„31 Seiten Schocklektüre“ – so hatte Spiegel Daily eine Studie betitelt, die im Auftrag der Firma Shell die Risiken des Klimawandels beschrieb. Das war 1986. Die Studie war sehr präzise. Nicht nur die kontinuierliche Erwärmung, auch die Zunahme extremer Wetterereignisse und die Gefahren für die Bewohnbarkeit weiter Teile des Globus wurden vorhergesagt – ziemlich zutreffend, wie wir heute wissen. Die Studie zeigte aber auch, dass der einzige verantwortbare Weg aus dieser Bedrohung die Aufgabe der fossilen Brennstoffe war, also die Aufgabe Geschäftskerns von Shell.

Aber Shell entschied sich dagegen, gegen den Rat seiner eigenen Wissenschaftler, die einen „nach vorne schauenden Ansatz gemeinsam mit den Regierungen“ empfahlen. Die Shell-Vorstände erklärten das Dokument als streng geheim und zogen eine Politik der „Unwissenheit“, ein Kopf-in-den-Sand stecken vor. Die Studie verschwand in den Safes, Überlegungen für eine andere Energiewelt wurden nicht angestellt. Ein Einzelfall? Nein, auch der Konkurrent Exxon beobachtete die Diskussion über den Klimawandel schon ab den 70er-Jahren und ließ eine analoge Studie anfertigen, die zu den gleichen Ergebnissen kam. Aber auch der Exxon-Vorstand korrigierte nicht die Priorität von Öl und Gas im Geschäftsmodel, sondern begann stattdessen systematisch bei Regierungen und Verbänden Zweifel zu säen.

 

Ängste und Fake-News als Lobby-Waffe

Gemeinsam mit Shell, den texanischen Öl-Milliardären Gebrüder Koch und dem Lobby-Verband der Öl-Industrie gründete Exxon die Global Climate Coalition. Diese, nicht nur in USA tätige Lobbyorganisation, zog gegenüber Regierungen und Journalisten die meteorologischen Vorhersagen in Zweifel und führte die enormen volkswirtschaftlichen Risiken des Ausstiegs aus Öl und Gas vor Augen, die derzeit die preiswertesten Energieformen darstellten. Die geschürten Ängste zerstörten den anfänglichen Konsens der Regierungen, insbesondere auch in den USA, das Problem anzugehen. Die Deklaration von Rio, die 1992 unter anderem Ziele zum Schutz der Umwelt und der nachhaltigen Entwicklung festsetzte, brach zusammen und machte fünf Jahre später die erste Klimakonferenz der UN in Kyoto zu einem Fiasko. Gerade einmal auf 5 Prozent Emissionsreduktion in den 20 Folgejahren konnten sich die teilnehmenden Staaten nach mehrfacher Konferenzverlängerung einigen, ein Nichts im Vergleich zu den von der Wissenschaft beschriebenen Risiken.

Auch Vize-Präsident und Präsidentschaftsbewerber Al Gore hatte die Deklaration von Rio unterzeichnet und nannte die Global Climate Coalition 1999 in seinem Wahlkampf kriminell, was ihm vermutlich Wählerstimmen gekostet hat. Jedenfalls konnte er – trotz deutlich höherem Stimmenanteil der Wähler – seinen Präsidenten-Anspruch nicht durchsetzen.

Nach dem Amtsantritt von George Bush jun. löste sich die Global Climate Coalition offiziell auf. Eine Begründung war, dass nun ein Kenner der Ölbranche für deren gesicherte Zukunft sorgen werde. Ruhe kehrte deswegen aber nicht ein. Vielmehr wurden mehrere Stiftungen gegründet, die bis heute systematisch Zweifel am Klimawandel säen.  Insgesamt ist all das nicht nur eine dramatische ethische Fehlleistung der Industrie, sondern – schaut man auf die Gefahren des Klimawandels – vermutlich das größte Verbrechen, das die Menschheit je erlebt hat. Der Zusammenbruch des weltweiten Konsenses zur Bekämpfung des Klimawandels und die nachfolgende Wahlniederlage von Al Gore zerstörten die Fähigkeit der westlichen Zivilisation, mit dieser Herausforderung korrigierend umzugehen. Es war das verbrecherische Vorspiel zur heutigen zivilisationsgefährdenden Realität.

Warum nur konnte der industrielle Widerstand so erfolgreich sein? Es gehört doch zu den intellektuellen Stärken unserer Kultur, Risiken vorzubeugen. Normalerweise lösen Berichte über Risiken weltweite Handlungs- und Verbotsforderungen aus, wie die aktuelle Glyphosat- Diskussion beispielhaft zeigt. Nicht so beim Klimawandel.

 

Der Klimawandel ist Glaubenssache

Die Antwort liegt in der wissenschaftlichen Unsicherheit bei der Vorhersage der Wetterentwicklung und damit auch der Klimaentwicklung. Denn die Wetterabläufe unterliegen der sogenannten Zufalls-Theorie der Physik, sind also naturwissenschaftlich nur als Wahrscheinlichkeiten zu berechnen. Das gilt verstärkt für die Vorhersage langfristiger Trends. Hunderte von Parametern wie die Erdoberfläche, die Schwankungen der Sonneneinstrahlung durch Tages- und Jahreszeit, die großen Meeresströmungen und statistische Annahmen für die Wolkenbildung, müssen gewichtet werden und in die Modellrechnungen eingehen. Ein typischer Fall für „Big Data“ und große Rechenzentren – je größer, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit korrekter Vorhersagen.

Und trotzdem bleibt es immer bei Wahrscheinlichkeiten. Die mittlere Zunahme der Erdtemperatur ist dabei schon lange mit relativ hoher Sicherheit zu berechnen. Heute geht man mit 98-prozentiger Sicherheit davon aus, dass nur zwischen 10 und 20 Prozent der Klimaveränderungen natürliche Ursachen haben. 80 bis 90 Prozent seien anthropogen, also durch unsere Zivilisation und deren Emissionsgase bedingt und werden eine erhebliche Zunahme der Extrema und großräumige regionale Veränderungen nach sich ziehen.

Die Ergebnisse der einzelnen Rechenmodelle variieren. Nur hochspezialisierte Meteorologen können die Annahmen nachvollziehen und die Ergebnisse mit den Klimaentwicklungen vergangener Jahrzehnte vergleichen. Als Laie deren Schlussfolgerungen dann zu akzeptieren und die eigene Skepsis zu überwinden, fällt leichter, wenn naturwissenschaftliche Grundkenntnisse vorliegen. Dies erklärt vielleicht, dass sich viele Naturwissenschaftler zu den Fridays for Future-Demonstrationen unterstützend geäußert haben und die internationale Aktion Scientists for Future, wie auch ich als Physiker, unterzeichnen.

 

Was ist „Wahrheit“?

Das Fehlen des experimentellen, harten Nachweises und das ausschließliche Vorhandensein von Modellrechnungen machen es leicht, Zweifel am Klimawandel zu säen. Genau das wurde und wird – wie erwähnt – von ökonomisch interessierten Kreisen bis heute genutzt. Für Journalisten und Redaktionen führt das zu einem Dilemma, denn es ist journalistische Tradition, zu wichtigen Aussagen auch Gegenmeinungen zu hören. Gemäß der obersten Maxime des Kodex des Presserats ist Journalismus zur Wahrheit verpflichtet. Aber gerade, wenn diese unsicher ist, ist die Tradition, auch Gegenmeinungen zu hören, der nachvollziehbar logische Ausweg. Die Frage ist nur, ob man dieser Regel noch folgen sollte, wenn sich weltweiter wissenschaftlicher Konsens gebildet hat – oder man mit nicht fundierten Gegenmeinungen nur die Verbreitung von Fake News unterstützt.

Es besteht heute weltweiter wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel nicht nur eine mittlere Erderwärmung, sondern klimatische Verschiebungen, wie beispielsweise ein deutliches Abschmelzen der großen Eisflächen, das Wandern der Wüstengebiete und insbesondere die exponentielle Zunahme von extremen Wetter-Ereignissen, verursacht. Das entspricht auch den Beobachtungen der letzten Jahre, was quasi als experimentelle Bestätigung gesehen werden kann. Alle anderen Theorien, etwa dass es sich um natürliche Veränderungen handle, sind widerlegt. Auch da besteht Konsens. Und die Gefahren sind groß.

Besonders beunruhigend ist die Forschung über die sogenannten Kipppunkte des Klimas, wie beispielsweise das beginnende Auftauen des Permafrostes der sibirischen Tundra. Hierbei wird Methan – ein noch stärker als CO-2 das Klima veränderndes Gas – freigesetzt. Dessen klimabelastende Wirkung wird noch verstärkt durch von Methan ausgelöste großflächige Waldbrände, die die Tauvorgänge verstärken und weiteres CO-2 freisetzen. Dieser sich selbst verstärkende Effekt hat bereits eingesetzt, wie kürzlich mehrfach in der Presse und auch mahnend vom IPCC berichtet. Nicht nur der wissenschaftliche Konsens, sondern bereits auch die tägliche Beobachtung unterstreichen die Glaubhaftigkeit der Vorhersagen über klimatische Veränderungen.

 

Die Situation heute

Die deshalb rasch weiter zunehmende öffentliche Beunruhigung über den Klimawandel lässt die Leugner in den Talkshows und den meisten Printmedien inzwischen selten werden. Verschwunden sind die Bemühungen der Klimaleugner allerdings nicht. Es scheint sich nur ein neues Aktivitätsniveau mit neuen Taktiken einzustellen, wie beispielsweise die Nutzung der Kommentarfunktionen bei Büchern und Sozialen Netzwerken, sowie den Onlineausgaben der Nachrichtendienste.

Erkennbar sind die Einwürfe von Klimaleugnern meist an Schlagworten wie ideologischer Panikmache, an pseudowissenschaftlichen Aussagen, dem Fehlen von Nachweisen, gefälschten Statistiken, „Klimawandel gab es schon immer“-Aussagen oder schlicht der Ablehnung der Aussagen des IPCC, des von der UN koordinierten Dachverbandes der weltweiten Klimaforschung. Analysiert man beispielsweise bei Amazon die Kommentare des Buchs „Selbstverbrennung“ von Professor Schellnhuber – Deutschlands bekanntestem Klimaforscher und langjährigem Vorsitzenden des Rates der Bundesregierung für Nachhaltige Entwicklung und damit einem natürlichen Feind aller Klimaleugner – so sind dort von den 43 Kommentaren 40 % (17) vernichtend, fast alle der Gruppe der  Klimaleugner zuzuordnen. Der Wissenschaftsjournalist Harald Lesch erreicht mit seinem Buch „Die Menschheit schafft sich ab“ bei doppelter Zahl von Bewertungen ebenfalls überwiegend sehr positiven Bewertungen (58%), wird aber mit nur 20% negativen Wertungen nicht ganz so aggressiv bekämpft. Das Wissen um die Kippelemente des Klimas, die Professor Schellnhuber aufzeigt, ist eben die größte argumentative Gefahr der Klimaleugner.

Die Ende letzten Jahres bekannt gewordene erneute Spende der Brüder Koch in Höhe von ca. 10 Millionen US-Dollar zur Förderung der Leugnung des Klimawandels scheint also gut nachzuwirken. Wie bei allem, was Fanatismus erzeugen kann, ist natürlich auch hier nicht feststellbar, welche Kommentatoren geschult oder gar gekauft sind und welche dem wissenschaftlichen Konsens aus Besserwisserei widersprechen. So unterscheidet auch der ausführliche Wikipedia Beitrag Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung zwischen zahlreichen von Laien organisierten Skeptiker-Gruppen und den von der Industrie organisierten Leugner-Gruppierungen. Der Wikipedia-Beitrag verfügt im Übrigen über ein ausführliches Literaturverzeichnis und ermöglicht so Vertiefung zum Thema. Aber es wird auch klar, dass Klimaleugner keineswegs nur zu dieser Gruppierung gehören, sondern die bei Schicksalsfragen übliche Breite unterschiedlicher Fanatismen und unterschiedlich ausgeprägter Skepsis besteht und dieser Teil schlicht als durch die Meinungsfreiheit geschützt angesehen werden muss.  Die vielen bedenklichen Formen dieser fake-news – letztlich einer Volksverdummung und ihre Abgrenzung zur Meinungsfreiheit – müssen wir allerdings beherrschen lernen. Das erscheint ein Diskussionsthema auch des DNWE.

 

Der DNWE sollte zur Diskussion um den Klimawandel Stellung beziehen

Der Klimawandel ist wohl das größte ethische Versagen der Marktwirtschaft. Freiheit regelt eben nicht alles, ihre Kombination mit ethischer Verantwortung ist für unsere Zivilisation unerlässlich. Die Leitsätze des DNWE fordern hier zum Handeln auf. Er sollte die Probleme der offensichtlich unzureichenden Rahmenordnungen aufgreifen und für deren Fortentwicklung sorgen.

Dabei wird es darauf ankommen, nicht nur die Einzelunternehmen anzusprechen, sondern auch deren Fachverbände, um für die einzelnen Wirtschaftssektoren zu problembezogenen Leitlinien zu kommen. Denn die Aufgaben der einzelnen Branchen und Berufe unterscheiden sich erheblich. Beteiligte der Bauwirtschaft, der Ernährungsindustrie, der Landwirtschaft oder auch der Medien finden sich völlig unterschiedlichen Handlungsansätzen und Verantwortungen gegenüber. Sich hier als eine wissenschaftliche Vereinigung einzubringen, sollte nach den entsprechenden Möglichkeiten priorisiert werden. Das betrifft auch die Beratung des Gesetzgebers.

Die EU-Kommission hatte in ihrer CSR-Strategie 2012 verstärkte Selbstregulierung und Selbstorganisation von Unternehmensgruppen und Fachverbänden vorgeschlagen. Dies stieß bei sehr geringer medialer Beachtung auf den Widerspruch der großen Wirtschaftsverbände und führte schließlich lediglich zur CSR-Berichtspflicht von großen Kapitalgesellschaften, geregelt im Handels-Gesetzbuch. Immerhin gelang es der CSR-Arbeitsgruppe des DNWE hier im letzten Moment zumindest den Bezug auf die üblichen globalen Standards wie beispielsweise den Deutschen Nachhaltigkeitskodex durchzusetzen.

Die EU- Kommission wird sich in der nächsten Legislaturperiode erneut mit der CSR-Strategie der Europäischen Union befassen. Es ist also jetzt die Zeit, über Einflussnahme nachzudenken. Dazu gehört auch die Frage, inwieweit CSR überhaupt für ein Gesetz geeignet ist – denn seine Stärke ist ja gerade das Handeln über das Gesetz hinaus – und wo es am besten einzuordnen ist. In meinen Büchern verweise ich dabei jeweils auf die Möglichkeit von Verhaltenskodizes von Berufs- und Wirtschaftskammern, denen bereits im aktuellen Gesetz auferlegt wird, auf Geschäftsführung nach Art des ehrbaren Kaufmanns hinzuwirken. Der ehrbare Kaufmann allerdings ist in seiner Tradition keine beliebige Freundlichkeit, sondern war im Codex, im Regelbuch der Zünfte und Stände, jeweils geregelt. Die altmodische Sprache der Kammergesetze und die fehlende weitere Präzisierung deuten schon darauf hin, dass die Politik einer genaueren Definition dieser Pflichten ausweicht. Vielleicht geben die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte Grund genug, es nun aufzugreifen.

 

Der Autor

Dr. Ing. Peter H. Grassmann

Grassmann studierte Physik in München und am MIT in Boston. Bei Siemens baute er die Geschäftsbereiche CT und Kernspintomografie auf und war zehn Jahre Mitglied des Vorstands des Bereichs. 1994 wurde er gebeten, die Stiftungsunternehmen Carl Zeiss in Oberkochen und Jena zu sanieren und zusammenzuführen, in Jena in Zusammenarbeit mit Lothar Späth. Heute ist Grassmann Publizist und unabhängiger Berater von Wirtschaft und Politik in Fragen der Werteorientierung der Marktwirtschaft. Im Westend-Verlag erschien kürzlich sein Buch „Zähmt die Wirtschaft“, dem Interviews u.a. bei KenFM und in der Frankfurter Rundschau folgten. Seine Webseite: www.grassmann.de.

 

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