Aufderheide, Detlef – Dabrowski, Martin (Hg.): „Markt und Verantwortung. Wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven“, Berlin: Duncker & Humblot, 2015.

Rezension von Christian Hecker

Wie gelingt die Durchsetzung von Verantwortung in einer globalisierten Wirtschaft? Dieser Frage geht ein von Detlef Aufderheide und Martin Dabrowski herausgegebener Sammelband unter dem Titel „Markt und Verantwortung“ nach, der neben grundsätzlichen ordnungspolitischen Betrachtungen zugleich Fallbeispiele aus verschiedenen Bereichen, wie Nahrungsmittelspekulation, Bioenergie und ethischer Konsum, abhandelt.

Im ersten Hauptbeitrag des Buches fragt Dirk Sauerland nach dem Verantwortungsbereich des Staates in der Marktwirtschaft, den er anhand ordnungspolitischer Überlegungen demonstriert. Auf der Grundlage des Subsidiaritätsprinzips werden die auf Walter Eucken (1952) zurückgehenden konstituierenden und regulierenden Prinzipien der Marktwirtschaft entfaltet und in die moderne Theoriewelt der Allokations- und Distributionspolitik übersetzt. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor – im Bereich der Allokationspolitik – öffentlichen Gütern und externen Effekten sowie – hinsichtlich der Distributionspolitik – der Frage nach einer konsensfähigen Umverteilung bei der Absicherung von Lebensrisiken. Aus normativer Sicht stehen die Prinzipien der Chancengerechtigkeit und der Generationengerechtigkeit im Mittelpunkt. Die auf diese Weise hergeleiteten Schwerpunkte der Marktverantwortung des Staates werden den Ergebnissen einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zu den wirtschaftspolitischen Präferenzen von Bürgern/-innen und Politikern/-innen gegenübergestellt. Dabei zeigt sich interessanterweise eine weitgehende Übereinstimmung zwischen ordnungspolitischer Analyse und empirischen Präferenzen, sowohl für die Bürgerbefragung als auch für die Politikerinterviews. Die Frage nach der Verantwortung des Staates in der Marktwirtschaft wird zudem durch Korreferate von Werner Lachmann – mit dem Schwerpunkt auf der Problematik meritorischer Güter – und Rüdiger Wilhelmi – zum Kapitalmarktrecht – ausdifferenziert.

Detlef Aufderheide beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen, wobei er aktuelle Ansätze zur Corporate Social Responsibility einer kritischen Bestandsaufnahme unterzieht. Dabei wendet er einen geschickten Kunstgriff an: Er greift auf Milton Friedman (1970) als „advocatus diaboli“ zurück und zeigt, wie dessen viel kritisierter Artikel „The social responsibility of business ist o increase its profits“ zur Quelle der Inspiration für Kriterien nachhaltig erfolgreicher CSR-Maßnahmen werden kann. In Gegenüberstellung zu Friedman geht es hier darum, nachhaltigen Erfolg am Markt mit fairen Mittel anzustreben (S. 83), indem Unternehmen eigenverantwortlich dazu beitragen, die gesellschaftlichen Grundlagen ihres Erfolges – und damit auch ihre „licence to operate“ – zu sichern. Grundlage dieser Überlegungen ist die Einbettung von Unternehmen in gesellschaftsvertragliche Kontexte, die – gerade im Bereich globaler Aktivitäten in Ländern mit begrenzt rechtsstaatlichem Charakter – eindeutig über den Umfang bestehender rechtlicher Regelungen hinausgehen. Im Anschluss daran vertieft ein Korreferat von Thomas Hajduk die historische Einordnung des zitierten Friedman-Artikels, während Elmar Nass in seinem Korreferat den Begriff der Unternehmensverantwortung aus der Sicht des christlichen Menschenbildes und dem daraus abgeleiteten Prinzip der Menschendienlichkeit entwickelt.

Arnd Küppers und Peter Schallenberg entwickeln grundsätzliche Überlegungen zur Marktverantwortung von Konsumenten. Dabei legen sie dar, warum eine in der Tradition von Karl Homann (1997) stehende ordnungsethisch begründete Exkulpation der Verbraucher nicht angebracht ist. Ihr Kernargument liegt darin, dass in modernen hochentwickelten Großgesellschaften eine Trennung von Individual- und Sozialethik nicht realistisch erscheint, da sich individuelle Entscheidungen zu sozialen Handlungsmustern und letztlich Strukturen verdichten (S. 133). Daraus leiten die Autoren eine Verpflichtung der Konsumenten ab, sich in der normativen Tradition des kategorischen Imperativs von Kant (1968 bzw. 1785) am Abwägungskriterium der Verallgemeinerbarkeit zu orientieren. Als zentrale Normen sollten dabei die globale Sozialverträglichkeit im Hinblick auf die Mitwirkenden am Produktionsprozess sowie die Umweltverträglichkeit zugrunde gelegt werden. Katharina Klein erweitert in ihrem Korreferat diese Überlegungen aus anwendungsorientierter Sicht. Dabei geht sie der Frage nach, wie Institutionen zur Stärkung der ethisch reflektierten Entscheidungsfähigkeit von Verbrauchern beitragen können, indem sie beispielsweise Informationsasymmetrien überwinden oder Bedürfnisreflexionen fördern. Eric Christian Meyer geht in seinem Korreferat auf ökonomische Aspekte der Marktverantwortung von Konsumenten ein, wobei er vor allem Preiseffekte, Verschiebungen zwischen Konsumenten- und Produzentenrente sowie Verteilungseffekte zwischen Verbrauchern mit unterschiedlichen Einkommen thematisiert.

Der Beitrag von Matthias Kalkuhl beschäftigt sich mit einem hoch brisanten Thema: der Spekulation mit Nahrungsmitteln. Der Autor geht zunächst aus empirischer Sicht den Vor- und Nachteilen von Spekulation nach. So stellt er den nützlichen Funktionen, wie Risikoabsicherung, die Gefahren gegenüber, die sich vor allem durch die vorübergehende Verzerrung von Preisspitzen ergeben können. Er diagnostiziert, dass der gegenwärtige Forschungsstand zu diesem Thema kein eindeutiges Bild bietet, wobei sich jedoch deutliche Indizien für gelegentliche Preisverzerrungen feststellen ließen, die insbesondere die Ernährungssicherheit in armen Ländern gefährden können. Daher geht er von einem grundsätzlichen Bedarf an Regulierung aus, die vor allem in Krisenzeiten wirksam werden sollte. Zudem fordert er eigenverantwortliche Maßnahmen von Marktakteuren, insbesondere Banken, die freiwillig auf bestimmte Geschäfte verzichten sollten. Das Korreferat von Jörg Althammer und Maximilian Sommer setzt sich kritisch mit einzelnen Aspekten der Argumentation von Kalkuhl auseinander und kommt zu dem Ergebnis, dass die Eindämmung von Nahrungsmittelspekulation höchstens eine untergeordnete Rolle bei der Verbesserung der weltweiten Ernährungssicherheit spielen könne. Markus Henn hingegen vertieft in seinem Korreferat einzelne Argumente von Kalkuhl und schließt sich dessen Forderung an, dass eine Regulierung der Nahrungsmittelterminmärkte trotz des derzeit unvollständigen Erkenntnisstandes definitiv geboten sei.

Der Beitrag von Joachim Wiemeyer beschäftigt sich aus Sicht der christlichen Sozialethik mit den ambivalenten Folgen einer verstärkten Nutzung von Bioenergie auf globaler Ebene. Aus normativer Sicht werden die Konzepte der Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit, Finanzierungsgerechtigkeit und intergenerationellen Gerechtigkeit im globalen Kontext zugrunde gelegt. Daraus leitet der Autor eine Reihe ethischer Probleme ab, wie beispielsweise eine unzureichende Einbeziehung ärmerer Bevölkerungsschichten in Entwicklungsländern, eine fehlende Berücksichtigung von Auswirkungen auf die Welternährungslage sowie den Ausbau der Marktmacht globaler Konzerne. Verantwortungsträger für die Behebung dieser Probleme werden auf globaler, nationaler und lokaler Ebene identifiziert. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Autor der externen Verantwortung für die Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern, wobei er Politiker, Unternehmen und Konsumenten in den entwickelten Ländern in die Pflicht nimmt. Die von Wiemeyer vertretene kritische Sichtweise zur Bioenergie wird durch zwei Korreferate erhärtet. So betonen Anne Klatt und Almut Jering die Notwendigkeit, zur Sicherstellung der globalen Ernährungssicherheit langfristig auf die energetische Nutzung von Anbau-Biomasse zu verzichten. Anika Schroeder begründet, warum Agrartreibstoffe keinen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz leisten können, und gelangt zu dem Fazit: „Verkehrswende statt Biosprit!“

Insgesamt bietet der Band einen sehr lesenswerten Überblick zu aktuellen Herausforderungen bei der Implementierung von Verantwortung im Wirtschaftsleben. Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung verschiedener Handlungsebenen, die von der Wirtschaftspolitik des Staates über die Unternehmenssteuerung bis hin zum einzelnen Konsumenten reichen. So zeigen die Beiträge auf, nach welchen Prinzipien Verantwortungsträger zur Lösung der Probleme einer globalisierten Wirtschaft identifiziert werden können und wie sich Verantwortungsbereiche sinnvoll abgrenzen lassen. Dadurch wird zumindest skizziert, wie Globalisierung so gestaltet werden kann, dass alle Menschen davon profitieren und künftige Generationen nicht belastet werden.

Literatur:

Eucken, Walter (1952): Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Tübingen.

Friedman, Milton (1970): „The social responsibility of business ist o increase its profits“, in: The New York Times Magazine, 13.09.1970, S. 32-33 sowie S. 122-126.

Homann, Karl (1997): Individualisierung: Verfall der Moral? Zum ökonomischen Fundament aller Moral, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B21, S. 13-21.

Kant, Immanuel (1968 [1785]): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Kants Werke. Akademie- Ausgabe, Band IV, Berlin (West), S. 385-463.

 

Der Autor

Dr. Christian Hecker

Dr. Christian Hecker ist seit 2010 stellv. Leiter des Stabes des Präsidenten der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Zuvor war er viele Jahre als Prüfer im Regionalbereich Bankenaufsicht tätig. Er studierte Volkswirtschaftslehre und Mittlere und Neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen und promovierte 2008 zu einem wirtschaftsethischen Thema an der Universität Kassel. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten erhielt der eine Reihe von Auszeichnungen, so. z. B. den Wolfgang-Ritter-Preis, den Wissenschaftspreis der Plansecur-Stiftung sowie den Gustav-Hopf-Preis für Wirtschaftswissenschaften der Gothaer Lebensversicherung AG.

chrhecker@gmx.net

 

Der Beitrag stellt ausschließlich die persönliche Meinung des Verfassers dar und gibt nicht notwendigerweise Positionen der Deutschen Bundesbank wieder.

 

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