von Hans G. Nutzinger

Hermann Sautter: Verantwortlich Wirtschaften. Die Ethik gesamtwirtschaftlicher Regelwerke und des unternehmerischen Handelns. Marburg: Metropolis 2017, 824 Seiten.

1. Unternehmensethik in der Perspektive von Hermann Sautter

Der emeritierte Göttinger Ökonomieprofessor Hermann Sautter legt hier die Ergebnisse seiner mehr als zehnjährigen systematischen Lehrtätigkeit im Bereich ethischer und moralischer Grundfragen und ihrer praktischen Anwendung auf der Ebene von Gesamtwirtschaft und Unternehmen als umfassende Monographie vor; dieser Logik der thematischen Anordnung folgen auch die Teile A, B und C des Textes. Die Vielzahl und Vielfalt der behandelten Fragestellungen schlägt sich zwangsläufig auch im Umfang des Bandes nieder, und die Lektüre des Buches macht sehr bald deutlich, dass die Darstellung keineswegs durch exzessive Behandlung von Nebenfragen „aufgebläht“ ist; sie ist vielmehr Ausdruck einer genuinen Stofffülle, die nicht ohne Schaden für die wissenschaftliche Analyse einfach reduziert werden kann.

Wie sieht nun Sautter die ethisch-ökonomische Problemlandschaft? Die beiden wesentlichen Bestandteile stellen sich für ihn so dar: Ganz knapp gefasst sieht er die Ökonomik einerseits geprägt durch ihr durchgängiges Alternativkostenkalkül, das wesentliche Beiträge auch zur ethischen Abwägung zwischen „Gütern“ und „Übeln“ liefert und dadurch eine wichtige Quelle für die ethische Entscheidungsfindung wird; andererseits weist er aber auch darauf hin, dass moralische Normen ihrerseits eine oft vorschnell angenommene selbstreflexive ökonomische Sachgesetzlichkeit in Frage stellen, und damit erleichtern sie „die Suche nach ethisch legitimen und ökonomisch effizienten Problemlösungen“ (S. 21). Ganz unübersehbar vertritt Sautter eine – in diesem Buch höchst differenziert und detailliert ausgearbeitete – Position des „Dualismus“, und zwar nicht im Sinne einer unsystematischen Beliebigkeit oder eines politischen Kompromisslertums, sondern mit dem Ziel eines wechselseitigen Bezuges von Ökonomie und Ethik. Immer wieder auftretende Orientierungspunkte sind dabei die Ideen der „Menschenwürde“ und der „Menschenrechte“. Zusammengefasst lässt sich also sagen: Ethik und Ökonomik sind gleichermaßen für eine Wirtschaftsethik nach der Konzeption von Sautter unverzichtbar, weil sie sich gegenseitig ergänzen und in Frage stellen; erst in dieser Balance gewinnen sie ihre volle Kraft.

 

2. Teil A: Ethische Urteilsbildung

Im Grundsatzteil A wird zunächst die Ethik als „Theorie des moralischen Handelns“ entwickelt, was unter anderem auch eine vorläufige Bestimmung des Gegenstandsbereichs „Wirtschaft“ und seiner Wahrnehmung durch die breite Öffentlichkeit voraussetzt. Gegenüber einer verbreiteten Abwehr moralischer Ansprüche wird nicht so sehr ethisch argumentiert, stärker sind vielmehr die Hinweise auf die oftmals (langfristig) positiven Wirkungen eines ethisch verpflichteten Unternehmenshandelns ausgerichtet, ohne dass einem platten Vorteilsdenken das Wort geredet wird. Dass allerdings notwendige Abwägungen in den Bereichen Ökonomie und Ethik in der Praxis keineswegs einfach sind, wird am Beispiel der Siemens AG demonstriert, die sich heftiger Kritik wegen Schmiergeldzahlungen – in einem durch Korruption geprägten Umfeld – ausgesetzt sah.

Ohne den konkreten Fall entscheiden zu wollen, zeigt Sautter hier auf, „dass ein fundiertes ethisches Urteil manchmal gegen den „Strich einer allgemeinen moralischen Entrüstung gebürstet werden muss“ (S. 30). Dieses wie auch zahlreiche andere Fallbeispiele werden in jeweils einer besonderen Textgrafik komprimiert dargestellt, ein Verfahren, das einen raschen Zugriff wie auch einen ersten kompakten Überblick über die verschiedenen Praxisfälle erlaubt (vgl. S. 13-15). Diese Darstellungsweise trägt zur Lesefreundlichkeit dieses umfangreichen Buches ebenso bei wie die detaillierten Sach- und Personenregister und das umfangreiche Literaturverzeichnis. Zugleich wird es so zumindest ansatzweise auch als eine Art lexikalische Informationsquelle brauchbar.

Unterschiedliche Methoden ethischer Reflexion werden in den beiden folgenden Kapiteln 2 und 3 (Aristoteles, christliche Ethik, Kant; Utilitarismus, Diskursethik) dargestellt und erörtert. Überzeugend ist Sautters Einordnung des Utilitarismus als „regulative Idee“, also als Orientierungshilfe (vgl. S. 121 f.), nicht als voll entwickelte ethische Theorie. Die Schwierigkeiten einer utilitaristischen Sicht ethisch problematischer Sachverhalte wird in Fallbeitrag 7 am Beispiel der Korruption illustriert. Das auf den ersten Blick überraschende Resultat lautet hier: Eine konsequent vorgenommene utilitaristische Beurteilung führt zum selben Ergebnis wie eine Kantsche Pflichtenethik (Fallbeitrag 7).

Kapitel 4 untersucht das „spannungsreiche Verhältnis von moralischer Legitimität und ökonomischer Rationalität“ in der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Dazu wird zunächst der „Anspruchscharakter ethischer Normen“ untersucht, denen nach Sautter auch die Funktion zukommt, eine „abweichende Weltbeschaffenheit“ zu verwirklichen, die durch eine konfligierende Praxis nicht einfach aufgehoben wird: „Auch eine notorische Bestechungspraxis ändert beispielsweise nichts daran, dass ‚Korruption‘ unmoralisch ist und beseitigt werden sollte“ (S. 146). Daher besitzen ethische Normen nicht nur den Charakter von Wünschen, sie haben vielmehr auch einen objektiven beziehungsweise realen Kern (vgl. ebd.).

Die ethische Orientierung an einem sinnvollen Lebensentwurf, der unterschiedlich begründet werden kann, ist damit stets auf eine Lebenswelt des Menschen bezogen und auf Kommunikation mit anderen ausgerichtet. Dabei sind ausdifferenzierte formale Subsysteme ebenso zu berücksichtigen wie informelle Formen der Praxis in der jeweiligen „Lebenswelt“. Das Ergebnis dieser Analyse ethischer Normen wird kompakt und gut verständlich am Ende von Abschnitt 4.2.1. dargestellt, bevor die Rationalität des Wirtschaftens erörtert wird.

Dies führt rasch zu einer differenzierten Analyse unterschiedlicher Formen des „homo oeconomicus“ als mehr oder weniger idealisierte Handlungsagenten, die jeweils detailliert dargestellt werden. Demzufolge kommt es auch zu unterschiedlichen Verknüpfungen von „Ethik“ und „Ökonomik“, je nachdem welche der verschiedenen Varianten des wirtschaftlich rational handelnden Menschen man zugrunde legt. Bei kommunikativen Verbindungen der Beteiligten zur diskursiven Konfliktlösung muss zusätzlich die Realität realer Diskurse, insbesondere die oftmals asymmetrische Zusammensetzung der jeweiligen „Diskursgemeinschaften“, in Rechnung gestellt werden, da sie für das Kommunikationsergebnis entscheidend sein können. Aber auch andere situative Faktoren können bedeutsam sein, wie Fallbeispiel 10 über die Rettung chilenischer Kupferbergleute im Jahr 2010 deutlich macht. Im Hintergrund dieses konkreten Falles wären allerdings noch vorgelagerte ethische und moralische Fragen zur Arbeitssicherheit zu erörtern, an der es offensichtlich vor dem Grubenunglück gemangelt hat. Die Alltäglichkeit praktizierter Arbeitssicherheit sollte im Normalfall unbedingt den Vorrang vor dem telegenen Heldentum des erfolgreichen Unglückseinsatzes haben, natürlich ohne dass letzteres pauschal abgewertet wird.

Kapitel 4 und damit Teil A des Buches schließen mit einer Darstellung der auf jeweils unterschiedliche Weise zu Sautters Ethikverständnis konträren Ansätze von Peter Ulrich (St. Gallen) einerseits und von Karl Homann (München) anderseits. Ulrichs Ansatz wird als „Fundamentalkritik an der Ökonomik“ analysiert und kritisiert, während die von Homann vertretene Wirtschaftsethik als eine vom „Homo Oeconomicus“ getriebene ethikferne „Moralökonomie“ erscheint. Sautter verwendet diese beiden Ansätze vor allem dazu, um das Besondere seines eigenen Ethikverständnisses herauszuarbeiten; da er aber auch, eigenen ethischen Ansprüchen folgend, um eine faire Wiedergabe der beiden anderen Positionen bemüht ist, die daher auch positive Aspekte zur Geltung bringen, gibt er hier zugleich eine gut lesbare Darstellung dieser konkurrierenden Denkrichtungen der zeitgenössischen Wirtschafts- und Unternehmensethik im deutschen Sprachraum. Das hindert freilich nicht, dass man in einzelnen Punkten auch anderer Ansicht sein könnte.

 

3. Teil B: Ethik gesamtwirtschaftlicher Institutionen

Dieser Teil befasst sich mit den Regelsystemen, nach denen das einzelwirtschaftliche Handeln sich abspielt, also mit den „Spielregeln“, welche die „Spielzüge“ individueller Akteure auf ein moralisch vorzugswürdiges Ziel hin lenken sollen. Die Etablierung derartiger Regeln stellt eine genuin „ordnungsethische“ Aufgabe dar und führt geradewegs zu dem im deutschen Sprachraum wichtigen Feld des „Ordoliberalismus“, der ausführlich im 5. Kapitel diskutiert wird. Aber auch zahlreiche andere Denkrichtungen (so der gegenüber einem „konstruktivistische Rationalismus“ kritische Ansatz bei F. A. von Hayek) und wichtige theorie- und realgeschichtliche Beiträge (so vertragstheoretische Ansätze bei James Buchanan und anderen) bleiben nicht unerwähnt. Sehr gelungen ist die Art und Weise, wie in Abschnitt 5.3 „das Programm des Ordoliberalismus“ dargestellt und zusammengefasst wird, und zwar vor allem anhand der zentralen Beiträge von Walter Eucken, dessen christlich geprägtes Denken sehr gut herausgearbeitet wird. Die Materialfülle dieses Kapitels wird dem Leser abschließend durch eine gedrängte, aber hilfreiche Zusammenfassung nochmals näher gebracht.

Die ethischen Vorzüge und die nicht zu leugnenden Nachteile des marktwirtschaftlichen Systems schlagen sich bei seiner ethischen Beurteilung als „ethische Ambivalenz“ nieder, die Hermann Sautter im folgenden Kapitel detailliert untersucht und einem „ausgewogenen Urteil“ zu unterziehen bemüht ist. Wesentliche Gesichtspunkte sind dabei der Gedanke der Freiheit (durch dezentrale marktwirtschaftliche Entscheidungskoordination), die Idee der Wohlstandsmehrung für die Gesellschaft durch effiziente Verfolgung individueller Eigeninteressen, die Förderung moralischer Tugenden durch Markterfordernisse, aber auch die Grenzen des Marktes, wie sie vor allem in der Wohlfahrtsökonomik thematisiert werden. Die in der öffentlichen Diskussion besonders virulente Frage der (sozialen) Gerechtigkeit und andere tatsächliche oder auch nur vermeintliche Defizite des Marktes führen zu moralischen Vorbehalten gegen das Marktsystem. Kann man die resultierende Kritik empirisch validieren? Und welche sinnvollen Möglichkeiten einer Abhilfe lassen sich hier ethisch vertreten? Hier sieht Sautter ein Feld für reflektierte Ordnungspolitik. Als plastisches Anschauungsbeispiel wird im Anhang ein „Markt für menschliche Organe“ erörtert und hinsichtlich seiner ethischen Vertretbarkeit analysiert; dabei zeigt es sich, dass es brauchbare Alternativen zum status quo gibt, ohne dass zur fragwürdigen Organvermarktung gegriffen werden muss.

Das bereits zuvor angesprochene Thema „Gerechtigkeit in der Marktwirtschaft“ wird im 7. Kapitel ausführlich erörtert, was der hochrangigen Stellung dieses Wertes in der Ethik entspricht. Zunächst werden die notwendigen Begriffsklärungen vorgenommen, welche die unterschiedlichen und keineswegs immer miteinander verträglichen Aspekte von Gerechtigkeit – Sautter spricht von „Plural“ – zueinander in Beziehung setzen. Wichtige Erkenntnisse aus der langen philosophischen und auch ökonomischen Tradition dieses Begriffs – genannt seien hier nur die Namen Aristoteles und John Rawls – machen die Lektüre dieses Abschnitts zum intellektuellen, aber nicht folgenlosen Vergnügen. Deutlich wird aber auch, dass die Marktwirtschaft nicht allen Aspekten von Gerechtigkeit in gleicher Weise, manchmal überhaupt nicht, entsprechen kann, so dass soziale Ausgleichspolitik erforderlich wird, die ihrerseits der ethischen Begründung bedarf. Ähnliches gilt für den Umgang mit Informationsasymmetrien zwischen den Marktparteien, besonders auf dem Arbeitsmarkt. Gerechtigkeitsfragen stellen sich natürlich auch im Hinblick auf exzessive Managergehälter, die ja nicht auf einem lehrbuchmäßig perfekten Markt, sondern in engen bilateralen Monopolen ausgehandelt werden. Instruktiv dafür ist das Fallbeispiel 17.

Die Schwierigkeiten, die Ökonomen – nicht nur solche marktliberaler Provenienz – mit dem vielfacher Deutung zugänglichen Begriff „soziale Gerechtigkeit“ und der Idee der „Ergebnisgerechtigkeit“ haben, werden von Sautter diskutiert, aber zugleich in den richtigen Rahmen („framing“) gestellt, wenn er schreibt: „Doch was ein Wettbewerbssystem unmöglich garantieren kann, ist politisch gesehen unverzichtbar: ein Mindestmaß an sozialer ‚Gerechtigkeit'“ (S. 310). Daher werden verschiedene Begründungen und Möglichkeiten des sozialen Ausgleichs, so auch das schwierige Fallbeispiel „Mindestlohn“ in der Marktwirtschaft, erörtert. Die dynamische Anpassungsfähigkeit der Marktwirtschaft an immer neue Herausforderungen aus verschiedenen Bereichen, und zwar ohne Preisgabe des Wettbewerbs, erscheint dabei als ihr besonderer, auch ethisch relevanter Vorzug.

Die „Regelungen für ein nachhaltiges Wirtschaften“ bilden den Inhalt von Kapitel 8, beginnend mit dem menschlichen Umgang mit der Natur als Gegenstand ethischer Reflexion. Dabei kommen verschiedene Formen „anthropozentrischer“ und „physiozentrischer“ Sichtweisen des Problems zur Sprache. Dass „Nachhaltigkeit“ zunächst nur eine generelle „regulative Idee“ ist, die der Konkretisierung und Operationalisierung bedarf, dass sie zudem ökologische, wirtschaftliche und soziale Dimensionen aufweist, all das wird überzeugend dargetan. Da diese Aspekte nicht immer zusammenpassen, entsteht ein ethisch zu bearbeitendes „Nachhaltigkeits-Trilemma“. Als naheliegender Lösungsansatz erscheinen hier Institutionen (vor allem Regelsysteme) zur Förderung einer ökologischen Nachhaltigkeit. Dazu gehören auch kooperative Formen der Ressourcennutzung wie die in Fallbeispiel 19 erörterte Allmende-Wirtschaft.

Ein anderes interessantes Beispiel für konkrete Maßnahmen unter Einbezug des Staates bildet die nachhaltige Nutzung des Schadstoffsenkens. Direkt in die aktuelle Diskussion führt sodann die exemplarische Behandlung des „Klimaschutzes“. Sowohl die ökologisch-ökonomische Debatte um Fragen nachhaltiger Nutzung einzelner, oftmals erschöpflicher Ressourcen als auch die grundsätzlicheren philosophischen, vor allem ethischen Reflexionen der grundsätzlichen Nachhaltigkeitsproblematik kommen hier gut zur Sprache. Man kann daher dieses Kapitel auch über die Ethik hinaus als gute Einführung in den Gegenstandsbereich Nachhaltigkeit empfehlen. Dass Sautter im Anhang zu Kapitel 8 die „degrowth“-Ökonomie als eine noch nicht zu Ende gedachte „Vision“ eher kritisch betrachtet, zeigt beispielhaft, wie sich ethische und fachwissenschaftliche Analyse miteinander verknüpfen müssen, damit intellektueller und realer Fortschritt in diesem Bereich (und nicht nur da) möglich wird.

Ein weiteres, häufig unterschätztes Funktionsdefizit des Marktes sind verschiedene Formen von makroökonomischer Instabilität. Gerade auf den Finanzmärkten zeigt sich einerseits eine besondere Störanfälligkeit und andererseits zeigen sich dort auch besondere Schwierigkeiten der Stabilisierung, wie die Finanz- und Immobilienkrise der Jahre 2008 ff. wieder einmal aufgewiesen hat. Undurchsichtige Finanzinstrumente und Mechanismen der Negativauslese („adverse selection“) sind in diesem Bereich sowohl aus ethischen wie auch aus wirtschaftlichen Gründen – vor allem als Krisenauslöser und Krisenverschärfer – Gegenstand kritischer Analyse, ohne dass sich in der Realität bisher allzu viel geändert hat, was allerdings die gerne behauptete Reformfähigkeit der Marktwirtschaft in Frage stellt oder zumindest relativiert. An sinnvollen Vorschlägen, die im Buch auch diskutiert werden, wie etwa eine deutliche Erhöhung der Eigenkapitalquoten, fehlt es nicht, eher an der Reformbereitschaft der Akteure (siehe etwa Fallbeispiel 21). Ethische Probleme der Schuldenbegrenzung sieht Sautter aber auch im keynesianisch inspirierten „deficit spending“, zumal im Kontext von Verdrängungseffekten („crowding out“) privater durch staatliche Kreditnachfrage.

Die besonders schwierige Ebene der globalen Institutionenbildung (Kap. 10) stellt eine ausgeprägte ethische Herausforderung für die Wirtschaftsethik dar. Das betrifft besonders die weltweite Durchsetzung der Würde des Menschen, die als kulturübergreifender moralischer Wert, gestützt auf die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen (1948), besonders universalisierungsfähig erscheint. Dieser Erklärung haben fast alle UN-Mitglieder zugestimmt, aber was ist der genaue Status dieser Menschenrechte in der jeweiligen Praxis? Der 1966 hinzugefügte „Sozialpakt“, der vor allem auf soziale und kulturelle Werte ausgerichtet ist, wird international noch unterschiedlicher verstanden. Ähnliches gilt für den auf den politischen Bereich zielenden „Zivilpakt“, der ebenfalls im Jahre 1966 hinzutrat. Sautter sieht überzeugend die Verwirklichung sozialer Menschenrechte als internationale Herausforderung – und als Problem der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Entscheidend werden dafür bindende internationale Verpflichtungen und Durchsetzungsmechanismen sein. Dazu müssen globale und zwischenstaatliche Implementierungshindernisse in den verschiedensten Bereichen bis hin zum Klimaschutz abgebaut werden. Unterschiedliche Fälle von nationenübergreifenden „sozialen Menschenrechten“ werden daher erörtert und es werden dabei öfters auch Lösungsansätze diskutiert. Als relevante Behinderungen werden bestehende internationale Regelsysteme, vor allem im Rahmen der WTO, identifiziert. Sautters ernüchterndes Fazit für den Bereich „Klimaschutz“ geht allerdings dahin, dass es hier noch keine wirksamen internationalen Regelungen gibt (vgl. S. 513). Eine knappe Zusammenfassung am Ende dieses Kapitels erleichtert das Verständnis der vielfältigen Zusammenhänge auf der globalen Ebene; die wichtigste Botschaft ist der dringende Handlungsbedarf bei der Etablierung weltweiter ethisch förderlicher Regelsysteme.

 

4. Teil C: Das Unternehmen als Akteur

Dieser dritte Teil der Monographie befasst sich mit der „Ethik des unternehmerischen Handelns“. Zunächst werden Begründungen und Möglichkeiten einer Unternehmensethik in den Blick genommen. Mehrere Fallbeispiele machen den Untersuchungsbereich anschaulich. Außerdem werden verschiedene unternehmensethische Entwürfe im deutschen Sprachraum kurz vorgestellt. So erscheint das Unternehmen bei Josef Wieland als „polylinguales Kooperationsprojekt“, das sich mehrerer Sprachen bedient, darunter auch der ökonomischen und der moralischen Sprache. Dies führt oft zu Wertkonflikten, deren Bewältigung in Kap. 12 erörtert wird. In der Unternehmenspraxis ist zudem eine „Unbestimmtheit der ökonomischen Ziele“ anzutreffen. Auch das Verhältnis von „Sachzielen“ zum „Gewinnziel“ stellt sich häufig problematisch dar. Für das Unternehmensverhalten sind neben den Marktbedingungen auch die Wertbindung der Verantwortlichen entscheidend. Sautter untersucht daher das Verhältnis zwischen erwerbswirtschaftlichen Zielen und moralischen Werten. Das schafft die Grundlage für das Verständnis von Möglichkeiten der Konfliktbewältigung. Wo sich Konflikte nicht durch marktorientierte Aktivitäten, die beispielhaft aufgeführt werden, überwinden lassen, muss die nationale oder internationale Ordnungspolitik handelnd eingreifen, aber möglichst nur auf der Ebene der generellen Rahmensetzung.

Das 13. Kapitel ist mit der „Corporate Social Responsibility“ (CSR) und dem Stakeholder-Management neueren und aktuellen Entwicklungen in der Unternehmensethik gewidmet, zu denen es in den letzten 20 Jahren viele Beiträge, sei es zu Einzelfragen, sei es zum gesamten Themenbereich gegeben hat. Über diese Diskussion wird kurz berichtet, aber im Zentrum steht zunächst einmal die Frage, ob die Unternehmensethik durch diese neuen Entwicklungen inhaltlich modernisiert wurde oder ob es sich um eine bloße Anpassung an einen zunächst angloamerikanischen Modetrend handelt (vgl. S. 590). Die hier stattfindende Übernahme der englischen Termini in der deutschsprachigen Unternehmensethik ist sehr unreflektiert, aber sie erfordert präzise Begriffsarbeit; so ist zum Beispiel zu prüfen, ob sich „Responsibility“ einfach als „Verantwortung“ auffassen lässt oder was sonst damit gemeint sein kann. Die CSR-Debatte dagegen ist stark anwendungsorientiert und wenig an Grundlagenfragen interessiert.

Sautter untersucht nun das „Stakeholder Management“ als zentrales Instrument der „Corporate Social Responsibility“. Dabei erscheint das Unternehmen als der zentrale Akteur, der selbst aus seiner eigenen Interessenlage heraus entscheidet, ob und wie er die Interessen von Stakeholdern in seine eigene Erfolgsplanung integriert – oder auch nicht. Das ist allerdings ein sehr instrumenteller Ansatz, der nicht ohne weiteres als „Unternehmensethik“ verstanden werden kann. Es gibt natürlich auch weiter gefasste Konzepte des „Stakeholder-Dialogs“, die hier ebenfalls erörtert werden – nicht zuletzt aufgrund empirischer Befunde, die auf die geringe Effektivität eng instrumenteller Vorgehensweisen auch im Hinblick auf das angestrebte Gewinnziel hindeuten.

Wie aber können die unternehmerischen Ziele in der Praxis implementiert werden? Schon Erich Kästner wusste: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Die ethischen Selbstverpflichtungen der Unternehmen, besonders die Leitbilder, sind hier entscheidend für die Orientierung und Motivierung der Beteiligten, sie dienen aber auch der Legitimation des Handelns im Unternehmen nach innen und außen. Und sie erzeugen bestimmte Erwartungen, die einen Verpflichtungscharakter – wenn auch in der Regel nicht juristischer Art – aufweisen können. Die Wahrnehmung von Verantwortung wird beträchtlich gestärkt, wenn sie an eine externe Instanz (z. B. eine internationale Organisation) gebunden wird, die das Unternehmen auf die Einhaltung bestimmter Normen verpflichtet. Ein bekannter weltweiter Ansatz dafür ist die Initiative „Global Compact“ der Vereinten Nationen. Freiwillige Selbstverpflichtungen ohne externe Bindungen sind dagegen höchst problematisch, weil sie „je nach Bedarf“ vom Unternehmen auch wieder zurückgenommen werden können. In der Praxis differiert der Bindungscharakter der zugrunde gelegten Leitbilder beträchtlich. Und nicht nur für die Einhaltung, sondern auch für verantwortliche Gestaltung der zugrunde gelegten Ordnungsregeln tragen die Unternehmen Verantwortung.

Unternehmensethisch wichtig in der Praxis ist die sinnvolle Mischung aus intrinsischen Motivationen und extrinsischen Anreizen und Kontrollen, die sich wechselseitig ergänzen und unterstützen müssen und einander nicht im Wege stehen dürfen. Ziel sollte es sein, die „Integrität“ der Unternehmensmitglieder zu stärken. Die Einhaltung der rechtlichen Vorschriften wird vor allem durch „Compliance Management Systems“, wie etwa den anspruchsvollen „Deutschen Corporate Government Kodex“, angestrebt. Die Koordinierung der verschiedenen Teilbereiche der Unternehmensführung ist also nicht nur auf die Verwirklichung wirtschaftlich begründeter Ziele ausgerichtet, sondern auch auf die Implementierung unternehmensethischer Verantwortung (vgl. S. 649). Dazu gibt es mehrere instruktive Fallbeispiele. Geeignete kommunikative und nicht stark hierarchisierte Organisationsstrukturen sind ein weiteres Instrument zur Förderung von „Corporate Social Responsibility“. Den unternehmensethisch nicht einfachen Fall des „Whistle Blowing“ als eine Art Notlösung jenseits der Organisation behandelt Sautter sehr ausgewogen. Das vielfältig ausdifferenzierte Feld der „Unternehmenskultur“ als Organisationselement wird mit Fokus auf eine „ethikfreundliche Kultur“ analysiert. Als Gegenbeispiel dazu erscheint die „Vorstandskultur“ der Deutschen Bank (Fallbeispiel 43), die sich letztlich auch wirtschaftlich nicht ausgezahlt hat, sondern im Gegenteil zu einer existenziellen Gefährdung des Unternehmens führte.

Im letzten Kapitel werden die ethischen Herausforderungen für die transnationale Unternehmenstätigkeit untersucht. Die Moral- und Rechtskulturen verschiedener Länder können beträchtlich differieren, und die Einwirkungs- und Angleichungsmöglichkeiten eines einzelnen Unternehmens sind sicherlich begrenzt. Sautter sieht sie aber durchaus und prüft sie im Einzelnen. Im Rahmen der entstehenden transnationalen Kooperation gibt es verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten, aber die globalen und nationalen Bedingungen unterscheiden sich beinahe von Fall zu Fall. Welche ethischen Ansprüche können daher sinnvoller Weise an transnationale Unternehmen gerichtet werden? Hier kommen die schon eingangs angesprochenen internationalen Vereinbarungen, wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, zur Geltung, unterstützt durch „Nationale Kontaktstellen“, welche die Einhaltung transnationaler „Leitsätze“, etwa der OECD, fördern und überprüfen sollen.

Auch auf nationaler Ebene sind ordnungspolitische Initiativen möglich. Für das ethikbewusste Unternehmen sind jedoch die vielen Beteiligten an einer komplexen und unübersichtlichen Wertschöpfungskette schwer auszumachen. Aber immerhin bieten viele bestehende Ordnungsdefizite Raum für ethisch gebundenes Unternehmensverhalten, worauf Sautter hinweist (in der Praxis dominiert allerdings wohl eher der Raubbau an Natur und Mensch). Besondere Bedeutung kommt der Bekämpfung und langfristig der Überwindung von Armut zu – ein wichtiges Handlungsfeld für Unternehmen. Primäres Aktionsfeld sollte der Abbau von Defiziten in der internationalen Rahmenordnung sein, so dass deren opportunistische Ausnutzung und Ausbeutung immer mehr zum Verschwinden gebracht wird.

 

5. Resümee

Hermann Sautter hat mit dieser umfassenden Monographie eine theoretisch durchdachte und im Hinblick auf die zahlreichen Fallbeispiele sehr aktuelle und instruktive Gesamtdarstellung der Wirtschafts- und Unternehmensethik, nicht nur im deutschen Sprachraum, gegeben. Durchgängiges Prinzip seiner Analyse ist die Verantwortung, welche die wirtschaftlichen Akteure über die keineswegs selbstverständliche Einhaltung geltenden Rechts hinaus zu tragen haben. Es wird dabei ein konsequent „dualistischer“ Ansatz vertreten, der Ethik und Ökonomik gleichermaßen berücksichtigt. Man sollte sich vom Umfang des Buches nicht abschrecken lassen, wird man doch für die Lektüre des Textes mit Erkenntnissen und Einsichten der verschiedensten Art belohnt. Darüber hinaus können viele einzelnen Teile für sich gelesen werden, ja nicht selten lassen sich Textbausteine als lexikalische Kurzdarstellungen wichtiger Begriffe nutzen. Da die Darlegung der ethischen Fragestellungen stets mit der Darstellung der ökonomischen Sachzusammenhänge einhergeht, kann deren Analyse in vielen Fällen auch direkt durch die Befassung mit sachlichen Hintergrund des jeweils diskutierten Falles erschlossen werden. Es ist in nicht nur für Studierende sehr empfehlenswertes Buch, auch zum Selbststudium. Durch seinen vielfältigen Praxisbezug ist es aber auch für eine ethisch verantwortliche Unternehmenspraxis außerordentlich hilfreich.

 

Der Autor

Hans G. Nutzinger

Hans G. Nutzinger, geb. 1945, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg, wo er 1968 mit dem Diplom abschloss. 1973 erfolgte die Promotion zum Dr. rer. pol. Und 1976 die Habilitation für Volkswirtschaftslehre. 1968 bis 1974 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Heidelberg und Dortmund und dann bis 1976 Habilitationsstipendiat der DFG. Von 1978 bis 2010 war er Professor für Theorie öffentlicher und privater Unternehmen an der Universität Kassel. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Vergleich von Wirtschaftssystemen, Unternehmenspartizipation, Ökologische Ökonomie, Wirtschaftsethik, Theoriegeschichte. Zahlreiche Publikationen auf diesen Gebieten.

 

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