Peter Seele – Chr. Lucas Zapf: Der Markt existiert nicht. Aufklärung gegen Marktvergötterung, Springer 2917, 122 Seiten

Birger P. Priddat

Der Titel täuscht ein wenig: Es geht darum, zu zeigen, dass der verabsolutierte Markt nicht existiert, dass wir die Marktvergötterung beenden mögen. Seele und Zapf legen eine durchdachte Architektur des Mythos Markt vor. Sie unterscheiden zwei Formationen: Markt als Mittel zum Zweck (Hayek, Smith) und Markt als Selbstzweck (Marktradikale wie Marktkritiker). Bei beiden existiert der Markt als wirkmächtiges Drittes über den reinen Tausch hinaus (über verschiedene Auffassungen der „unsichtbaren Hand“). Die Konklusion ihres Buches lautet: Dieser Markt existiert nicht (ihre These vom „ausgeschlossenen Dritten“). Als großer laufender Tauschprozess aber existiert der Markt natürlich.

Seele und Zapfs kritische Synthese geht davon aus, dass Märkte bloße funktionale Tauschveranstaltungen sind. Diese Quintessenz teile ich uneingeschränkt: Märkte sind Mannigfaltigkeiten von Transaktionen. And nothing else. Aber wenn Seele und Zapf den Markt als technisch-ökonomischen Mechanismus herausstellen (S. 98), halte ich das für eine zu nüchterne und darin missweisende markttheoretische Grundlegung. Vor allem ist der Markt kein Mechanismus, wenn wir bedenken, dass zwei anonyme Akteure bilateral in Verhandlung treten. Wir haben es bei der Transaktion mit einem Interaktionsgeschehen zu tun, nicht mit einem beide Akteure dann notwendig determinierenden Mechanismus. Die Transaktion ist logisch ein Interaktions- und Verhandlungsoperator, dessen gewöhnlich konventionelle Abwicklung (price taking statt dem – möglichen – price making) nicht über das Variationspotential der Transaktionsprozesse hinwegtäuschen darf.

Transaktionen sind bilaterale Konsensus, in einen Vertrag mündend ohne normative Vorgaben, außer den institutionell juridischen. Weder müssen die beteiligten Akteure rational handeln, noch Äquivalenzen aushandeln (Tausch ist ein Äquivalenzbegriff). Sie können jede Asymmetrie transaktional geltend machen, wenn sie ihre Aushandlungen wechselseitig anerkennen. In die Interaktionen der Transkationen können alle Motive, Anreize, Normen, Rationalitäten, Nichtrationalitäten, Affekte etc. eingehen; auch asymmetrisch verteilt. Die effektive Qualität der Transaktionen besteht gerade nicht darin, Rationalitätsanforderungen zu homogenisieren, sondern umgekehrt darin, verschiedenes Verhalten ohne Anpassungszwang in Beziehung und wechselseitige Verabredung zu bringen. Dem Markt ist es gleichgültig, aus welchen Motiven, Rationalitäten, Emotionen, Konventionen etc. sich die Akteure einigen. Er operiert hocheffektiv, aber nicht notwendig effizient.

Wenn man zudem bedenkt, dass die beiden Akteure den Einflüssen ihrer Netzwerke unterliegen, zeigt sich, dass sie kein shared mental model der Transaktion, nur des Verfahrens haben. Und wenn die Netzwerke den transaktionalen Willen der Akteure dominieren, haben wir es nicht mehr mit einem methodologischen Individualismus zu tun, sondern mit einer relationalen Soziologie. Man kann dann die Märkte über die transaktionalen Interaktionen, über ihre verschiedenen Dynamiken, Dimensionen, Einflüsse, Überredungen etc., zu einer neuen synthetischen Konzeption erweitern, in die viele Dritte inkludiert sind.

Diese Erweiterungen seien hier nur angedeutet (vgl. Priddat 2016, S. 207-226). Sie sind die Füllung der dritten Säule der logischen Betrachtung des Marktes (für die Seele und Zapf letztlich nur 10 Seiten verwenden). Ihr Buch ist eine ausgezeichnete Hinführung auf eine Marktanalyse, die sie nur andeuten, aber nicht ausführen.

 

Literatur

Priddat, B. P. (2016): Die Transaktion als Juxtaposition und als Kooperation. Differente Interpretation des Marktes, in: Schmidt am Busch, H.-C. (Hg.): Die Philosophie des Marktes/The Philosophy of the Market, Hamburg.

 

Der Rezensent

Prof. Dr. Birger P. Priddat

geboren 1950, seit 2009 auf dem Lehrstuhl für Volkswirtschaft und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke, Wirtschaftsfakultät. Studium der Volkswirtschaft, Philosophie und Arbeitspsychologie. Gastprofessuren an der Zeppelin University in Friedrichshafen (bis 2014) und an der Universität Basel (bis 2012). 2011-2012 am Exzellenzcenter der Universität Konstanz. Diverse Beiräte. Forschungsschwerpunkte Institutionenökonomie, Wirtschaftsphilosophie, Theoriegeschichte der Ökonomie, Politische Ökonomie.

 

 

 

 

Ähnliche Beiträge

„Wir müssen junge Menschen für eine nachhaltige Entwicklung begeistern und zu zukunftsfähigem Denken...

von Mathias Schüz Markus Huppenbauer: Leadership und Verantwortung – Grundlagen ethischer...

Vom 28. bis 30. Juni 2017 veranstaltete das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE) im Rahmen...

Hinterlassen Sie eine Antwort