Ludger Heidbrink, Claus Langbehn, Janina Loh (Hrsg.): Handbuch Verantwortung, Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften 2017; S. 978, ISBN 978-3-658-06110-4, DOI 10.1007/978-3-658-06110-4

 

Nun liegt es also vor: Das fast tausendseitige „Handbuch Verantwortung“ der Herausgeber Heidbrink, Langbehn und Loh bietet einen exzellenten Überblick über den aktuellen Stand der Verantwortungsforschung. In dem 972 Seiten umfassenden Werk von Springer Reference Sozialwissenschaften, beschäftigen sich die 54 Autoren mit den vielfältigen Dimensionen der Verantwortung und insbesondere ihrer praktisch philosophischen Grundlagen. Die 47 Expertenbeiträge richten sich an alle, die sich mit den wissenschaftlichen Hintergründen der Verantwortung und den damit verbundenen Themen, Positionen und Konzepten auseinandersetzen möchten und an einem vertieften Diskurs interessiert sind. Das Handbuch bietet dabei fundierte wissenschaftliche Argumente zur Reflexion über die Rolle der Verantwortung in individuellen, kollektiven und systematischen Handlungsprozessen.

Da eine detaillierte Einzelbesprechung aller Beiträge außerhalb des Rahmens liegt, beschränkt sich die zugrundeliegende Rezension auf die wesentlichen Elemente des Gesamtwerks. Gegliedert ist das Handbuch in acht Teile, die jeweils am Anfang und Ende durch eine kompakte Zusammenfassung der Inhalte gekennzeichnet sind. Der Leser kann sich durch diese einheitliche Struktur schnell eine Übersicht über die zentralen Punkte der einzelnen Beiträge verschaffen und sich je nach Bedarf tiefergehend mit einzelnen Kapiteln befassen. Da es sich bei den Autoren um namhafte Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche handelt, sind die Beiträge entsprechend forschungsorientiert, zugleich aber auch praxisrelevant gestaltet.

Teil I (S. 1-84):

Im ersten Teil werden in drei Beiträgen die Grundlagen des Verantwortungsbegriffs ausgearbeitet. Dabei gehen die Autoren auf verschiedene Definitionen, Grundelemente, Voraussetzungen sowie Typen und Arten von Verantwortung ein. Die Auffassung und die Verwendung des Verantwortungsbegriffs hängen im Wesentlichen von der zugrundeliegenden Definition ab, die sich wiederum aufgrund der Handlungsebene stark unterscheiden kann. Die vielfältige Verwendung des Verantwortungsbegriffs zeigt sich beispielsweise in den Ausprägungen der Handlungs- und Rollenverantwortung oder der moralischen und rechtlichen Verantwortlichkeit.

Teil II (S. 85-168):

Der zweite Teil befasst sich mit der Philosophiegeschichte und Genealogie der Verantwortung. In insgesamt vier Beiträgen wird die Entwicklung des Verantwortungsbegriffs von der Antike bis zur Gegenwart beschrieben. Hier erfährt der Leser unter anderem wie sich die Auffassung von Verantwortung von Aristoteles und Plato über Kant und Hegel sowie dem frühen Verantwortungstheoretiker Weber, hin zum modernen Verständnis von Verantwortung entwickelt hat.

Teil III (S. 169-236):

Im dritten Teil widmen sich vier Artikel der Rolle des Verantwortungskonzepts aus Sicht der ethischen Hauptströmungen: deontologischer-, konsequenzialistischer, Tugend- und Werte sowie der Diskursethik. Die Artikel vermitteln eine kenntnisreiche Übersicht über die wesentlichen Elemente der jeweiligen Theoriekonzepte. Konrad Otts Beitrag zur Diskursethik und Verantwortung (S. 221-235) befasst sich beispielsweise mit den Traditionen, dem Theoriekern und der Methodik der Diskursethik sowie der Wechselwirkung mit dem Verantwortungskonzept. Ott zeigt dabei die Praxisrelevanz der Diskursethik, welche durch ein erweiterbares Theorienetz auch auf komplexe und heikle Grenzfälle eingehen kann. Aufgrund der diskursiven, von innen herauserfolgenden Festlegung der Theorie, können somit auch komplexe Fragestellungen wie etwa „[w]o genau ist Moral in der Wirtschaftsethik zu verorten?“ (S. 233), behandelt werden.

Teil IV (S. 237-428):

Der vierte Teil ist mit elf Beiträgen der umfangreichste Abschnitt des Buchs, der sich mit kernphilosophischen Termini in Relation zu verschiedenen Aspekten der Verantwortung auseinandersetzt. Der Schwerpunkt der Analyse liegt dabei auf der Ausarbeitung der Beziehung von Verantwortung zu einzelnen Begriffskategorien wie Pflicht oder Schuld und Begriffspaaren wie Gerechtigkeit und Solidarität.

Teil V (S. 429-542):

Im fünften Teil beschäftigen sich die Autoren der fünf Artikel mit paradigmatischen Typen und Arten der Verantwortung. Der Leser wird in diesem Teil schrittweise von der Individuellen über die Kollektive hin zur System- beziehungsweise Globalverantwortung geführt. Diese erweiternde Betrachtungsweise spiegelt auch die Entwicklung des Verantwortungsbegriffs wieder, welcher sich mit der wachsenden Komplexität sozialer, wirtschaftlicher und politischer Kontexte zunehmend ausgedehnt hat.

Teil VI (S. 543-732):

Der zehn Beiträge umfassende sechste Teil ist mit seinen 189 Seiten der zweitlängste Teilabschnitt des Handbuchs. Entsprechend umfassend wird die Rolle, Funktion und Bedeutung der Verantwortung in verschiedenen Bereichen menschlichen Handelns behandelt. Die Vielschichtigkeit des Verantwortungskonzepts kommt besonders in diesem Teil zum Vorschein, da nicht nur politische und rechtliche Betrachtungsweisen, sondern unter anderem auch die Rolle der Verantwortung in der Ökonomie, Kultur, sowie der Technik und Wissenschaft ausgeführt wird.

Teil VII (S. 733-908):

In den sieben Artikeln des vorletzten Teils richtet sich der Blick der Autoren auf die praktische Anwendung des Verantwortungsprinzips. Dieser Teil setzt sich mit Verantwortung in der modernen, globalen Gesellschaft auseinander und geht dabei auch auf Fragen der Konsumentenverantwortung ein. Des Weiteren wird der Blick auf die Funktion der Verantwortungskategorie als Governancestruktur gerichtet und welche Rolle das Verantwortungskonzept in Bezug auf globale Problemstellungen, wie Armut, Klimawandel und Menschenrechte einnehmen kann. Für die Leserschaft des forum wirtschaftsethik ist Christian Neuhäusers Artikel (S. 765-788) zur Unternehmensverantwortung explizit erwähnenswert. Er unterzieht die geläufigsten Modelle der Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility, Corporate Social Performance, Corporate Citizenship, Stakeholder-Theorie) einer kritischen Analyse und prüft deren normativen Gehalt. Es zeigt sich, dass Unternehmensverantwortung auf unterschiedlichen normativen Maßstäben begründet werden kann, die wiederum an unterschiedliche normative Hintergrundtheorien (Ökonomische Ethik, Integrative Wirtschaftsethik, Governanceethik) anknüpfen. Neuhäuser betont, dass eine angewandte Ethik, welche philosophische und sozialwissenschaftliche Ansätze und Erkenntnisse miteinander verknüpft, noch in den Anfängen steckt. Seine abschließenden Fragen bleiben daher auch bewusst offen, da eine Antwort in weiten Teilen von der zukünftigen Unternehmenspraxis abhängt: Wer sind die eigentlichen Akteure der Unternehmensverantwortung? Individuelle Menschen oder sind Unternehmen selbst als verantwortungsfähige Akteure anzusehen?

Teil VIII (S. 909-972):

Im abschließenden achten Teil werden die Grenzen der Verantwortung dargestellt. Die drei Beiträge dieses Teils widmen sich neben der Diffusion und Expansion auch der Leugnung und Ablehnung von Verantwortung.

Gesamt betrachtet überzeugen die acht Teile des Handbuchs durch die aktuelle und differenzierte Darstellung der einzelnen Kernthemen. Den Autoren gelingt es aufzuzeigen, dass Verantwortung eine zentrale Rolle in der Ethik einnimmt, aber auch ein wichtiges Instrument zur Betrachtung sozialer, politischer und ökonomischer Handlungsprozesse ist, mit dessen Hilfe sowohl moralische Gründe von Handlungen, als auch deren willentliche und unwillentliche Folgen beleuchtet werden können.

Vor dem Hintergrund wachsender Konnektivität und Komplexität der modernen Gesellschaft sowie dringlicher globaler Herausforderungen gewinnt die Verantwortung als offener ethischer Leitbegriff zunehmend an Bedeutung: „Indem Verantwortung die praktische Situation in ihren verschiedenen Dimensionen analysiert und dabei ihre Rahmen- und Realisierungsbedingen mitreflektiert, zeigt sich Verantwortung insgesamt als gesellschaftliches Organisation- und Gestaltungsprinzip“ (S. 162).

Im Sinne einer kritischen Würdigung und zugleich als Anregung für eine mögliche zweite Auflage des Buchs ist die Erweiterung des abschliessenden Teils besonders in Bezug auf die Grenzen der Verantwortung. Wünschenswert wäre eine ausführliche Darstellung der Kehrseite der Verantwortung. Hierbei könnte beispielsweise der Bereich des verantwortungslosen Handelns – sowohl auf individueller, kollektiver, als auch auf systemischer Ebene – sowie die Ablehnung von Verantwortung stärker in den Fokus rücken. Ebenfalls wäre es interessant, mehr über die Grundmechanismen und Grundlagen der Verantwortung in der Folge der Digitalisierung zu erfahren. Beispiele hier wären künstliche Intelligenz, Automatisierung oder algorithmische Entscheidungen, die die Frage nach dem Verantwortungssubjekt neu stellen.

Mit dem Handbuch Verantwortung ist es den Herausgebern gelungen, einen zentralen Überblick über die gegenwärtige Verantwortungsforschung zu liefern. Das Werk ist daher nicht nur einer philosophisch-wirtschaftsethischen, sondern auch aufgrund der Breite des behandelten Themenspektrums einer interdisziplinären Leserschaft sehr zu empfehlen.

 

Die Rezensenten

Prof. Dr. Dr. Peter Seele

geb. 1974, ist Professor für Corporate Social Responsibility & Business Ethics an der Universität in Lugano/Schweiz. Studium der Wirtschaftswissenschaften (Dipl.) und Philosophie/ ev. Theologie (Magister) an den Universitäten Oldenburg und an der Delhi School of Economics. Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke und in Philosophie an der Universität Düsseldorf. Zwei Jahre tätig als Unternehmensberater, Post Doc am KWI Essen, Assistenzprofessor an der Theologischen Fakultät der Universität Basel am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politil. 2009 Gründung und Leitung des Schweizerischen Netzwerks Wirtschaftsethik (eben-switzerland.ch).

 

Mario Dominik Schultz

Ist seit September 2016 wissenschaftlicher Assistent am Ethics und Communication Law Center (ECLC) der Università della Svizzera italiana (USI). In seiner Promotion befasst er sich mit der Bedeutung der Wirtschaftsethik und Unternehmensverantwortung im digitalen Zeitalter. Dabei erforscht er Möglichkeiten und Herausforderungen der Wirtschafts- und Unternehmensethik im Zusammenhang mit Informations- und Kommunikationstechnologien. Mario Schultz studierte Business Administration an der Universität Amsterdam in den Niederlanden, wo er 2015 den M. Sc. mit Schwerpunkt Internationales Management erhielt. Vor seinem Studium verbrachte er ein Jahr an der indischen Kodaikanal International School und unterstütze die Ausgestaltung und Umsetzung des „Social Experience“ Programms.

 

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