Damit sich New Work nicht als Old Work mit Tischtennis entpuppt, müssen wir die Zukunft der Arbeit und die Zukunft des Planeten zusammendenken. In dem Auszug aus dem bald erscheinenden Buch “Work-Survive-Balance” erläutert Hans Rusinek, welche Voraussetzungen eine Arbeitswelt erfüllen muss, um in der Klimakrise zukunftsfähig zu sein.

 

 

Im Raum 67 des Prado-Museum in Madrid hängt ein recht unscheinbares Bild. Der Knüppelkampf von Francisco de Goya. Ein höchst befremdliches Gemälde, das der im Alter schrullig gewordene Großmeister direkt an die Wand seiner Villa pinselte.

Warum ist es ausgerechnet dieses obskure Werk, das so viele Denker faszinierte, die sich mit der Zukunft des Menschen beschäftigen, vom Philosophen Michel Serres über den Molekularbiologen Hans-Jörg Rheinberger bis zur Anthropozänforscherin Eva Horn?

Auf dem Bild im Raum 67 lenkt Goya  unsere Aufmerksamkeit zunächst ganz auf die zwei Männer, die sich mit schwingenden Knüppeln bekämpfen. Darauf, dass der Eine gerade ordentlich von links ausholt, während der Andere eine saftige Rechte auf den Gegner steuert. Das eigentliche Drama aber, wie Eva Horn schreibt, spielt sich nicht zwischen den beiden ab. Das eigentliche Drama spielt sich unter ihnen ab, und bald schon um sie herum.

Die beiden verbissenen Kämpfer stehen knietief im Treibsand: “Bei jeder Bewegung saugt ein zähflüssiger Strudel sie weiter ein, so dass sie einander nach und nach selbst begraben”, so Michel Serres. Wie die beiden Kämpfer bemerkt auch der oberflächliche Betrachter, das eigentliche Drama viel zu spät.

Schauen wir auf unsere Arbeitswelt, sehen wir ähnliches: Wie die beiden Knüppelschwinger interessieren uns allein die Konflikte zwischen uns. Die Knüppel heißen dann War for Talents, Marktanteile oder persönliche Bonussehnsüchte. Auch wir übersehen die Grundbedingungen all dieser Klopperei. Den gemeinsamen Boden, auf dem der ganze Spaß stattfindet. Er gerät durch unsere Scharmützel ins Strudeln. Er wird zum dritten Akteur. Die Natur reagiert auf unser Wirtschaften – und ihr Knüppel ist der gewaltigste. Als ich in Madrid länger vor dem Gemälde stand, begriff ich: Die Frage nach einem zukunftsfähigen Wirtschaften, die vielbeschworene Zukunft der Arbeit, darf nicht der Frage nach der Zukunft des Planeten ausweichen. Wer mit Zukunft nur einen effizienteren, digitaleren oder beschleunigten Knüppelkampf meint, ignoriert die Frage nach einer enkeltauglichen Zukunft und beantwortet sie doch. Und zwar verneinend.

Letzten November klebten sich Klima-Aktivisten an einen Goya im Raum 38. Ein Aktbild der Nackten Maja, aus der Zeit, wo Goyas Blick wohl noch sorgenfreier war. An der Sache vorbeigeklebt, wie ich finde.

 

Arbeit, die sich sehen lässt

Im Anthropozän, so Eva Horn, haben wir uns von mittelgroßen Primaten zu einer prägenden Kraft für die physikalischen und biogeochemischen Prozesse auf diesen Planeten entwickelt. Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, dass unsere Spezies erst seit einem Bruchteil der Erdgeschichte existiert.

Wie haben wir das geschafft? Der Trick heißt Arbeit!

Die Arbeit etwa in der Konsumgüterbranche führte dazu, dass sich seit 1910 die Masse aller von uns produzierten Dinge (Technosphäre), alle zwanzig Jahre verdoppelt hat. 1910 entsprach sie drei Prozent aller lebenden Organismen (Biosphäre). Seit 2020 gibt es mehr Technosphäre als Biosphäre.

Die Arbeit etwa in der Baubranche führt dazu, dass wir weltweit mehr Erde, Sand und Stein (Lithosphäre) bewegen, als dies durch natürliche Prozesse geschieht.

Seit der industriellen Revolution hat sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre um 44 Prozent erhöht, was das Klima erwärmt, das Meerwasser in der Hydrosphäre saurer macht und die Lebensbedingungen aller Organismen massiv verändert. Das alles ist Arbeit, die sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lässt. Die Arbeitswelt ist der Tatort des Anthropozäns. Die Arbeitswelt muss im Hinblick auf die Zukunft ganz massiv umlernen, damit wir uns nicht weiter in den Untergang knüppeln. Denn wie wir uns in die Malaise hineingearbeitet haben, können wir uns auch nur mit besseren Formen des produktiven Tätigseins aus ihr herausarbeiten. Keine Arbeit ist nämlich auch keine Lösung.

 

Wenn das die Lösungen sind, möchte ich mein Problem zurück

Welch ein Glück, mag man jetzt aufatmen, dass sich doch so viele Menschen mit der “Zukunft der Arbeit” beschäftigen. So viele Berater, Managerinnen und Populärphilosophen, die sich mit dem Begriff eine Bühne schaffen. Doch auf diesen Bühnen geht es nie um die planetare Voraussetzung für eine jegliche Zukunft eines jeglichen Arbeitens. Das wahre Problem ist nämlich nicht, dass die Zukunft der Arbeit irgendwie anders sein wird – mit mehr Workations, Metaverse oder AI. Das wahre Problem ist, dass wir dabei verpassen, uns an eine Zukunft der Arbeit zu machen, die unsere Zukunft auf diesem Planeten mitmeint.

Deswegen bleiben wir in zwei Gruppen gespalten: Die New-Work-Apostel lenken mit Geklimper davon ab, dass es für zukunftsfähige Arbeit eine planetare Basis braucht. Klimaaktivistinnen gehen für den Planeten freitags auf die Straße, aber übersehen, womit wir die restliche Woche verbringen. Und welche Chance darin steckt. Wenn wir soviel Zeit auf der Arbeit verbringen, dann sollten wir diese auch als Reallabor für eine enkeltaugliche Zukunft betrachten. Dort liegt das Potenzial für Weltbezug, Wirksamkeit und Zusammenwachsen, und damit die Voraussetzung für eine lernende, nicht-traumatisierende und gemeinschaftliche Bewältigung der Klimakrise, jenseits des Zwangs.

Nun ist es nicht so, dass die New-Work-Diskurse einfach nur harmlos an der Klimakrise vorbeipowerpointen. Sie schreiben vielmehr die Praktiken weiter, die uns erst in die Krise gebracht haben. Die Zukunft der Arbeit entpuppt sich als verdammt kurze Zukunft, New Work als Old Work mit Tischtennis. Nach vielen Jahren in dieser Szene, identifiziere ich vier Typen – wenn du alle in deinem Umfeld hast, bekommst du von mir einen New-Work-Hoodie geschenkt!

 

4 Typen

Die Techno-Utopistin glaubt, dass unsere Herausforderungen vor allem technologische Herausforderungen sind. Meist sind es Produktivitätsherausforderungen, die ihr als lösenswert erscheinen: Die App für schnellere Meetingplanung, das vernetzte Büro, der transparente Mitarbeiter. Sie glaubt, dass ein ewiges Weiter-so bei unhinterfragtem Verhalten möglich ist, wenn wir nur niemals aufhören, neue Tools zu erfinden – vielleicht lässt sich auch bald Erdöl 3D-drucken. Woraus? Das wird uns schon einfallen! Im Stile technokratischer Vordenker wie Margaret Thatcher ist sie auf eine Gesellschaft und eine Verständigung über bessere Zukunft, genauso wenig angewiesen wie auf planetare Grenzen. Es gibt nur User, die es am liebsten seamless und one-click mögen. Alles andere ist Back-End.

Der Kulturverwerter glaubt zwar nicht planetare Grenzen wegzuerfinden, doch wenn er an knappe Ressourcen denkt, denkt er an motivationale Ressourcen. Wenn doch alle nur mehr mit dem Herzen dabei wären, jauchzt er, wäre das nicht schon das himmlische Jerusalem einer besseren Arbeitswelt?

Er begegnet uns, wenn sich Organisationen plötzlich Familie oder Tribe nennen. Wer Teil einer Familie ist, ist voll dabei und gründet keinen Betriebsrat, praktisch! Ein Stamm ist strukturkonservativ und hat einen Oberhoncho, auch praktisch! Er begegnet uns in der Managementfantasie, Mitarbeiterinnen ihren Sinn zu “geben”, damit sie “mehr Begeisterung für das erleben, was sie eh schon machen” (leider ein echtes Zitat).

Uns begegnet seine zynische Romantik, wenn Achtsamkeitskurse angeboten werden, wo besser über die Frage nach geregelten Arbeitszeiten meditiert werden sollte. Oft geschieht dies auch mit Apps, als wäre innere Ruhe downloadbar – hier gibt er der Techno-Utopistin die Hand.

Die Innovationspraktikerin versteht, dass wir uns nicht aus der Welt herausdigitalisieren können und, dass Begeisterungstheater nichts verändert. Wenn es um sie geht, brauchen wir einfach mehr kreativen Output für die Rettung des Planeten, und zwar nach dem Design-Thinking-Prinzip Quantity over Quality. Ein Prinzip, das dem industriellen Dogma der Extraktion aller Ressourcen nicht unähnlich ist: Schnellere Prototypen, alle Perspektiven verwerten, Produkte ohne Zaudern auf den Markt werfen, testen, wegwerfen. Ein zweites Prinzip, so der Ethnologe Tim Seitz, ist permanente Dringlichkeit: “Ihr habt noch zwei Minuten für alle Ideen zu dieser Frage – dann ist Schluss!”, “Noch 30 Sekunden, bis der Prototyp fertig ist!”, “Ich will mindestens 20 Ideen für den Einkaufswagen der Zukunft sehen!”. In Hackathons und anderen Tischfeuerwerken arbeiten sich die Menschen unter der Innovationspraktikerin, gerne in der Rolle der masochistischen “Timekeeperin”, in den Rausch. Der Rhythmus der Industrieproduktion wird in die Kreativitätsarbeit eingeführt – und damit auch die Pathologien der Arbeit im Anthropozän. Endlich wieder Fließband! Obendrein wird Kreativität oft gar nicht entfesselt, sondern eingehegt: Wenn Mitarbeiterinnen einmal im Jahr out of the box denken dürfen, hat das vor allem den Effekt, dass die Box im restlichen Jahr etwas erträglicher ist.

Der Zieleformulierer hat super Verbindungen zum Vorstand (schon lange Freunde bei LinkedIn) und eine große Social-Media-Community. Manch einer schafft es gar in sein Mekka, nach Davos. Dort und überall denkt er über die ganz großen Zukunftsfragen nach. Und mit “groß” meint er “fern”: Flugtaxen, Vollautomatisierung, gelegentlich tatsächlich auch Umweltfragen. Aus der Auseinandersetzung mit diesen Fragen entwickelt er wundervolle Fiktionen und posaunt sie hinaus: 2030 schon arbeiten wir komplett remote, 2040 haben wir eine ausgeglichene Geschlechterquote im Vorstand und 2050 beginnt die Zukunft dann schon, wir werden klimaneutral. Nur eines ist wichtig: Zu nah an die Gegenwart sollen all diese Ziele bitte nicht gehen. Manches würde sich als Green- oder Purposewashing herausstellen. Eine Studie hat ergeben, dass zwar fast 50% aller Unternehmen in Europa Klimaschutz-Ziele haben, die sich am Pariser Klimaabkommen orientieren, dass aber weniger als fünf Prozent auch ein Maßnahmenpaket haben, wie sie diese Ziele erreichen wollen. Große Ziele, null Plan.

 

It’s the practices, stupid!

Wie lässt sich nun stattdessen, die Zukunft der Arbeit und des Planeten zusammendenken – und vor allem angehen?

Der erste Schritt ist, zu verstehen, dass Zukunft keine ferne Vision mit solarbetriebenen Robotern ist, sondern viel unmittelbarer: Unser Gehirn verarbeitet mit dem zungenbrecherischen suprachiasmatischen Nucleus einen Zeitraum von 15 Sekunden als “Moment”. Alles davor, ist schon “Vergangenheit”. Alles, was danach geschieht – ta-dah! – bereits “Zukunft”. Zukunft ist nichts, was wir Visionären überlassen sollten, so bunt deren Bilder auch sind. Zukunft ist, was du als nächstes machst – oder aufhörst zu machen! In 15 Sekunden. Ob du weiterhin mit dem Knüppel ausholst oder dir klar wird, dass du im Treibsand versinkst.

Daraus folgt im zweiten Schritt, dass die Frage nach einem Umlernen in der Arbeit zu einer Frage des Wandels von alltäglichen Praktiken wird. Der eingewöhnten Routinen, die wir fast wie von selbst ausüben und damit die Gegenwart in die Zukunft weiterschreiben:

Wer darf wie Kritik üben? Wie werden Betriebsstörungen wahrgenommen und behoben? Mit welchen Abläufen und Begriffen übernehmen Mitarbeiter Verantwortung – oder weisen diese von sich? Wie werden Neue sozialisiert? Wie wird die Grenze zwischen Innen und Außen markiert? Welche Rolle spielen Räume, Geräte und Bewegungsabläufe bei all dem? Was wird dadurch (un)sichtbar gemacht?

Ein wichtiger Effekt dieser Perspektive: Sie interessiert sich für Praktiken, nicht für Praktiker. Das spaltende Fingerzeigen etwa auf “Umweltsäue” gibt es hier nicht, wir alle sind nur Träger von Praktiken – hilfreichen oder schädlichen.

Praktiken bauen auf erlernten Fähigkeiten (Skillset), Infrastrukturen, wie Raum und Dingen (Toolset) und sozialen Einstellungen (Mindset) auf. Die Intersektion dieser Sets lässt uns wie auf Autopilot durch unsere (Arbeits-)Welt wandeln.

Praktisch, weil wir schnell ins Arbeiten kommen und nicht alles von neuem ausdiskutieren müssen wie in einer Politikwissenschaftler-WG.

Verdammt unpraktisch, wenn diese Programme uns zombiehaft in den Abgrund ziehen. So drohen wir uns selbst und den Planeten komplett abzuarbeiten, ohne es überhaupt zu merken.

Praktiken sind nämlich keine reine Kopfsache. Genau deswegen machen wir ja auch ein Praktikum: Um uns vom Meister auch die impliziten Regeln der Kunst abzugucken.

Deswegen reicht es in der Klimakrise auch nicht nur an die Vernunft zu appellieren – wie es der Club of Rome bereits vor mehr als 50 Jahren tat. “Science shows that showing people science doesn‘t work”, so der heutige Präsident des deutschen Club of Romes, Mojib Latif.

Stattdessen muss im dritten Schritt nachhaltige Veränderung alle Sets betreffen. Das Beispiel “Fahrradfahren ins Büro” kann dies zeigen.

Praxiswandel Rad

 

 

Zeit-gemäßes Arbeiten im Anthropozän

 

Ein zentrales Geflecht an umweltschädlichen Praktiken entspannt sich um unseren Umgang mit Zeit. Es ist wahrscheinlicher, am Wochenende E-Mails zu schreiben, als wochentags ins Kino zu gehen. Wir haben das Toolset für ersteres, uns fehlt das Mindset für letzteres. Die Burnout-Raten gehen durch die Decke. Es ist diese unerbittliche Gehetztheit, die den Abbau unserer eigenen Ressourcen auch mit dem Abbau der planetaren Ressourcen verbindet. Denn alles, was lebt, ob Managerin oder Mangoplantage, braucht Regeneration. Ein Auf und Ab, kein Always-on. Dieses Können fehlt aber im Skillset. Wir befinden uns im Hinblick auf ein Umlernen im Anthropozän dadurch in einem rasenden Stillstand. Weil die “Glorifizierung der Busyness” eine Praktik ist, die vor allem verdrängende Funktion für unsere Krisen hat und Verantwortung eine höchst zeitintensive Praktik wäre, behandelt eine Veränderungsdimension in meinem Buch die Frage nach dem Zeit-gemäßem Arbeiten.

Daneben gibt es acht weitere Veränderungsdimensionen, die ich im Working-Planet-Modell zusammenführe. Sie alle zeigen, wie die planetare Krise auf Systemebene mit dem Verhalten auf Praktikebene verbunden ist und dass deshalb die Frage des Planeten und die Frage der Arbeit fundamental zusammenhängt: Als das “Was” und das “Wie” zu einer wirklich besseren Zukunft. Sie zeigen aber vor allem, wie genau uns ein Praxiswandel gelingen kann: Wie wir den Treibsand um uns erkennen und wie wir gezielte und vor allem gemeinsame Bewegungen machen können, um ihm zu entkommen.

 

Über Hans Rusinek

Hans Rusinek forscht, berät und publiziert zum Wandel der Arbeitswelt. An der Universität St. Gallen forscht er zur Sinnfrage in der Arbeit und ihrer Rolle in modernen Organisationen. Er erfüllt zudem einen Lehrauftrag zu “Future of Work” an der Fresenius Universität in Hamburg und ist Fellow im ThinkTank30 des Club of Rome Deutschland. Bis 2020 war er Associate Strategy Director und erster Mitarbeiter der Purpose-Beratung der Boston Consulting Group, BrightHouse. Zudem beteiligt er sich publizistisch an Debatten zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, etwa in BrandEins, Capital, DIE ZEIT, Gabor Steingarts ThePioneer oder Deutschlandfunk, wofür er 2020 den Förderpreis für Wirtschaftspublizistik der Ludwig-Erhard-Stiftung bekam. Er studierte VWL, Philosophie und Politik an der London School of Economics und in Bayreuth, sowie Design Thinking am Hasso Plattner Institut.

 

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