Diese und andere Erkenntnisse präsentiert die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift Beiträge zur Hochschulforschung. Das Heft widmet sich dem Wandel der Hochschulgovernance vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen wie eines veränderten Rollenverständnisses des Hochschul- und Wissenschaftssektors, der Corona-Pandemie und der Digitalisierung. Hochschulgovernance als Gesamtheit der Koordinationsmechanismen zwischen den Akteuren in Hochschule und Wissenschaft ist ein zentrales Thema in Hochschulpraxis und -forschung.

Monika Jungbauer-Gans, Anja Gottburgsen und Bernd Kleimann erläutern in ihrem Beitrag verschiedene Governance-Modi im Hochschulbereich und stellen als neue Form die wertebasierte Governance vor. Dazu Prof. Dr. Monika Jungbauer-Gans, wissenschaftliche Geschäftsführerin des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW): “Die Governance von Hochschule und Wissenschaft steht aktuell und in den nächsten Jahren vor der Herausforderung, zunehmend auch gesellschaftliche Werte zu berücksichtigen, so wie dies vielfältige Stakeholder zunehmend von Hochschulen und Forschungseinrichtungen erwarten.” Die Autorinnen und der Autor legen dar, dass die wertebasierte Governance eine Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen darstellt. Sie stellen sie neben die hergebrachten Governance-Modi der kollegialen Selbstorganisation sowie der hierarchischen und der wettbewerblichen Steuerung. Da die Ausgestaltung von Governance große Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit wissenschaftlicher Organisationen hat, sprechen sie sich dafür aus, die Analyse von Governance-Modellen in der Wissenschaft systematisch fortzuentwickeln.

Axel Oberschelp gibt einen Überblick über die Anwendung der Governance-Perspektive in der deutschsprachigen Hochschulforschung im Zeitraum 2010–2019, die er in Beziehung zu parallelen hochschulpolitischen Entwicklungen setzt.

Vier weitere Artikel widmen sich aktuellen Entwicklungen der Hochschulgovernance in bestimmten Gegenstandsbereichen: der Digitalisierung der Lehre, der Einführung von Tenure-Track-Professuren, digitalen Forschungsinformationssystemen und Homeoffice-Erfahrungen in der Corona-Pandemie.

Elke Bosse, Maren Lübcke, Klaus Wannemacher und Grit Würmseer zeichnen nach, wie die Hochschulen während der Corona-Pandemie im Zuge der Umstellung auf virtuelle Lehre ihre digitale Infrastruktur und die technisch-didaktischen Unterstützungsstrukturen ausbauten. Für die Zukunft rechnen sie mit einer weiteren Verbreitung digitaler Lehrformate. Leonie Weißenborn gelangt in ihrer Studie zur Governance von Berufungen mit Tenure Track zu dem Befund, dass dieses neue Verfahren sehr unterschiedlich gut zu den Rekrutierungstraditionen verschiedener Fachkulturen passt. Ob sich Tenure-Track-Verfahren langfristig in der Breite der verschiedenen Fächer etablieren werden, sieht sie daher als fraglich an. Sabrina Petersohn und Christoph Thiedig stellen auf Basis einer empirischen Studie zur Forschungsberichterstattung fest, dass die meisten Forschungseinrichtungen bislang nicht das volle Potenzial digitaler Informationssysteme für die Forschungsberichterstattung ausschöpfen und dass die Pandemie hier – anders als im Bereich der Lehre – nicht als ein wesentlicher Treiber auszumachen war. Liudvika Leišytė untersucht exemplarisch an einer nordrhein-westfälischen Universität die Auswirkungen der Homeoffice-Regelungen während der Corona-Pandemie auf die Arbeit von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Insbesondere bei Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern wirkten sich die Regelungen nachteilig auf die Work-Life-Balance aus.

“Die Hochschulgovernance unter dem Eindruck neuer Herausforderungen stets neu zu greifen, bleibt eine Herausforderung für Hochschulforschung und Hochschulpraxis gleichermaßen”, resümiert Frau Prof. Dr. Isabell Welpe vom Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF) als Mitherausgeberin des Themenhefts.

Die Beiträge zur Hochschulforschung sind eine der führenden wissenschaftlichen Zeitschriften im Bereich der Hochschulforschung im deutschen Sprachraum. Die Open-Access-Zeitschrift zeichnet sich durch hohe Qualitätsstandards und ein anonymes Peer-Review-Verfahren, ein breites Themenspektrum und eine große Reichweite aus. Präsentiert werden unterschiedliche Formate wie quantitative und qualitative empirische Analysen, Vergleichsstudien, Überblicksartikel, Einblicke in die Praxis und Standpunkte.

Die Zeitschrift wird vom IHF herausgegeben.

 

Originalpublikation:

Das Heft 01/2023 ist ab 15. Mai 2023 verfügbar unter http://www.bzh.bayern.de/. Eine Druckfassung kann per E-Mail angefordert werden (sekretariat@ihf.bayern.de).

 

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