Susanne Hahn & Hartmut Kliemt: Wirtschaft ohne Ethik? Eine ökonomisch-philosophische Analyse. Reclam Verlag. Stuttgart 2017

 

Kapitalismuskritik und die Forderung nach einer moralisch besseren Wirtschaftsweise sind populär. Wer aber die Wirtschaftswelt verbessern will, muss sie zunächst besser verstehen. Ausgehend von konkreten Themen wie Vorstandsbezügen, Firmenübernahmen, Hedgefonds und dem Patentschutz für Medikamente, behandeln Susanne Hahn und Hartmut Kliemt in Ihrem Buch „Wirtschaft ohne Ethik?“ Kernfragen der Unternehmens- und Wirtschaftsethik. Dazu gehören zum Beispiel die These vom Vorrang des Shareholder-Value, das Problem der Verantwortungszuschreibung und die Frage nach der Möglichkeit tugendhaften Wirtschaftens. Die Autoren diskutieren dabei alternative Problemlösungsvorschläge und prüfen allgemeine moralische Ansprüche, wie sie unter Berufung auf philosophische Theoretiker von Kant bis Habermas verbreitet erhoben werden, auf ihre Praxistauglichkeit.

Hahn und Kliemt bieten in ihrem Buch eine äußerst differenzierte Analyse wirtschafts- und unternehmensethischer Fragestellungen. Sie betreiben eine wohltuend nüchterne Analyse, die sich jeglicher Kapitalismuskritik enthält und die üblichen Ressentiments gegen die „kapitalistische Wirtschaft“ (was immer dies auch sein mag) nicht bedient. Sie vermeiden es, über den Werteverfall oder ähnlich populäre Themen zu räsonieren, sondern begründen jede ihrer Thesen auf hohem argumentativem Niveau. Dieses Buch ist meines Erachtens die mit Abstand beste Veröffentlichung, die in den letzten Jahren zum Thema Wirtschafts- und Unternehmensethik erschienen ist.

Das Besondere an diesem Buch ist die geglückte Verzahnung von Theorie und Praxis. Die Autoren zeigen, dass man wohlfundiert über praktische Fragen nachdenken kann, ohne dabei philosophische beziehungsweise ethische Standards rationaler Analyse zu vernachlässigen. Umgekehrt verlieren die Autoren trotz der philosophischen Tiefe ihrer Analysen den Praxisbezug nie aus den Augen.

Hier wird ökonomischer und philosophischer Sachverstand so miteinander verbunden, dass sowohl Ökonomen als auch Philosophen von den dargelegten Argumenten profitieren können. Das Buch ist philosophisch gehaltvoll und gleichzeitig anwendungsorientiert. Diese beiden Aspekte sind leider in der Literatur nicht häufig miteinander korreliert. Entweder man hat ein Buch vor sich, das von „Praktikern für Praktiker“ geschrieben ist und dabei grundlegenden Anforderungen an ein normativ gehaltvolles Begründungsniveau nicht genügt. Oder man hat es mit einem Buch zu tun, das auf hohem philosophischem beziehungsweise ethischem Reflexionsniveau argumentiert, aber für die Praxis irrelevant und häufig auch für den philosophischen Laien nur schwer oder gar nicht verständlich ist.

Dieses Buch ist anders: Das beginnt damit, dass die Autoren dezidiert einen Rechtfertigungsfundamentalismus ablehnen, insofern unter ‚Fundamenten‘ evidente und unrevidierbare Grundlagen verstanden werden. Dieser Fundamentalismus ist weit verbreitet und findet sich bei vielen philosophischen Theoretikern von Kant bis Apel und Habermas. Auffällig wohltuend in diesem Buch ist die Abkehr von solchen Letztbegründungen. Es ist gerade die vorsichtige Analyse und Argumentation der Autoren, die nie ausschließt, dass man bestimmte Dinge auch anders sehen beziehungsweise begründen kann, die dieses Buch so wertvoll macht.

Das Grundgerüst ihrer Argumentation ist die durchweg angewandte methodische Suche nach einem ‚Gleichgewicht von Überlegungen‘ allgemeiner und konkreter Art. Die Möglichkeit, allgemeine Normen respektive Regeln zum Gegenstand rationaler Argumentation zu machen, wird bejaht, die oft damit einhergehende Unterstellung, es gebe für jeden erkennbare moralische Normen, die mit einem universalistischen Einzigkeitsanspruch auftreten können, wird jedoch zurückgewiesen. Die Autoren erheben keine absoluten Wahrheitsansprüche, sondern wägen jedes Argument daraufhin ab, ob es sich kohärent in ein bereits bestehendes, begründetes Netz von weiteren Argumenten integrieren lässt. Durch diese kohärentistische Auffassung vom ethischen Argumentieren, die allen Überlegungen und Falldiskussionen in diesem Buch zugrunde liegt, gelingt den Autoren eine wie aus einem Guss geschmiedete Verzahnung von theoretischen und praktischen Aspekten.

Kohärenztheorien zielen in der Ethik auf die Auffindung oder Konstruktion allgemeiner, das heißt für unterschiedliche Fallkonstellationen relevanter moralischer Prinzipien. Diese sollen dadurch gewonnen werden, dass eine bestimmte Menge an faktisch vertretenen moralischen Überzeugungen in ein möglichst kohärentes, das heißt zusammenhängendes und einheitliches System überführt wird. „Kohärenz“ schließt dabei Konsistenz, das heißt Widerspruchslosigkeit ein, geht aber darüber hinaus. „Kohärenz“ bedeutet, dass die einzelnen Teile des zu generierenden Systems von Urteilen und Prinzipien über die Widerspruchsfreiheit hinaus zueinander passen, miteinander harmonieren und sich wechselseitig stützen. Der Idealfall von Kohärenz liegt dann vor, wenn alle einzelnen Teile so eng miteinander verwoben sind, dass der Wegfall eines einzigen Teils das System zwar nicht zusammenbrechen lässt, die Überzeugungskraft der übrigen Teile jedoch merklich schwächt.

Das aus der Systematisierung hervorgehende Normensystem wird einige der zum ursprünglichen Ausgangspunkt gehörenden Urteile bestätigen, andere nicht bestätigen und in einigen Fällen vermittelnde Lösungen oder Kompromissvorschläge enthalten, die keines der miteinander konfligierenden Urteile zur Gänze, aber beide jedoch partiell bestätigen. Die Urteile der Basismenge werden in gewisser Weise zweimal „gefiltert – einmal durch den Konsistenz-Filter, der von je zwei unvereinbaren Überzeugungen höchstens eine durchlässt, dann durch den Kohärenz-Filter, der von den verschiedenen Möglichkeiten, die Basismenge der Urteile in eine konsistente Menge zu überführen, nur diejenigen durchlässt, die auch dem zweiten Kriterium, dem Kriterium der systematischen Geschlossenheit und Einheitlichkeit, genügen. Bekannt geworden ist dieser verfahrensethische Ansatz vor allem durch John Rawls Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ und der dort formulierten Methode des Überlegungsgleichgewichts.

Im Kapitel VI ihres Buchs erläutern Hahn und Kliemt im Einzelnen, was man unter einem Überlegungsgleichgewicht zu verstehen hat und wie man dieses fruchtbar machen kann für die Fragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Die Autoren beschreiben das Konzept des Überlegungsgleichgewichts wie folgt: „Es handelt sich um so etwas wie ein reverse engineering, bei dem man die Funktion und innere Wirkungsweise von Praktiken untersucht, um auf der Basis dieses Verständnisses deren bewahrenswerte Eigenschaften in einem kohärenten Rahmen stützen und deren fragwürdige Aspekte kritisieren zu können. Letztlich ist es zentrale Aufgabe der Wirtschafts- und Unternehmensethik in dieser Weise zunächst zu verstehen, was offenkundig erfolgreiche Wirtschaftsweisen ‚im Innersten zusammenhält‘, und vor dem Hintergrund dieses Wissens nach Verbesserungen zu suchen, von denen wir erwarten, dass sie nach Erprobung in der Praxis Teil eines ökonomisch-ethischen Überlegungsgleichgewichtes sein werden“ (218).

Es gibt nach Meinung der Autoren kein oberstes Prinzip oder einen kategorischen Imperativ, der eindeutig darüber entscheidet, was wahr und was falsch, was geboten oder verboten ist. Es existiert nur die Möglichkeit, Gründe für und wider eine moralische Entscheidung zu finden und diese mit anderen moralischen und außermoralischen Überzeugungen abzugleichen, um dann möglichst konsistent und kohärent zu entscheiden.  Die Autoren schreiben: „Die Verfahrensschritte (der kohärenztheoretischen Methode, U. D.) sind darauf angelegt, jene Faktoren explizit darzulegen, relativ zu denen eine allgemeine Norm als gerechtfertigt anerkannt werden kann. Dabei gibt dieser Rechtfertigungsansatz die Forderung nach der Einzigkeit der gerechtfertigten Normen auf. Es ist von vornherein nicht ausgeschlossen, dass sich konkurrierende Normen beziehungsweise Normsysteme relativ zu bestimmten Faktoren und Gewichtungen rechtfertigen lassen. (…) Eingespielte Praxen lassen sich systematisieren und als Ausgangspunkt für die Rechtfertigung allgemeiner Normen im Rahmen der Suche nach einem Überlegungsgleichgewicht heranziehen. Normen werden im Überlegungsgleichgewicht über ihre (Teil-)Übereinstimmung mit einer bereits bestehenden Praxis, ihre Einbettbarkeit in ein System von Normen und ihre Eignung in Bezug auf die Realisierung verfolgter Ziele gerechtfertigt“ (218 f.).

Auf diesem Hintergrund erörtern Hahn und Kliemt unterschiedliche Themen der Wirtschafts- und Unternehmensethik, beschreiben und analysieren mögliche Lösungswege und geben praktische Handlungsempfehlungen, die aber keineswegs als ultima ratio verstanden werden sollen.

Im Überblick behandelt das Buch folgende Themen: Am Anfang des Buches („I. Prinzipien einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Wirtschaftsethik“) steht die Frage welche wirtschaftsethisch relevanten Grundwerte freiheitlicher Gesellschaften existieren und welche ethischen Konsequenzen aus der Akzeptanz einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Wirtschaftsordnung folgen. „Die Varianz ‚angewandter Ethik‘, die im Weiteren skizziert wird, ist von der Akzeptanz einer bestimmten Version westlicher Rechtsstaatlichkeit und dem sogenannten Vorrang der Freiheit, der diese de facto kennzeichnet, geprägt“ (11). Wie die Autoren zeigen, sind viele Forderungen, die an die Unternehmen gerichtet werden, aus Sicht dieser Ordnung schon fragwürdig.

Im zweiten Teil („II. Exemplarische wirtschafts- und unternehmensethische Falldiskussionen“) werden wirtschafts- und unternehmensethische Fallbeispiele und damit grundlegendes Anschauungsmaterial diskutiert. Im dritten Teil („III. Manager und Verantwortung“) wird die unternehmensethische Zentralfrage behandelt, welche Pflichten Manager von Unternehmen im freiheitlichen Rechtsstaat entsprechend einem Shareholder-Ansatz oder einen Stakeholder-Ansatz haben. Der vierte Teil („IV. Bindungen“) thematisiert das Verhältnis des ökonomischen Modells ungebunden rationalen Verhaltens zur Bindung an (moralische) Regeln und Normen. Der fünfte Teil („V. Elemente ethischer Theoriebildung“) führt exemplarisch ethische Theorieansätze ein und konfrontiert dabei den Begründungsuniversalismus ethischer Theorien mit dem Begründungspartikularismus der Ökonomik. Der sechste Teil (“ VI. Zum Überlegungsgleichgewicht“) versucht, die im vorangehenden Text durchgängig angewandte Argumentationsweise zu präzisieren und in stilisierter Form zu präsentieren. Das Schlusskapitel („VII. Wo der Pluralismus endet“) plädiert dafür, unserer Wirtschaftsordnung ethisch gerecht zu werden, indem man ihre – verglichen mit früheren Lebensformen – großen Erfolge anerkennt, ohne sich die Lage schönzureden. Wo immer es sinnvoll möglich ist, werden von den Autoren konkrete Fälle behandelt. Diese werden nicht ergebnisoffen präsentiert, sondern nehmen mit Argumenten Partei für bestimmte Lösungen. Das geschieht – und das nimmt man den Autoren auch ab – immer in dem Bewusstsein, dass es möglich ist, begründete Alternativen auszuarbeiten und das schlussendlich die Kraft des besseren Arguments entscheiden sollte.

 

Der Autor

Prof. Dr. Ulf Dettmann

Prof. Dr. Ulf Dettmann ist Professor für Wirtschaftsethik und Wissenschaftstheorie an der FOM-Hochschule Mannheim.

ulf.dettmann@t-online.de

 

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