Ein Plädoyer für Freiheit und Verantwortung im Umgang mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs). [1]

 

1. Ein unbekannter Riese – die SDGs

An Bedeutendes kann man sich erinnern, selbst wenn man nur indirekt beteiligt war. Sie erinnern sich an den 11.9.2001? An den 9.11.1989? Aber was war am 25.9.2015? Manche können sich beim „Herbst 2015“ an offene Grenzen in Deutschland erinnern, an ein durch wandernde Migranten sichtbar gewordenes „Rendezvous mit der Globalisierung“ (Wolfgang Schäuble). Dabei fand an diesem 25.9.2015 in New York ein ganz anderes „Rendezvous der Globalisierung“ statt: Staats- und Regierungschefs aus 196 Ländern beschlossen im Rahmen der UN-Vollversammlung die Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung und darin 17 Ziele (SDGs) und 169 Vorgaben (Targets) (vgl. Vereinte Nationen 2015). Die Regierenden praktisch aller Länder nahmen – nach jahrelangen Vorbereitungen – die Welt als Ganzes in Augenschein und skizzierten gemeinsam die Richtung, in die sich „our world“ transformieren sollte. Zielorientierung als Selbstverpflichtung der Welt – das bleibt ein historischer Meilenstein. In deutschen Medien? Die Tagesthemen würdigten den New York-Aufenthalt der Kanzlerin und zeigten Bilder, wie sie an Ground Zero einen Kranz niederlegte – am Rande einer Veranstaltung, die nicht einmal namentlich und schon gar nicht in ihrer (erhofften) Bedeutung erwähnt wurde. Nur die Satiresendung „heute show“ enthielt einen erwartet zynischen Beitrag, dass ab 2030 der Hunger verboten werde und ansonsten das Ganze so wirkungslos sei wie die 15 Jahre vorher verabschiedeten Milleniums-Ziele. Medial also: Schweigen oder Zynismus. Von den SDGs als „historischem Meilenstein“ erzählten nur diejenigen, die unmittelbar dabei waren oder dies damals schon begleiten konnten (vgl. Leisinger 2016).

Zwei Jahre später hat sich daran wenig geändert. Die SDGs sind zwar in Fachkreisen bekannt, aber kommen dort nicht vor, wo eine breitere Öffentlichkeit adressiert wird. Das gilt zum Beispiel selbst für die Wahlprogramme der Parteien im letzten Bundestagswahlkampf (Kloke-Lesch 2017), in denen die Agenda 2030 trotz ihres universalen und umfassenden Anspruchs meistens in der Abteilung „Entwicklungspolitik“ verankert ist. Dabei denkt kaum jemand an die „Entwicklung“, die auch Deutschland nehmen müsste, wenn es sich dem Ziel wirklich nachhaltiger Entwicklung verpflichten würde (vgl. Töpfer 2016).

Man kann die Situation so zusammenfassen: Als öffentlich relevanter Bezugspunkt einer gemeinsamen Erinnerung fällt die 2030Agenda aus. Dieser Befund kollidiert massiv mit den Erwartungen und Hoffnungen, welche die SDGs auf ihrem Weg zur vermeintlichen „Umsetzung“ begleiten.

Es gibt eine inzwischen kaum noch überschaubare Zahl von Initiativen, Dialog- und Kontaktforen, unternehmerischer Zielperspektiven und zivilgesellschaftlicher Aktivitäten, welche der „Umsetzung“ der SDGs dienen oder diese einfordern. Jeder Versuch einer Aufzählung wäre vergeblich: Er müsste reichen vom SDG-Compass zur Übersetzung der Agenda 2030 in unternehmerisches Handeln (vgl. hierzu kritisch: Kleinfeld/Shukla 2016) über Empfehlungen der globalen Thinktank-Konferenz T20 an die G20 Staaten anlässlich des Hamburger G20-Gipfels – darunter der Vorschlag für eine Pisa-Test-ähnliche Überprüfung der sozialen Ungleichheit in Mitgliedsstaaten (vgl. T20 2016) – bis zum Beschluss der Europäischen Kommission im Mai 2017, eine Multi-Stakeholder-Plattform über die Implementierung der Sustainable Development Goals in der EU zu schaffen. Zu erwähnen wäre auch das SDG-Dash-Board und der SDG-Index, welche vom UN-Sustainable Development Solutions Network (UN-SDSN) zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung entwickelt wurden (sdgindex.org). Mit Rang 6 im globalen Index muss Deutschland sich sicher nicht verstecken. Ob dies aber eine hilfreiche Botschaft ist, dürfte unterschiedlich gesehen werden. Im grün-gelb-orange-rot-Modus des SDG-Dash-Boards kann jedes Land sich seine Stärken und Schwächen spiegeln lassen. Es soll ein Instrument sein einerseits für die politische Führung zur eigenen Orientierung über den Stand der Dinge im Land oder für kritische Gruppen, um gesellschaftlichen Druck aufzubauen, so die Initiatoren.

Dies alles klingt so, als gäbe es jetzt einen unzweideutigen Maßstab für gutes Regierungshandeln und dadurch zu erzeugende Wirtschaftsstrukturen. Einzig die nötige Bekanntheit und Durchsetzungskraft fehle wohl diesem globalen Maßstab.

Brauchen wir einfach mehr Werbung, mehr Öffentlichkeit, mehr mutiges Bekenntnis für diese Art der transformativen Globalisierungsgestaltung? Oder sind wir zufrieden, wenn beim Stichwort „Agenda 2030“ (sofern bekannt) alle unkonkret freundlich sind und die Nachhaltigkeitsziele für „irgendwie wichtig“ halten, obwohl es doch nur eine Gruppe von Insidern ist, die wirklich etwas damit anfangen können und wollen? Oder ist vielleicht ein Schritt zurück angebracht? Mitten im Prozess nochmals neu über Sinn, Geist und Charakter des Ganzen nachdenken. Dafür soll hier plädiert werden.

 

2. Die Agenda 2030 als Welt-15-Jahresplan?

Nirgends steht es und ist doch unübersehbar: Die Struktur der Agenda 2030 mit den 17 Zielen, den 169 Unterzielen, der Laufzeit über 15 Jahre, dem Implementierungsversprechen erinnert an Fünf-Jahrespläne, die es in manchen politischen Systemen gibt – in anderen mit guten Gründen nicht.

Ein wichtiges Element unterscheidet die Agenda 2030 von klassischen Wirtschaftsplänen: Es ist ein 15-Jahresplan ohne „Funding“, denn Ressourcen in großem Ausmaß konnten im Rahmen der UN-Vollversammlung nicht bereitgestellt werden. So hofft man wohl auf die Mitwirkung des Privatsektors.

Planwirtschaft erforderte schon immer ein hohes Maß an wissenschaftlicher Expertise. Darauf zielen Initiativen wie die Long-term Transformation Pathways Initiative (LTTPI). In einer Ankündigung heißt es: „The leadership of the T20 and the leadership of the UN Sustainable Development Solutions Network (SDSN) have agreed to investigate the feasibility of long-term transformations required for the implementation of the Agenda 2030 and its Sustainable Development Goals. Under the LTTPI, participating research institutions from the T20 and the SDSN will collaborate in analyzing what is required to undertake profound transformations of countries’ energy systems, food production, industry, cities, and ocean management. The Sustainable Development Goals can be implemented coherently only through roadmaps, whereby countries coordinate their action to reduce the costs of each requisite transformation. LTTPI is to provide a basis for such roadmaps“ (vgl. Schmidt-Traub 2017).

Wie sind solche Initiativen zu bewerten? Es spricht nichts dagegen, wenn Wissenschaftler Zielkonflikte und Wechselwirkungen analysieren und Szenarien entwerfen – je interdisziplinärer, desto besser. Das sind ihr Auftrag und ihr Dienst am Gemeinwohl. Aber in Verbindung mit dem moralisch-politischen Instrumentarium der globalen Agenda 2030 wird aus solchen Denkübungen und Entwürfen das, was der Liberale Friedrich August von Hayek „Anmaßung von Wissen“ genannt hätte (vgl. Horn 2013).

Es ist eine Anmaßung in doppelter Hinsicht: Einerseits widerspricht das Agenda-2030-Projekt den Grenzen des Wissens, die es seit Zeiten des Sokrates gibt, während die planetarischen Grenzen eine neuere Entdeckung sind. Wenn andererseits Wissen mehr ist, als eine Ansammlung von Daten, dann ist Wissen immer an Personen und menschliche Gemeinschaften gebunden und bleibt damit perspektivisch und pluralistisch. Es geht hier nicht um Grundsatzdebatten zwischen Markt und Plan, sondern um den Hinweis darauf, dass eine globale Agenda an extrem unterschiedliche Gesellschaften und Denkschulen anknüpfen muss. Auch deshalb kann es eigentlich keine globale „Umsetzung“, sondern nur – je nach Land und politisch gesellschaftlicher Ausrichtung – unterschiedliche Rezeptionen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung geben.

Mit Blick auf Deutschland 2030 ist daher ein engagierter Streit über Interpretationen, Priorisierungen und Maßnahmen im Umgang mit diesem globalen Verantwortungsdokument angesagt und nicht ein andachtsvolles Nicken und buchhalterisches Abarbeiten von Indikatoren.

 

3. Papst Franziskus und die SDG-Technokratie

Es war Papst Franziskus, der durch eine Rede vor den Staats- und Regierungschefs zur Verabschiedung der Agenda 2030 seinen Beitrag geleistet hat. Vor allem aber veröffentlichte er drei Monate vorher die viel beachtete Umwelt-Enzyklika „Laudato Si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (Papst Franziskus 2015). Die Integration des Klimaschutzes in die katholische Soziallehre ist sicher ein wichtiges Verdienst. Wenig wahrgenommen wird dagegen das Kernargument dieses päpstlichen Rundschreibens. Nach einer langen und teilweise unnötig polemischen Aufzählung aller Übel der Welt (vgl. Fetzer 2016) wendet sich der Papst dem eigentlichen Grundproblem zu. Ausdrücklich fragt er in Kapitel 3: „Was ist die menschliche Wurzel der ökologischen Krise?“ Die Antwort ist anders, als man angesichts der vielen wirtschaftsskeptischen Äußerungen dieses Pontifex erwarten könnte. Das Grundproblem sei nicht, so Franziskus ausdrücklich, eine falsche Wirtschaftstheorie oder der Eigennutz oder die Gier. Das Grundproblem sei, „wie die Menschheit … die Technologie und ihre Entwicklung, zusammen mit einem homogenen und eindimensionalen Paradigma, angenommen hat.“ Am Anfang vieler Probleme stehe die „Neigung … die Methodologie und die Zielsetzung der Technowissenschaft in ein Verständnismuster zu fassen, welches das Leben der Menschen und der Gesellschaft bedingt.“ Beklagt wird also nicht die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, sondern Franziskus fordert: „Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem … Paradigma der Technokratie unterwerfen.“

Diese Kritik sollte man ernst nehmen: Gerät nicht in der Wirtschaft und zunehmend auch in der Politik all zu leicht all das aus dem Blick, was nicht in ein Excel-Sheet, eine Formel oder Zahl gepackt werden kann? Motto: Was man nicht messen kann, kann man nicht managen. Zahlenfixiertheit und Zahlengläubigkeit – das ist die Alltagstechnokratie, die Franziskus für den menschlichen Kern des ökologischen Problems hält.

Diesem Denken stellt Franziskus in Kapitel 4 ein anderes Denkmuster gegenüber: Das Denken in interdependenten und vernetzten Systemen. Was wir in der Nachhaltigkeitsdebatte als die drei Dimensionen der ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit kennen, das nennt er Umweltökologie, Wirtschafts- und Sozialökologie. Und er fügt mit der Kulturökologie eine vierte Dimension hinzu.

Was heißt das – im Blick auf die Agenda 2030? Deren Vorteil gegenüber allzu eindimensionalen – häufig auf quantitatives Wirtschaftswachstum reduzierten – Zielsystemen ist ganz sicher ihre Multiperspektivität, die ein vieldimensionales Denken praktisch erzwingt (vgl. Hirata 2012). Aber das Wiegen-Zählen-Messen, die Fokussierung auf quantifizierbare Indikatoren, die dabei leicht vom Indikator zum Selbstzweck werden – dieser Aspekt technokratischen Denkens ist überstark, vielleicht sogar untrennbar mit der Agenda 2030 verknüpft. Insofern ist die Enzyklika in ihrer teilweise polemischen, aber bildhaften Sprache, auch ein wichtiges Gegengewicht gegen den schnell ins Technokratische umkippenden Charakter der 2030-Agenda. Man könnte sagen: Laudato Si ist eine weithin unbemerkte Warnung gegen allzu viel oder zumindest gegen ein allzu technisch verstandenes „Umsetzen“ und „Implementieren“ jenes globalen Zielsystems.

 

4. Unternehmen: ihre Verantwortung und ihre Dilemmata

Ist es also falsch, was engagierte Unternehmen und Engagierte in Unternehmen begonnen haben? Ihr eigenes Handeln mithilfe der 17 Ziele zu reflektieren und zu überprüfen, eigene mögliche Beiträge zu identifizieren, daran zu arbeiten und darüber zu berichten? Sind die Anstrengungen falsch, über die z.B. SAP, Haribo oder der Flughafen München berichten (vgl. DNWE 2017)?

Das ist natürlich nicht der Fall, und der Identifikation und Auszeichnung von SDG-Pionieren wünscht man eine Vorbildfunktion und Ansteckungsfähigkeit (https://www.unglobalcompact.org/sdgs/sdgpioneers/2017). Vielleicht sogar noch wichtiger ist die Inkubation neuer SDG-unterstützender Geschäftsmodelle, wie sie vom SDG Opportunity Explorer gefördert werden sollen (http://explorer.sustainia.me). Es ist dabei nicht erstaunlich, wenn einige schon wieder von einem „SDG-Washing“ sprechen (Bergius 2017). An dieses Argument ist man vielleicht schon gewöhnt und so können auch die Fortschrittsberichte des Global Compacts als Bekenntnis zu den globalen Nachhaltigkeitszielen interpretiert werden.

Wer Ziele erreichen will, der muss sie wohl messbar machen. Und daher spricht nichts gegen diese und alle anderen Initiativen in Unternehmen und Verbänden, solange in Erinnerung bleibt, dass auch die 17 globalen Ziele kein Selbstzweck, sondern allenfalls Instrumente des Wandels sind, um die Welt ein Stück nachhaltiger, gerechter, friedlicher und freier zu machen.

Jenseits des umsetzungsorientierten Engagements könnten Unternehmen der Gesellschaft auch auf andere Weise dienen: mit Aufrichtigkeit und Offenheit. Viel zu wenig ist öffentlich von den Herausforderungen und Dilemmata zu hören, welche es aber trotzdem gibt und die hier kurz benannt werden:

1. das Wettbewerbsdilemma: Warum wir und nicht andere? Es fehlt das „level-playing-field“;

2. das Zuständigkeitsdilemma: Ist das noch unser Verantwortungsbereich? Wie weit wollen und können wir Fernwirkungen beeinflussen? – die Lieferkettenproblematik;

3. das Regulationsdilemma: Sind es nicht die Gesetzeslage, Branchen- oder technische Kodizes, die uns zu nichtnachhaltigem Verhalten zwingen? Es gibt Konflikte mit übergeordneten Regularien.

4. das Interdependenzdilemma: Ist das Zielsystem eigentlich widerspruchsfrei? Maßnahmen zu Ziel x verschlechtern doch die Performance bei Ziel y.

5. das Trägheitsdilemma: „Ein solcher Ansatz findet im Unternehmen keine Akzeptanz“. Hier gibt es einen fließenden Übergang in

6. das Komplexitätsdilemma: „Mit was sollen wir uns in einer ohnehin schon komplexen Welt noch zusätzlich beschäftigen?“

Die bisher genannten Dilemmata mag man noch als operative und taktische Herausforderungen oder als Aspekte der Umsetzungs-Motivation interpretieren. Grundsätzlicher und normativer ist

7. das Wertedilemma: „Mag sein, dass dieses Ziel Teil einer UNAgenda ist, aber ich teile diese Zielsetzung nicht.“

Ist dies eigentlich möglich? Hat die 2030-Agenda nicht den Mantel höchster Legitimität und ist sakrosankt gegen Kritik?

 

5. Ziel- und Wertkonflikte nicht vertuschen!

Kann und darf man die Agenda 2030 im Ganzen oder in Teilen auch ablehnen und gegebenenfalls nicht akzeptieren? Die Frage ist rhetorisch: Natürlich! Denn man vergesse nicht: Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 sind in einem mehrjährigen, komplexen Verhandlungsprozess erarbeitet worden. Das heißt: Die UN-Agenda 2030 ist ein Kompromiss.

Dieser erreichte Kompromiss ist ein hoher Wert: Wer einmal versucht hat, sich in einer Organisation mit 20 bis 200 Menschen auf ein gemeinsames Zielsystem zu einigen – und zwar ohne klar definierte Führung -, der kann erahnen, was es bedeutet, 196 Staaten in ein Boot zu holen. Besserwisserische Kritik mag daher als unangemessen gelten. Der Kompromiss zeigt, was erreichbar war, und das ist viel. Mag sein, dass das mediale Schweigen bei dessen Verabschiedung auch ein Zeichen der Wertschätzung gewesen ist, weil man auf die naheliegende kritische Bearbeitung verzichtet hat.

Aber nun ist die Erarbeitungsphase vorbei, ist die Verabschiedung gelungen und auch die Einführungsphase beendet. Wirksam wird die Agenda 2030 – wie in ihr selber betont – nur durch das Engagement vieler Akteure. Aber diese Akteure – Individuen, Verbände, Unternehmen, Staaten – bleiben jeweils einzelne Akteure und werden nicht zu Umsetzungsagenturen eines beschlossenen Weltplanes.

Bildlich gesprochen begegnen Unternehmen und andere Akteure in der Agenda 2030 dem Rest der Welt. Sie sehen eine Momentaufnahme globaler Willensbildungsprozesse. Aber damit ist keineswegs die Abdankung des eigenen Denkens und Urteilens verbunden. Kritik ist dann aber nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das kann viererlei beinhalten:

1. Kritik an einzelnen Zielen:

Manche hätten gerne verhindert, dass mit SDG 8 der Begriff des Wirtschaftswachstums – freilich als „dauerhaft, breitenwirksam und nachhaltig“ qualifiziertes Wirtschaftswachstum – in die Agenda eingegangen ist. Wer angesichts planetarischer Grenzen eine Postwachstumsökonomie fordert, dürfte damit nicht vollständig zufrieden sein. Andere müssen kritisch infrage stellen, ob die Reduktion von Ungleichheit in und zwischen Ländern (SDG 10) wirklich ein Ziel in sich ist. Wesentliche Humanitätsziele wie Kampf gegen Hunger, extreme Armut und Hilflosigkeit gegen Krankheiten sind ja in den SDGs 1 bis 3 schon enthalten. Ist ein zusätzliches und eigenständiges Gleichheitsziel nicht unnötig? Oder ist es ein Indiz dafür, dass sich in den Gremien der Dokumentverhandlung der Egalitarismus über den Humanismus durchgesetzt hat (vgl. Krebs 2011)?

2. Kritik an Zielformulierungen:

Gesundheit wird jeder als wichtiges Element eines guten Lebens ansehen können. Aber schießt eine Formulierung wie diejenige in SDG 3 nicht über das Ziel hinaus, ein „gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters (zu) gewährleisten“? Zumindest in Verbindung mit der WHO-Gesundheitsdefinition, wonach Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheiten, sondern das „vollständige körperliche, geistige und soziale Wohlergehen“ ist, wird aus der „Gewährleistung“ in SDG 3 recht schnell ein Menschheitsbeglückungs-Programm, das dann nicht mehr nur ambitioniert ist, sondern als totalitär zu bezeichnen wäre. Hätte statt „Gewährleistung“ die „Ermöglichung eines gesunden Lebens“ nicht auch ausgereicht, um das Missverständnis paternalistischer Gesundheitsbevormundung zu verhindern und der Eigenverantwortung für das eigene Leben (und Sterben) wenigstens einen gewissen Raum zu geben?

3. Kritik am Zielsystem:

Komplexe Werte- und Zielsysteme sind auch immer daraufhin zu befragen, welche Akzente sie setzen und was eigentlich fehlt. Mit dem Ziel 16, Zugang zur Justiz für jeden Menschen zu ermöglichen, und durch Unterziele wie SDG 16.5ff. sind wichtige Aspekte rechtsstaatlicher Orientierungen benannt. Ein großer Fortschritt. Auch von Selbstbestimmung ist in der Agenda 2030 die Rede – an mindestens zehn Stellen. Dies aber immer und ausschließlich im Zusammenhang der Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen. Auch dies ist alles andere als selbstverständlich und ein zu Recht priorisiertes Thema. Aber Defizite im Recht auf Selbstbestimmung gibt es nicht nur in diesem Zusammenhang. Wenn man den Blick darauf lenkt, fällt umso mehr der Ausfall freiheitlichen Denkens in der Agenda 2030 auf. Dies ist vielleicht ehrlich. Es spiegelt einfach die Realität globaler Meinungsbildung wider. Es gibt einfach (noch) keinen globalen Konsens für den Wert westlich interpretierter Freiheitsrechte – eine Herausforderung für die Verhandler einer künftigen Agenda 2045 und eine Herausforderung für den Umgang mit der Agenda 2030 in unserer Gesellschaft und unseren Unternehmen. Zumindest bei der Rezeption der Agenda 2030 in Deutschland und Europa sollte man sich klar machen, dass individuelle Handlungs- und Entscheidungs-Freiheit ein massiv unterbelichteter Aspekt dieses globalen Kompromiss-Dokuments darstellt.

4. Kritik an Inkonsistenzen:

Ein Indiz für den Kompromisscharakter der Agenda 2030 mag auch folgende Beobachtung sein: Die Präambel bündelt den Geist der Agenda 2030 um fünf Leitbegiffe: People, Planet, Prosperity, Peace and Partnership. Die Ausführungen zum Stichwort Partnership beschreiben die Erwartungen an weltweite Zusammenarbeit, die in einem „Geist verstärkter globaler Solidarität gründen“ sollen. Wer sich mit Tradition und Bedeutungsgehalt von Solidarität auseinandersetzt, wird fragen, ob „globale Solidarität“ nicht ein dünnes und nur in Ansätzen erahnbares Fundament darstellt (vgl. Wieland 2017) und globales Agieren nicht doch mit Interessen und verbunden ist (vgl. Wagner 2017). Der allererste Satz der Agenda 2030 nennt diese fünf Leitbegriffe auch, aber mit einer Abweichung: „Diese Agenda ist ein Aktionsplan für die Menschen, den Planeten und den Wohlstand. Sie will außerdem den universellen Frieden in größerer Freiheit festigen.“ Ersetzt wurde an dieser prominenten Stelle die „Partnerschaft“ durch die „Freiheit“. War das nur ein redaktioneller Schreibfehler? Oder ein geschickter Hinweis darauf, dass die eigentliche Herausforderung der globalen Agenda 2030 ein ungeklärtes Verhältnis ist: zwischen Freiheit und Partnerschaft, Unabhängigkeit und Interdependenz, Selbstbestimmung und Eingebundenheit?

Die Agenda 2030 ist nicht nur der End- und Kompromisspunkt eines Verhandlungsprozesses, sondern auch der Startpunkt eines ergebnisoffenen Prozesses. Ihre Relevanz hängt davon ab, ob und inwiefern Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Regierungen sich diese zu eigen machen und kraftvoll unterstützen. Dieses Zu-Eigen-Machen ist nicht möglich, ohne eigene Schwerpunkte zu setzen, die sich von anderen unterscheiden; es ist nicht möglich, ohne die Agenda mit eigenen Interessen und Anschauungen zu kombinieren; es ist nicht möglich, ohne auf eigene Kritik an Teilen dieses Kompromisses zu stoßen. Globale Zielsysteme hin oder her: Die globale Zukunft und ihre Institutionen werden „Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs“ sein. Einen Umsetzungsautomatismus gibt es nicht, kann es nicht und soll es auch nicht geben.

 

6. I have a dream: Eine Deutschland-Agenda 2030

Wie sähe sie aus, eine Deutschland-Agenda 2030, welche die globale 2030-Agenda für Nachhaltige Entwicklung ernst nimmt? Mag sein, dass eine Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, innovative SDG-Geschäftsmodelle und „Blueprints for Business Leaderships on the SDGs“, ein besseres Verständnis von Interdependenzen und vielfältige Berichts- und Monitoring-Systeme Teil einer solchen Zukunftsstrategie sein mögen.

Aber die Rolle Deutschlands könnte auch eine ganz andere sein, nämlich die mühsame, aber erfolgreiche Entwicklung der Agenda 2030 nicht nur umzusetzen, sondern in die Zukunft hinein fortzusetzen.

Betrachtet man nicht nur die formale, sondern die inhaltliche Leistung des SDG-Verhandlungsprozesses, dann ist das Hauptverdienst der SDGs keineswegs das Aufzählen von stets strittigen Zielformulierungen und schon gar nicht ein noch strittigeres Target- und Indikatorensystem. Das Hauptverdienst ist es vielmehr, zwei große Diskursstränge und ihre Vielzahl an NGOs, Ministerien und Thinktanks mehr oder minder elegant in einen Projektstrang zusammengeführt zu haben. Die entwicklungsorientierten Gruppierungen auf der einen und die umwelt- und klimapolitischen Strömungen auf der anderen Seite repräsentieren sehr unterschiedliche Interessen und Prioritäten – übrigens auch verschiedener Regionen der Erde. Die 2030-Agenda repräsentiert die – im Detail weiterhin schwierige und von Zielkonflikten durchzogene – Integration dieser beiden großen Strömungen. Welche Mühe und Hartnäckigkeit war dafür nötig in den am Ende erfolgreichen Verhandlungen!

Doch die nächsten Aufgaben warten nicht. Wie wäre es, wenn Deutschland sich aufmachen würde und bei der Entwicklung einer Deutschland-Agenda 2030 nochmals ganz andere Akteure einbeziehen würden – die Akteure der Digitalisierung. Von Infrastruktur über Künstliche Intelligenz bis smart communication – die Szenerie der Digialisierung ist anders in Mentalität und Geschäftsmodellen. Einfach wäre es nicht, die beiden großen Querschnittsthemen „Nachhaltige Entwicklung“ und „Digitalisierung“ mutig zu einer neuen Zukunftsagenda zu verweben.

Nicht unähnlich zur Entwicklung der Agenda 2030 müssten in diesem Prozess Menschen miteinander sprechen und streiten, die heute sehr weit auseinander sind: auf anderen Tagungen, mit anderem Stil und anderer Sprache, mit anderen Interessen. Eine solche Deutschland-Agenda 2030 wäre ein Leuchtturmprojekt für die Welt.

Eine wesentliche mentale Voraussetzung hätte dieses Projekt: Wir müssten uns (ohne Garantie für Erfolg) auf allen Seiten eine innere Freiheit zum kreativen Umgang mit der Agenda 2030 nehmen. Eine solche Herangehensweise steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur Vorstellung, eine scheinbar in sich ruhende UN-Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen „einfach nur umzusetzen“. Auch in diesem Sinne gilt: Macht voran! Aber bitte nicht „umsetzen“!

 

Literaturverzeichnis

Bergius, Susanne (2017): Gutes Bewirken statt Schlechtes vermeiden, in: Handelsblatt Business Briefing Nachhaltige Investments vom 13.10.2017, S. 6-9, http://www.handelsblatt.com/downloads/20405612/7/hb-business-briefing-investments_10_17.pdf (Abruf 30.10.2017).

DNWE 2017: SDGs in der Praxis, Webinarreihe, https://www.youtube.com/channel/UCoUMcgdvTh6LPTz1QqeEgWQ/featured (Abruf 30.10.2017).

European Commission (2017): The high level multi-stakeholder platform on the implementation of the Sustainable Development Goals, https://bit.ly/2BEyrVz (Abruf am 3.4.2018).

Fetzer, Joachim (2016): Laudato si – die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus – rasch gelesen, geschwind kommentiert, schnell vergessen?, in: Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung, Band 20, Berlin 2016, S. 39-46 (Download: https://umweltstiftung.allianz.de/veranstaltungen/benediktbeurer/2016/ (Abruf 23.10.2017).

Hirata, Johannes (2012): Wirtschaftswachstum und gute Entwicklung, hg. v. Roman Herzog Institut, München, https://www.romanherzoginstitut.de/publikationen/detail/wirtschaftswachstum-und-gute-entwicklung.html (Abruf 30.10.2017).

Horn, Karen (2013): Wider die Anmaßung von Wissen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2013, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/die-weltverbesserer/friedrich-august-von-hayek-wider-die-anmassung-von-wissen-12605023.html (Abruf 30.10.2017).

Kleinfeld, Annette / Shukla, Monika (2016): Lässt sich messen, was sich nicht managen lässt? Managementkonzepte für die SDGs, in: Forum Wirtschaftsethik Jahresschrift 2015, Berlin, S. 27-36, https://www.dnwe.de/jahresschrift-2015.html (Abruf 30.10.2017).

Krebs, Angelika (2011): Gleichheit, in: Enzyklopädie zur Rechtsphilosophie, hg. v. IVR (Deutsche Sektion) und Gesellschaft für Philosophie, 2011, http://www.enzyklopaedie-rechtsphilosophie.net/inhaltsverzeichnis/19-beitraege/97-gleichheit (Abruf 30.10.2017).

Kloke-Lesch, Adolf (2017): Wahlkampf 17 und die 2030-Ziele: War da etwas?, in: Forum Wirtschaftsethik 2017, https://www.forum-wirtschaftsethik.de/wahlkampf-17-und-die-2030-ziele-war-da-etwas/ (Abruf 30.10.2017).

Papst Franziskus (2015): Laudato Si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus, https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2015/2015-06-18-Enzyklika-Laudato-si-DE.pdf (Abruf 30.10.2017).

Leisinger, Klaus M. (2016): Wende oder Rückschlag? Die SDGs auf dem UN-Summit in New York, in: Forum Wirtschaftsethik Jahresschrift 2015, Berlin, S. 7-11, https://www.dnwe.de/jahresschrift-2015.html (Abruf 30.10.2017).

Schmidt-Traub, Guido (2017): A Long-Term Transformation Pathways Initiative (LTTPI) for the G20, http://unsdsn.org/news/2017/05/23/a-long-term-transformation-pathways-initiative-lttpi-for-the-g20/ (1.10.2017).

T20 (2016): 20 Solution Proposals for the G20, http://www.t20germany.org/wp-content/uploads/2017/07/20_Solutions_for-the_G20_17-7.pdf (Abruf 30.10.2017).

Töpfer, Klaus (2016): Deutschland – Ein Entwicklungsland? Ein Interview. in: Forum Wirtschaftsethik Jahresschrift 2015, Berlin, S. 12-18, https://www.dnwe.de/jahresschrift-2015.html (Abruf 30.10.2017).

Vereinte Nationen (2015): Resolution der Generalversammlung, verabschiedet am 25. September 2015: Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, http://www.un.org/depts/german/gv-70/band1/ar70001.pdf (Abruf 30.10.2017).

Wieland, Josef (2017): Solidarität 3.0 – Erwartungen an einen Begriff, der keine Erwartungen zulässt, in: Forum Wirtschaftsethik Jahresschrift 2016, Berlin, S. 7-12, https://www.dnwe.de/Literatur/jahresschrift-2016.html (Abruf 30.10.2017).

 

Endnoten

[1] Der Text erschien in redaktionell bearbeiteter Fassung im Jahrbuch 2018 des Deutschen Global Compact Netzwerkes.

[2] Kritisch zu hinterfragen ist allerdings, ob das Prinzipien-basierte System des UN Global Compact sich wirklich in ein Ziel-basiertes System der UN Agenda 2030 hinein auflösen sollte. Schließlich korrepondieren diese beiden Instrumente (Global Compact-Prinzipien und Nachhaltige-Entwicklungs-Ziele den beiden großen Schulen der philosophischen Ethik: Prinzipien und Ziel-Ethik bzw. in Fachterminologie deontologische und teleologische Ethik. Beide müssen sich ergänzen und sind unverzichtbar.

 

Der Autor

Prof. Dr. Joachim Fetzer

Prof. Dr. Joachim Fetzer lehrt Wirtschaftsethik (www.wirtschaftsethik.com) und ist Mitglied im Lenkungsausschuss von Sustainable Development Solutions Network – SDSN Germany (www.sdsngermany.de).

fetzer@dnwe.de

 

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