Transculturality – Leadership, Management and Governance, (Josef Wieland, Klaus M. Leisinger (Hg.), Transcultural Management Series Vol. 1, Metropolis -Verlag, 2. Auflage, Marburg 2018

 

Auf 200 Seiten versammelt der Band elf ausgewählte Beiträge eines Essaywettbewerbs, der 2015 im Rahmen des „Transcultural Caravan“ ausgeschrieben wurde. Dieses Projekt des Leadership Excellence Institute Zeppelin in Friedrichhafen richtete sich an den internationalen studentischen Nachwuchs.

Die Herausgeber stellen vor die Essaysammlung zwei längere konzeptuelle Vorworte. Sie verstehen Trans-, Inter- und Multikulturalität als Verhaltensmuster, die jeweils das Problem divergierender Kulturen bearbeiten. Der transkulturelle Ansatz sei geeignet Herausforderungen auf individuellem, organisatorischem und gesellschaftlichem Niveau zu bearbeiten (vgl. S. 42). Die bestehenden Interessengruppen (stakeholder) seien, aus der transkulturellen Perspektive, durch „culturally and sectorally diversified stakeholder groups“ zu ergänzen (S. 42).

Der Wettbewerb stellte die Frage nach Werten und Fähigkeiten, die dazu geeignet wären gegenwärtigen und künftigen Herausforderungen aus einer transkulturellen Perspektive zu begegnen. Die Wettbewerbsbeiträge gliedern sich in die drei Bereiche: Leadership, Management und Governance. Der Begriff Governance kann allgemein mit Lenkungsstrukturen übersetzt werden (Anm. d. Verf.).

Die Autoren und Autorinnen konkretisieren den Begriff Transkulturalität aus unterschiedlichen Fachbereichen und Anwendungsspektren. Ich beschränke mich in meiner Besprechung auf drei Beiträge.

 

Urban Nomads: Permanently Temporary, Ulrike Bronner, Clarissa Reikersdorfer (S. 127-134): Die Autorinnen beziehen sich mit ihrem Essay auf ihr Buch: Urban Nomads Building Shanghai. Migrant Workers and the Production Process, das 2015 im transcriptverlag erschienen ist. Darin beschreiben sie eine Feldstudie in Shanghai und die Einrichtung einer mobilen Teilzeitberufsschule. Die Autorinnen setzen die privilegierte Gruppe der „bussiness migrants“ (S. 127) und die unterprivilegierte Gruppe der Wanderarbeiter (rural migrant workers) im Begriff der „urbanen Nomaden“ miteinander in Beziehung. Sie beschreiben, die Kooperation der globalen Spitzenkräfte aus den Bereichen Architektur und Design mit regionalen Baufirmen, die chinesische Wanderarbeiter beschäftigen. Die Arbeiter, die aus ländlichen Gegenden in die Stadt ziehen und dort, auf den Baustellen von Shanghai, rechtlich wie wirtschaftlich, unter prekären Verhältnissen leben, haben, laut den Verfasserinnen mit der globalen Architekturelite zwei Gemeinsamkeiten. Die erste besteht in der Begrenzung ihres Bleiberechts und die zweite in einem speziellen Gruppenstatus, der Zugehörigkeit zu einer Parallelgesellschaft (cocoon world), gegenüber der etablierten urbanen Gesellschaft in Shanghai. Zwei Eigenschaften, die sie in den Augen der Autorinnen als urbane Nomaden klassifizieren. Im Essay beschreiben sie die sozialen Kontraste der beiden Gruppen und ihre Bedeutung für die explodierenden Megastädte in China. Dazu beziehen sie sich auf Feldstudien, in denen beide Gruppen separat untersucht wurden.

Nach eigenen Angaben versuchen Bronner und Reikersdorfer mit dem Begriff „urbane Nomaden“ einen Perspektivwechsel einzuleiten. Die chinesischen Wanderarbeiter würden damit nicht länger als passive Opfer klassifiziert, sondern als aktive Teilnehmer des urbanen Lebens anerkannt. Ihren Ansatz sehen sie als einen Beitrag zur Vision einer Architektur, in Shanghai, die unter fairen Bedingungen entsteht. Ihre Recherche mündete mit dem Projekt: Yidong ketang in eine soziale Intervention. Es besteht in einer mobilen Berufsschule, die den transkulturellen Dialog fördert.

Selbstverständlich wäre es absolut revolutionär, wenn diese Rechnung aufginge, Über- und Unterprivilegierte zu solidarisieren. Der transkulturelle Aspekt des Essays bezieht sich nicht nur auf die Inhalte, sondern auch auf ihre Beziehung zu wissenschaftlichen Fachgebieten. Die Herangehensweise quert Architektur, Politik, Soziologie, Moralwissenschaft ebenso, wie das Verhältnis von objektiver Theorie und engagierter Praxis.

 

Small Islands – Big Impact? Foreign Trade and its Qualities for Transnational Cooperation. An Analysis on the Example of the Island Dispute in the East China See, Maximilian Mylius, Nora Tischmann (S.187-194): Mylius und Tischmann nähern sich der transkulturellen Thematik am Beispiel des chinesisch-japanisch-taiwanesischen Konflikts um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer. Sie heißen Senkaku auf japanisch, Diaoyn auf chinesisch und Tiaoyntai auf Taiwanesisch (Anmerkung der Verf.). Mylius und Tischmann beschreiben den Konflikt zwischen dem Politikversagen, das auf militärischer Ebene zwischen Japan und China, wiederholt zu Eskalationen führt und den gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der Kontrahenten. Im Sinne einer Deeskalation bewerten sie diesen transnationalen Antagonismus zwischen militärischen und wirtschaftlichen Interessen als hilfreich.

Der Essay wirft Fragen auf: Inwieweit ist das transkulturelle Konzept auf transnationale Strukturen übertragbar? Ist die Vorsilbe „Trans“ mehr als der Brückenkopf für gemeinsame Interessen? Soll sie auch nicht mehr sein?

 

Conflict and Unity are seen as Natural Satellites of International Communication, Natalya Tarasova, (S.177 – 185): Der Beitrag bezieht sich auf Transkulturalität am Beispiel des multikulturellen Lebens im Wolgaugebiet, in dem mehr als 180 unterschiedliche Ethnien leben. Tarasova stellt diese Region als Vorbild für einen, seit Jahrhunderten, konstruktiv verlaufenden kulturellen Wandel hin.

Der Essay vermittelt zwischen den beiden widerstreitenden, zentralen Kulturthesen. Auf der einen Seite steht der universalistische Ansatz der Aufklärung. Er geht von einer groß angelegten Kulturgeschichte der Menschheit aus, die, als Ganze, vernunftgeleitet, Sinn und Fortschritt ergibt. Auf der anderen Seite steht die kulturpessimistische Gegenthese, die ein gemeinsames Menschheitsziel bestreitet und einen Kampf der Kulturen propagiert. Die beiden Thesen, der kulturellen Konvergenz und der kulturellen Divergenz, schließen sich, laut Tarasova, nicht aus. Sie erzeugen, nach ihrer Ansicht, eine Reibung aus der neue Formen und kultureller Wandel entstehen.

Transkulturell motivierte Beziehungen tasten demnach den kulturellen Unterschied nicht an, interkulturelle führten dagegen zur Nivellierung des kulturellen Unterschieds. Im Wolgaugebiet wirken, ihr zufolge, kulturelle, trans- und interkulturelle Haltungen idealtypisch zusammen. Sie stellt drei Erfolgsfaktoren heraus. Erstens die aktive Schulung der Jugend in drei einander ergänzenden Kompetenzen: der kulturellen, der interkulturellen und der transkulturellen, zweitens das zivilgesellschaftliche Engagement und drittens die verantwortliche Berichterstattung der Massenmedien.

Tarasova plädiert leidenschaftlich für eine konstruktive kulturelle Auseinandersetzung. Gleichzeitig unterstreicht sie, dass sich ein gelingendes kulturelles Miteinander nicht wie von selbst ergibt, sondern gezielt ausgebildet, unterstützt und gefördert sein will. Den transkulturellen Ansatz sieht sie nicht als Allheilmittel zur Lösung kultureller Konflikte. Vielmehr bettet sie ihn überzeugend in ein ganzheitliches Konzept ein, das die Einheit, in der Vielheit der Kulturen, abbildet.

 

Die Beiträge des Buchs werfen jeweils Schlaglichter auf eine Sphäre, die jenseits von kultureller Differenz liegt. Doch wer oder was garantiert, dass dieses Jenseits für eine bessere Welt steht? Wer garantiert, dass dieses Jenseits die Welt freier, schöner und gerechter macht? Freier – für wen? Schöner – für wen? Gerechter – für wen? Sind es nicht gerade auch kulturell eingeübte Verhaltensweisen, die moralisches Verhalten unterstützen? Welchen Sinn macht es kulturelle Eigenheiten zu überbrücken, um sich auf eine übergeordnete Totalität zu berufen?

Der gemeinsame Nenner, der Transkulturalität heißt, ist längst in zwei Megatrends wirksam, die sich wechselseitig verstärken: Erstens in der Digitalisierung und zweitens in der zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Die Mitglieder der globalen Eliten ähneln sich untereinander mehr als ihren jeweiligen Herkunftsgesellschaften. Ihre Zugehörigkeit zur „Weltklasse“ („Human Turn“ in der Weltklasse, Michaela Homolka, in: Weltklasse für Unternehmen, Staat und Gesellschaft. Fiktionen und Realitäten, Hrsg.: Anil K. Jain, Dietram Schneider, München, 2009) prägt ihre Art zu denken und zu handeln teilweise schon stärker als ihre eigene Ursprungskultur.

Transkulturalität ist ebenso Teil des Problems, wie es Teil der Lösung sein kann. Der Begriff der urbanen Nomaden, den Bronner und Reikersdorfer proklamieren, provoziert das gesamte Umfeld massiv. Er ist der Stich in ein Wespennest. Transkulturalität als Haltung ist stets in spezielle kulturelle Kontexte eingebunden. Ich betrachte sie als Mittel, nicht als Selbstzweck. Sie ist eine Brille. Sie ermöglicht dem Blick, den wir auf unsere Welt werfen, einen Perspektiv- und Distanzwechsel – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Die Rezensentin

Dr. Michaela Homolka

Studium der Kommunikationswissenschaft und Philosophie an der LMU und der Hochschule für Philosophie in München. 2014 Gründung von Global-Values (www.global-values.de) bei gleichzeitiger Spezialisierung auf die Standartisierung und Digitalisierung der Analyse organisationsspezifischer Werteprofile. Anwendungen sind Markenführung, Kommunikation und Cultural Due Diligence bei M&A Transformationen.

 

Ähnliche Beiträge

Die meisten Führungskräfte in Deutschland haben studiert. Auf Fragen der Führung, insbesondere...

Frank Gogoll, Martin Wenke: Unternehmensethik, Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility,...

„Künstliche Intelligenz“, „Messbarkeit“ und „New Work“ („neues Arbeiten“) waren die...

Hinterlassen Sie eine Antwort