Vom 28. bis 30. Juni 2017 veranstaltete das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE) im Rahmen der Aktivitäten zum 500. Reformationsjubiläum die internationale Wissenschaftskonferenz „Behavioral Ethics – A Case for Reformation in Normative Business Ethics“. Sie war Teil des WZGE-Programms „Freiheit – Ordnung – Führung“, das durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Prof. Monika Grütters, gefördert wird. Eine Ko-Finanzierung erfolgte durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Unter der Leitung von WZGE-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Philipp Schreck (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) und Prof. Dr. Thomas Donaldson (The Wharton School, University of Pennsylvania) trafen sich 40 WissenschaftlerInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen von 21 Universitäten aus acht Nationen in Wittenberg, um die Ergebnisse ihrer Forschung zu diskutieren. Inspiriert durch das Motto des Reformationsjubiläums „Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen“ sollte der Stand der Wirtschafts- und Unternehmensethik kritisch hinterfragt werden. Insbesondere ging es um eine kritische Auseinandersetzung mit neueren Erkenntnissen der empirischen Verhaltensforschung und deren Relevanz für die normative Wirtschaftsethik. Den Eröffnungsvortrag hielt der renommierte Biologe und Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth (Universität Bremen) zum Thema „Individual freedom and responsibility in the light of neuroscience“.

In den folgenden fünf Paneldiskussionen lag der Schwerpunkt auf dem Spannungsverhältnis zwischen empirischer und normativer Forschung in der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Diese Kontroverse zeigte sich etwa in drei Fragenkomplexen: Die Bedeutung evolutionsbiologischer Erkenntnisse für unser Moralverständnis, die zunehmende Relevanz von Laborexperimenten in der Ethik, sowie das Zusammenspiel von Individuum, Organisation und Gesellschaft.

Die Bedeutung evolutionsbiologischer Erkenntnisse für unser Moralverständnis
Entsprechend ihrer zunehmenden Rezeption auch in der Wirtschaftsethik spielten auf der Konferenz Erkenntnisse über die evolutionären Hintergründe von Moral eine wichtige Rolle.
So wurden etwa Erkenntnisse aus der Kooperationsforschung mit Primaten diskutiert, die dafür sprechen, dass schon Schimpansen und Bonobo-Affen als nahe Verwandte des Menschen zu prosozialem Verhalten neigen, das für die Gruppe mitunter mit Kooperationsvorteilen verbunden ist. Auch kamen Erkenntnisse der Neurobiologie zur Sprache, nach denen moralisches Verhalten weniger Ergebnis von Einsicht als von evolutionär und frühkindlich geprägten Dispositionen ist. Angesichts solcher Prägungen stellt sich die Frage, wie und in welchem Umfang auf Einstellungen Einfluss genommen werden kann. Schließlich haben weite Teile der anwendungsorientierten Unternehmensethik das Ziel, menschliches Verhalten nicht nur zu erklären, sondern auch zu beeinflussen.

Die zunehmende Relevanz von Laborexperimenten in der Ethik
In der Ökonomik, der Psychologie und der Philosophie haben sich Laborexperimente mittlerweile einen festen Platz im Methoden-Kanon erarbeitet. Selbst Wirtschaftsethiker, die zuvor jahrzehntelang normativ gearbeitet haben, gehen mittlerweile auch experimentell vor. Doch welche Relevanz diese Forschung für die normative Ethik hat, ist nach wie vor umstritten. Wenn wir wissen, wie sich Menschen verhalten – welche Schlüsse können wir dann daraus mit Blick auf die Frage ziehen, wie sich Menschen verhalten sollten? Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass sich empirische Erkenntnisse über die Gründe unmoralischen Verhaltens nutzen lassen, um einem solchen Verhalten entgegenzuwirken. Stark umstritten bleibt jedoch die Frage, welche Relevanz Erkenntnisse über die (z.T. primär intuitive) Entstehung von Urteilen für die normative Bewertung solcher Urteile hat.

Das Zusammenspiel von Individuum, Organisation und Gesellschaft
Das Wechselspiel zwischen Individuum, Organisation und Gesellschaft wird seit jeher in der Wirtschaftsethik thematisiert. Die Risiken und Potentiale dieses Wechselspiels waren ein weiteres zentrales Thema, das auf der Konferenz diskutiert wurde. Zukünftiger Forschungsbedarf wurde insbesondere hinsichtlich der Frage erörtert, ob empirisch davon ausgegangen werden kann, dass Unternehmen sich zum Wohle der Gesellschaft an der Gestaltung der Wirtschaftsordnung beteiligen und wie die Bedingungen für ein solches Engagement verbessert werden können.

Als Festredner beim Conference Dinner im Alten Rathaus der Lutherstadt Wittenberg sprach Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Huber, Bischof i.R. und ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), über Führungsverantwortung in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. Zudem leitete Prof. Dr. Andreas Suchanek (HHL Leipzig Graduate School of Management), Vorsitzender des WZGE-Stiftungsvorstands, einen Workshop zum Ethik-Kompass für gute Führung, der die weitere Arbeit des Zentrums auch über das Reformationsjubiläum hinaus prägen wird.

 

Die Autoren

© privat

Prof. Dr. Philipp Schreck

Prof. Dr. Philipp Schreck ist Inhaber des Friede Springer-Stiftungslehrstuhls für Unternehmensethik und Controlling an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Mitglied des Vereinsvorstands des Wittenberg-Zentrums für Globale Ethik e.V.
2008 promovierte er zum Thema Business Case for Corporate Social Responsibility an der LMU München, dort wurde er 2014 auch mit Arbeiten zu Accounting and Ethics habilitiert. Die Schwerpunkte seiner Forschung liegen auf Themen der Unternehmensverantwortung, Nachhaltigkeitsberichterstattung und Verhaltenswirkungen von Anreizsystemen.

 

© Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik

Magdalena Wallkamm

Magdalena Wallkamm ist Projektmitarbeiterin am Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik e.V. im Programm „Freiheit – Ordnung –  Führung: Die Wirtschaft als mitgestaltende Kraft gesellschaftlicher Erneuerung“.

 

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