Am 5. Juni ist der internationale Tag der Umwelt. Ins Leben gerufen wurde er 1972 von den Vereinten Nationen.Angesichts aussterbender Tierarten, schrumpfender Rohstoffmengen und gescheiterter Klimaschutzbemühungen werden gesamtgesellschaftliche Anstrengungen wichtiger denn je, um die Umwelt für nachfolgende Generationen zu schützen und zu erhalten. Prof. Dr. Hendrik Müller, Wirtschaftsethiker an der Hochschule Fresenius, erklärt, warum Umweltschutz ein Unterrichtsfach werden sollte.

Prof. Dr. Hendrik Müller:

Ob Reden und Aktivitäten von Greta Thunberg oder die zahlreichen Schülerinnen und Schüler, die an den Fridays-For-Future–Demonstrationen teilnehmen: Die nachfolgenden Generationen fordern mehr Umweltschutz. Denn: Wir gefährden in hohem Maße den Bestand unserer Erde und das vor allen Dingen auf Kosten nachfolgender Generationen. Der daraus resultierende Ressourcen- und Artenrückgang wird erst in der Zukunft sein wahres und volles zerstörerisches Potenzial zeigen. Zwar wird der Begriff der Nachhaltigkeit gerne in der gesellschaftlichen Debatte gebraucht: Politik und Wirtschaft benutzen Schlagwörter wie „Nachhaltigkeit“ oder „Sustainability“ geradezu beliebig und bedauerlicherweise in erster Linie zu Werbezwecken. Die Realität sieht oft anders aus: Die rückständige und umweltschädliche Gewinnung von Energie durch Kohle wird nur punktuell und langsam ausgesetzt. Auch der notwendige Mobilitätswandel erfolgt nur zögerlich; vor allem wird von der Automobilindustrie mit der Elektromobilität aktuell eine nur vermeintlich bessere Alternative verfolgt.

Doch wie kann ein umfassender Wandel tatsächlich gelingen? Wir müssen das Bewusstsein über die Verletzlichkeit unserer Erde und die Notwendigkeit des Gegensteuerns bei Erwachsenen wie bei Kindern weiter schärfen. Die jungen Menschen sind bereits weitaus stärker sensibilisiert, aber um auch ihren Wissensstand zu erweitern, sollte das Thema Umweltschutz zusätzlich zu einem eigenen Schulfach gemacht werden. Zwar gab und gibt es in einzelnen Bundesländern zumindest dem Namen nach bereits solche Ansätze, wie das Fach „Welt- und Umweltkunde“ in Niedersachsen, welches in den 1980er und 1990er Jahren an der früheren Orientierungsstufe unterrichtet wurde. Doch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dieses Fach eigentlich nur eine Mischung aus 
Geschichte und Erdkunde war. Für den Umweltaspekt waren die Lehrkräfte schlichtweg nicht ausgebildet.

Ein Schulfach Umweltschutz sollte aber nicht nur theoretisches Wissen vermitteln, sondern ganz gezielt darauf abzielen, auch praktische Erfahrungen mit und in der Natur zu sammeln. Alle junge Menschen sollten verstehen lernen, dass wir weitestgehend selbst für den Fortbestand der Erde verantwortlich sind. Das sich daraus entwickelnde Bewusstsein, die eigene Lebensweise zu überdenken, führt zu der Erkenntnis, dass wir in vielen Lebensbereichen sparsamer mit Ressourcen umgehen können beispielsweise beim Verbrauch von Wasser. Aber auch die Eltern können dazu animiert werden, nicht alle Wege mit dem PKW zurückzulegen und unbedingt mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen. Und auch das Pausenbrot muss eben nicht in Plastiktüten oder Alupapier verpackt sein.

Statt Wegwerfmentalität und Billigproduktion könnten den Schülerinnen und Schülern im Rahmen des schulischen Unterrichts Alternativen wie die Kreislaufwirtschaft Circular Economy aufgezeigt werden, die auf Wiederverwertung und Weiternutzung von Produktbestandteilen setzt. Auch der Ansatz der Sharing Economy, nach der wir nicht mehr alles besitzen müssen, sondern viele Dinge gemeinsam nutzen und tauschen können, wäre ein möglicher Schulstoff.

Das erworbene Wissen kann dann im Kontext Schule ganz leicht praktisch angewendet werden. An vielen Schulen gibt es schon seit längerem erfolgversprechende Ansätze für einen neuen Umgang mit unserer Umwelt: Bereits 800 deutschen Schulen wurde von der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung (DGU) die Auszeichnung „Umweltschule in Europa – Internationale Agenda 21 Schule“ verliehen. Und auch für das europäische Umweltschutzgütesiegel EMAS können sich Schulen qualifizieren. Bereits seit 1995 bietet zudem das Comenius-Programm der EU deutschen Schulen die Möglichkeit, gemeinsam mit mindestens zwei weiteren Schulen aus anderen Mitgliedsstaaten an Projekten teilzunehmen und ganz praktische Kompetenzen im Umweltschutz zu erwerben.

Ich bin überzeugt, dass viele Schülerinnen und Schüler es begrüßen würden, wenn diese praktischen Projekte durch ein Schulfach erweitert würden, in dem auch die theoretischen Grundlagen für einen besseren Umgang mit der Natur gelegt werden.“

 

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