Die Beratung von Unternehmen ändert sich ständig. Wenn die Welt sich ständig ändert, muss sich logischerweise auch die Beratung derjenigen ändern, die in der Welt stehen: der Unternehmen. Die Unternehmensberatung wurde Ende des 19. Jahrhunderts in den USA erfunden, um die Unternehmensführungen in der Kontrolle ihrer Unternehmen zu unterstützen. Diese Kontrolle wurde erreicht durch eine Umwandlung sämtlicher Arbeits- und Produktionsabläufe in Zahlen, wie es insbesondere das sog. “Scientific Management” F. Taylors entwickelt hat. Dieses “Scientific Management” hat das Bild des Unternehmers, des Managers und des Unternehmensberaters im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt. Henry Ford und seine Massenproduktion wären nicht denkbar gewesen ohne das “Scientific Management”.

Bereits in den 1930er Jahren erwies sich das “Scientfic Management” als einseitig. Der Amerikaner Elton Mayo (1880-1949) führte von 1924 bis 1933 im Hawthorne-Werk in Chicago umfangreiche Studien durch, in denen die Arbeitsleistung der Mitarbeiter vor dem Hintergrund der Arbeitsbedingungen untersucht wurde. Seine Studien machten deutlich, dass die Arbeitsleistung nicht nur abhängig ist von objektiven Faktoren, von Zahlen und Nummern im Sinne des “Scientific Management” Taylors, sondern in viel größerem Ausmaß von sozialen Faktoren.

Themen wie zwischenmenschliche Beziehung, Arbeitszufriedenheit, Motivation, Kommunikation und Führungsverhalten sind seitdem fester Bestandteil des unternehmerischen Handelns und damit auch der Management- und Betriebswirtschaftslehre. In der Folge entstanden systemische, soziologische und psychologische Beratungen. Sie sind eine logische Konsequenz dieser neuen Perspektive des Managements.

Nun dreht die Erde sich weiter und wir kommen in die Gegenwart mit ihren neuen Herausforderungen. Der Computer in den 80er Jahren und das Internet in den 90er Jahren sorgten für eine Zeitenwende, die bis heute anhält: die Digitalisierung. Sie treibt die Geschwindigkeit wissenschaftlicher, technischer und gesellschaftlicher Veränderungen an, die es immer schwerer machen, die aktuelle Situation zu analysieren. News und Fake-News verschwimmen, unternehmerische und ethische Entscheidungen werden immer schwieriger.

Diese beiden Themengebiete – die Verifizierung von Wissen und die Ethik – sind die Kerngebiete der akademischen Philosophie. In ihrer Erkenntnislehre klärt sie die Bedingungen von Wissen: worauf beruht Wissen? Wie kann ich Wissen von Scheinwissen unterscheiden? Was sind Argumente? Wie funktioniert Logik? In ihrer Ethik klärt die Philosophie die Bedingungen moralischen Handelns: was ist ethisch gut, was schlecht? An welchen Kriterien soll man seine Moral orientieren? Wie geht man mit sich widersprechenden ethischen Vorstellungen um?

Auf diese Weise bilden die Kompetenzen dieser Wissenschaft eine immer notwendigere Ergänzung bisheriger Unternehmensberatung. Es kann aufgrund einer immer komplexeren Welt nicht mehr darum gehen, jede Führungskraft auf jede mögliche Entscheidung vorzubereiten, sondern darum, sie individuell durch neue Kompetenzen zu ermächtigen, neue Situationen zu erfassen und die ethisch richtigen Entscheidungen zu treffen.

Philosophie und Wirtschaft lebten bisher oft in getrennten Welten. Auf der einen Seite eine akademische Disziplin, die sich oft schwertut, sich für die normale Welt zu interessieren. Auf der anderen Seite Wirtschaftsunternehmen, für die sich Ethik oft auf das Halten der Gesetze reduziert. Diese Welten bewegen sich aufeinander zu, weil zum einen die Philosophie immer mehr erkennt, auf gesellschaftliche Relevanz angewiesen zu sein und zum anderen die Unternehmen einen wachsenden Bedarf an philosophischer Kompetenz feststellen.

Vor etwa zwei Jahren haben sich Philosophinnen und Philosophen zu einem neuen Verband zusammengeschlossen, um diese Entwicklung weiter voranzutreiben, dem “Verband für Philosophie und Unternehmensberatung” (VPU). Dieser Verband dient zum einen der Vernetzung untereinander. Daneben will er aber die Verbindungen von Philosophie und Wirtschaft stärken: auf der einen Seite, indem in Richtung der universitären Philosophie für unternehmerische und wirtschaftliche Themen geworben wird. Auf der anderen Seite, indem in Richtung der Wirtschaft philosophische Themen eingebracht werden. Neben den Themen der Erkenntnislehre (Wissen, Vernunft, Logik usw.) betrifft dies vor allem die Ethik, sei es die Unternehmens- oder die Wirtschaftsethik.

Bei dieser Tätigkeit ist der neue Verband auf gute und starke Partner angewiesen, wie das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE) einen darstellt. Hier kann der VPU seine philosophische Kompetenz einbringen, wenn es um die Weiterentwicklung einer theoretisch gut durchdachten, aber auch praktisch durchführbaren Wirtschaftsethik geht, die den heutigen gesellschaftlichen, politischen, klimatischen, kulturellen und technischen Herausforderungen gewachsen ist. Der Verband für Philosophie und Unternehmensberatung freut sich über diese Partnerschaft und auf die Zusammenarbeit in einem wichtigen Feld, das die Zukunft unserer Gesellschaft mitentscheiden wird.

 

Nähere Informationen:
https://philosophie-und-unternehmensberatung.de/

 

Der Autor

PD Dr. Dr. Michael Rasche

PD Dr. Dr. Michael Rasche ist Philosoph, Redner und Buchautor. Er war viele Jahre tätig als katholischer Priester (2001-2016) und als Professor für Philosophie an der KU Eichstätt-Ingolstadt (2015-2016). Seit 2017 ist er selbständig tätig in der Führungskräfteentwicklung. Seine Schwerpunkte sind die Themen “ethische Führung” und “methodisches Denken”. Seit 2020 ist er Vorsitzender des “Verbands für Philosophie und Unternehmensberatung”. Rasche lebt in Rotterdam in den Niederlanden.

 

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