Wie wir leben wollen. Kompendium zu Technikfolgen von Digitalisierung, Vernetzung und Künstlicher Intelligenz. Herausgeber: Frank Schmiedchen, Prof. Dr. Klaus Peter Kratzer, Dr. Jasmin S.A. Link, Prof. Dr. Heinz Stapf-Finé für die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW e.V.), in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Logos Verlag Berlin GmbH (Hier verfügbar)

 

Roboter kennen wir bereits aus den Fabrikhallen der Automobilkonzerne, doch schon bald sind sie ein normaler Bestandteil unseres gesamten Alltags. Sie verbildlichen jedoch nur einen Teil einer rasanten technologischen Veränderung. Digitalisierung, Vernetzung und Künstliche Intelligenz sind Grundpfeiler dieser Entwicklung und zwingen uns auf die Folgen zu schauen, denn es werden Grenzen überschritten, die das Menschsein an sich berühren.

Schon jetzt spüren wir die ökonomischen Auswirkungen insbesondere auf Beschäftigung und Arbeitsprozesse. Die Substitution bei Fertigungsberufen führt nicht nur zum Verlust von Arbeitsplätzen, sondern verlagert ganze Branchen und Marktsegmente. Diese Risiken berühren direkt und indirekt alle Marktteilnehmer. Keiner kann sich dem Sog der beschleunigten Veränderung entziehen, denn er erzwingt Anpassungs- und Lernbereitschaft sowie der Aufgabe lang gepflegter Denk- und Verhaltensmuster. Unzählige Marktstudien und Umfragen lassen erkennen, dass sich die Befragten den Umbrüchen zwar bewusst sind, doch gerade gefährdete Gruppen bemerken die für sie anstehende Betroffenheit nicht. Dabei zeigt es sich, wie riskant es ist, sich nicht mit den Veränderungen zu beschäftigen. Sie ist noch viel umfassender als gedacht, denn die vielzitierte Disruption verblasst unter der Betrachtung eines europäischen Krieges und die neu hinzukommenden intelligenten und autonomen Waffensysteme. Hier lässt es sich bereits erahnen, wie tief unsere Vorstellung von Ethik erschüttert wird.

Die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) beschäftigt sich seit 2016 eingehend mit Technikfolgen der Digitalisierung, hat hierzu eine Studiengruppe eingesetzt und festgestellt, dass bereits zahlreiche Bücher zu den vielseitigen Wirkungsweisen publiziert wurden, allerdings ausschnittsweise, also lediglich für einzelne Bereiche betrachtet. Bildhaft ausgedrückt ist es so, als ob man einen Elefanten vor sich hat und es wunderbare Beschreibungen zum Rüssel, den unterschiedlichsten Farbfacetten der Stoßzähne und den Ernährungsgewohnheiten gibt, aber wir verstehen nicht, was ein Elefant ist und wie er lebt. Die präzise Untersuchung und auch die globale Sicht zu umschreiben ist Gegenstand des weit umfassenden Themas der Technikfolgen – denn am Ende geht es nicht um einen einzelnen Paragrafen, eine Norm oder eine gesamtwirtschaftlichen Kennzahl, sondern um die Lebensweise und Existenz der Menschheit an sich.

Die Studiengruppe hat es sich deswegen zur Aufgabe gemacht, eine möglichst große Bandbreite verschiedener Wissenschaftsperspektiven, Zusammenhänge und Rückwirkungen digitaler Innovation in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu untersuchen. Das Ergebnis dieser vielseitigen Untersuchungen mündete in einem ausführlichen Kompendium mit dem Titel “Wie wir leben wollen”.

Das Buch unterteil sich in drei Teile. Im ersten Teil “Mensch und digitale Technik” wird Grundlagenwissen vermittelt und die philosophische Frage zum Verhältnis von Mensch und Maschine gestellt. Im Kern geht es um die Frage, ob digitale Technik noch den Charakter eines menschgemachten Werkzeugs hat oder ob den Maschinen und den Algorithmen zunehmend ein Eigenwert zugebilligt wird, beziehungsweise der Technik bereits eine faktische Herrschaft über den Alltag und gesellschaftliche Bereiche übergeben wird. Klaus Peter Kratzer, Stefan Ulrich, Alexander von Gernler, Jasmin S.A. Link, Stefan Bauberger und Frank Schmiedchen analysieren diese Frage in fünf Kapiteln. In den ersten beiden Kapiteln geht es zunächst um den aktuellen informationstechnischen, mathematisch-physikalischen Stand der Entwicklung. Darauf aufbauend folgt im dritten Kapitel die Auseinandersetzung mit einer mathematisch-soziologischen Analyse von Pfadabhängigkeiten und führt in den letzten beiden Kapiteln zur Diskussion über Transhumanismus, Posthumanismus und technische Singularität.

Im zweiten Teil “Rechtliche Gestaltung und Standards der Digitalisierung” rücken Compliance, Rechtsfragen, Normen und Standards in den Mittelpunkt der Betrachtung – hier geht es also um die Notwendigkeit und Möglichkeiten der Regulierung von Digitalisierung. Stefan Bauberger wirft dabei einen Blick auf die Forderungen nach Maschinenrechten. Christoph Spennemann beleuchtet haftungsrechtlichen Fragen. Eberhard K. Seifert und Michael Barth besprechen verschiedene Aspekte von Normung und Standardisierung. Christoph Spennemann kümmert sich um die geistigen Eigentumsrechte und Götz Neuneck um die (leider) aktuelle Frage tödlich autonomer Waffensysteme.

Der dritte Teil “Politische Gestaltung der Digitalisierung” begründet, warum weitere Digitalisierung, Vernetzung und vor allem KI-Entwicklung umfassender Technikfolgenabschätzungen unterworfen sein müssen. Heinz Stapf-Finé, Paula Bleckmann, Brigitte Pemberger, Johann Behrens, Reinhard Messerschmidt, Rainer Engels und Christian Kellermann betrachten die sozioökonomischen, kulturellen und politische Fragen der Anwendung und fokussieren dabei auf die Bereiche Bildung, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Wirtschaft, Arbeit und Soziales.

Das Buch hat zahlreiche fundierte Gründe zusammengetragen, die die Forderung der VDW nach umfassenden Technikfolgenabschätzungen der weiteren Digitalisierung, Vernetzung und Entwicklung künstlicher Intelligenz wissenschaftlich untermauern. Es geht um nichts weniger als die Fortführung der Menschheit und um die Frage, ob bereits heute ein unumkehrbarer Pfad in eine fragliche Zukunft beschritten wird. Dabei handelt es sich keineswegs um “Kassandrarufe” einer vermeintlich fernen Zukunft, wie wir es zum Beispiel im zehnten Kapitel zum Thema Autonome Waffensysteme oder im fünften Kapitel zur technischen Singularität erfahren, sondern um eine nahe Zukunft, bei der die Maschine die Entscheidung trifft und nicht mehr der Mensch. Sehen Sie das Buch als eine Einladung, mit anderen Menschen und der VDW darüber nachzudenken, wie wir leben wollen!

 

Der Autor

Axel Fersen

Axel Fersen ist Mitglied des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung in Berlin, war Dozent für Politikwissenschaften an der Verwaltungsfachhochschule der Polizei in Wiesbaden und langjähriger Kooperationspartner der Friedrich-Ebert-Stiftung in Spanien.

Als IT-Unternehmer mit über 25 Jahren Erfahrung im Bereich digitaler Technologien wie Cyberdefence, HMI, IoT, Embedded Device Development, Electronic Banking, Corporate Performance Management, Business Intelligence, CRM, ERP und etlichen branchenspezifischen Lösungen arbeitete er in unzähligen Ländern und hat heute seinen Lebensmittelpunkt in Barcelona.

Aktuell begleitet er aktiv gemeinsam mit dem Europa-Institut und der Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) die Verbreitung aktueller Publikationen.

 

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