Vortrag des Landesbischofs Ralf Meister
am 05.11.2017 im Alten Rathaus in Wittenberg
anläßlich der WZGE Konferenz „Freiheit – Ordnung – Führung: Orientierungen für verantwortliches Wirtschaften“

 

Auf die Frage nach dem Studium der Wirtschaftsethik soll der Satiriker Karl Kraus einmal geantwortet haben, man müsse sich entscheiden für das eine oder das andere:
Wirtschaft oder Ethik.

Die Notwendigkeit einer Ethik in der Wirtschaft wird – glücklicherweise – heutzutage nicht nur von den Wissenschaften, sondern auch von Unternehmensverantwortlichen und weiten Kreisen der Bevölkerung anerkannt. Interessanterweise war es nicht eine Kritik, die von außen an die Wirtschaft herangetragen wurde, sondern es waren – zumeist große – Unternehmen, die bereits vor etwa drei Jahrzehnten ihr Verhältnis zur Ethik als sinnvolle Fragestellung entdeckten. Sie gaben sich ethische Unternehmensrichtlinien – „codes of ethics“ oder „codes of conducts“ – in denen sie Werte wie Ehrlichkeit, Vertrauen, Fairness und Selbstverpflichtungen gegenüber Kapitalgebern, Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft festhielten. Diese codes sind so etwas wie ein moderner Tugendkatalog innerhalb der Wirtschaft. Es sind Leitlinien von Werten, die als zentral für verantwortliches Handeln bestimmt sind.

In den vergangenen Jahren, besonders seit der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise ist diese ethische Dimension wirtschaftlichen Handelns selbstverständlich geworden. Immer wieder wird ein ethisches Fundament und eine Rückbesinnung auf Grundsätze gefordert. Zahlreiche Netzwerke, Institute und Studiengänge haben sich dazu entwickelt. Und Bilder werden aufgerufen, die zwischenzeitlich völlig verschwunden waren: der ehrbare Kaufmann zum Beispiel. Er war nicht nur aus der Mode gekommen, dieser Wert individueller Verantwortung, die sich kristallisierte in Ehrlichkeit, Integrität, Verbindlichkeit, sondern der ehrbare Kaufmann schien in dynamischen wirtschaftlichen Zusammenhängen, die an schneller Rendite interessiert waren, eher hinderlich zu sein. Unternehmen aber – so ist den meisten gewiss – sind nicht nur Leistungseinheiten, sondern sie sind ein zentraler Teil einer sozialen Einheit innerhalb der Gesellschaft. Und darin sind sie zugleich wichtige Indikatoren für den Wertekanon eines Gemeinwesens.

So werden Unternehmen und vor allem ihr Leitungspersonal nicht mehr allein begrenzt an ihrem wirtschaftlichen Erfolg, sondern zunehmend auch an den moralischen Ansprüchen bei der Gestaltung der Wirtschaft gemessen.

Es gibt einen breiten Konsens darüber, dass Ethik und Wirtschaft zwei Bereiche sind, die viel miteinander zu tun haben. Strittig unter Ökonomen und auch unter Wirtschaftsethikern blieb allerdings, wie diese Zuordnung tatsächlich aussieht. Der Grundidee von Adam Smith folgend, erzeugt die Marktwirtschaft für die einen aus sich selbst heraus eine Ethik und Moral. Markt und Wettbewerb führen, unabhängig vom Moralischen, quasi wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt, letztlich zu ethisch vertretbaren Ergebnissen. Der Markt wirkt ausgleichend und gerecht, weil das Eigeninteresse der Marktteilnehmer von selbst in den Dienst des Gemeinwohls gestellt wird. Für andere sind die Selbstheilungskräfte des Marktes inzwischen ein Mythos. Sie verstehen Ethik darum als etwas, das quasi von außen an die Wirtschaft und an die Märkte herangetragen werden und in ihnen Gestalt gewinnen muss. Es wird sie nicht wundern, wenn ich von den Selbstheilungskräften der Wirtschaft, ‚die-immer-Gerechtigkeit-produziert‘ nicht viel halte. Zudem haben sich nationalstaatliche Ordnungssysteme für globales ökonomischen Handeln geöffnet und müssen nun in Wertkategorien in einem weltweiten Zusammenhang analysiert werden. Von einer ethischen Dynamik des Marktes an-und-für-sich kann dabei kaum Rede sein. Doch die Ökonomie unterliegt vielfachen Bindungen. Und viele Verbände, Netzwerke, Institute und Staaten arbeiten hart an einem Konsens über einvernehmliche ethische Standards, mit denen funktionales Handeln fair, gerecht und sozial zu steuern wäre.[1] Die Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft, Religion, Politik und andere scheinen nebeneinander zu existieren. In der Regel flanieren sie aneinander vorbei, grüßen sich höflich. Und wenn ein Bischof in die Wirtschaft einredet, erscheint das manchen schon als übergriffig. Doch da die Kirche, insbesondere in ihren diakonischen Angeboten, ein wichtiger wirtschaftlicher Akteur ist, sind diese Worte immer auch eine selbstkritische Betrachtung.

Wer in der Wirtschaft die kluge Produktion und im Markt nur den interessen- und kaufkraftbasierten Austausch von Waren sieht, und dabei das Hintergrundrauschen der darin waltenden Werte jenseits des Preises nicht wahrnimmt, der hat sich ausgeschlossen. Eine solche Wirtschaft ist nicht zukunftsfähig.

Um das an einem aktuellen Beispiel zu illustrieren: Die Diskussion um Abgasmanipulationen bei PKW. Der Tausch von Ware gegen Geld berührt nicht nur die Frage nach den marktkonformen Tauschäquivalenten in Euro und Dollar. Jeder Tausch hat immer eine Wertedimension. Das Vertrauens als Grundbindungskraft einer Gesellschaft ist über den Abgasskandal berührt worden. Das zeigt Auswirkungen auf sensible gesellschaftliche Balancen. Wer Vertrauen zerstört, der zerstört ein wichtiges Reservoir des Miteinanders. Und wer Vertrauen missbraucht, der greift die Identität des Tauschpartners an. Die Frage ist: Wie weit müssen wirtschaftlich Handelnde die gesellschaftliche Erwartung an Freiheit und Bindung auch in ökonomischen Kontexten sichtbar machen, um jenes Vertrauen zu erwerben, von dem die Gesellschaft lebt. Ökonomie ist mehr als ein Geflecht aus „moralfreien Anreizstrukturen“, die es rational zu ordnen gälte. Ich erkenne im wirtschaftlichen Handeln eine bestimmende Menschen- und Weltsicht, die sich auf Organisationen wie auf Personen bezieht. Und ich denke, dass die Stichworte Freiheit und Bindung die Frage nach Orientierungen aufwerfen, die auf allen Ebenen von Belang sind.

Wirtschaft ist eine Form unserer Weltbeziehungen. Aufwand, Ertrag und Effizienz sind notwendige Codes, die man lesen können sollte, wenn man verantwortlich handeln will. Aber diese Codes dürfen nicht dazu führen, dass die Ökonomie eine überhebliche Geste gegenüber anderen gesellschaftlichen Grundlagen oder Normativitäten einnimmt.

Wenn wir die Frage nach Bindung und Freiheit innerhalb der Wirtschaft stellen, dann geht es darum, ob und wie Bindung und Freiheit in der modernen Ökonomie Gestalt gefunden haben. Unter dem Stichwort der sogenannten „neoliberalen Wirtschaft“ wurde seit einigen Jahren skizziert, dass ein Übermaß an Freiheit auch zu Lasten der sozialen Bindung und der Gerechtigkeit führen kann. Die gesellschaftliche Ungleichheit wird weltweit als ein zentrales Problem für die Zukunftsfähigkeit eines friedlichen Miteinanders beschrieben. Die Idee, wirtschaftliches Handeln habe seinen primären Zweck darin, die Erwartungen der Anteilseigner zu befriedigen war eine Voraussetzung, um die Auswüchse des neoliberalen Marktes zu beschleunigen. Doch unter welchen kulturellen Voraussetzungen wollen wir unser „Begehren nach Nutzenleistungen“ organisieren? Welche Werte wollen wir in sie hineintragen? Und welche Bindungen sind im freien Markt notwendig?

Wirtschaftlich Handelnde haben Macht. Sie erstellen und kombinieren innerhalb der Gesellschaft neue Koordinaten. Häufig durchbrechen sie dabei auch eine am Status quo orientierte Logik. Wirtschaftliches Handeln ist eine anspruchsvolle und durchsetzungsstarke Institution auf der Suche nach vorteilhaften und nutzenorientierten Konstellationen. Jedem ist klar, wo Wirtschaft ausschließlich betrieben wird, als Spiel kurzfristiger Chancen, schadet sie sich selbst. Denn Ökonomie bleibt in ihrer Kernorientierung das kollektive Bestreben, Mangel zu bewältigen. Aus dieser Grundorientierung gewinnt sie Sinn und Akzeptanz. In der Mangelbewältigung liegen auch die ethischen Koordinaten: Freiheit und Bindung. Weil der Mensch ein Mangelwesen bleibt, das sich durch Arbeit und Ökonomie organisieren muss, wählt er in Freiheit die Mittel, die Mängel zu beheben. Dabei geht es immer auch um die Frage, wessen Mangel, auf wessen Kosten zu bewältigten sei. Angesichts der global-ökologischen Situation sind wir heute bei der Gesamtkostenbetrachtung weit darüber hinaus, die Folgen der Wirtschaft nur auf das eingesetzte Kapital zu begrenzen. Es geht bei den Mitteln um unsere Lebensgrundlagen. Stand im Mittelpunkt bei dem ursprünglichen Model des wirtschaftlichen Tausches allein der Mensch und balancierten sich in ihm und im Gemeinwesen Nutzen und Gewinn, so gibt es eine zentrale neue globale Dimension: Alles Wirtschaften befindet sich im Zusammenhang der Zukunft unseres Planeten. Alles Wirtschaften steht unter einem schöpfungstheologischen Vorbehalt. Führten wir die wirtschaftliche Entwicklung gleichermaßen fort, endet die Zukunftsfähigkeit unseres Planeten in wenigen Jahrhunderten oder gar Jahrzehnten? Darin liegt eine zentrale ethische Bindung. Wenn wir der Wirtschaft zugestehen, dass sie mit starken Akteuren den technologischen und zivilisatorischen Status quo der Gesellschaften immer wieder voranbringt, muss sie die Regenerationsfähigkeit der Lebensgrundlagen in ihr Koordinatensystem integrieren. Sie muss sich binden lassen. Auch der Gedanke, natürliche Ressourcen wäre immer und in jedem Fall durch Technik und Fortschritt ersetzbar, gehört für meine Begriffe in das Reich des Hochmutes. Die Anpassungsleistungen, die Wirtschaft zu vollbringen hat, sind heute zu begreifen als Anpassungsleistungen an die natürlichen Rahmenbedingungen. Wirtschaft muss sich ehrlich zeigen bei der Besinnung darauf, wovon wir leben. Wirtschaft mit dem Ziel, Mangel zu bewältigen, konterkariert sich dort, wo sie Mangel an Lebensgrundlagen schafft oder verschärft.

Wirtschaftliches Handeln ist Teil des zivilisatorischen Ringens um Freiheit und Zukunft. Sie wird sich deshalb an den Freiheitswillen für die Zukunft binden lassen müssen. Wo sie es nicht tut und sich verweigert, wird sie ihrer Selbstbeschreibung als eine gesellschaftliche Produktivkraft gegen den Mangel nicht gerecht. Produktion, das producere ist

  1. nicht nur ein „Hervorbringen“ auf der marktorientierten Bedürfnis- und Bedarfsebene.
  2. Produktivität ist auch nicht nur Innovation (Veränderung bei Funktionen und Design) oder eine Kennzahl für die Effizienz des Mitteleinsatzes.
  3. Produktion ist ethisch immer auch zu binden an ein sinnvolles „Voranführen“ und ein sinnreiches „Weiterführen“ der gesamten Community.
  4. Das heißt ethisch: Produktion ist immer Ko-Produktion. Damit sind Fragen der Gerechtigkeit und des gerechten Tausches, Fragen des achtsamen Ressourcenmanagements und Fragen der sozialen Balance mitgesetzt. Andernfalls läuft die Ökonomie Gefahr, eine zivilisatorische Fehlleistung zu werden.

Ich denke, dass Ökonomie immer an den Entwurf einer „Freiheit für die Zukunft“ gebunden sein muss. Mangelbewältigung, die Mangel schafft und damit Zukunft gefährdet, ist paradox. Mit dem Gedanken einer „Freiheit zur Zukunft“ verbindet sich eine spezifische Freiheitskonzeption von hoher ethischer Attraktivität.

  1. Es geht nicht um brüchige Freiheit, die ich mir kurzfristig als Befreiung von Verantwortung und Bindung verschaffe.
  2. Es geht auch nicht um Freiheit, die ich immer nur auf Kosten anderer erlange.
  3. Sondern qualifiziert von Freiheit zu reden heißt, dass Freiheit selbst eine Form der Bindung an Zukunft darstellt. Wer Freiheit will, wird sie nur finden, wenn er sich zur Zukunft verlocken lässt und sein Handeln einfügt in das kollektive Bestreben, diesen Planeten, also unsere Schöpfung folgenden Generationen als lebenswerten Ort zu übergeben.

Dieser Freiheitsbegriff ist eingebettet in eine weitreichende Neuorientierung in unserer Zeit. Es geht um die Zukunft der Weltgesellschaft oder Weltgemeinschaft. Das ist die Reformation, die uns bevorsteht, in der wir als Weltgesellschaft uns einfinden müssen. Sämtliche Konzeptionen, die heute darauf bauen, dass Menschen territorial, individuell oder kulturell ein Freiheitsprojekt gegen andere durchsetzen könnten, werden scheitern. Globalisierung ist nicht nur ein Begriff, der neue Bedingungen für die Märkte beschreibt. Sondern Globalisierung beschreibt eine Zivilisationsdynamik, an deren Ende ein weltgemeinsamer Begriff von Freiheit stehen muss. Jede populistisch-nationalistische Verweigerung dieser Aufgabe einer gemeinsamen freiheitlichen und weltgemeinschaftlichen Kernorientierung schwächt die Zukunftsfähigkeit. Wer meint, Komplexität durch Ab- und Ausgrenzung bewältigen zu können, ist auf dem Holzweg. Komplexität bewältige ich durch gemeinsame Vertrauenskonstellationen[2]. Vertrauensmodelle zu erarbeiten, ist das Gebot der Stunde für die Weltgemeinschaft. Und die Ökonomie ist eine wichtige Vermittlerin in diesem Prozess.

Es war Martin Luther, der die Reformation durch eine zentrale Freiheitserfahrung einleitete. Und die lautet im Kern: Der Mensch lebt aus der geschenkten Gnade Gottes! Luther hat diese theologische Kernorientierung der Freiheit auf viele Lebensbereiche hin durchdacht. Auch im Hinblick auf die Ökonomie. Dabei war er selbst Zeitzeuge eines gewaltigen Umbruchs. Die alteuropäische Hauswirtschaft und der einfache Warenaustausch wurden zu seiner Zeit gerade abgelöst durch die Geldökonomie. Es handelte sich um einen kategorialen Umbau der Ökonomie.

Die Ökonomie Gottes ist frei von Tausch und Bedingungen. Auf die menschliche Ökonomie angewandt heißt dies: Nicht der Tausch oder geldwerte Vorteil verleiht deinem Leben Fülle, sondern die Fülle der Existenz verleiht dem Tausch seine spezifische Bindungs- und Freiheitsfähigkeit.

Es ist nicht eine vage Idee des Guten, die Luther von außen normativ an die Ökonomie heranträgt. Luther setzt anders an: aus einer existenziellen Wendeerfahrung im Lichte der Ökonomie Gottes heraus entwirft er das Bild eines geschenkten, kostbaren, befreiten Lebens. Dieses Leben betreibt eine Ökonomie, in der sich das freiheitliche Wendeereignis vergesellschaftet. Mensch und Gesellschaft gewinnen Freiheit durch das Geschenk und die Annahme dieser Befreiung.

Ökonomisches Handeln ist nicht dort bei sich selbst, wo Menschen ihre Existenz mit Nutzen und Gütern anreichern. Sondern dort, wo es darum geht, die Freiheitseinlage, die Gott getätigt hat, sozial zu gestalten. Der Glaube ist nur dort gewinnbringend, wo er jeden Anspruch auf Gewinnbringung aufgibt. Die größte Wertschöpfung ereignet sich, wenn der Mensch empfänglich wird für diese Qualität jenseits des weltlichen Tausches.

 

Fußnoten

[1] Andreas Jordan, Die Große Transformation und ihre Feinde. Zur Geltung von Nachhaltigkeitsbildern am Beispiel Biogas. Marburg 2012, S. 157

[2] Niklas Luhmann, a.a.O., S. 9; „Wer Vertrauen erweist, nimmt Zukunft vorweg.“

 

Der Autor

Ralf Meister

Ralf Meister ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Er wurde 1962 in Hamburg geboren und studierte Ev. Theologie in Hamburg und Jerusalem. Anschließend war einer seiner Arbeitsschwerpunkte „Kirche und Stadt“ am Seminar für Praktische Theologie an der Universität Hamburg. Er war Propst in Lübeck bis 2008 und Generalsuperintendent in Berlin bis 2010. Seit 2012 ist Meister Vorsitzender des Rates der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen und war bis zum Sommer 2016 als Vertreter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Mitglied in der Kommission Lagerung hochradioaktiver Stoffe des Deutschen Bundestages.

 

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