Die Corona-Pandemie hat die Welt sozial, wirtschaftlich und politisch herausgefordert. Der unaufschiebbare Handlungsdruck ließ häufig klimapolitische Ambitionen in den Hintergrund rücken. Wissenschaftler der kanadischen Universität Waterloo haben zusammen mit Ortwin Renn vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) und Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), erstmals einen operativen Ansatz veröffentlicht, der Entscheidungsträgern eine Anleitung liefert, um die zentralen miteinander konkurrierenden Ziele einschließlich eines wirksamen Klimaschutzes in Einklang zu bringen.

Die globale Pandemie habe enormen Druck auf die Staatshaushalte ausgeübt, denn globale Entscheidungsträger mussten ein Gleichgewicht zwischen Gesundheit, wirtschaftlichen Zielen und ökologischer Nachhaltigkeit gewährleisten. Zugleich sei unser kollektives Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden stark erschüttert worden, so argumentieren die Autoren von “Balancing Health, Economy and Climate Risk in a Multi-Crisis” in der Einführung zu ihrer Studie. Das Zusammentreffen einer unmittelbaren Bedrohung der Lebensgrundlagen im Gefolge einer Gesundheitskrise habe jedoch das Potenzial, Maßnahmen zur Minderung des Klimarisikos zu untergraben. Die Klimapolitik sei in Gefahr aus den Augen zu geraten, weil sie angesichts der Corona-Krise kurzfristigen Erwägungen geopfert werde und dabei die langfristige, enkeltaugliche Perspektive vernachlässigt werde.

Die Autoren der Studie, die in der Zeitschrift “Energies” als Teil der Sonderausgabe “COVID-19 Crisis Implications on the Energy Sector and on the Environment” veröffentlicht wurde, haben deshalb einen zielübergreifenden Entwicklungs- und Klimaindex (DCI) entwickelt. Er dient als Maß für die Gesamtleistung eines Landes, kombiniert als Entwicklungs- und Klimawandel-Leistungsindex. Dabei soll die Verbesserung der Lebensqualität eines jeden globalen Bürgers mit dem globalen Emissionsprofil in Einklang gebracht werden, um beides die im Pariser Abkommen festgelegten zwei Grad Celsius- als obere Temperaturleitplanke einzuhalten und die wirtschaftliche und soziale Lebensqualität zu erhalten bzw. weiter zu entwickeln.

“Unser Ansatz balanciert Gesundheit und Sicherheit, wirtschaftliche Leistung und die Klimabedrohung durch einen Index, der die Ziele der menschlichen Entwicklung und die Leistung im Hinblick auf den Klimawandel kombiniert”, erklärt Prof. Ortwin Renn vom Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung die Idee.

Die vier Wissenschaftler haben den DCI aus zwei standardisierten Indizes abgeleitet: dem Entwicklungsindex H und dem Klimawandel-Leistungsindex CCPI. Der so entstandene DCI dient als statistisches Maß für das Leistungsniveau, das erforderlich ist, um eine enkeltaugliche Entwicklung mit dem globalen Treibhausgas-Emissionsprofil aus- und abzugleichen. Er ist als Instrument für ein ganzheitliche Risikomanagement gedacht, das Entscheidungsträgern als Orientierung dienen soll.

Daten von 65 Prozent der Weltbevölkerung einbezogen

Für die Studie wurden nach dieser Methode die Daten von 55 Ländern analysiert, die 65 Prozent der Weltbevölkerung umfassen. Der DCI zeigt, welche Länder deutlich besser oder schlechter abschneiden als der Rest, wenn Entwicklung und Klimawandelperformance zusammen betrachtet werden: Schweden führt das Ranking an, gefolgt von der Schweiz und Norwegen, während Deutschland auf Platz 10 der Liste der 55 Länder gelandet ist. Schlusslicht bildet Saudi Arabien.

Mit dem Index ist es am Ende möglich, die verschiedenen Ziele – Sicherheit und Gesundheit, Wirtschaft und Klimaschutz – durch eine ausbalancierte Politik zu harmonisieren. “Wenn die Verbesserung des Klimas als integraler Bestandteil der Erfüllung menschlicher Entwicklungsziele gesehen wird”, so Prof. Renn – “dann kann auch das ökologische, soziale und wirtschaftliche Wohlergehen eines Landes verfolgt und überwacht werden.”

 

Originalpublikation:

Nathwani, J.S.; Lind, N.C; Renn, O.; Schellnhuber, H.J. Balancing Health, Economy and Climate Risk in a Multi-Crisis. Energies 2021, 14, 4067.
https://doi.org/10.3390/en14144067

 

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