Interview mit Prof. Dr. Matthias Schmidt (Professur für Unternehmensführung/Unternehmensethik an der Beuth Hochschule für Technik, Berlin)

 

DNWE: Herr Prof. Schmidt, am 26. März 2018 ist es so weit: Sie veranstalten, gemeinsam mit der „Charta der digitalen Vernetzung“ das #CSRcamp 18, bei dem sich CSR-Manager aus ganz Deutschland zum Thema der Corporate Social Responsibility treffen. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine „normale“ Konferenz, sondern um ein Barcamp.
Was sind die Vorteile dieser Methode und warum eignet sie sich vielleicht besonders gut für den Bereich der CSR?

Matthias Schmidt: Das Barcamp ist ein modernes und hochgradig interaktives Tagungsformat. CSR ist ein aktuelles Thema, das Unternehmen wie auch andere Organisationen herausfordert. In dem CSRcamp wird somit die wichtige Frage nach der Verantwortung von Unternehmen im Rahmen einer zeitgemäßen Form des Diskurses erörtert. Eine Besonderheit des Camps ist es, dass die Agenda von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Veranstaltung gemeinschaftlich festgelegt wird. Als Veranstalter schaffen wir zwar den äußeren Rahmen der Veranstaltungen und geben über den Titel CSR den thematischen Korridor des Camps vor, innerhalb dessen Schwerpunkte diskutiert werden können. Die konkreten Inhalte und Fragestellungen kommen indes von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Sie sind es, die zum Auftakt des Camps in einem Session-Pitch eine Frage aufwerfen können, über die das Plenum abstimmt. Meldet sich mindestens ein Interessent oder eine Interessentin dafür, dann ist die Fragestellung angenommen und geht in die Tagungsagenda ein. Wer auf diesem Weg mit einem Thema auf die Agenda kommt, hat dann auch die Moderation dieser Session. Dabei soll die Session bewusst interaktiv bzw. diskursiv umgesetzt werden, so dass sich alle Mitwirkenden in die Auseinandersetzung einbringen können.

Sie sehen also zwei entscheidende Unterschiede zu traditionellen Konferenzen: Auf dem Camp werden die Topics einer Session gemeinschaftlich Bottom-up entfaltet, anstatt von vornherein vorgegeben. Und die Sessions sind von Grund auf dialogisch entlang einer Fragestellung angelegt, anstatt auf frontale Vorträge und Keynotes zu setzen.

Dazu kommt als positiver Begleitumstand der recht informelle Umgang miteinander. Von seiner Entstehung kommt das Barcamp aus der Internetcommunity, in der tendenziell ein legeres Miteinander gepflegt wird. So wird eine ungezwungene Gesprächsatmosphäre geschaffen, die eine niederschwellige Kontaktaufnahme und einen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht.

Versteht man das „R“ in CSR, also die Verantwortung, als ein dialogisches Prinzip, bei dem sich mehrere Personen (wie auch Unternehmen) wechselseitig Rede und Antwort stehen, dann dürfte das Barcamp in der Tat ein besonderes Format für den Bereich der CSR sein. Denn der diskursive Charakter ist dem Camp ganz grundsätzlich in seine DNA eingeschrieben und der so organisierte multilaterale Austausch bietet eine hervorragende Ergänzung zu klassischen Stakeholderdialogen von Unternehmen.

 

DNWE: Sie haben sich beim diesjährigen Camp einem besonderen Teilbereich der CSR zugewandt: der Corporate Digital Responsibility, der Verantwortung in der digitalen Gesellschaft.
Welche Herausforderungen und Chancen gibt es Ihrer Meinung nach in diesem Fokusbereich?

Matthias Schmidt: Die Frage nach der Verantwortung von Unternehmen im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist unabdingbar. Dabei würde ich an dieser Stelle nicht sagen können, ob die Corporate Digital Responsibility tatsächlich ein Teil der Corporate Social Responsibility ist, oder etwas Eigenständiges, das eine Nähe zur CSR hat. Aber auch darüber könnten wir ja auf dem #CSRcamp18 sprechen.

Die Herausforderungen, die die Digitalisierung an Mensch und Organisation stellt, sind jedenfalls so vielfältig wie ihre Anwendungsbereiche. Wenn man sogar davon ausgeht, dass die Digitalisierung alle Bereiche unseres Lebens durchdringen wird und wir derzeit noch weit am Anfang dieses Prozesses stehen, der auch oft als Transformation bezeichnet wird, dann wird die Digitalisierung allgegenwärtig, also ubiquitär. Und die Herausforderungen gehen ins Unendliche. Dabei sprechen wir weniger über die technische Seite, sondern vor allem über die gesellschaftsformende Kraft, die dem Phänomen der Digitalisierung innewohnt. So sehe ich auch keine Schnittmenge von Unternehmen und Digitalisierung, in denen einzelne Sachverhalte liegen, die es zu verantworten gilt, sondern ich sehe eine untrennbare Verwobenheit. Für mich lautet die Frage in Sachen CDR: Wie können wir bzw. Organisationen unter den Bedingungen, die die digitale Gesellschaft mit sich bringt, verantwortlich handeln und zugleich diese Bedingungen verantwortungsbewusst mitgestalten? Wir kommen somit rasch auf die Ebene normativer, ethischer Überlegungen. Daraus resultieren Bewertungen, von den denen es abhängen wird, ob wir etwas eher als Chance oder als Gefahr begreifen.

 

DNWE: Da ist ja einiges auf der Agenda!
Wie müssen wir der Digitalisierung der Gesellschaft, der „prägendsten Veränderung unserer Zeit“, wie Sie es auf Ihrer Website formulieren, Ihrer Meinung nach in Deutschland begegnen?

Matthias Schmidt: Wir können der Digitalisierung nicht entgehen oder sie abschalten. Daher tun wir gut daran, sie als Realität anzuerkennen und daraus einen Gestaltungsauftrag für die Entwicklung einer lebenswerten Gesellschaft abzuleiten. Denn die alte philosophische Frage nach dem „guten Leben“ ist aktuell wie immer und sie ist im Kontext unserer Zeit, die mit dem Phänomen der Digitalisierung verwoben ist, zu beantworten. Hier werden unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen und ein letztgültiges Richtig oder Falsch kann es meiner Auffassung nach nicht geben. Die Zukunft ist offen und ungewiss. Wir müssen heute schon Entscheidungen treffen und verantworten, deren zukünftige Auswirkungen wir kaum vorhersagen können. Diese Erkenntnisse sind nicht neu, gewinnen aber unter dem Phänomen der Digitalisierung noch mehr Gewicht. Entwicklungen werden dynamischen und noch weniger steuerbar als bisher. Von daher wird es wichtig sein, Aushandlungs- und Suchprozesse zu organisieren, um den Umgang mit der Digitalisierung und ihre Mitgestaltung permanent zu hinterfragen und neu zu justieren. Mehr als den Glauben an Pläne, Machbarkeit und geordnete Strukturen, brauchen wir eine Offenheit und ein Sich-Einlassen auf Vorläufigkeiten. Um dabei die Orientierung zu behalten und nicht in Beliebigkeit zu verfallen, sind eine möglichst klare und (ethisch) belastbare Haltung sowie eine verlässliche Urteilskraft der unterschiedlichsten Akteure notwendig.

 

DNWE: Man könnte doch annehmen, dass v.a. die jüngere Generation, die „digital natives“, ja eigentlich gut auf die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung der Lebens- und Arbeitswelt eingestellt ist. Welche Kompetenzen werden aber vielleicht in Zukunft zusätzlich benötigt? Und wie muss sich unsere Ausbildungs- und Studiumsgestaltung verändern?

Matthias Schmidt: Die oben angesprochene Haltung und die dafür notwendige Entwicklung eines Reflexions- und Urteilsvermögens werden besonders wichtig für die jüngeren Generationen sein. Denn die Tatsache, dass die jungen Leute mit dem Internet und weiteren digitalen Möglichkeiten aufwachsen, bildet zweifellos bestimmte Skills für den Umgang mit digitalen Arbeits- und Lebensbereichen aus. Doch dass neben dem eher technischen Umgang auch ohne Weiteres ein verantwortungsbewusster Umgang mit diesen Möglichkeiten einhergeht, sehe ich nicht. In Ausbildung und Studium sollten daher immer die ethischen und gesellschaftsrelevanten Aspekte, die die Digitalisierung mit sich bringt, thematisiert werden. Die Befähigung zu einem verantwortungsbewussten Umgang und einer begründbaren Bewertung der Digitalisierung im Kontext der eigenen Ausbildung und des eigenen Studiengangs sollten zu einem grundlegenden Bildungsanspruch gehören. Der Blick muss weiterreichen als nur bis zum Display des nächsten Endgeräts.

 

DNWE: Gerade bei Vernetzungs- und Digitalisierungsfragen spielt der internationale Vergleich oft eine große Rolle.
Wie gestaltet sich Ihrer Meinung nach die Diskussion um CDR auf internationalem Niveau? Auf was müssen wir uns vielleicht im Handel und Austausch mit anderen Nationen einstellen?

Matthias Schmidt: Die Digitalisierung kennt prinzipiell keine Landesgrenzen und rückt uns global näher zusammen. Nationalistische Tendenzen in vielen Ländern werden daran auf Dauer nichts ändern. Ich gehe eher davon aus, dass diejenigen, die sich der globalen Vernetzung verschließen, zu den Verlierern gehören werden. Es gilt also auch hier: Wir können die Digitalisierung nicht verhindern; sie ist an sich weder gut nicht böse; also sind wir herausgefordert, sie verantwortungsbewusst mitzugestalten und einen verantwortungsbewussten Umgang zu finden. Dabei können wir nicht davon ausgehen, dass andere Nationen dasselbe Verständnis im Umgang mit der Digitalisierung, etwa in den Bereichen des Datenschutzes, der Informationsfreiheit oder in Anwendungszusammenhängen teilen. Wir müssen uns also auch in globalen Zusammenhängen auf Aushandlungs- und Suchprozesse mit ungewissem Ausgang einlassen und für eine verantwortliche Gestaltung der „globalen digitalen Gesellschaft“ streiten und uns für unsere Überzeugungen einsetzen. Hierbei sind wir wieder zurückgeworfen auf unsere Haltung, auf das, was wir für richtig oder falsch halten. Ob es sich dabei auf lange Sicht um jeweils eine nationale Haltung eines Staates handeln wird, oder wird wir nicht auch von anderen, sich transnational überlagernden Strukturen und Communities ausgehen müssen, die um Deutungs- und Verantwortungshoheit ringen, werden wir sehen. Ich könnte es mir vorstellen.

 

Vielen Dank, Herr Prof. Schmidt, für dieses Interview und viel Erfolg beim #CSRcamp 18 in Berlin!

(Das Interview führte Lisa-Marie Singer, Geschäftsführung, Deutsches Netzwerk Wirtschaftsethik e.V.)

 

HINWEIS:

Weitere Informationen zum Barcamp erhalten Sie hier:
https://www.dnwe.de/Veranstaltungen/veranstaltungskalender/veranstaltung/id-4-csrcamp.html

 

Über Prof. Dr. Matthias Schmidt

Foto: © Juergen Rocholl / FACE

Prof. Dr. Matthias Schmidt forscht, lehrt und berät zu Fragen der gesellschaftlichen Herausforderungen an ein zeitgemäßes Management und der daraus resultierenden Verantwortung bei der Führung und Organisationsentwicklung. Dabei geht er seine Fragestellungen aus einer ganzheitlich-systemischen Perspektive an. Er ist u.a. Professor für Unternehmensführung/Unternehmensethik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin und assoziiertes Mitglied des Instituts für Diversitätsforschung an der Georg-August-Universität Göttingen sowie Geschäftsführer des Instituts für werteorientierte Unternehmensführung (IWU Berlin). Studium der Betriebswirtschaftslehre und Promotion in Philosophie; Coachingausbildung.

www.MatthiasSchmidt.Berlin

 

Lesetipp: 

Schmidt, Matthias (2018): Wie können Unternehmen ihrer Verantwortung in einer digitalen Welt gerecht werden? In: Jens-Rainer Jänig/ Jens Mühlner (Hrsg.):

Corporate Digital Responsibility Unternehmensverantwortung in der digitalen Gesellschaft. Frankfurt/Main, Frankfurter Allgemeine Buch.

 

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