Die Preisverleihung des Schülerwettberwerbs 2020 der Philosphie-Arena fand am 07. Mai 2021 statt. Ende letzten Jahres beschäftigten sich die jungen PhilosophInnen mit der Frage “Was bedeutet die Corona-Krise für unser künftiges Zusammenleben?”. Einen besonders herausragenden Essay möchten wir Ihnen hier vorstellen: “Die Macht der Menschlichkeit – wie Corona uns wachrüttelte” von Maja May aus der Q4 des Burggymnasium Friedberg.

Menschen sind verunsichert. Wie sollen wir uns verhalten? Wem können wir glauben? Und was bedeutet Moral in Zeiten von Corona? Ungewissheit, Ratlosigkeit und Sorge prägen unseren Alltag seit Beginn der Corona- Pandemie, welche in ihrer anhaltenden Symptomatik die Verwundbarkeit unseres Gesellschaftssystems deutlicher zutage gefördert hat als je zuvor. Globale Prozesse kommen zum Erliegen, der Lock Down zwingt ganze Konzerne in die Knie, eine Verlagerung von Prioritäten wird unabdingbar.

Eine Demut erfasst den Menschen, der sich im Tunnelblick des Fortschritts und im Glauben der Unantastbarkeit seiner Handlungsautonomie den Gesetzen der Natur schlussendlich fügen musste. Mit Corona stirbt die Illusion einer berechenbaren Welt unter der Kontrolle des Menschen, während dieser sich infolge seiner körperlichen Versehrtheit wieder als zerbrechliches und sterbliches Wesen innerhalb eines übergeordneten Kreislaufs zu begreifen gezwungen ist. Vorbei ist das Vertrauen in die Überlegenheit menschlichen Intellekts und Kapital als Garant für Lebensqualität. Uns wird die naturale Abhängigkeit unseres Daseins bewusst, welche wir seit dem Zeitalter der Industrialisierung durch technische Innovationen und die Erschließung ungeahnter, medizinischer Möglichkeiten zu kompensieren suchen.

Entgegen der Vision einer musterhaften Zukunftsmatrix auf Basis berechenbarer Algorithmen und menschlicher Vormachtstellung muss der Mensch sich mit einer grundlegenden Unsicherheit abfinden, die er in einer Welt des digitalen Wandels und dem Glauben an Planmäßigkeit mehr als alles andere zu fürchten gelernt hat. Ist die Coronakrise in dem Zusammenhang als ein Warnruf zu verstehen, welcher als Spiegel der Selbstreflexion den Rationalisierungsprozess des 21. Jahrhundert als den sicheren Weg in eine gewissenlose Gesellschaft der Optimierungsmentalität markiert?

Mit dem Einstieg in künstliche Intelligenz mag sich der Mensch einer Utopie des evolutionären Triumphs über naturgeschaffene Materie hingegeben haben, die sich nun jedoch im Angesicht eines, unscheinbar klein wirkenden Krankheitserregers, als nicht tragfähig erweist. Plötzlich sind es nicht mehr die Parallelen zur funktionellen Maschine, über welche sich der Mensch definiert, als vielmehr seine Anbindung zur Tierwelt und die damit verbundenen Wechselbeziehungen.

Der Krisencharakter von Corona bedingt sich nicht zuletzt durch die, von der Gesellschaft zu lange geübte Verdrängung unabänderlicher Umstände wie des Alterns, der eigenen Schwäche und dem Tod als tabuisierter Inbegriff der menschlichen Ohnmacht. Tatsächlich scheint die Pandemie erstmals eine Mehrheit der Bevölkerung dazu gebracht haben, sich mit diesen existenziellen Grundlagen intensiv auseinanderzusetzen und die, hinter einer Fassade solider Alltagsstrukturen brodelnde Angst vor Kontrollverlust, gebührend wahrzunehmen. In den Reaktionen unserer Mitmenschen und den unseren wird deutlich, wie ungewohnt jene Art der Verarbeitung von Emotionen für eine modernisierte Gesellschaft geworden ist.

Die ständige Verfügbarkeit technischer Lösungsstrategien hat in diesem Zusammenhang viele Menschen blind gemacht gegenüber der Verantwortung des eigenen Handelns und der achtsamen Wahrnehmung tiefer liegender Bedürfnisse. Streit im Supermarkt um begrenzte Verfügbarkeiten, monatelange Isolation verängstigter Risikopatienten in der eigenen Wohnung, scheinbar kleinkarierte Diskussionen über vermeintliche Maßnahmenverstöße und Verschwörungstheorien als ein Ventil zur Feindbildkonzeption geben in diesem Zuge Einblick in die Abgründe verschiedener Selbstschutzmechanismen.

Doch fördert Corona auch Werte der Rücksicht und Kooperation zutage, selbst wenn sich diese in einer paradoxen Art und Weise Ausdruck äußern. Abstandhalten und Social distancing als Ausdruck von Loyalität, sowie die Bereitschaft, mit unserem Verhalten spezielle Risikogruppen zu schützen hält uns einerseits die bewundernswerte Tragweite eines Kollektivdenkens vor Augen, scheint jedoch gleichzeitig in einigen Kreisen zur fragwürdigen Annahme verleiten, ein Lächeln könne bereits Corona übertragen und sei daher ebenso aus der zwischenmenschlichen Kommunikation zu streichen, wie potenziell ansteckende Gesten der Höflichkeit.

Abgesehen davon können wir für die Zukunft insbesondere die rege Anteilnahme an der Lebensgrundlage anderer Generationen als ein wertvolles Paradebeispiel der Achtsamkeit benennen, an welche umgekehrt in der “Fridays for Future”- Bewegung seitens junger Menschen so nachdrücklich appelliert wird. Es ernüchtert jedoch die Ambivalenz jener gefeierten Solidarität, die vordergründig und je nach Grad der Betroffenheit doch sehr funktionell begriffen wird und der im Gegenzug die, in vielen Ländern Einzug haltende, Abschottungspolitik und Eigennutzmentalität gegenübersteht.

Zweifellos kann die Einsicht, mit dem eigenen Handeln Teil des Ganzen zu sein und die Unterordnung von Eigeninteressen zum Wohle unserer Mitmenschen in der Theorie  Hoffnung auf einen Wendepunkt innerhalb der individualistisch geprägten Lebenseinstellungen vieler Menschen wecken und die Notwendigkeit eines Miteinanders hervorheben, das sich im globalen Kontext als unverzichtbar erweisen wird. Überdies gibt der konstruktive Umgang mit der Pandemie Beleg dafür, dass der Erfolg einer Krisenintervention  sich vorrangig durch die Abänderung von Verhaltensformen und Perspektiven bedingt und nicht etwa mit der Abwälzung von Verantwortung auf technische Systeme einhergeht, worauf derzeit noch viele Politiker in der Bewältigung der Klimakrise plädieren.

Ausschlaggebende Grundlage für die Prävention weiterer Corona- Infektionen bildete in erster Linie die vom Menschen veranlasste Verlagerung von Prioritäten und die darauffolgenden restriktiven Maßnahmen seitens politischer Entscheidungsträger, was den Fokus zurück auf die menschliche Willenskraft als richtungsweisendes Element gesellschaftlicher und politischer Veränderungen lenkt. Digitale Formate haben das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt zwar in vielen Aspekten entlastet, sich jedoch dabei in ihrer untergeordneten Rolle als klar definiertes Werkzeug des Menschen bewiesen.

Tatsächlich birgt genau jene Erkenntnis ein ungemeines Potenzial in Anbetracht weitaus komplexerer Herausforderungen der Zukunft. Es ist unumstritten, dass nur ein neuer Orientierungsrahmen innerhalb der Bevölkerung und der Politik der Problematik einer wachsenden Konsumgesellschaft und des damit verbundenen Raubbaus an Ressourcen und den hohen CO2- Emissionen gerecht werden kann. Ganz gleich, inwiefern intelligente Computersysteme sich in den letzten Jahren entwickelt haben – sie nehmen in ebenso geringen Maße Einfluss auf die Auswirkungen des Klimawandels, wie dies im Falle einer Abflachung der Infektionskurve der Fall war.

Letztendlich steht der Mensch allein in der moralischen Pflicht, sich selbstständig und konstruktiv mit den Phänomenen der Gegenwart auseinanderzusetzen, worauf sich eine breite Masse der Bevölkerung im vergangenen Jahr rückbesinnen konnte.

Des Weiteren konnte die, mehr oder weniger unfreiwillig vonstattengegangene Entschleunigung des Alltags, insbesondere in familiärer Umgebung die vermeintliche Wechselbeziehung von Lebensqualität und Leistung ein Stück weit auflockern und der Definition von Glück und Reichtum eine Vielzahl neuer Bestimmungskriterien anfügen, zu denen unter anderen interfamiliäre Beziehungen als Quelle der Kraft und Zuversicht gehören, sowie der Wert konventioneller Freizeitbeschäftigungen ohne einen erkennbaren Nutzen dahinter. Ein damit einhergehender Konsumverzicht auf verschiedene Güter und Dienstleistungen aufgrund der Einschränkungsmaßnahmen kann aus aktueller Sicht nicht nur als eine längst überfällige Aussetzung des Wachstumszwang zugunsten der Umwelt betrachtet werden, er birgt zudem das Potenzial einer bewussten Wertschätzung begrenzter Güter und der Wiederbelebung von Beziehungselementen als Grundgerüst genügsamer Zufriedenheit.

Die Kontroverse jenes Phänomens zeigt sich jedoch auf anderer Ebene in der unangefochtenen Vormachtstellung physischer Gesundheit in der Prioritätsskala der Menschen, denen die zum Teil monatelang andauernde Quarantäne vereinsamender Rentner ein annehmbarer Preis für die Entlastung des Gesundheitssystems zu sein scheint, ohne dabei die determinierten Langzeitfolgen sozialer Isolation auf mentaler Ebene in nennenswerter Weise mit einzuberechnen. Bedingt ein gesunder Leib denn wirklich die gesunde Seele und ist der Tod tatsächlich die menschenfeindlichste Bedrohung innerhalb unseres Erfassungshorizonts?

Oder kann die soziale Abkapselung von Menschen als proklamierte Überlebensstrategie im Unterbewusstsein nicht viel mehr Schaden anrichten, als es die Konfrontation mit körperlichen Gebrechen vermag, deren Abschreckungswirkung sich maßgeblich durch Pathologisierung und Entwöhnung von natürlichen Vorgängen in den letzten Jahrzehnten verschärft hat? Die Lehren aus der Corona Krise lassen sich nicht als einheitlicher Wegweiser einer vielversprechenden Zukunft darstellen. Es sind neu aufgeworfene Fragen, deren Ursprünge in Kategorien existenzieller Natur liegen und die uns die Möglichkeit bieten, mit den gewonnenen Erfahrungen im Gepäck neue Antworten zu entwickeln. Ein allgemeines Umdenken kann nicht nur auf individueller Ebene unglaublich heilsam wirken, sondern auch wichtigen Einfluss auf Teilbereiche der Weltpolitik nehmen und in diesem Zusammenhang die Weichen für ein anderes Globalisierungsverständnis stellen.

Internationale Kooperation und ein weltweites Solidaritätsgefüge, das Menschenwürde dem kommerziellen Wettbewerb überordnet – ein neuer Leitstern der Gesellschaft, die sich wirtschaftlich wieder regionalisiert, aber im Sinne der Menschlichkeit vereint ist und gegebenenfalls auch interaktiv agieren kann? Wann, wenn nicht jetzt, ist die Gelegenheit sich gemeinsam gegen die Wiederherstellung eines Rhythmus zu erheben, der auf lange Sicht unseren Planeten zerstört und unsere Vorstellung von Moral gleich dazu? Wir sind von Natur aus Wesen, denen die Gemeinschaft und das Streben nach Glück ein Grundbedürfnis ist, viel mehr als es der grenzenlose Wunsch nach Profit und Effizienzsteigerung jemals zu sein vermag.

Vielleicht ist es gerade diese Verwechslung, aus welcher heraus wir Covid-19 als ungebetene Planabweichung einen so gravierenden Charakter beimessen. Schließlich haben wir Jahrzehnte mit dieser Art der Selbstentfremdung verbracht und die Pandemie ist möglicherweise nichts anderes, als ein Weg zurück zu den Wurzeln der Menschlichkeit.

Zweifellos stützt sich diese optimistische These nicht ausschließlich auf positive Nebeneffekte. Wir bangen um unsere Großeltern, unseren Job und unsere Zukunft – die Ungewissheit spaltet Gesellschaftsgruppen und fördert in totalitären Staaten zum Teil unreflektiertes, egoistisches Verhalten auf Kosten der Zivilbevölkerung. Jedoch dürfen Resignation und Pessimismus nicht die Grundelemente sein, auf die wir unseren Zukunftsglauben bauen wollen. Zuversicht, intrinsische Motivation zur Veränderung und die Akzeptanz einer grundsätzlichen Unberechenbarkeit verschiedener Vorgänge könnten den Beginn einer Zeit einläuten, in der wir unseren tatsächlichen Lebensgrundlagen wieder näher kommen und Qualität nicht mehr prinzipiell an Quantität messen.

Es bleibt abzuwarten, ob sich in einer transparenten Krise wie des Klimawandels auch eine Bereitschaft zur Abkehr von destruktiven Verhaltensmustern und die Solidarität der breiten Masse manifestieren wird, deren Grad an Betroffenheit im Unterschied zu einer viralen Bedrohung primär von wirtschaftlichen und geografischen Umständen abhängig sein wird. Trotz aller Bedenken scheint der Gedanke tröstlich, sich nicht nur mit einer Vielzahl neu erprobter, alternativer Markt- und Kommunikationsmodelle im Hinblick auf den bevorstehenden Strukturwandel gewappnet zu sehen, sondern auch mit dem zentralen Bewusstsein existenzieller Abhängigkeiten und den Grenzen einer Wachstumsgesellschaft, die Sensibilität im Umgang mit Ressourcen und die Fähigkeit zur Empathie unseren Mitmenschen gegenüber kategorisch ausschließt.

Schlussendlich ist die Floskel einer Chance in ihrem Dasein durchaus berechtigt und wir als Gesellschaft stehen an einer, sich nun deutlich abzeichnenden Weggabelung, die politische und individuelle Entscheidungen fordern wird – kehren wir um in eine etablierte Komfortzone ohne Langzeitbestand  oder nehmen wir nun endlich Kurs auf einen mutigen Aufbruch in eine Ära des Umschwungs, die Angst und Ungewissheit auf der einen Seite bereithalten mag, auf der anderen Seite jedoch utopische Ausblicke auf eine glanzvolle Zukunft unserer Welt verspricht?

 

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