst, dir wäre zum Beispiel kalt. Aber eigentlich umgibt dich die Idealtemperatur in dieser Kapsel.

Alle Aktivitäten der Menschen werden dann von vielen Computern zusammengerechnet. Diese Seite der Gesellschaft nennen wir “Neue Menschen”. Die andere Seite ist die normale Wirklichkeit. Sie ist deiner Wirklichkeit ziemlich ähnlich. Als Wirklichkeit gilt das Umfeld aus wahrnehmbaren Objekten und Menschen, in dem du dir Deiner Existenz bewusst bist. Deshalb werden beide Seiten Wirklichkeit genannt, weil sich beide Seiten ihrer Existenz entweder in der neuen oder in der normalen Wirklichkeit bewusst sind, in der sie auch aktiv handeln.

Noch einmal zur Klarstellung, man existiert in beiden Wirklichkeiten – man ist sich bloß nur in einer seiner Existenz bewusst. Zum Beispiel, sagen wir, jemand ist sich seiner Existenz in der normalen Wirklichkeit bewusst, trotzdem gibt es einen Spielstand in der neuen Wirklichkeit. “Spielstand” wird die Ausprägung eines Lebens mit Aussehen, Fähigkeiten und Erfahrungen eines Menschen genannt. Für normale Leute ist ein Spielstand nur eine leere Hülle in der anderen Wirklichkeit. Für neue Menschen ist ihr Spielstand das wichtigste überhaupt. Für sie ist es ihr Lebensgrundsatz, sowie für dich dein Körper. Für neue Menschen liegt eine Hülle in der normalen Wirklichkeit in einer Wirklichkeitshalle mit Wirklichkeitskapseln. Beide Wirklichkeiten zusammen ergeben die Realität. Die Vorteile dieser Teilung der Gesellschaft sind, dass die Welt besser ausgelastet ist. Die neue Seite hat genug Kapazitäten, um alle Server zu betreiben und die normale Seite hat mehr Platz und es werden nicht mehr so viele Abgase ausgestoßen. Schließlich fahren nur noch 50 % der Menschen Auto.

Ich bin einer der wenigen Leute, die Teil beider Wirklichkeiten sind, ich bin ein Bote. Eigentlich ist es mein Job, zwischen den beiden Wirklichkeiten Ideen auszutauschen, aber das Interessante ist der ständige Wechsel der Leute in meinem Umfeld. Die Kommunikation zwischen normalen und neuen Menschen ist auch so miteinander möglich, sie wird aber immer weniger.

Deshalb wurden ein paar Leute zur Aufsicht der zwei Wirklichkeiten ausgewählt. Du stellst dir es jetzt bestimmt anstrengend vor, zwischen einer virtuellen und einer nicht virtuellen Welt zu wechseln? Das ist aber eigentlich gar nicht so, beide Welten sind nämlich fast identisch. Die Menschen sind sich meistens noch nicht einmal darüber einig, wer in einer virtuellen Welt lebt und wer nicht. Virtuell wird immer als etwas bezeichnet, was eine Art Illusion ist, was aber real wirkt. Als Außenstehender würde man sagen, dass die neue Wirklichkeit die virtuelle ist, denn sie ist die, welche letztendlich nur aus Manipulation von sehr vielen Gehirnen in der Kombination mit großen Computern mit viel Rechenpower besteht. Problem ist nur, dass die neuen Menschen genauso miteinander leben wie die normalen Menschen und weil sie sich in ihrer Existenz in der neuen Realität bewusst sind, erscheint für sie die normale Wirklichkeit als virtuell. Abgesehen von dieser Auseinandersetzung gibt es eigentlich nicht viele
Auseinandersetzungen zwischen der neuen und der normalen Wirklichkeit.

Nun möchte ich dich zwei Tage in meinem Leben mitnehmen. Ich wache auf in Kopenhagen, Dänemark in einem normalen Hochhaus in der normalen Wirklichkeit in der normalen Welt. Was Welt bedeutet erzähle ich dir später. Jedenfalls hat sich in der normalen Wirklichkeit seit deiner Zeit nicht viel geändert. Ich esse Frühstück so wie du hoffentlich auch. Am liebsten würde ich jetzt ein paar Stunden mit Videospielen verbringen, die, falls du das dachtest, nicht in der neuen Wirklichkeit stattfinden. Man kann Videospiele zwar zusammen mit der anderen Seite spielen, aber Videospiele finden nicht in der neuen Wirklichkeit statt. Aber naja, heute ist ein normaler Arbeitstag. Heute steht um 13:00 Uhr der Wechsel zwischen den Wirklichkeiten an. Bis dahin sind es noch 5 Stunden. Davor muss ich noch ein bisschen was in der normalen Welt erledigen. Als Welten werden die Gesellschaften mit ihren vernetzten sozialen Interaktionen auf beiden Seiten bezeichnet. Die Kombination aus beiden ist das Realitätsnetz.

Auf meinem Weg zur Arbeit gehe ich an einer Wirklichkeitshalle vorbei. Das sind einfach sehr hohe Hochhäuser, die alle mit einer Art Nummernschild gekennzeichnet sind. Dieses hier hatte LT CD 28. Von diesen Hallen gibt es extrem viele. Trotzdem wird dadurch weniger Platz genutzt, als wenn jeder Mensch eine Wohnung hätte. Ich laufe weiter zum Campus meiner Arbeit. Ich betrete das Gebäude. Hier arbeite ich als eine Art Nachrichtensprecher.

Normalerweise machen das überwiegend Moderatoren, aber es gibt auch Zeiten am Tag, wo das Boten machen. Wir stellen dann neue Erkenntnisse aus der anderen Wirklichkeit oder Welt vor. Anders als große Erfindungen, die es mittlerweile nicht mehr so viel gibt, gibt es immer noch viele neue Mathematik- und Philosophietheorien. Der Sender bei dem ich arbeite, heißt “Normale Welt”. Damit ist das soziale Netz der normalen Wirklichkeit gemeint, die der Sender auf dem Laufenden halten soll. Früher wurde die ganze Realität Welt genannt, aber weil sich die Wirklichkeiten immer weiter sozial voneinander abtrennen, unterteilen wir die eine Welt jetzt in zwei Welten. Weil es die große ganze Welt trotzdem theoretisch noch gibt, heißt sie jetzt, wie eben schon erwähnt, Realitätsnetz. Außer den Boten und Botinnen gibt es kaum noch Berührungspunkte. Das liegt daran, dass die zwei Wirklichkeiten eben vor 90 Jahren aufgeteilt wurden. Mittlerweile sind fast alle Verbindungen, die beide Wirklichkeiten betreffen, abgebrochen. Entweder weil Leute gestorben sind oder weil allgemein Leute schon genug mit ihrer Welt zu tun hatten. Der einzige Hoffnungsschimmer sind da die Boten, welche die beiden Welten verbinden.

Ich gehe also ins Studio und löse einen anderen Boten ab. Ich erzähle etwas aus der neuen Wirklichkeit der neuen Welt. “Diese Woche wurde eine philosophische Arbeit veröffentlicht, es geht um Anpassung der Natur an den Menschen und andersherum…”

Ich sprach etwa 7 Minuten über das Thema und dann war schon der nächste Bote dran. Jetzt werde ich zu Wissenschaftlern gehen, die mir etwas über ihre neuen Erkenntnisse erzählen. Mir wird dann ungefähr zwei Stunden etwas über ein Thema erzählt. Es geht diesmal um ein neues Element, Ybraxo. Man findet es auf anderen Planeten. Das Besondere ist, dass es leichter ist als Vakuum – aber das ist ein anderes Thema. Da die neue Wirklichkeit die gleichen Naturgesetze hat wie die normale, kann auch Forschung dort normal stattfinden. Natürlich gibt es dort eigentlich keine Naturgesetze aber sie wurden nachprogrammiert. Nach einiger Zeit gehe ich wieder.

Jetzt kommt der für dich spannendste Teil. Ich gehe in eine Wirklichkeitshalle. Das Reingehen ist nicht besonders spektakulär. Es sind eigentlich nur lauter weiße oder schwarze Kapseln, in jeder liegt ein Mensch. Ich werde in die Kapsel C–D0809 reingefahren. Im Kopfbereich sind besondere Strahler, die bestimmte Bereiche des Gehirns aktivieren. Es geht ziemlich schnell, du wachst einfach irgendwann auf ohne dich daran zu erinnern, dass du eingeschlafen bist. Aber man wacht in der genau gleichen Umgebung auf, die jetzt zwar nur ein 3-D Modell ist, aber sich trotzdem so anfühlt, wie in der normalen Wirklichkeit. Es gab schon viele Beta Versionen, am Anfang hatte man noch neue Umgebungen hinzugefügt. Aber es waren sich nie alle einig, welche Umgebungen sie haben wollten. Deshalb ließ man es bei der normalen Wirklichkeit.

Aus genau dem Grund unterscheidet sich die neue Wirklichkeit mit der neuen Welt auch nicht von der normalen Wirklichkeit mit der normalen Welt. Die normale ist und war auf den Menschen dank der Evolution perfekt angepasst. Alles funktioniert und hat sich über Jahre perfekt ineinander verwoben. Weil der Mensch sowieso ein Gewohnheitstier ist, wollten gar nicht so viele Menschen zum Beispiel lila Rasen haben. So kam es zu dem, was es jetzt ist.

Durch die Experimentierphasen sind am Anfang auch Begriffe wie Spielstand eingeführt worden. Man tat am Anfang so, als ob das hier ein riesiges Computerspiel wäre. Aber das ist es nicht, es ist wie die normale Wirklichkeit.

Ich habe jetzt Feierabend, das heißt, ich treffe mich mit meinen Freunden aus der neuen Welt und wir unterhalten uns einfach. Das läuft genauso ab wie in deiner Welt in deiner Wirklichkeit. Am nächsten Morgen erwache ich wieder in dem gleichen Bett, wie gestern, bloß in einer anderen Wirklichkeit, die ihr als virtuell sehen würdet. Ich gehe den gleichen Weg. Es gibt hier sogar die Wirklichkeitshallen. Sie dienen als Orientierung für Menschen die neu hier sind. Ohne gab es nämlich Menschen, die falsch abgebogen sind, weil sie nur die normale Wirklichkeit kannten. Du denkst dir wahrscheinlich, dass es doch irgendein Unterschied zwischen der neuen und der normalen Wirklichkeit gibt. Am Anfang gab es den. Man konnte sein Gehirn glücklicher sein lassen oder ähnliches. Aber dann fanden das viele Leute unethisch und unfair gegenüber den normalen Menschen.

Jedenfalls komme ich am Campus an, löse einen anderen Boten ab und stelle “Ybraxo” vor, das neue Element. Der Sender hier heißt “Neue Welt”. Wieder spreche ich 7 Minuten über mein Thema und verlasse dann den Campus. Und wieder gehe ich zu einem Forscherteam, die mir jetzt etwas aus der neuen Welt erzählen. Sie erzählen mir von einer neuen Studie. Bei der Studie wurden alle Menschen gefragt, wie schön sie ihre Wirklichkeit mit ihrer Welt fanden.

Herauskam, dass etwa 96 % der Befragten die neue Welt ziemlich schön fanden. In der normalen Welt wurde die gleiche Studie durchgeführt und bei ihr waren es auch 96 % der Bevölkerung die, die normale Wirklichkeit mit der normalen Welt schön fanden. Die Studie in der normalen Welt wurde von dem Forschungsteam der neuen Welt in Auftrag gegeben, anscheinend besteht doch noch etwas Kontakt zwischen den beiden Welten, zumindest in dem Bereich der Forschung. Die einzigen die von dieser Studie ausgeschlossen waren, waren die Boten und Botinnen. Das Team zeigt mir noch mehr Daten darüber. Zum Beispiel, dass die übrigen 4% wahrscheinlich durch einfache Unzufriedenheit zu Stande kamen. Nach einiger Zeit ging ich. Morgen soll ich dieses Thema in der normalen Welt vorstellen, so wie auch schon die Philosophietheorie vom Vortag. Ich bleibe noch eine Nacht in der neuen Wirklichkeit aber ich kann nicht einschlafen, für mich ist es Alltag geworden zwischen den Wirklichkeiten und Welten herum zu reisen.

Es gibt keine die ich wirklich schöner finde. Die beiden unterscheiden sich auch nicht wirklich. Du findest vielleicht, dass die neue Wirklichkeit mit der neuen Welt virtuell ist, aber die virtuelle Welt ist für ihre Bewohner gar nicht mehr virtuell, sondern real. Deshalb finde ich es ziemlich unmöglich, auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Was heißt das überhaupt, dass etwas schöner ist? Ist man glücklicher? Hat man ein erfüllteres Leben? Ich denke an die Momente, an die ich mich erinnern kann, die ich schön finde und mir fällt auf, dass ich in diesen Momenten immer glücklich bin. Ich denke an Sachen, die einen glücklich machen ein, wie zum Beispiel Kunst, aber Kunst kann man in beiden Wirklichkeiten erleben. Ich überlege, was mich noch glücklich macht und ich komme darauf, dass es also die Leute um mich herum sein müssen. Aber sind sie denn unterschiedlich in den beiden Welten?

Egal wie die Wirklichkeit ist, normal oder neu, die Welt kann immer genauso reichhaltig ausgeprägt werden und damit gleich schön sein. Selbst wenn man die neue Wirklichkeit als virtuell bezeichnet, sind virtuelle Beziehungen ja genauso, wie „echte“ Beziehungen, denn die Menschen die da hinter stehen sind echt und somit auch die Beziehungen zwischen ihnen. Man kann diese Beziehungen nicht direkt sehen, deshalb sind virtuelle Beziehungen gleich wie echte Beziehungen, egal ob zwischen Menschen in der normalen oder neuen virtuellen Wirklichkeit.

Wenn die Beziehungen also das wichtigste für mich und mein Glücklichsein sind, dann gibt es gar keine Virtualität.

Ich überlege, in welcher Welt ich die Menschen mehr mag? Es ist die neue Welt, dort ist meine beste Freundin. Aber es kann doch nicht sein, dass alle Menschen die Leute aus der neuen Welt lieber mögen. Spät in der Nacht rufe ich einen meiner Botenfreunde an. Er sagt mir, dass er die normale Welt lieber mag, weil da seine Freundin lebt. Letztendlich komme ich zu dem Schluss, dass objektiv gesehen beide Wirklichkeiten gleich schön sind und gleich glücklich machen.

Kurz danach schlafe ich glücklich ein. Ich denke dabei nicht mehr nach, in welcher Wirklichkeit ich bin, ich bin einfach nur glücklich.

Nachdem du jetzt etwas von unserem System der Wirklichkeiten und Welten weißt, solltest du mal darüber nachdenken, ob unser klassisches philosophisches Wissen jetzt überhaupt noch stimmt…

 

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