Herr Mustafa, mit 17 Sustainable Development Goals (SDGs) rufen die Vereinten Nationen zu nachhaltiger Entwicklung auf. Sind globale Ziele und regionale Kleinstunternehmen überhaupt miteinander vereinbar?

Ja, die 17 globalen UN-Nachhaltigkeitsziele und regionale Kleinstunternehmen stehen in einem Zusammenhang und sind miteinander vereinbar. Die Ziele sind mit der Überschrift „Transformation unserer Welt“ versehen. Der Grund für die Formulierung der Ziele ist ein nicht mehr zu ignorierendes Ungleichgewicht: Ein Missverhältnis nicht nur innerhalb vieler Gesellschaften, das zeigt zum Beispiel der im Dezember 2017 erstmals erschienene World Inequality Report, sondern auch zwischen Staaten sowie zwischen den menschlichen Bedürfnissen und den Erdressourcen.

Dieses globale, auch im Sinne von umfassende, Ungleichgewicht heißt es, in ein Verhältnis zu führen, in der das Wort „Zukunft“ für nachfolgende Generationen noch eine Bedeutung hat. Wir, die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit, beschreiben dies mit dem Wort „Gleichgewichtsorientierung“. Mit dieser Aufgabe wird Geschichte geschrieben. In der Theorie wissen wir, dass etwas zu tun ist und was zu tun ist.

Auf der praktischen, unternehmerischen Ebene stehen dabei vor allem die Beschaffungsverhältnisse in den Lieferketten im Fokus. Sie basieren nur allzu häufig auf einer fast sklavenhaften, zerstörerischen Ausbeutung von Mensch und Natur vieler Nationen und Kulturen für das Wohlergehen weniger. Die Zerstörung von Lebensgrundlagen und Migration sind hieraus entstehende Auswirkungen. Es ist bedauerlicherweise kein Zufall, dass heute wieder von Sklavenmärkten in Nordafrika berichtet wird.

Die sogenannten „Global Player“ der Wirtschaft werden sich in zunehmendem Maße darüber im Klaren, dass in Zeiten globaler sozialer Netzwerke die eigene Reputation mit dem Grad der Übernahme von Verantwortung steht oder fällt. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf den Geschäftsverlauf und die Zukunftsfähigkeit.

Was für die globale Ebene gilt, trifft maßstabsgetreu auch für jedes Unternehmen zu, das vor Ort in Regionen und Kommunen verwurzelt ist. Jedes regionale Kleinstunternehmen spielt eine sehr zentrale Rolle für die Stabilität in der Region und für die Lebensgrundlagen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.

Neben anderen Aspekten, wie zum Beispiel Infrastruktur oder Nachbarschaften bieten Kleinstunternehmen Lebensperspektive. Dies gilt in Deutschland genauso wie in Afghanistan, Bangladesch, Chile oder der Zentralafrikanischen Republik. Sie sind Teil regionaler Identität und haben erheblichen Einfluss. Um die globalen Entwicklungsziele der UN zu erreichen ist es notwendig, auf der kommunalen und regionalen Ebene unternehmerisch zu wirken und hier speziell auf der betrieblichen Ebene.

Die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit (BVNG) hat hierfür gemeinsam mit ihren Verbundpartnern und der IHK Magdeburg ein zertifiziertes Weiterbildungsformat für Ausbilderinnen und Ausbilder entwickelt (www.inebb.de). Die Anwendung befähigt Unternehmen dazu, Nachhaltigkeit im Unternehmen umzusetzen, in die Prozesse und Abläufe zu integrieren, den ordnungspolitischen Vorgaben gerecht zu werden und aus diesen Gründen mit Nachhaltigkeit auch Umsätze zu generieren.

Insgesamt trägt dies zur Prosperität der gesamten Wirtschaft bei, denn qualitativem nachhaltigem Wachstum sind keine Grenzen gesetzt.

 

Wie können Kleinstunternehmen erkennen, welche SDGs im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung wichtig für sie sind?

Es geht nicht nur um gesellschaftliche, sondern vor allem auch um unternehmerische Verantwortung. Unserer Erfahrung nach verorten sich Unternehmen auf den ersten Blick fast immer sofort beim SDG 8 „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“, wenn sie das erste Mal von den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN hören. Welcher Unternehmer, welche Unternehmerin möchte diese Ziele für den eigenen Betrieb nicht haben? Jedoch, was bedeutet dies?

Betrachtet man dieses Ziel im Kontext der anderen SDGs wird man gewahr, dass SDG 8 ein Beitrag zum Erreichen anderer Ziele ist (zum Beispiel SDG 11 – Nachhaltige Städte und Siedlungen oder SDG 3 – Gute Gesundheit und Wohlbefinden). Genauso wird klar, dass auch SDG 8 von der Erreichung anderer Ziele abhängig ist (zum Beispiel SDG 4 – Qualität in der Bildung oder SDG 7 – Günstige und saubere Energie). Hierfür mag die von uns entwickelte SDG-Roadmap einen ersten Anhalt geben.

Ganz häufig werden die Implementierung der SDGs und die Anwendung von nachhaltigen Aspekten im Unternehmen als Zusatzaufwand betrachtet. Gerade bei Kleinstunternehmen kommt es ganz besonders darauf an, Umsatz zu generieren und Aufträge zu bearbeiten. Es ist für kleine Unternehmen nicht leicht, über die kaum vorhandene Zeit für das Alltagsgeschäft und der damit verbundenen Aufgaben hinaus sich zusätzlichen Aufgaben zu widmen.

Doch bei der mit den SDGs verbundenen Transformation zur Nachhaltigkeit geht es in erster Linie um die eigene Wahrnehmung, die Wirkung des Unternehmens nach außen und innen und um die eigenen Werte und Ziele. Es ist notwendig, sich als Unternehmen dieser Werte und Ziele immer wieder klar zu machen, sie zu hinterfragen, zu beleuchten und zu optimieren. Es geht um die Evaluation des eigenen Betriebes und seiner Wirkungskreise.

Die 17 Themenfelder der SDGs geben nicht nur einen Einblick in den Nachhaltigkeitsdschungel, sie weisen auch einen Weg hindurch. Die „Transformation unserer Welt“ kann getrost als Wendepunkt in eine neue Zeit betrachtet werden. Die einen sind früher davon betroffen, die anderen später. Es ist jedoch auch eine unternehmerische Binsenweisheit, dass der frühe Vogel den Wurm fängt. Je früher Unternehmen Nachhaltigkeit als Bereicherung begreifen und mit der betrieblichen Umsetzung beginnen, desto größer fällt der Wettbewerbsvorteil aus. Hierin liegen große Chancen.

Als Bundesvereinigung Nachhaltigkeit werden wir voraussichtlich ab dem zweiten Halbjahr 2018 ein Programm auflegen, das eine Poolbetreuung für kleine und mittlere Unternehmen vorsieht: In der Anlaufphase erhalten rund 15 Unternehmen im Rahmen einer von uns angebotenen Dienstleistung die Begleitung, die für den Weg der Transformation notwendig ist. Dies umfasst zum Beispiel die Vorbereitung auf eine zukünftige Nachhaltigkeitsberichterstattung im Rahmen von Lieferbeziehungen, die Gestaltung der betrieblichen Aus- und Weiterbildung bis hin zu einer Unternehmenszertifizierung, die Geschäftskunden nachweist, dass das Unternehmen alle Anforderungen an Nachhaltigkeit erfüllt.

 

Wie gehen Sie selber in der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit mit den SDGs um?

Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Frage, insofern ist das Thema sehr umfassend und komplex. Die Implementierung der SDGs gehört neben der Re-Vitalisierung ländlicher Räume zu den Schwerpunktaufgaben der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit. Die SDGs geben eine gute Hilfestellung für die Beantwortung der aufkommenden Fragen.

In der Vorbereitung der von der Bundesvereinigung entwickelten SDG-Roadmap, begannen wir mit den 4 am häufigsten an uns gestellten Fragen:

  • Was ist das Ziel des von der UN ausgerufenen Transformationsprozesses?
  • Auf welche Weise können wir das Ziel erreichen?
  • Wie kann man sich als einzelner Mensch, als Organisation, als Unternehmen einbringen?
  • Wo fangen wir an?

Wir freuen uns, dass wir mit der Roadmap einen pragmatischen Fahrplan entwickelt haben, mit dem die SDGs erschlossen werden können. Konkrete Anwendung finden die SDGs damit in unseren Projekten und bei der Bewertung der Nominierungen für unseren Nachhaltigkeitspreis.

 

Welche Beteiligungsmöglichkeiten für Kleinstunternehmen schlagen Sie der Politik vor, um den SDGs und der Agenda 2030 wirklich näher zu kommen?

Implementierung und Etablierung der SDGs stehen und fallen mit der Aufmerksamkeit, die man ihnen widmet. Der Fokus folgt dann dieser Aufmerksamkeit.

Insofern zielen die zentralen Forderungen der Bundesvereinigung an die Politik darauf ab, nicht nur Nachhaltigkeit als Staatsziel zu etablieren. Wir empfehlen darüber hinaus, den Ressortzuschnitt von Ministerien und Verwaltungseinheiten entlang der SDGs zu gestalten. Die ist deswegen sinnvoll, da die Transformation eine Zukunftsaufgabe ist, die mit Organisationsformen der Vergangenheit nur sehr schwer erreichbar wird.

Wichtig ist hierbei, dass diese Aufgabe von niemandem allein bewerkstelligt werden kann. Die Politik ist daher gefordert, den Prozess der Transformation aktiv zu begleiten und zu unterstützen. Auf diese Weise entstehen unternehmerische Hotspots, die über die Kammer- und Verbandsstrukturen der Wirtschaft weiterverbreitet werden können.

Jede Unternehmerin und jeder Unternehmer sollte die zuständige IHK, die Handwerkskammer oder den Bundesverband Mittelständische Wirtschaft auffordern und drängen, den Weg in die Nachhaltigkeit frei zu machen und Unternehmen auf diesem Weg zu begleiten. Sie wissen genau: Das beste Angebot entsteht durch Nachfrage.

Auch die Bundesvereinigung selbst ist ein Beteiligungsinstrument für diesen Transformationsprozess, zum Beispiel in Form einer Mitgliedschaft oder der Teilnahme an der Pool-Betreuung.

 

Welche Ideen haben Sie für Kleinstunternehmen, um gemeinsam für SDGs aktiv zu werden, zum Beispiel in der unmittelbaren Nachbarschaft der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit in Berlin-Kreuzberg?

Gemeinsam mit dem bei uns im Hause befindlichen Kunstverein Pulszeit e. V. für angewandte Kunst, Bildung und Wissenschaft (www.pulszeit.de) konzipieren wir eine Veranstaltungsreihe, die in den beiden uns umgebenden Kiezen, Graefekiez Kreuzberg und Reuterkiez Neukölln, starten soll. Dies kann zum Beispiel als betriebliche Bildungsmaßnahme ausgeführt werden.

In diesem Kontext streben wir auch eine Zusammenarbeit mit der IHK Berlin und ihrer Initiative „MittendrIn Berlin! – Die Zentren-Initiative“ an, die mit der Kategorie „Impulse setzen“ ein ideales Format darstellt.

 

Dankeschön, Herr Mustafa!

Das Interview führte Wolfgang Keck

 

Tarik Mustafa

Der Künstler, Nachhaltigkeits-Visionär und Mediator Tarik Mustafa ist Präsident der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit. In Walsrode mit deutschen, sudanesischen und ägyptischen Wurzeln geboren, ist er in der Nähe von Kassel aufgewachsen und lebt seit Oktober 2000 in Berlin. Nach Schulausbildung und Lehre war er am Staatstheater Kassel und an der Oper Frankfurt als Kostümbildner tätig. Ende der 90er Jahre begann er mit dem Studium im Studienfach Regie in der Filmklasse der Fachhochschule Hannover, das er ab 2000 an der DFFB Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin fortsetzte.

Seitdem war und ist er in vielen Bereichen künstlerisch beziehungsweise als künstlerischer Leiter tätig. Basierend auf seiner Grundidee über die künftige Entwicklung des stillgelegten Flughafens Tempelhof entstand das von ihm 2010-2013 geleitete „Arche-Metropolis-Kunstprojekt für die Chancen und die Entwicklung der globalen Gesellschaft im 21. Jahrhundert“ auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Das Projekt bewegte sich im gesellschaftlichen Themenfeld Nachhaltigkeit mit Fokus auf Partizipation und wurde von der UNESCO und dem Deutschen Rat für Nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet. Aus diesem Projekt ging 2013 die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit hervor.

E-Mail: tarik.mustafa@bvng.org

 

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