Erkundung, Positionierung und Konsolidierung einer philosophischen Disziplin

Ein Positionspapier von Michaela Haase, Susanne Hahn, Ludger Heidbrink, Matthias Kettner, Birger P. Priddat und Peter Seele.

 

Präambel

Dieses Positionspapier ist im Rahmen des durch die VW-Stiftung geförderten Scoping-Workshops “Wirtschaftsphilosophie: Erkundung, Positionierung und Konsolidierung einer philosophischen Disziplin” entstanden.

Die Erkundungen des Workshops haben gezeigt, dass Wirtschaftsphilosophie aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Erwartungen und Ansprüchen betrieben wird. Das vorliegende Positionspapier nimmt die unterschiedlichen Anregungen aus den Debatten des Workshops auf und gibt sie wieder. Der Text versucht nicht, die Debatten im Einzelnen zu dokumentieren oder so etwas wie einen Minimalkonsens herzustellen. Vielmehr wird im Abschnitt “Limitationen” ausdrücklich auf die heterogenen und kontroversen Reaktionen auf die Workshop-Fragestellung verwiesen.

Das Positionspapier ist deshalb als eigenständiger Beitrag der genannten Autorinnen und Autoren zu verstehen. Auch in diesem Beitrag wird deutlich, dass die einzelnen Auffassungen der Beitragenden zum Verständnis von Wirtschaftsphilosophie und der Art und Weise, wie man diese betreibt, durchaus unterschiedlich sind. Die Verfasserinnen und Verfasser unternehmen nicht den Versuch, diese Unterschiede zu überspielen, sondern lassen diese bestehen, auch um zu weiteren Überlegungen anzuregen.

Die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers danken den aufgeführten Teilnehmenden des Workshops für ihre Mitarbeit und ihre lebhaften Debatten, die den Einblick in die Vielfalt der Disziplin ermöglicht haben.

 

Einleitung

Seit die Philosophie sich aus dem umfassenden Fundament der Metaphysik entlassen hatte, fächerte sie sich, ähnlich den Wissenschaften, in fachliche Segmente auf: Epistemologie, Ontologie, Geschichtsphilosophie, politische Philosophie, Naturphilosophie, Existenzphilosophie, praktische Philosophie, Ethik, Wissenschaftstheorie etc. Für das Wirtschaftliche im Philosophischen etablierte sich ab etwa Ende des 19. Jahrhunderts der Name ‘Wirtschaftsphilosophie’. Aus Wirtschaftsphilosophie wurde aber bislang keine eigene philosophische Teildisziplin, vielmehr wurde sie auf unbestimmte Weise dem weiten Bereich der Praktische Philosophie zugeschlagen.

Wirtschaftsphilosophie ist aber vielmehr ein Reflexionsraum, der alle fachlich ausdifferenzierten Segmente des Philosophischen durchzieht. Das zeigt sich vor allem daran, auf welch verschiedene Art Wirtschaftsphilosophie heute betrieben wird: beispielsweise als epistemologische Befragung der vorherrschenden Semantik der Ökonomik, als Hinterfragen der Rationalitätsphilosophie der modern economics, als gabenökonomische Spurenanalyse einer Reziprozitätsphilosophie im Ökonomischen, als geschichtsphilosophische Rekonstruktion des Kapitalismus und seiner Industrialisierungswirkungen, als Rhetorik des Ökonomischen und ihrer narrativen Ausprägungen, als medienphilosophische Rekonstruktion der Finanzökonomie, als ethische Analyse von Normengeltung im Ökonomischen, als Philosophie der Dynamik der Ordnungsvorstellungen in der Geschichte, als politische Philosophie der politischen Ökonomie u.a. Es bildet sich kein Standardmodell heraus, sondern ein bewegliches Feld philosophischer Reflektion des Ökonomischen, zum Teil “in rücksichtsloser Überschreitung” (Rorty) etablierter Begriffssysteme, um Neubeschreibungen und neue Interpretationen zu leisten.

Die Philosophie hat immer schon das wirtschaftliche Handeln des Menschen thematisiert. Einschlägige Ansätze finden sich von Platon und Aristoteles über Thomas von Aquin, John Locke, Wolff, Rousseau, Fichte, Hegel, Marx und Nietzsche bis zu Bataille, Baudrillard, Derrida, Rawls, Sen und anderen. Diese Ansätze bildeten sich aber nicht zu einer spezifischen Wirtschaftsphilosophie aus, sondern blieben Reflexionen des Ökonomischen im Kontext der je eigenen Positionen und Ansätze. Heute zeigt sich: Die Philosophie, soweit sie das Wirtschaften reflektiert, denkt über die Wirtschaft als Sphäre nach, polyvalent, in all ihren Dimensionen, die das Effiziente weit übersteigen. Sie kann die Wirtschaft in ihrer Spannung zwischen Überfluss, Freiheit und Notwendigkeit reflektieren, ohne Dogmen, Mythen oder Ideologien aufzusitzen. Dieses intellektuelle Potenzial wird jedoch nicht genutzt, wenn man die Wirtschaftsphilosophie auf praktische Philosophie bzw. auf Wirtschaftsethik einschränkt.

Angemessen wäre es heute, Wirtschaftsphilosophie als ein disziplinenübergreifendes Projekt anzusehen, innerhalb dessen die Reflexion erkenntnistheoretischer und methodologischer Aspekte und deren praktische Konsequenzen sowohl für die ökonomische Theoriebildung als auch das wirtschaftliche Handeln im Vordergrund stehen. Eine solche Ausfaltung des wirtschaftsphilosophischen Reflexionspotentials umfasst ein Spektrum von philosophischen Ansätzen über ökonomische Grundlagenfragen, Theorien und Praktiken, wodurch kein einheitliches Feld entsteht, sondern sich verschiedene Methoden, Narrationen, Systeme und Diskurse bilden. Ziel wirtschaftsphilosophischer Konsolidierung sollte es daher nicht sein, eine ähnliche fachliche Konsistenz wie die Wirtschaftswissenschaften erlangen zu wollen (ein Ideal, das derzeit auch innerhalb der Ökonomik herausgefordert wird), sondern einen Reflexionsraum zu schaffen, der die verschiedenen ökonomischen Theorien und Praktiken spiegeln kann (vor allem in Bezug auf ihre kontextuelle und kulturelle Einbettung). Vor diesem Hintergrund fasst das Positionspapier die wichtigsten Ergebnisse des Workshops zusammen, beschreibt die Potentiale und Probleme der Wirtschaftsphilosophie und macht Vorschläge für die Positionierung der Wirtschaftsphilosophie in Forschung, Lehre und Öffentlichkeit.

 

Zur Situation der Wirtschaftsphilosophie

Die Wirtschaftsphilosophie ist der grammatikalischen Komposition nach ein Teilgebiet der Philosophie und beschäftigt sich mit der Schnittstelle von Philosophie und Ökonomie bzw. Ökonomik. Historisch knüpft sie an die “Praktischen Wissenschaften” der Antike an, zu denen Wirtschaft, Politik und Ethik gezählt wurden und die -anders als heute – weniger distinkt und getrennt gedacht wurden. Dies wird bereits in den aristotelischen Schriften der “Politik” und der “Nikomachischen Ethik” deutlich, und die pseudo-aristotelische “Oikonomika” beschreibt ebenso in integraler Weise Themen der Wirtschaft wie den Haushalt, Staatsfinanzen oder den Umgang mit Personal.

In systematischer Hinsicht steht die Wirtschaftsphilosophie heute in Verbindung mit folgenden Subdisziplinen: Praktische Philosophie, Angewandte Ethik, Wirtschaftsethik, Politische Philosophie, Sozialphilosophie, Theoretische Ökonomie, Wissenschaftsphilosophie der Ökonomie, Wirtschaftsgeschichte und Ideengeschichte. Fachlich ist sie eng verwandt mit PPE-Programmen (Philosophy, Politics and Economics), Philosophy of Economics, General Management, Business Ethics, Critical Management Studies, Organisation Studies oder Philosophy of Management. An diesen Nachbarschaften wird bereits eines der wesentlichen Merkmale des semantischen Feldes der Wirtschaftsphilosophie deutlich: Im deutschsprachigen Raum umfasst der Begriff “Wirtschaft” – anders als etwa im Englischen – sowohl die Dimension der Volkswirtschaft als auch der Betriebswirtschaft. Zudem können angrenzende Themen und Bereiche ebenso dazugezählt werden, wozu insbesondere die Soziologie, Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Psychologie oder Kommunikationswissenschaft gehören.

Als distinkte Disziplin gibt es die deutschsprachige Wirtschaftsphilosophie bereits seit über 100 Jahren. Zu den maßgeblichen Publikationen zählen Fritz Berolzheimer: System der Rechts- und Wirtschaftsphilosophie (1904), Werner Sombart: Die drei Nationalökonomien (1930) und Otto Weinberger: Grundriß der allgemeinen Wirtschaftsphilosophie (1958). Hier wurden die Einteilung der Wirtschaftsphilosophie in Wirtschaftsontologie, Wirtschaftskultur, Wirtschaftsethik sowie die Unterscheidung von spezieller Wirtschaftsphilosophie (logische und ontologische Fundamente) und allgemeiner Wirtschaftsphilosophie (ethische und praktische Aspekte des Wirtschaftens) vorgenommen. Auch in jüngster Zeit gibt es insbesondere im deutschsprachigen Raum wieder eine Vielzahl von Detail- und Überblickspublikationen zur Wirtschaftsphilosophie, die Aktualität und Relevanz des Themas deutlich machen.

Um die Geschichte und Position der Wirtschaftsphilosophie zu erhellen, ist deren besonderes Verhältnis zur Wirtschaftsethik von Bedeutung. Auch wenn die Wirtschaftsethik ein Teilbereich einer über normative Themen hinausgehenden Wirtschaftsphilosophie ist, so ist es die Wirtschaftsethik, die von Art und Umfang deutlich stärker institutionalisiert und etabliert ist, insbesondere auch und vor allem an Wirtschaftsfakultäten und Business Schools. Das zeigt sich auch daran, dass sich auf den Ebenen der Autoren, Herausgeber und Stellenausschreibungen eine Verschiebung des Feldes weg von der Philosophie hin zu den Business Studies ergeben hat (Seele 2016). Umso wichtiger ist es, die unverkürzte Wirtschaftsphilosophie (wieder) in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, um ihre Potentiale und Chancen jenseits der Wirtschaftsethik und der internationalen Business Schools zu entfalten.

 

Potentiale der Wirtschaftsphilosophie: Stärken und Schwächen

Der besondere historische und systematische Stellenwert der Wirtschaftsphilosophie besteht darin, dass sie sich Anfang des 20. Jahrhundert als eine Dachdisziplin herausgebildet hat, die Themen der Wirtschaftsethik, Wissenschaftstheorie der Wirtschaftswissenschaft, Wirtschaftskultur und Ideengeschichte der Wirtschaft behandelt. Diese Entwicklung führt im weiteren Verlauf zu einem integrativen Selbstverständnis der Wirtschaftsphilosophie, die sich als eine Vermittlerin zwischen genuin ökonomischen Theorien und Modellen auf der einen Seite und deren philosophischer Reflexion in Gestalt ontologischer, epistemologischer und normativer Fragen auf der anderen Seite begreift. Eine der spezifischen Stärken der Wirtschaftsphilosophie, wenn man sie so nennen will, liegt dadurch in ihrer Rolle als Moderatorin und Übersetzerin zwischen wirtschaftswissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Diskursen über ökonomische Ansätze und Themen, die auf ihre jeweiligen Eigenlogiken, Sinnsphären und methodischen Voraussetzungen hin wirtschaftsphilosophisch analysiert werden. Dabei geht es nicht nur um theoretische Fragen (etwa der adäquaten Modellbildung oder der verwendeten Präferenzkonzepte), sondern auch um praktische Fragen (beispielsweise der Unternehmensorganisation oder alternativer Wirtschaftsformen). Dieser Prozess der Moderation und Übersetzung vollzieht sich idealiter wechselseitig, indem sich die philosophischen Wissenschaften auf die spezifischen Methoden und die systemische Sachlogik der Wirtschaftswissenschaften einlassen, während umgekehrt die Wirtschaftswissenschaften offen für metatheoretische und normative Kritik durch die philosophischen Wissenschaften bleiben.

Diese Stärke der Wirtschaftsphilosophie stellt allerdings zugleich ihre Schwäche dar. Der Wirtschaftsphilosophie, so wie sie aktuell als Fachdisziplin in Forschung und Lehre umgesetzt und zugleich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, mangelt es an einem eigenständigen Profil, durch das sie sich hinreichend von verwandten Ansätzen wie der Business Ethics, Philosophy of Management, Philosophy of Economics oder Philosophy, Politics and Economics abgrenzen lässt. Hierfür lassen sich mehrere Gründe nennen: Die explizit so genannte Wirtschaftsphilosophie stellt eine Art deutschen Sonderweg dar, der durch eine tendenziell pejorative Sicht auf wirtschaftliche Theorien und Praktiken gekennzeichnet und zudem bislang international nur begrenzt anschlussfähig gewesen ist; es gibt keine spezifische Methodik und keinen exklusiven Themenbereich in der Wirtschaftsphilosophie, die ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Disziplinen bilden können. Aufgrund ihrer unklaren praktischen Relevanz befriedigt sie, anders als die Wirtschaftsethik, keinen öffentlichen Erklärungsbedarf. Zudem wird sie an den Universitäten bislang nur sporadisch vertreten und hat somit ein Nachwuchsproblem, da sie derzeit nur geringe Karrierechancen in Aussicht stellen kann.

 

Zum Verhältnis von Wirtschaftsphilosophie, Business Ethics und Wirtschaftsethik

Auch wenn immer wieder die Frage aufgeworfen wird, was unter Wirtschaftsphilosophie zu verstehen ist, besteht Konsens, dass sie über Wirtschaftsethik, die nur ein Teil der Wirtschaftsphilosophie ist, hinausreicht. Es lassen sich (in Anlehnung an Hausman 2018) drei Reflexionsbereiche benennen, die für wirtschaftsphilosophische Überlegungen charakteristisch sind:

  • Reflexionen zur Wirtschaft als institutionalisierte soziale Praxis: Wirtschafts- und Unternehmensethik
  • Reflexionen zur Theoriebildung in den Wirtschaftswissenschaften: Handlungs- bzw. Rationalitätsphilosophie
  • Reflexionen zum Wissenschaftsstatus, dem „Inventar“ sowie den Zielsetzungen der Wirtschaftswissenschaften: Wissenschaftsphilosophie der Ökonomik

 

Verbindender Zug dieser Reflexionsbereiche ist, dass sich alle – mehr oder weniger direkt oder indirekt – mit dem Handeln beschäftigen: In einer weit gefassten Unternehmens- und Wirtschaftsethik geht es sowohl um die Beurteilung der Prozesse und Resultate wirtschaftlichen Handelns als auch um die Betrachtung der sozialen Praktiken – “Kulturen” – bzw. normativen Systeme, sowohl informeller (eingespielter) wie formeller (rechtlich gesetzter) Art, in der dieses Handeln stattfindet. Die Handlungs- und Rationalitätsphilosophie nimmt die einschlägige Theoriebildung (v.a. Rational Choice) in den Wirtschaftswissenschaften in den Blick und fragt z.B. nach den Zielsetzungen, die mit der Theoriebildung verfolgt werden, und nach der Einbettung in größere handlungsphilosophische Zusammenhänge. Der Reflexionsbereich der Wissenschaftsphilosophie der Ökonomik fragt u.a. nach dem Wissenschaftsstatus der Ökonomik, nach der Gewinnung von gesetzesartigen Zusammenhängen oder nach den Gelingensbedingungen für Erklärungen und Prognosen in den Wirtschaftswissenschaften.

Welcher Nutzen könnte sich daraus ergeben, diese unterschiedlichen Reflexionsbereiche, die unter anderen Titeln als etablierte Lehr- und Forschungsbereiche betrieben werden, unter das Etikett ‘Wirtschaftsphilosophie’ zu stellen?

Diese Selbstetikettierung birgt die Chance, die genannten Reflexionen nicht lediglich als Überlegungen, die “irgendwas mit Wirtschaft” zu tun haben, in einen “Topf zu werfen”, sondern die Herstellung von Zusammenhängen als Aufgabe der Wirtschaftsphilosophie hervorzuheben. Auf diese Weise ließen sich auch letztlich unproduktive, pejorativ gefärbte Schul- und Grenzbildungen überwinden. Ein Beispiel: Die Vorteile der Praxis- und Fallorientierung der vor allem US-amerikanisch geprägten Business Ethics lassen sich verbinden mit einer allgemein moralphilosophischen Reflexion zu Korrektheitsbedingungen von Verantwortungszuschreibung und einer spezifisch unternehmensbezogenen Verantwortungszuschreibung. Fragen nach der Möglichkeit intrinsischer Normbindung, nach dem Akteursstatus von Unternehmen und der Rolle der Rationalitätsannahmen beim Handeln stellen den Zusammenhang zwischen Unternehmensethik und Rationalitätstheorie her. Wenn Expertise aus der Ökonomik herangezogen wird, um die Grundlage für politische Entscheidungen zu liefern, dann lassen sich wissenschaftsphilosophische Fragen nach den Anforderungen der Theoriebildung in der Ökonomik aufwerfen, denen sie genügen muss, um die Grundlagen für eine “evidence based policy” zu liefern. Dabei fließen wiederum wirtschaftsethische Überlegungen mit ein, wenn etwa eine politische Zielsetzung wie “Steigerung der Wohlfahrt” auf Präferenzen von Individuen zurückgeführt wird: Wessen Präferenzen sind in welcher Weise einzubeziehen? Und – eine Frage des unterlegten Handlungs- bzw. Rationalitätsmodells – wie sind Präferenzen zu verstehen: als angegebene (“stated preferences”), offenbarte (“revealed preferences”) Präferenzen oder vielmehr als ‘aufgeklärte’ oder ‘wahre’ Wünsche?

Eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftsphilosophie besteht somit darin, aufzuzeigen, dass alle drei Reflexionsbereiche mit menschlichem – hier: wirtschaftlichem – Handeln zu tun haben. Dabei kann auch die interessierte Auseinandersetzung mit der Ideengeschichte der Wirtschaftsphilosophie oder der Philosophy of Economics die Stärkung der Vorgehensweise, die als typisch für die philosophische Reflexion betrachtet werden kann, unterstützen: systematische Distanzierung, Herstellung von größeren Zusammenhängen, aber auch Fragen nach dem Zweck der Beschäftigung mit diesen Fragen.

 

Wozu Wirtschaftsphilosophie: Praktische Relevanz

Mit einem soziologischen Modell der intradisziplinären Arbeitsteilung lässt sich die praktische Relevanz der Wirtschaftsphilosophie als Disziplin illustrieren. Das Modell kann auf andere Disziplinen erweitert bzw. als normativer Orientierungsrahmen verwendet werden. Es adressiert implizit das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft und hilft, einen Rahmen für die Diskussion praktischer Relevanz abzustecken:

 

Academic audience Extra-academic audience
Instrumental knowledge Professional Policy
Reflexive knowledge Critical Public

Quelle: Burawoy 2005, S. 269.

 

Burawoy ordnet in dem Modell zwei Formen des Wissens jeweils einem akademischen und einem nichtakademischen Publikum zu. Dadurch ergeben sich verschiedene Rollen, die eine Disziplin einnehmen kann, oder auch “faces”, die sie zeigen kann. Bei der Anwendung des Modells auf die Wirtschaftsphilosophie lassen sich folgende Fragen formulieren:

  1. Academic audience: Worin besteht das “professional knowledge” der Disziplin bzw. ihre professionelle Praxis? Worauf bezieht sich ihr selbstkritischer Blick?
  2. Extra-academic audience: Wie wendet sie sich an die Politik und an die Öffentlichkeit?

 

Das akademische Publikum umfasst auch die Disziplinen oder Arbeitsgebiete außerhalb der Wirtschaftsphilosophie. Die Praxis der Wirtschaftsphilosophie wird hier durch die Schnittstellen zur Ökonomik und zu anderen Disziplinen oder Arbeitsgebieten bestimmt, indem die Wirtschaftsphilosophie Beiträge zur Entwicklung bestehender oder alternativer Ansätze oder Perspektiven leistet. Für die Entwicklung des “professional face” der Wirtschaftsphilosophie ist über die Arbeit an den Schnittstellen hinaus die Entwicklung eigener und interdisziplinärer Ansätze von besonderer Bedeutung. Als Teilgebiet der Philosophie kann die Wirtschaftsphilosophie das Methodenarsenal der Philosophie verwenden, aber – z. B. im Rahmen interdisziplinärer Forschung – auch eigene Methoden entwickeln.

Das “critical face” der Wirtschaftsphilosophie würde einerseits die eigene Themen- und Methodenwahl sowie Theorieentwicklung kritisch reflektieren. Es hätte andererseits zu berücksichtigen, ob die gewählten Themen von Relevanz für das “extra-academic audience” sein können: Politik, Bildung, Öffentlichkeit, soziale Bewegungen oder Organisationen. Im Hinblick auf das “extra-academic audience” unterscheidet das Modell zwischen Politik und Öffentlichkeit. Bezüglich der Politik ist die Frage zu beantworten, welche Rolle die Wirtschaftsphilosophie direkt oder indirekt in der Politikberatung spielt oder spielen kann. Jede:r Politiker:in kann sich durch Expert:innen seiner oder ihrer Wahl beraten lassen. Darüber hinaus bestehen institutionalisierte Formen der Beratung in Form von Gremien oder (Bei-)Räten (z. B. zu den Themen Wirtschaftspolitik, Verbraucherschutz, Ethik, CSR oder Transformation).

Das “public face” der Wirtschaftsphilosophie hätte zudem zu berücksichtigen, dass das von ihr produzierte Wissen (wie bei allen anderen Disziplinen auch) nicht automatisch im öffentlichen Interesse sein muss. An dieser Stelle wird deutlich, dass Wissenschaft und Gesellschaft zwar im Zusammenhang gedacht werden können, aber nicht zusammenfallen. Für das Verständnis des “public face” bieten die Kritik des ökonomischen Public-Good-Begriffes und der Vorschlag, wissenschaftliches Wissen als “common good” (knowledge as common good) aufzufassen, wichtige Ansatzpunkte. Die Definition von “knowledge as common good” setzt “professional knowledge” und das öffentliche Interesse an diesem Wissen voraus. Für die Wirtschaftsphilosophie (wie für jede andere Disziplin) gälte es, die Entwicklung solchen Wissens zu ermöglichen (wenn auch nicht nur solches Wissen angestrebt werden muss). Für die Feststellung des öffentlichen Interesses bedarf es der Kommunikation und der Organisation demokratischer Verfahren, deren Durchführung nicht oder nicht allein in der Hand der Wissenschaft bzw. Wirtschaftsphilosophie liegt, die dort aber Beachtung finden sollten.

Demokratie in der Gesellschaft und in der Wissenschaft sind der Kern von demokratischen Modellen des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft. Daher ist die Auseinandersetzung mit Vorstellungen zur Demokratisierung von Wissenschaft, wie sie z. B. in Verbindung mit “extra-academic transdisciplinarity” mit Blick auf Partizipation diskutiert werden, für die Wirtschaftsphilosophie relevant. Einerseits bietet die Literatur zur “extra-disciplinary transdisciplinarity” zahlreiche Anregungen für die Bestimmung von Richtungen, Gegenständen und Themen mit Bedeutung für die Wirtschaftsphilosophie. Andererseits stellt sich die Frage, worin sich demokratische Strukturen in der Wissenschaft spiegeln und was die Partizipation von Nichtwissenschaftler:innen im Prozess der Wissensgenerierung bedeutet bzw. wie weit diese gehen kann oder soll (Interaktion oder Integration?). Hier lassen sich auch Konfliktlinien identifizieren, denn mit der Definition von “scientific knowledge as common good” wären solche Formen der Zusammenarbeit mit “extra- academic audiences” nicht vereinbar, die eine Verwischung der Grenze zwischen wissenschaftlichem und nichtwissenschaftlichem Wissen beinhalten.

 

Wirtschaftsphilosophie an Universitäten und in der Öffentlichkeit

Wer den deutschen Begriff Wirtschaftsphilosophie nicht als eine terminologische Variante von bzw. als Übersetzung für philosophy of economics gelten lassen möchte, wird es schwer haben, Wirtschaftsphilosophie an den Universitäten zu etablieren und der Medienöffentlichkeit einzuprägen.

Zur Medienöffentlichkeit: Weithin öffentlich bekannt ist Wirtschaftsethik, wie eine kursorische Medienanalyse mit den relevanten Suchbegriffen in unspezialisierten TV-, Radio-, und Zeitungsformaten, Podcasts und Youtube-Kanälen ergibt. Wirtschaftsphilosophie hingegen findet nur durch Fachmedien (z.B. seit 2002: Politics, Philosophy & Economics oder das populäre Philosophiemagazin Agora42) Verbreitung in einem unbestimmt großen Adressatenkreis sowie in einem eher wissenschaftlichen Adressatenkreis durch frei herunterladbare Working Papers von Zentren und Instituten (z.B. das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, das Oswald von Nell-Breuning Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik, das Kiel Center for Philosophy, Politics and Economics, das St. Gallener Institut für Wirtschaftsethik). Auch das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE) ist mit verschiedenen Medienformaten präsent, unterhält zwei “Praxisforen” als öffentliche Veranstaltungsformate (Forum Compliance & Integrity sowie das Forum Compliance im Mittelstand für Praktiker, die am Tagesgeschäft interessiert sind), verwendet aber den Begriff der Wirtschaftsphilosophie kaum.

An dieser Stelle kann die Frage nicht weiter untersucht werden, wie es zur Eingewöhnung der metonymisch verkürzten Redeweise von Wirtschaftsethik mit Abschattung der Philosophie gekommen ist. Vermutlich gibt die Bequemlichkeit den Ausschlag, denn Wirtschaftsphilosophie ist ein systematisch gegliedertes Ganzes von angewandter Philosophie, also kompliziert. An “angewandte Ethik” hat man sich inzwischen gewöhnt, die Rede von “angewandter Philosophie” aber wirkt erfahrungsgemäß noch befremdlicher (z.B. auf Journalisten) als die gute alte Unterscheidung von praktischer versus theoretischer Philosophie – zu der die Wirtschaftsphilosophie als angewandte Philosophie ohnehin quer steht.

Zu den Universitäten: Aus der digitalen Suchperspektive angehender Studierender ist nicht nur die Wirtschaftsphilosophie, sondern auch die Wirtschaftsethik in Deutschland, Österreich und der Schweiz schwer auffindbar, während sie auf zahlreiche (Master-)Studiengänge der Ethik stoßen. Unterhalb der Oberfläche expliziter Studiengangsbezeichnungen sind Bestandteile der Wirtschaftsphilosophie im Hochschulangebot aber durchaus verankert, konkret etwa in folgenden Studiengängen: HfGG Koblenz “Ökonomie – Nachhaltigkeit – Transformation” (BA/MA), Uni Bayreuth “Philosophy & Economics” (BA/MA), Uni Bochum “Economics, Law and Politics” (MA), Frankfurt School of Finance & Management “Management, Philosophy & Economics” (BSc), Uni Kiel “Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt” (MA), Uni Mannheim “Kultur und Wirtschaft mit Kernfach Philosophie” (BA), LMU “Philosophie, Politik, Wirtschaft” (MA berufsbegl.), Uni Saarbrücken “Economics, Finance and Philosophy” (MA).1 Nur werden dort die betreffenden Bestandteile nicht als Wirtschaftsphilosophie tituliert. Zum Begriff Wirtschaftsphilosophie bekennt man sich auf der konkreten Ebene von Modulbeschreibungen bisher in Deutschland nur an zwei Universitäten mit Philosophy, Politics and Economics (PPE) Studiengängen: der Uni Düsseldorf (BA) und der Uni Witten/Herdecke (BA/MA).

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Wirtschaftsphilosophie als ein systematisch gegliedertes Ganzes angewandter Philosophie im deutschsprachigen Teil des Hochschulsystems derzeit nur avant la lettre und in der medienvermittelten Öffentlichkeit nur pars pro toto (durch Wirtschaftsethik) vertreten ist, aber ihre Zukunft aber noch vor sich hat: Wirtschaftsphilosophie ist, in durchaus ambivalentem Sinne, ante portas.

 

Wirtschaftsphilosophie im Schnittfeld der Disziplinen: Zukünftige Kooperationsmöglichkeiten

Als fachlich nicht festgelegte Disziplin hat die Wirtschaftsphilosophie die Freiheit, Reflexionen des Wirtschaftlichen zu leisten, die über die Disziplinen hinweg neue Aspekte einfangen und neue Dimensionen entfalten. So lassen sich z.B. zukünftige Kooperationsmöglichkeiten mit der Linguistik (Polyzentrik der Sprachspiele in der Wirtschaft) oder mit der (Wirtschafts-)Soziologie, mit der Ethnologie, mit der Sozialpsychologie, mit der Historik, mit der Jurisprudenz, mit der Informatik denken. Aber auch mit der Theologie und der Poetologie (in Fragen der Erwartungen, Hoffnungen, Imaginationen – dem narrative turn in economics) lassen sich gemeinsame Themen finden.

Darunter fallen z.B. Theorien zur Epistemologie und Ontologie der Ökonomie im Kontext der Neurowissenschaften, zur kulturphilosophischen Analyse des Konsums, zur Soziophilosophie der Relation von Digitalisierung und Gabenökonomie, zur Ökonomie und Zeitphilosophie, zur Wissensgenese und Politik des Geldes, zur frühen Genese des Kapitalismus im Bergbau des späten Mittelalters, zur Geschichte der Ökonomie und ökologischen Politik, zur Geschichte der ästhetischen Ökonomie.

Dies sind Beispiele wirtschaftsphilosophischer Reflexion, methodisch freibleibend, aber Felder intellektueller Kollaborativität erzeugend, die weder in der praktischen Philosophie (Ethik) noch in den Wirtschaftswissenschaften generiert werden. Auch wenn manche der genannten Beispiele sich einzelnen Wissenschaften zuordnen lassen, sind sie – für wirtschaftsphilosophische Belange – vor allem disziplinenübergreifend ausgerichtet. Sie sind weder Philosophie (im strengen Sinne) noch Wissenschaft (im strengen disziplinären Sinne): but in between, Reflexionsinstanzen sui generis. Es handelt sich um Elemente einer sich erst findenden Wirtschaftsphilosophie, die keiner Schule, keiner Konvention folgt, sondern das Ökonomische in all seinen Facetten beschreiben und erklären kann (Beobachtung einer Wissenschaft, Kritik, aber nicht deren Ersetzung).

Insgesamt bleibt diese Beobachtung noch zu akademisch, die Wirtschaftsphilosophie wird sich – weil ihr disziplinenübergreifendes Potenzial es erlaubt – in Zukunft mit den großen Krisenthemen der Hypermoderne auseinandersetzen: Digitalität, Klima, Ökologie, Migration, Innovation. Dabei wird es um Transformations- und Dynamikthemen gehen, neben der Überprüfung der Tauglichkeit der bisher verwendeten Ethiken (Selbst- und Fremdevaluation). Dazu kommen Ausweitungen der Dimension des Ökonomischen, die in der folgenden Themenliste benannt werden.

 

Zehn Impulse für zukünftige Themen der Wirtschaftsphilosophie

Im Folgenden werden aus einer Gesamtauswahl von 39, im Plenum ermittelten, Themen für die Wirtschaftsphilosophie zehn Themen für zukünftige Forschung vorgeschlagen.2

1. Arbeit: Ökonomie: Lohnarbeit. Drei Dimensionen: (i) materieller Lebensvollzug, (ii) anthropologische Dimension, (iii) normative Dimension. Themen: bedingungsloses Grundeinkommen, gelungenes Leben – mit oder ohne Arbeit? In den Wirtschaftswissenschaften: Begriffsbildung, Messung, Werturteile. Wer arbeitet, Mensch oder Maschine?

2. Narration, Ideologie, Performativität: Konstruktionsverhältnisse (Narration), Ideen, Überzeugungen, Werte; Widersprüche zwischen Normen und Praktiken (Ideologie), Konstruktion sozialer Wirklichkeit, z. B. Gender, Risiko; Sprache und Auswirkungen in der Welt. Grundannahmen in der Wirtschaftswissenschaft, wer legitimiert Wirtschaftswissenschaft, Werte einfließen zu lassen? Linguistic turn (in der Philosophie?) und Medien.

3. Value and Wealth: Wertbildung: “Wer wertet, der schafft” (Nietzsche), Value: Überblick über die philosophische Werttheorie zur Ergänzung der Perspektiven empirischer Wissenschaften, die sich mit Werten befassen. Ökonomischer Wertbegriff: Kosmologien des Wertes (Graber), gutes Leben, “wahrer” Reichtum, ökonomischer Reichtum und planetare Krise.

4. Arbeit an einer Grand Theory für die sozialökologische Transformation der Wirtschaft: neues Narrativ nach der Globalisierung (Latour). Rückbezogenheit auf die Erde. Social Contract Theorie. Naturkontrakt (Serres), Mensch-Natur-Verhältnis, Mensch-Maschine-Verhältnis, Technikphilosophie (Sassen). Ökonomisch bedingte Zielkonflikte, Wachstumsabhängigkeiten.

5. Unterscheidung des akademischen Wissens von anderen Arten des “Wissens” (z.B. private Forschung, Beratung): klassisches Problem der Wissenschaft, kein Demarkationskriterium, in Einzeldisziplinen hineinschauen. Welches Demarkationskriterium ist überlegen? Was sind Fakten, gute vs. schlechte Theorie? Wie mobilisiert man Fachwissen, wenn es im Ernstfall wirklich gebraucht wird? Wie denken wir über Wahrheit/Wissen/Validität?

6. Ökologische Krise im Anthropozän: Nachhaltigkeit: drei Dimensionen: ESG. Klima-Migration, Wirtschaftswachstum (-zwang) und andere Expansionen. Normative Beschränkung und Verantwortungsfragen der Transformation, z.B.: Wie paternalistisch darf die Transformation gesteuert werden? Welche Zumutbarkeiten sind zu berücksichtigen? Normative Fragen der Diskussion über Transformation / Meta-Reflexion: Welche Utopien dürfen in den Diskurs eingespeist werden? Worin bestehen die Grenzen der Gestaltbarkeit? Wer ist der Gestalter? Was heißt Change Management für Gesellschaften?

7. Gerechtigkeit, Ungleichheit, Klassenunterschiede: Wirtschaftsphilosophische Forschung zur Rolle der Wirtschaft bei der Re-/Produktion sozialer Ungleichheit. Epistemische Ungerechtigkeit. Ökonomie des Wissens: Was ist falsch an (welcher) Ungleichheit? Unter welchen Bedingungen ist Ungleichheit nicht das Problem, sondern die Lösung?

8. Messung von Wohlstand: (Tangibles and Intangibles) / Value and Wealth. Konstruktive Arbeit an gesellschaftlich geteilten “shared mental models” als den nötigen geistigen Voraussetzungen für gelingende wirtschaftliche Kooperation. Kritische Reflexion des Mainstreams der Wirtschaftsethik. Genealogie der Wirtschaftskultur und -systeme.

9. Kulturprozess der Digitalisierung: Veränderung von Macht in der digital transformierten Wirtschaft / Umgang mit Plattform-Ökonomie (Verbindung zu Wissen). Was heißt “do no illegitimate harm!” unter digitalkulturellen Wirtschaftsbedingungen? Allgemeine und spezielle Organisationsethik von Sozialgebilden der Wirtschaft. Ordoliberalismus 2.0?, individuelle Verantwortung, Ordnungsverantwortung erster und zweiter Ordnung.

10. Globalisierung: Wirtschaft – Recht – Politik: Abschied vom Territorialbegriff: relationale Räume. Komplexitätszuwachs durch Zeit-Raum-Kompression. Polyvalente Rationalitäten als Herausforderung der Netzwerksteuerung. Auflösung von Selbstgewissheiten: Markt, Demokratie und Nachhaltigkeit im Systemwettbewerb. Philosophische Reflexion von White-Collar-Crime, „Markt-Crime“, kriminelles Organisieren / Gewaltfördernde Wirtschaftszweige.

 

Limitationen

Der Scoping-Workshop brachte Personen zusammen, die aus verschiedenen Perspektiven, mit verschiedenen methodischen Zugängen und mit unterschiedlichen Zielsetzungen Themen bearbeiten oder in beruflichen Zusammenhängen tätig sind, die durch das Etikett ‘Wirtschaftsphilosophie’ abgedeckt werden können.

Der in der Strukturierung des Workshops umgesetzte Umgang mit der Scoping-Frage wurde unterschiedlich aufgenommen: Wenigstens drei vertretene Positionen lassen sich unterscheiden:

  • Der Wille zur Bearbeitung der Frage “Was ist Wirtschaftsphilosophie, was fällt darunter, was ist das Spezifische?” als Chance zur Bildung bzw. Stärkung einer Disziplin “Wirtschaftsphilosophie”, einschließlich der Überlegungen zur institutionellen Umsetzung in Forschung und Lehre und einer Mitwirkung in der öffentlichen Auseinandersetzung.
  • Eine grundsätzliche Infragestellung des Sinns einer Beschäftigung mit der Frage, was Wirtschaftsphilosophie ausmacht. Ein Plädoyer für eine themenbezogene Arbeit mit der Zielsetzung, in bestimmten (d.h. in einer unterlegten Rangordnung an der Spitze stehenden) Publikationsorganen zu veröffentlichen und methodische und disziplinäre Reflexionen hintanzustellen bzw. zu unterlassen.
  • Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Bestimmungen von Begrifflichkeiten und Disziplinen, verbunden mit der These, dass solche Abgrenzungen Ausgrenzungen implizieren und Ausgrenzungen unerwünscht sind.

 

Trotz dieser sehr unterschiedlichen Positionierungen wurde eine Fortsetzung der Debatten, eine Netzwerkbildung mit entsprechenden Austauschmöglichkeiten und eine Öffentlichkeitsarbeit mit Social- Media-Aktivitäten von den meisten Teilnehmenden befürwortet.

 

Ausblick

Aus der Erkundung des wirtschaftsphilosophischen Feldes ergeben sich vor allem drei Perspektiven auf die Zukunft der Wirtschaftsphilosophie:

1. Die Wirtschaftsphilosophie, so wie sie sich insbesondere in Deutschland seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat, stellt einen disziplinenübergreifenden Ansatz der theoretischen und praktischen Philosophie dar. Dieser Ansatz ist im Kern auf die Reflexion der Grundlagen und Voraussetzungen wirtschaftlicher Handlungsprozesse und Theoriebildung angelegt. Hierzu gehören soziale und politische Rahmenbedingungen von Wirtschaftssystemen genauso wie normative oder epistemische Vorentscheidungen, die in ökonomische Modelle einfließen. Der wirtschaftsphilosophische Blick ist auf die “blinden Flecken” gerichtet, durch die jede Fachdisziplin gekennzeichnet ist, sich aber nicht immer bewusst ist. Dabei nimmt die Wirtschaftsphilosophie keine überlegene Position ein, sondern betreibt methodische und praktische Kritik, von der sie sich selbst nicht ausnimmt. In ihrer Rolle als Moderatorin und Übersetzerin übernimmt sie eine integrative Funktion, die auf einen offenen Dialog zwischen den Fachdisziplinen gerichtet ist.

2. Damit die Positionierung der Wirtschaftsphilosophie im etablierten Feld der Fachdisziplinen gelingt, muss sie sich stärker von verwandten Ansätzen abgrenzen und ihr eigenes Profil schärfen. Insbesondere ihr Verhältnis zur Wirtschaftsethik, Business Ethics und Philosophy of Economics stellt die Wirtschaftsphilosophie vor die Herausforderung, spezifische Methoden und Themen zu entwickeln, mit denen sie eine hinreichende Originalität und Kontur gewinnt, um auf dem Markt der disziplinären wissenschaftlichen Ideen wettbewerbsfähig zu sein. Die besondere Leistung der Wirtschaftsphilosophie besteht darin, dass sie sowohl aus dem Fundus der kontinentalen als auch analytischen Philosophie schöpft und sich keinem dominanten Forschungsparadigma zurechnen lässt, sondern ideengeschichtliche mit systematischen Herangehensweisen verknüpft, ohne auf Schulen, Trends und Moden unmittelbar Rücksicht zu nehmen. Das besondere Merkmal der Wirtschaftsphilosophie, sich reflexiv und kritisch zu bestehenden Diskurskonflikten und ideologischen Debatten zu verhalten, muss ausgebaut werden, nicht zuletzt, um Antworten auf akute Fragen der Zeit zu finden.

3. Aufgrund ihres disziplinenübergreifenden und integrativen Charakters ist die Wirtschaftsphilosophie geradezu prädestiniert, in Forschung, Lehre und Öffentlichkeit einen besonderen Platz einzunehmen. Dazu fehlen allerdings bisher entsprechende Angebote, Aktivitäten und Initiativen. An den Hochschulen und Universitäten sollten deshalb weitere Studiengänge geschaffen werden, die über die Wirtschaftsethik und Philosophy of Economics-Programme hinaus Schwerpunkte in der Wirtschaftsphilosophie besitzen. Darüber hinaus sollte eine intensivere Vernetzung bestehender Vereinigungen (wie z.B. die AG Wirtschaftsphilosophie der Deutschen Gesellschaft für Philosophie) mit anderen Verbänden und Einrichtungen betrieben werden, um Synergieeffekte zu erzeugen und die Zusammenarbeit an gemeinsamen Themen zu verstärken. Zu diesem Zweck wird im Anschluss an den Workshop vom Kiel Center for Philosophy, Politics and Economics eine Plattform geschaffen, auf der ein Mapping durchgeführt wird, das Personen, Aktivitäten und Initiativen in der deutschsprachigen Wirtschaftsphilosophie erfasst. Die Bestandsaufnahme relevanter Themen auf dem Workshop hat gezeigt, dass ein großer Bedarf an der wirtschaftsphilosophischen Behandlung aktueller Herausforderungen von epistemischer Ungleichheit und den Folgen der Digitalisierung über die ökologische Transformation bis zu geopolitischen Krisen besteht. Die Debatten zum Verständnis von Wirtschaftsphilosophie haben aber auch ergeben, dass wirtschaftsphilosophische Betrachtungen, die über punktuelle Analysen hinausgehen und Zusammenhänge aufzeigen, Chancen bieten, um sowohl den innerakademischen als auch den öffentlichen Diskurs zu bereichern und die aufgeklärte Urteilsbildung zu befördern. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass die wirtschaftsphilosophische Expertise zukünftig in den sozialen und digitalen Medien, der Politikberatung und in Sachverständigengremien eine zunehmend wichtigere Rolle spielen wird.

 

Fussnoten

[1] Mit dieser Liste ist Veranschaulichung angestrebt, nicht Vollständigkeit.

[2] Methodik des Workshops: Je drei Arbeitsgruppen haben aus den 39 Plenums-Themen ihre jeweiligen Hauptthemen herausgearbeitet. Diese insgesamt 10 Themen werden hier wiedergegeben.

 

Literatur

Burawoy, Michael (2005): For public sociology. British Journal of Sociology 56 (2): 259–294.

Seele, Peter (2016): Business Ethics without Philosophers? Discussing Evidence for and Implications of the Shift from Applied Philosophers to Business Scholars in Business Ethics’ Journal’s Editorial Boards. Metaphilosophy 47/1. 75-91. (ESF: B) DOI: 10.1111/meta.12170.

Hausman, Daniel M. (2018): Philosophy of Economics. The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2018 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = https://plato.stanford.edu/archives/fall2018/entries/economics/.

 

Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Becker, Ingrid, Dr.; Beschorner, Thomas, Prof. Dr.; Friedrichsen, Jana, Prof. Dr.; Haase, Michaela, Prof. Dr.; Hahn, Susanne, Prof. Dr.; Heidbrink, Ludger, Prof. Dr.; Herfeld, Catherine, Prof. Dr.; Hoffmann, Thomas, Prof. Dr.; Hübscher, Marc, Prof. Dr.; Immerthal, Lars, Dr.; Itogulovaitė, Agnė; Kettner, Matthias, Prof. Dr.; Lock, Irina, Prof. Dr.; Müller, Sebastian, Dr.; Neuhäuser, Christian, Prof. Dr.; Pies, Ingo, Prof. Dr.; Priddat, Birger P., Prof. Dr.; Putz, Miriam, Dr.; Rauen, Verena, Dr.; Rendtorff, Jacob Dahl, Prof. Dr.; Rogowski, Wolf, Prof. Dr.; Runge, Richard Friedrich, Dr.; Schlaudt, Oliver, Prof. Dr.; Scholz, Markus, Prof. Dr.; Seele, Peter, Prof. Dr.; Suchanek, Andreas, Prof. Dr.; Vogel, Tobias, Dr.; Wieland, Josef, Prof. Dr.

 

Danksagung

Wir danken der Volkswagen Stiftung für die großzügige Unterstützung und Finanzierung des Scoping Workshops, der vom 19.-21.7.2023 im Schloss Herrenhausen in Hannover stattfand. Außerdem danken wir Agnė Itogulovaitė für die Redaktion des Positionspapiers und Dr. Richard Runge für die Mitorganisation des Workshops.

 

 

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