von Dr. Günther Horzetzky

Der Ursprung der CSR-Politik in Nordrhein-Westfalen liegt in den Koalitionsverträgen von 2010 und 2012. Diese halten als Politikziel die Förderung der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen fest. Am 20. Juni 2013 hat das Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen im Kabinett die Eckpunkte der CSR-Strategie NRW vorgestellt. Das Wirtschaftsministerium wurde beauftragt, das Konzept unter Beteiligung der Organisationen der Wirtschaft und in Abstimmung mit den Ressorts weiter zu entwickeln.

In seinem CSR-Verständnis orientiert sich das Wirtschaftsministerium an den Definitionen der Bundesregierung und der Europäischen Union, die richtungsweisend für die CSR-Debatte sind. Die Bundesregierung definiert CSR als „die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen über gesetzliche Anforderungen hinaus. CSR steht für eine nachhaltige Unternehmensführung im Kerngeschäft, die in der Geschäftsstrategie des Unternehmens verankert ist. CSR ist freiwillig, aber nicht beliebig“ (S. 7)[i]. Die Europäische Kommission hat nach den Erfahrungen der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 CSR als „die Verantwortung der Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“ (S. 7)[ii] definiert. Mit dieser Definition betont die Europäische Kommission die wachsenden Anforderungen an Unternehmen im globalen Markt, die aus zum Teil wenig transparenten Verflechtungen transnationaler Wertschöpfungsketten und Produktionsprozesse resultieren.

Kern dieser CSR-Definitionen ist der Begriff der Verantwortung. Er markiert die Ansprüche der Gesellschaft an Unternehmen und wendet sich gegen eine ausschließliche Orientierung am Gewinn und am Shareholder Value. Erwartet wird die Übernahme von Verantwortung in allen ökonomischen, ökologischen und sozialen Belangen des Unternehmens. Insoweit verschiebt das CSR-Konzept den Blick von den Shareholdern auf die Stakeholder. Es stellt ein Gleichgewicht zwischen unternehmerischem Eigeninteresse und den berechtigten Anliegen Dritter bzw. der Stakeholder eines Unternehmens her. Damit verbunden sind Image- und Reputationsgewinne für die Unternehmen, bessere Chancen bei der Gewinnung qualifizierter Mitarbeiter und eine bessere Positionierung des Unternehmens im Wettbewerb.

 

CSR-Strategie NRW

Ausgehend von diesem Verständnis gehören wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und CSR zusammen. Daher ist es das Ziel der nordrhein-westfälischen Wirtschaftspolitik, CSR in die Breite der Unternehmen zu tragen: Immer mehr Unternehmen sollen sich zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bekennen und sich über gesetzliche Anforderungen hinaus für Umweltschutz, gute Arbeit, faire Lieferbeziehungen und einen offenen Dialog mit der Gesellschaft engagieren – und zwar nicht nur im eigenen Land, sondern auch im globalen Markt. Denn auch hier gilt, dass Unternehmen nicht nur mit Qualität und Innovationskraft, sondern auch durch nachhaltiges Handeln überzeugen müssen.

Im Rahmen der CSR-Strategie NRW wollen wir:

  • verantwortlich wirtschaftende Unternehmen in ihrer Vorbildrolle stärken,
  • Wege zu einer Kultur der Verantwortlichkeit aufzeigen,
  • die Umsetzung von CSR in Branchen und Regionen unterstützen,
  • CSR-Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen voran bringen
  • und CSR in internationalen Geschäftsbeziehungen fördern.

 

In diesem Kontext haben wir – begleitet von einem Beirat mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft – in den vergangenen fünf Jahren zahlreiche Aktivitäten entwickelt und umgesetzt. Ich möchte an dieser Stelle zwei Beispiele herausgreifen, die deutschlandweit einmalig sind: die CSR-Kompetenzzentren und der CSR-Hochschulkreis.

 

CSR-Kompetenzzentren – Beratung für kleine und mittlere Unternehmen

Kleine und mittlere Unternehmen sind das Fundament einer jeden Volkswirtschaft. Sie engagieren sich auf vielfältige Weise für ihre Mitarbeitenden und die Gesellschaft, häufig ohne dieses Engagement zu kommunizieren. Mit einem strategischen CSR-Management können solche Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung stärker mit dem Kerngeschäft verknüpfen und daraus erwachsende Potenziale – etwa Reputationsgewinne oder gesteigerte Innovationsfähigkeit – besser nutzen.

Genau hier setzen die CSR-Kompetenzzentren an, die kleinen und mittleren Unternehmen eine fundierte Erstberatung in puncto CSR anbieten. Im Rahmen eines Interessenbekundungsverfahrens des Wirtschaftsministeriums NRW sind fünf Kompetenzzentren von einer unabhängigen Jury ausgewählt worden. Im Frühjahr 2016 haben Zentren in den Regionen Ostwestfalen-Lippe, Rhein-Kreis Neuss, Rheinland, Niederrhein und Wuppertal ihre Arbeit aufgenommen.

Die CSR-Kompetenzzentren Rhein-Kreis Neuss, Ostwestfalen-Lippe und Rheinland richten sich mit ihrem Angebot an kleine und mittlere Unternehmen aller Branchen; das CSR-Kompetenzzentrum Textil und Bekleidung in Mönchengladbach adressiert die Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie, der CSR-Hub NRW in Wuppertal die Gründerinnen und Gründer.

Für die Ansprache, Sensibilisierung und Erstberatung von Unternehmen bedienen sich die CSR-Kompetenzzentren verschiedener zielgruppengerechter Instrumente. Diese reichen von CSR-Checks und CSR-Sprechstunden über Unternehmensbesuche in vorbildlichen Unternehmen, bis hin zu Informationsveranstaltungen, Workshops, Mailings oder Direktansprachen von kleinen und mittleren Unternehmen bei Veranstaltungen und Messen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltungen und Workshops stehen die Bedarfe der Unternehmen. Zentrale Themen sind die Mitarbeiterzufriedenheit und Mitarbeiterpartizipation am Arbeitsplatz, Mitarbeitervielfalt in der Personalauswahl (Diversity), Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz, die Achtung von Verbraucherinteressen, die Übernahme von Verantwortung für die Lieferkette, die Verbesserung der Arbeitgeberattraktivität und eine offene und sachgerechte Kommunikation mit den Anspruchsgruppen. Dabei verfolgen die CSR-Kompetenzzentren einen ganzheitlichen Beratungsansatz, der die Bereiche Markt, Umwelt, Arbeitsplatz und Gemeinwesen umfasst.

Im Sommer 2017 werden drei weitere CSR-Kompetenzzentren in den Regionen Münsterland, Ruhrgebiet und Südwestfalen die fünf bestehenden Zentren ergänzen. Dadurch wird ein landesweites CSR-Beratungsangebot für kleine und mittlere Unternehmen sichergestellt, welches in dieser Form einzigartig in Deutschland ist.

 

CSR-Hochschulkreis – Wissenstransfer zwischen Hochschulen und Unternehmen

Hochschulen sind zentrale Akteure in der Entwicklung und Vermittlung von CSR-Wissen. Schließlich ist eine grundlegende werteorientierte Ausbildung eine wesentliche Voraussetzung für die Urteils- und Handlungskompetenz in der globalen Wirtschaft. Die Unternehmen brauchen Fach- und Führungskräfte, die die in ihrem Berufsleben auftretenden Konflikte zwischen Markt und Moral einordnen und bewerten können. Dies ist vor allem eine Anforderung an die Wirtschaftswissenschaften, die das Gros der Nachwuchskräfte in Unternehmen stellen, gilt aber auch für viele andere Fachbereiche. Denn CSR kann seine Wirkung am besten durch interdisziplinäre Zugänge und eine enge Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis entfalten.

Das Wirtschaftsministerium NRW hat deshalb einen CSR-Arbeitskreis Hochschulen („CSR-Hochschulkreis“) eingerichtet und im Dezember 2012 mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen eine Konferenz zum Thema „CSR-Dialog Wirtschaft – Wissenschaft“ durchgeführt. Die Tagung hat Anreize für eine stärkere Verankerung von CSR-Themen in Forschung und Lehre gegeben und zum Austausch der in diesem Bereich arbeitenden Hochschulen beigetragen. Kooperationspartner waren 19 Hochschulen sowie das studentische Netzwerk für Wirtschaftsethik, sneep. In der Konferenz wurde erstmals der von der FOM-Hochschule Essen und der Universität Paderborn erarbeitete CSR-Atlas NRW vorgestellt, der einen Überblick über die CSR-Angebote der NRW-Hochschulen gibt.[iii] In der Folgezeit beteiligten sich an dem von mir geleiteten CSR-Hochschulkreis über 40 Hochschulen.

Nach einer durch das Wirtschaftsministerium NRW durchgeführten Umfrage von September 2016 sind die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge im Land inzwischen im Themenfeld CSR gut aufgestellt. Bei nahezu allen der an der Umfrage teilnehmenden 26 Hochschulen wurden bestehende Lehrmodule um CSR-Themen erweitert oder eigene CSR-Module entwickelt. Auch in der Forschung hat CSR einen festen Platz. Um diese fachübergreifende Arbeit zu verstetigen und CSR-Kompetenz zu bündeln, haben zahlreiche Hochschulen interdisziplinäre Arbeitsgruppen und Plattformen etabliert, an denen sich teilweise auch externe Akteure und Unternehmen beteiligen. Studierendeninitiativen wie sneep und Enactus geben wichtige Impulse für die Lehre. Nicht zuletzt unterstreichen hunderte von Seminar- und Abschlussarbeiten das hohe Interesse der Studierenden an Verantwortungsthemen.

Kontakte zu Unternehmen werden insbesondere durch Kooperationen bei Abschlussarbeiten und Forschungsprojekten hergestellt. Alle befragten Hochschulen halten eine Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen für wünschenswert. Der Zugang zu den Unternehmen gelingt aber bislang nicht allen Hochschulen gleich gut. Das Wirtschaftsministerium NRW setzt an dieser Stelle an, vermittelt zwischen Hochschulen und Unternehmen und unterstützt damit den CSR-Wissenstransfer.

 

Fazit

Mit der CSR-Strategie und ihren begleitenden Maßnahmen hat das Wirtschaftsministerium NRW in den letzten Jahren die Zielvorstellung einer gesellschaftlich verantwortlichen, gemeinwohlorientierten Wirtschaft kommuniziert und einen wegweisenden Beitrag zur Entwicklung der CSR-Debatte und CSR-Praxis im Land geleistet. Zugleich kamen wichtige Impulse von Akteuren in Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Durch das Engagement und die Zusammenarbeit so vieler Akteure ist Nordrhein-Westfalen heute ein CSR-Vorreiter unter den Bundesländern und muss auch den europäischen Vergleich nicht scheuen. Die bisher angestoßenen Initiativen zeigen, dass sich Wettbewerb, Innovation und Verantwortung keineswegs ausschließen, sondern befördern und ergänzen.

 

[i] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/Nachhaltigkeit-wiederhergestellt/2010-12-07-aktionsplan-csr.pdf?__blob=publicationFile&v=2

[ii] http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0681:FIN:DE:PDF

[iii] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/Nachhaltigkeit-wiederhergestellt/2010-12-07-aktionsplan-csr.pdf?__blob=publicationFile&v=2

 

Weitere Informationen

Informationen zur CSR Politik NRW, den Kompetenzzentren etc. auf csr.nrw.de

 

Der Autor

Dr. Günther Horzetzky

Staatssekretär Dr. Günther Horzetzky (geb. 1951) war nach dem Studium der Agrarwissenschaften an der Universität Bonn als Wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Wirtschaftssoziologie der Universität Bonn tätig. Von 1989 – 2000 bekleidete er unterschiedliche Funktionen zunächst  bei der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) und später beim Deutschen Gewerkschaftsbund, zuletzt als Bundesvorstandssekretär. Von 2001 – 2002 wechselte er als Sozialreferent an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Washington DC/USA. Danach war er von 2002 – 2006 als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Soziales, Bildung, Forschung, Umwelt, Verkehr, Verbraucherschutz und Landwirtschaft zuständig. Von 2006 – 2008 leitete er die Grundsatzabteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), 2009 wurde er Staatssekretär im BMAS. In dieser Funktion hat er die Einsetzung des CSR-Forums der Bundesregierung und die Erarbeitung des CSR-Aktionsplans der Bundesregierung begleitet. Seit 2010 ist Dr. Horzetzky Staatssekretär im Wirtschaftsministerium NRW.

 

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