Wo sind wir gelandet? Haben Sisyphosse das Sagen? Durchleben wir den Exodus?

Ich stelle eine Beobachtung voran: der Ökonomie, die ursprünglich dem Menschen bei der Deckung seiner Bedürfnisse unterstützen soll, ist es binnen 2 Generationen gelungen, den Spieß umzudrehen und den Menschen für sich einzuspannen. Statt dem Menschen steht heute die wachstumsideologisierte Ökonomie im Zentrum. Diese Umkehr zerrüttet nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern zersetzt auch unseren Planeten. Die Wachstumsfalle klappte zu, das Finanz- und Wirtschaftssystem ist entglitten, aus Gestaltern wurden Getriebene mit der typischen Folge, dass sie und mit ihnen ganze Nationen den sog. “Zwängen” wie hypnotisiert hinterherrennen.

Dieser Umkehrungsprozess geschieht nicht heimlich, nein, er läuft vor aller Augen ab. Das Schrankenlose fasziniert, begeistert, blendet und expandiert exponentiell analog zum mit Sicherheit todbringenden Zinseszinssystem. Selbst die gerühmte und sich selbst rühmende „freie“ Presse reduziert sich scheuklappentragend auf das Feiern und gebetsmühlenartige Absingen der Ode an das Wirtschaftswachstum. Wer so im Rausch von Wachstumsparanoia liegt, gestaltet nichts mehr.

Unzählige Bestrebungen weltweit bedeutender Köpfe und Organisation haben es über Jahrzehnte, besonders nach den Ereignissen vom 11. Sept. 2001 in den USA, nicht vermocht, einen Fuß in die Tür des Wachstumswahns zu stellen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, den Menschen wieder in das Zentrum zu rücken. Doch jüngst kam aus der Mitte, maßgeblich durch Fridays for Future, Extinktion Rebellion, Greenpeace, ATTAC und anderen Bewegung in die Sache. Seitdem vertieft sich das Detailwissen zu den Problemfeldern enorm und regt die Menschen an, nicht nur Ideen zu entwickeln, sondern auch selbst sein Scherflein bis zur Selbstkasteiung zur Verbesserung der Situation beizutragen.

Die internationalen (wirtschafts-)politischen Systeme zeigten sich auf dem Weltklimagipfel in Madrid im Herbst 2019 unbeeindruckt und heizen sich unbeirrt weiter auf. Die intensive Vernetzung der Globalwirtschaft wirkt hier wie ein Schutzschild. Die nationalen regierungspolitischen, kurzgedachten Aktionismen bescheren Wirtschaft und Wissenschaft unerwartet einen Geldsegen, entpuppen sich gleichzeitig als teure Flickschusterei mit Bumerangeffekt. Emotionen schlagen hoch, Klima, Umwelt, Artenaussterben und andere lebensessentielle Felder sind nicht nur geduldete Nebenschauplätze, sie schrauben staatliche Subventionen für Industrien, in denen sich Regierungen häufiger selbst wirtschaftlich betätigen (ein Schlag ins Gesicht Erhardscher und anderer großer Denker zum Staatsaufbau), weiter hoch. Wirtschaft und Politik nutzen die Gunst der Stunde der Kritik, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, die Menschen in Verblendung zurückzulassen und weiteres Wachstum und Profit zulasten aller zu generieren.

 

Wie ist das in einer vermeintlich aufgeklärten Zeit möglich?

Parolen wie “Der Kapitalismus zerstört unseren Planeten” und die verbreiteten Ressentiments gegenüber der “Wirtschaft” sind zwar griffig und emotional verständlich, schütten aber das Kind mit dem Bade aus. Es mangelt den Menschen schlicht an Grundwissen zu Wirtschaft und deren relevanten Systemen – nicht nur in der breiten Masse, erschüttenderweise auch unter Entscheidungsträgern von Wirtschaftsorganisationen wie bspw. der IHK. (persönliche Erfahrungen)

Wirtschaft gehört zum Menschen wie die Liebe. Beide bereichern das Leben, beide können sich prostituieren. Um im Bild zu bleiben: Was die Wirtschaft betrifft, lehnte Erhard deren vorherrschende Prostitution und Zuhälterverhältnisse, die besonders die spekulationsdurchsetzten, von der Realwirtschaft abgekoppelte Finanzmärkte betreffen, ab und setzte ein System in die Praxis um, das am Menschen orientiert ist und als “Soziale Marktwirtschaft” nicht im wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern in der Lebenswirklichkeit Karriere machte. Das Problem ist folgedessen nicht der Kapitalismus an sich, sondern dessen Ausgestaltung.

Wer sieht, wohin die Fäden hinter als eigenständig gewähnten Konflikte und Vernichtungen führen, erkennt die Notwendigkeit, das System zu ändern. “Change the System, Not the Climate” findet sich hin und wieder plakativ in Demonstrationen.

Die Folgen desaströser, im Hintergrund wirkender Wirtschaftspolitik, finden sich in allen Lebensbereichen:

  • die den kleineren Mittelstand erwürgenden Methoden, namentlich überbordendes staatliches Handeln im Sog der Wirtschaft, die immer mehr Betriebe, Arztpraxen und andere Dienstleister hinrafft – sei es durch Betriebsaufgaben, sei es, dass sich aufgrund des jahrelangen Miterlebens wachsender obrigkeitlicher Fremdbestimmung keine Nachfolger aus eigenen Reihen mehr finden.
  • Erhards Herzensangelegenheit “Europa”, von der sich kaum mehr etwas findet außer dem von ihm vorhergesehenen Zank, Streit, Zerwürfnisse und im Fieberwahn einer Wachstumsmanie zunehmende Preisgabe von Werten, die in Europa so vielfältig gewachsen sind; ein Schicksal, das auch andere gesellschaftstragende Bereiche teilen.
  • Das Grundgesetz wurde 2019 aufwändig zu “70 Jahre Erfolgsgeschichte” gefeiert. Profund recherchiert zeigt sich, dass den 40 guten mit der sog. “Wende” 30 belogene Jahre mit entwürdigenden Entwicklungen besonders im Osten folgten.

 

Immer wieder bieten sich Gelegenheiten, z.B. anlässlich der fortschreitenden Identifikationsabkehr vom Staat oder kapitelübergreifend die inzwischen bis vor die Haustür erfahrbare verkorkste Diskussionskultur, Hinweise einzustreuen, die aus den Sackgassen zu führen geeignet sind und nicht die in Medien gern verbreitete unselige, Hoffnung erstickende Sicht eines “zerrissenen Landes” zu übernehmen. Hier liegt mir vorrangig am Herzen, den Westen auf die Fährte nachdrücklich zu den Menschenbildern des von Albert Schweitzer inspirierten Ludwig Erhard und Rudolf Steiners zu setzen; denn beide öffnen die Augen für die Ursachen und bringen somit wertvolle Lösungsangebote zum Vorschein. Man muss sie nur nutzen. Dem Osten blieb bis zum Mauerfall die Hoffnung, nach der Wende ging sie verschütt, aber nicht verloren.

Im Laufe der Jahrhunderte haben unterschiedlichste Wirtschaftssysteme Auf- und Niedergänge erfahren; der Kapitalismus hat sich als belastbarste Grundidee ausbreiten können. Doch innerhalb dieser Idee könnten die Unterschiede der daraus entwickelten Modelle nicht widersprüchlicher sein! Die Zäsuren durch beide verlorenen Weltkriege und der zerstörten Wirtschaft öffnete 1946 ein Fenster, das es Erhard ermöglichte, weltweit einmalig eine Soziale Marktwirtschaft aufzubauen. Doch um die Insel ‘Bundesrepublik’ herum dümpelten einerseits Planwirtschaftssysteme, andererseits strebte ein Wirtschaftsliberalismus auf, dem im zügellosem Profitstreben Rücksichtnahmen auf den Menschen fremd sind. Erhards ethikgebundenes Wirtschaftssystem erfuhr bald international höchste Anerkennung und bewährte sich wiederholt in schweren Krisen.

Falsch verstandene Signale und der narzisstische Drang, globalpolitisch aufzusteigen, veranlasste die deutsche Politik Mitte der 60er Jahre zur Rückkehr zu archaischen, schnellen und satten finanziellen Reichtum (zulasten anderer) ermöglichenden Konzepten. Unter Beibehaltung der renommierten Erfolgsmarke “Soziale Marktwirtschaft” galt ab 1967 eine neue, jetzt weitgehend neoliberale Wirtschaftspolitik – ein verantwortungsloser Etikettenschwindel ohnegleichen.

Wohin die unkritische und leichtgläubige Marktvergötterung der letzten Jahrzehnte führte, zeigen die immer deutlicher werdenden Konturen unterschiedlicher Katastrophenszenarien, die ob ihrer Fülle nur angedeutet werden: Sie sind nicht mehr akademische und digitale Modelle von Szenarien wie einst, sie sind inzwischen analog sicht- und spürbar. Allein über Zeit und Ausmaß wird noch gestritten, seitens Politik und Wirtschaft die Illusion vorgebend und ihr verfallen, immer noch Herr der Lage zu sein. Ungeheuerlich. Diese tatsächliche Ohnmacht betrifft nicht nur die Überlebensgrundlagen im Bereich der Grundversorgung/Lebensmittel, nein, sie findet sich viel unmittelbarer im Bereich der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz.

Entgegen dem Credo Erhards und der jungen Bundesrepublik, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen solle, muss heute der Mensch in einem Maße der Wirtschaft dienen und sich ihren Interessen mithilfe des Staates unterordnen, das historisch ohne Beispiel ist. Die modernen Technologien sind so faszinierend, dass der geblendete Mensch seine Versklavung in nie dagewesener Breite durch alle Schichten hindurch sogar feiert und sich ihr gar andient. Noch sind hierzulande wenige betroffen, weil die Hardware fehlt und oft auch noch Skrupel bestehen. Doch China zeigt, wo es langgeht. Dieser Entwicklung, dass hiesige “Ehrenleute” aus niederen Beweggründen um eines Geschäftes willen jedwelche ethische Skrupel vorsätzlich hinter sich lassen, widme ich mich als Unternehmer ausführlich und zitiere vollumfänglich die ebenso mahnende wie zukunftweisende „Berliner Rede“ des Bundespräsidenten Johannes Rau an die deutschen Eliten.

Ludwig Erhard, der als Rebell fast staatsstreichhaft in der Um- und Aufbruchsphase der gerade geborenen Republik sein ethisch basiertes Wirtschaftsmodell auch an den US-Vorgaben vorbei implantierte, hat vor über zwei Generation die Desaster auf allen Gebieten kommen sehen, die heute täglich die Nachrichten füllen. Dies sollte uns Mut machen, einen radikalen Umschwung gegenüber offen zu sein und einzuleiten.

Deutschland könnte zum Vorreiter werden, dem andere folgen und Impulse für ein Europa setzen, das sich von dem Komplex befreit, sich an den USA oder China messen zu müssen.

Wer in der Welt etwas nachhaltig verändern will, muss die tatsächlichen Ursachen in den Fokus nehmen. Doch wer die Wirtschaftswelt und -politik verändern will, muss sie als Erstes besser verstehen.

Mir geht es darum, die Augen zu öffnen, das Gemeinwohl in Politik und Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt ökonomischen Denkens und Handelns zu stellen. Nicht ein Mehr an Worten und unzähligen Schriften führen zum Ziel, sondern überfälliges Tun. Das Buch “Ludwig Erhards Apokalypse – ein Glücksfall” mit seinen Betrachtungen zum gegenwartsverantwortlichen Umdenken und Umhandeln macht die überwiegend miss- und unverstandene und deshalb 1967 gestürzte Politik Erhards verständlich und lässt die vorsätzlich verborgen gehaltenen oder geschickt verschleierten Zusammenhänge und Verflechtungen der vorhersehbaren Übelstände sichtbar werden. Trotz klarer Worte wird der Leser die Zielsetzung des Buchs erkennen: nicht Verurteilung und Besserwisserei, sondern Erhellung zugrundeliegender Mechanismen und Mut zu wagemutiger Veränderung.

 

Literatur

Busse, Paul: Ludwig Erhards Apokalypse – ein Glücksfall: Betrachtungen zum gegenwartsverantwortlichen Umdenken und Umhandeln, Freiburg 2019.

 

Der Autor

Paul Busse

Paul Busse, geb. 1949, ist seit seiner Ausbildung selbständiger Unternehmer. Er begründete in 1976 als Naturheilkundler einen Kurbadebetrieb und setzte im öffentlichen Saunabadewesen im Bereich der Technik und Ressourceneinsparung sowie neuer Nutzungsqualitäten Maßstäbe, die heute Standard sind. In 2012 erweiterte er seinen Betrieb um ein Hostel.

Aufgewachsen auf einem schon in den 50er Jahren international besuchten Campingplatz waren multikulturelle Erfahrungen das Normale. Den Schulsprachen Englisch und Französisch folgte in seiner Hotelfachausbildung Spanisch. Noch vor seinem Staatsexamen zum Masseur und med. Bademeister nahm er in Freiburg das Medizinstudium auf und belegte parallel Russisch und später Chinesisch. Dank der Sprachen konnte er sich in diesen Ländern frei bewegen und unmittelbarere Einblicke in kulturelle Andersheiten gewinnen.

Auf dem Wirtschaftsgymnasium engagierte er sich für Wirtschaftsthemen und pflegte diese u.a. in ehrenamtlichen Engagements in der Kammer wie in Berufsverbänden. Als Naturheilkundler beschäftigt ihn vorrangig die Frage des Nutzens der Wirtschaft für den Menschen und die Wertschätzung des Maßhaltens.

 

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