Waren Sie schon einmal verliebt? Oder besser: Waren Sie schon zweimal verliebt? Oder kennen Sie Menschen die seriell monogam sind? Die sich so richtig schön verlieben können – und zwar immer wieder neu. In diesem Verliebt-Status voller Hormone ist klar: Jetzt ist es der einzig Richtige oder die wahre und beste Partnerin, die ich das Leben lang gesucht habe. Jetzt – endlich – wird das Glück auf Dauer sein. Darüber besteht vollkommene Gewissheit.

„Es ist wieder mal für immer“ singt Annett Luisan mit der ihr eigenen Ironie: „Die nächste Liebe meines Lebens, die nächste endgültige Wahl, die nächste Liebe meines Lebens, das nächste letzte Mal„.

Wer mit Menschen in diesem Stadium zu tun hat, der begleitet sie am besten freundlich, der macht vielleicht die eine oder andere Bemerkung, dass diese Gewissheit vor 5 Jahren ja auch nicht ganz so anders war („damals mit dem Walter oder Norbert“). Und wird einen Sturm der Entrüstung ernten: „Das war doch etwas ganz anderes“. Jetzt – erst jetzt – sei alles richtig.

Es macht keinen Sinn, Verliebte vom Verliebt-Sein abzuhalten. Mit Ängsten ist das auch nicht anders. Wenn einen die Angst übermannt, dann ist das – jetzt und hier – die einzig wirkliche Gefahr. Kennen Sie Menschen mit Höhenangst? Oder mit Waschzwang und Angst vor Bakterien und Verunreinigungen? Oder vor Impfungen? Hinter die jeweilige Gefahr tritt alles zurück. Es ist ja auch wahr: Wenn beim Bungee-Springen das Seil reißt, dann ist alles andere ziemlich egal. Wer will da noch argumentieren?

In meiner Jugend haben wir Referate über den sauren Regen gehalten und Angst vor dem Waldsterben kultiviert. Dann sind wir auf die Straße gegangen, um gegen das Wettrüsten zu demonstrieren. Denn warum sollte man mit atomaren Waffen eine freiheitliche Zivilisation verteidigen, wenn dabei die gesamte Erde vernichtet würde. Dann hatten wir vor der Sonne Angst, weil das Ozonloch immer größer wurde und die Schutzschicht der Erde zerstörte. Verbrennen würden wir alle im Dauer-Sonnenbrand. Dann kam der Mauerfall, das Ende der Ost-West-Spaltung und Arbeitslosigkeit wurde zum zentralen Problem. Manche von uns sagten damals: Jetzt sind die Grünen mit an der Regierung und es gibt nur noch ein Problem: Arbeitslosigkeit. Haben sich die ökologischen Fragen eigentlich in Luft aufgelöst – vom Flaschenpfand abgesehen? Nein – hatten sie nicht. Nur die Ängste waren anders ausgerichtet.

Und jetzt? Jetzt wird Panik zur Tugend erklärt. Weil es ja diesmal die wirklich ganz große Gefahr ist. Diesmal also wirklich. Diesmal also geht am 1.1.2031 die Welt unter, wenn wir nicht bis auf die letzte „Nachkommastelle „unsere“ Pariser Klimaziele erreicht haben. Wirklich?

Können wir nicht langsam mal erwachsen werden und die begründete Furcht vor Gefahren des Klimawandels in geeignete Handlungen verwandeln? In Abwehrmaßnahmen und Anpassungsmaßnahmen. Aber nicht alles unter einen „Sonst-geht-die-Welt-unter“-Vorbehalt stellen, bei dem es auf nichts anderes mehr ankomme.

Verliebten empfehlen wir ja auch, nicht gleich das erarbeitete oder ererbte Familien-Vermögen dem oder der Geliebten anzuvertrauen, den Job aufzugeben und alles auf eine Karte zu setzen. Verliebt-Sein ist wie eine Krankheit. Aber ob es Sinn macht, Verliebte mit „Du bist ja krank!“ zu beschimpfen? Vermutlich nicht. Ob es Sinn macht, eine Welle der Angst als „Klimahysterie“ zu verunglimpfen? Vermutlich nicht.

Aber für eine Gesellschaft zu werben, in welcher sich niemand anmaßt, Worte zu „Unworten“ zu erklären, das würde Sinn machen. Für das „Unwort des Jahres 2020“ hätte ich einen endgültigen Vorschlag: Man könnte „Unwort“ zum Unwort erklären. Damit wenigstens dieser Spuk mal ein Ende hat. Mit großen Ängsten werden wir dagegen auf Dauer leben müssen – und mit flammender Liebe auch. Hoffentlich!

HINWEIS:
Zuerst erschienen unter: https://www.linkedin.com/pulse/liebe-als-krankheit-und-andere-unworte-joachim-fetzer/

 

Der Autor

Prof. Dr. Joachim Fetzer

Prof. Dr. Joachim Fetzer lehrt Wirtschaftsethik (www.wirtschaftsethik.com) und ist Mitglied im Lenkungsausschuss von Sustainable Development Solutions Network – SDSN Germany (www.sdsngermany.de).

fetzer@dnwe.de

 

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