Eine neue Studie des KICG und weiteren Kooperationspartnern konnte sechs „Compliance Essentials“ ermitteln, die für die Angemessenheit, Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit von Compliance Management Systemen unerlässlich sind.

Ein Rüstungskonzern steht wegen angeblich unsauberer Geschäftspraktiken unter Beschuss, ein Pharmakonzern versucht, sich durch illegale Preisabsprachen auf dem Markt einen Vorteil zu erschwindeln, ein Verlag soll mit gezielten Fehlinformationen seinen Aktionären geschadet haben. Hätte es bei einem funktionierenden Compliance-System dazu kommen können? Schwer vorstellbar. Doch was zeichnet ein funktionsfähiges Compliance-System aus? Dieser Frage ist das Konstanz Institut für Corporate Governance (KICG) mit Unterstützung der internationalen Sozietät Taylor Wessing und zehn weiteren Projektpartnern in einer Studie nachgegangen. 97,3 Prozent der befragten Experten aus den Bereichen Behörde, Unternehmen, Kanzlei, Non-Profit-Organisation, Wissenschaft und Beratung sind dabei der Auffassung, dass ein starker Zusammenhang zwischen der Führungskultur und der Wirksamkeit eines Compliance-Systems bestünde, so eines der zentralen Ergebnisse der Befragung. Ebenfalls an die Unternehmensleitung adressierten 93 Prozent der Befragten die Erwartung, dass dort eine kontinuierliche Risikoanalyse (z. B. Unternehmenszukauf, Eintritt in neue Märkte) stattfände. Die Mitarbeiter kommen bei dem Thema „Compliance-Schulungen“ ins Spiel: 86,5 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass – unabhängig von der Unternehmensgröße – eine regelmäßige informelle Schulung (z.B. in Teammeetings) der Mitarbeiter durch die Führungskräfte oder den Compliance-Beauftragten zu Compliance und Integrität anhand von Alltagsbeispielen durchgeführt werden solle.

„Die Ergebnisse der Studie unterstreichen den Ausspruch ‚Der Fisch stinkt immer vom Kopf‘. Compliance, da sind sich die Experten einig, ist ein Thema, das in den Führungsetagen der Unternehmen vorgelebt werden muss“, erläutert Dirk Lorenz, Anwalt bei Taylor Wessing und Spezialist in den Bereichen Corporate Governance und Compliance eines der Kernergebnisse der Studie. „Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, die Mitarbeiter für das Thema zu sensibilisieren. Die Studienergebnisse helfen uns nun, unsere eingeschlagenen Beratungspfade zu überprüfen und gegebenenfalls zu justieren“, so Lorenz weiter.

„Ein perfektes, lückenloses Compliance-System gibt es nicht“, ist sich Stephan Grüninger, Direktor des KICG, sicher. „Doch es gibt wichtige Stellschrauben, die sich die Verantwortlichen immer wieder vor Augen führen sollten“, mahnt Grüninger, „und diese fassen wir in der vorliegenden Studie ‚Compliance Essentials‘ konzise zusammen und zeigen damit die wesentlichen Faktoren auf, die für die Bestimmung der Angemessenheit, Effektivität und Glaubwürdigkeit von Compliance-Systemen elementar sind.“

Sechs Anforderungen an ein gelebtes Compliance-System (abgeleitet aus den Studienergebnissen)

1. Tone at the Top: Die Unternehmensführung hat Vorbildcharakter und ist durch ihr Verhalten maßgeblich für ein funktionierendes CMS verantwortlich.

2. Risikoanalyse: Nur wenn Risiken in Unternehmen frühzeitig erkannt werden, kann ein Compliance-System greifen und Straftaten vorbeugen.

3. Schulungen: Für die Schaffung von Akzeptanz und Sensibilität bei den Mitarbeitern sind regelmäßige Schulungen ein Muss.

4. Umgang mit Compliance-Verstößen: Neben der Präventionsarbeit ist ein konsequenter Umgang mit Non-Compliance Handlungen ein wichtiger Richtwert für die Mitarbeiter und ein Indikator für den Stellenwert von Compliance im Unternehmen.

5. Hinweisgebersysteme: Sie müssen Anonymität für den Hinweisgeber und einen ernsthaften neutralen Umgang bei der Aufklärung garantieren. Nur so sind sie vertrauenswürdig und können erfolgreich genutzt werden.

6. Mindestanforderungen an Compliance: Unternehmensspezifika wie die Größe, Branche oder der Internationalisierungsgrad müssen in CM-Systemen berücksichtigt werden. Eine individuelle Betrachtung durch externe Berater ist für ein funktionierendes CMS darum ausschlaggebend für den Erfolg.

Die vollständigen Studienergebnisse finden sie hier:

 

Das Studiendesign

Das Forschungsprojekt bestand aus einem qualitativen und einem quantitativen Verfahren. Für die qualitative Untersuchung in Form von Experteninterviews wurde ein relevanter Personenkreis von 134 Experten in der Compliance-Gemeinschaft identifiziert. Es ist anzumerken, dass die Stichprobenauswahl sehr limitiert und individuell war, da das Projekt auf Experten aus dem Bereich Compliance angewiesen war und somit nicht repräsentativ bezüglich Geschlecht, Alter und Ausbildung ist. Insgesamt wurden von den 134 Experten 74 interviewt.

Eine Online-Umfrage bildete den quantitativen Teil des Forschungsprojektes und wurde anonym durchgeführt. Hier sollten die Teilnehmer (Experten aus dem qualitativen Part) 91 einzelne Compliance-Maßnahmen hinsichtlich ihrer Erwartungen bewerten. Die Online-Umfrage erreichte 65 der interviewten Experten.

 

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