Was heißt für euch “schön”, was “Wirklichkeit”? Könntet ihr euch vorstellen, ausschließlich in einer virtuellen Welt zu leben? Worin unterscheiden sich die beiden Welten oder gehören sie schon immer zusammen, existiert überhaupt nur eine Wirklichkeit? Was bedeutet das Träumen in diesem Zusammenhang? Diesen Fragen stellte sich Paul Sabisch (Klasse 10, Gabriel von Seidl Gymnasium), im Rahmen der PhilosophieArena 2022. Lesen Sie hier den von der Jury prämierten Text.

 

Der moderne Mensch lebt seit 300.000 Jahren auf der Erde, dem 4. Planeten im Sonnensystem, welches selbst nur ein kleiner Teil der Milchstraße ist, welche wiederum nur ein kleiner Teil des Universums ist. Für Jahrtausende schauten wir zu den Sternen hinauf und seit der Mondlandung, scheinen sie zum Greifen nahe. Wir sehen unsere Zukunft dort oben. Manifestiert durch Star Trek und Wars sind reisen durch Zeit und Raum ein beliebter Traum geworden und noch heute erfreuen sich Geschichten dieser Art großer Beliebtheit. Doch spätestens seit dem Siegeszug der Computer hat sich eine neue Alternative herauskristallisiert.

VR, Virtual Reality beschreibt eine Welt im virtuellen Raum. Diese Technik existiert bereits, ist aber größten Teils ein Nischenprodukt, welches zudem teuer und unkomfortabel ist. Zur Benutzung setzt man sich eine Brille von beachtlicher Größe auf und hält zwei Joysticks in den Händen, mit welchen man sein Handeln im Virtuellen Raum steuert. Doch dies ist recht Ressourcen raubend und benötigt eine Menge Rechenpower, welche der durchschnittliche Konsument meist nicht aufbringen kann oder will, entweder weil die ihm dargebotenen Welten nicht seinen Vorstellungen entsprechen, sie qualitativ nicht an das erdachte Niveau herankommen oder schlicht weg das Geld fehlt. Nun, dies wirft natürlich die Frage auf, wie viel Zukunft diese Technik überhaupt hat. In diesem Falle ist zu entgegnen das VR gerade noch in den Kinderschuhen steckt und erst mit Zeit und Forschung zu einer wahren Alternative zu unseren eigenen “tristen” Leben heranwachsen kann. Unvorstellbar, mag da ein mancher sagen, doch Tech-Giganten wie Facebook/Meta setzen genau auf jene Zukunftsvision. Mark Zuckerberg, seinerseits CEO von Meta spricht über das “Metaverse” welches er aufbauen will. Ein Ort, an dem jeder mit jedem vernetzt ist und man mit einem Fingerschnippen von einer Basis im Erdorbit zu den wogenden Wellen des Pazifiks reisen kann. Sein Geschenk an die Menschheit. Philanthrop Mark Zuckerberg plant großes und wir dürfen alle teilhaben an echtem Visionärstum. Wie sich das Metaverse refinanzieren soll und ob es wirklich erstrebenswert ist, das Meta, Besitzer der Internetseite Facebook, die Kontrolle haben soll, ist schwer zu sagen. Wenn man aber neusten Leaks einer Whistleblowerin Glauben schenken darf, ist Meta mit Moral und Ethik so vertraut wie ein Ukrainer mit dem Schussverhalten einer AK-47 welche er notgedrungen zu benutzen hat.

Aber ich schweife ab.

Die eigentliche Frage ist nicht wird Virtual Reality kommen, sondern wie. Ich glaube in erster Linie nicht an die komplette Verlagerung ins Digitale. Vermutlich wird Argumented Reality zunächst um einiges Erfolgreicher sein. Zum Beispiel mit der Hilfe von Smart Glasses oder Kontaktlinsen welche zusätzliche Informationen zu den im Sichtfeld befindlichen Orten oder Objekten geben können. Dies würde die Reale mit der Virtuellen Welt verknüpfen und wäre, hingegen zur Komplett Virtuellen Welt eine angenehme Zwischenlösung die einen Kompletten Ausschluss von Einzelindividuen, welche sich gegen den Wandelstreben könnten, und der “neuen Welt” entsagen, verhindern. Doch alles könnte ganz anders kommen.

Es könnte sich um einen weitaus gravierenderen Wandel handeln, bei welchem wir die Irdische Welt hinter uns lassen, durch Künstliche Intelligenz unser Fortbestehen sichern und eintauchen in einen komplett künstliche Ort, welcher uns nach und nach unsere Wurzeln vergessen lässt, bis sie nur noch ein blasser Schimmer in den tiefen der Datenbanken der endlosen Serverreihen, welche zwischen den lebenserhaltenden Kapseln für unsere verlassenen Körper thronend, den Planeten zieren. Der eigene Leib wäre dann nur Biomasse, welche von robotischen, selbst denkenden Maschinen, versorgt werden würde währender der Geist frei von Immobilität durch die weiten, grenzenlosen, physikalisch unmöglichen Steppen schwebt.

Doch wenn alles programmiert ist, kann man noch überrascht werden, kann man noch beeindruckt werden und kann man wahre Schönheit noch vernehmen, wenn alles Existierende, und teilweise vielleicht auch der Geist selbst, auf geschriebenem Code und seinen Grenzen basiert. Doch ist wahre Schönheit vielleicht genau das. Das perfekte Ineinandergreifen der Zahnräder eines übergeordneten Systems welche reibungslos ein zu erwartendes Endprodukt erzeugen welches vor Vollkommenheit wie ein heller Stern am Firmament strahlt. Schönheit ist dann einfach ein anderes Wort für Welt oder jene Realität, welche wir erschaffen haben und dessen Betrieb wir ausgelagert haben, an weitaus fähigere Kommandeure die automatisch optimieren und verbessern, losgelöst von jeglicher menschlich pfuschenden Hand. Oder sind es die Makel, das unvorhersehbare welches uns und die Natur so einzigartig macht. War es nicht genau diese Imperfektion, die das Leben in der Trüben Ursuppe erst möglich machte. Ist es nicht der Wandel verursacht durch Probleme und Hürden für die kleinsten Organismen welche als Grundlage allen seins und des auf unserem Planten wandelnden Geschöpfe, dienen. Ginge nicht all jenes verloren. Ist wahrer Zufall programmierbar. Wie implementiert man physikalische Gesetze, welche wir selbst kaum verstehen. Wie kann man freien Willen bewahren. Sollte man die Organische Basis, welche wir als Grundlage unseres Verständnisses von “Ich” und “Individuum” anerkennen überhaupt hinter uns lassen. Ist das Gehirn wirklich nur Vehikel zu wahrer Größe. Werden wir irgendwann amüsiert auf unsere von Naivität geprägte Philosophie zurückblicken und entzückt, ausgelassen, darüber herziehen, wie falsch man doch lag. Vielleicht werden wir als Gottgleiches, im wahrsten Sinne des Wortes, aus den “Clouds” herabblickendes Wesen unsere eigenen kleinen Wirklichkeiten steuernd, die Schranken stellend zusehen, wie sich intelligent Kreaturen dieselben Fragen stellen wie wir heute. Vielleicht sind wir diese wuselnden Geschöpfe, welche nur darauf warten zu selber Größe wie ihre Erschaffer heranzuwachsen. Es ist doch interessant wie weit man einen Gedanken Spinnen kann.

Doch nimmt einem der Glaube daran das wir schon jetzt Teil einer Simulation, einer Virtuellen Welt, nicht jede Hoffnung auf wahre Entfaltung. Wenn unser Verständnis von Leben nur einer Wissbegierigen Alien Zivilisation dient. Und könnten wir nicht VR als Arche verstehen. Als Zufluchtsort frei von all den Bürden des Lebens in der “Realität”, und den Einschränkungen welche uns durch die Naturwissenschaften vorgehalten werden. Wäre es nicht unbeschwerter. Der Preis für die Möglichkeit endlich in Frieden ruhen zu können, frei von all den Fragen nach dem sein, ist hoch, doch mit wachsender Intelligenz, welche den Unruhigen Geist weiter anschürt, vielleicht unvermeidbar. Und ist es nicht genau das wonach wir uns sehnen. Ward es denn nicht schon in der Bibel beschrieben. Das Paradies, geraubt durch Vernunft und Verstand, welche uns der Baum der Weisheit schenkte, der Ort nach dem Tod. Der Ort der Rast. Man kann von Bibel und Religion vieles halten, doch ist es schon eine romantische Vorstellung endlich anzukommen, nach einer langen Exkursion im Lande des Seins.

 

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