Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Dr. Daniel Stelter gestellt.

 

(1) Beginnen wir mit Ihrem professionellen Hintergrund. Was machen Sie zurzeit beruflich, wo engagieren Sie sich und inwiefern haben Sie einen Bezug zur Wirtschaftsethik? Wie ist Ihre Institution von der Pandemie betroffen?

Dr. Stelter: Als Berater steht man regelmäßig vor Fragestellungen, die einen ethischen Aspekt haben. Wie auch im Privatleben. Bereits in meinem Studium in den 1980er-Jahren stand Wirtschaftsethik auf dem Programm. Ethische Grundsätze stehen dabei nach meiner Erfahrung nicht im Widerspruch mit den anderen Zielen der Unternehmensführung, sie bieten stattdessen eine wichtige Leitplanke der Priorisierung. Wie alle, die einem Beruf nachgehen, der zumeist auf der direkten Interaktion mit Menschen basiert, hat die Corona-Krise zu einem Verhaltenswandel geführt. Treffen und Vorträge finden nun meist digital und nicht mehr persönlich statt. Dies ist einerseits eine Erleichterung, andererseits aber aus meiner Sicht nur eine bedingt positive Entwicklung. Wir brauchen einen Mix zwischen digital und direkt, um nachhaltig effektiv zusammenarbeiten zu können.

 

(2) Weiter geht es mit einer Evaluation der Corona-Krise: Ist diese Krise Ihrer Meinung nach eine Krise wie jede andere oder was ist das Neue an ihr?

Dr. Stelter: Corona ist eine grundlegend andere Krise, weil sie Angebots- und Nachfrageseite einer globalen Wirtschaft, die die Folgen der Finanzkrise noch nicht überwunden hatte, gleichzeitig traf. In Kombination mit der seit Jahren problematisch hohen Verschuldung von Unternehmen, privaten Haushalten hatte die Epidemie das Zeug, die Welt in eine neue Depression zu stürzen. Staaten und Notenbanken haben dies zunächst abgewendet, dabei aber die bisherigen Instrumente – noch billigeres Geld und noch mehr Schulden – eingesetzt, was die Frage aufwirft, wie wir aus diesem Kreislauf der immer höheren Verschuldung und der daraus folgenden immer höheren Krisenanfälligkeit des Systems umgehen. Vermutlich dürfte es in diesem Jahrzehnt zu einem Höhe- und Wendepunkt dieses auf Schulden basierenden Systems kommen. Ich nenne es Coronomics. Letztlich wirkt Corona nur wie ein Brandbeschleuniger für Dinge, die ohnehin gekommen wären: der Verlust der Unabhängigkeit der Notenbanken, die direkte Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbanken, die Schulden- und Transferunion im Euro. Letztlich werden wir erleben, dass auch diese Maßnahmen nur Zeit kaufen und die eigentliche Krise nicht verhindern können. Wir haben zu viele ungedeckte Versprechen in der Welt.

 

(3) Nun interessiert uns, inwiefern Sie den Umgang und die Lastenverteilung der Pandemie- Herausforderung als gerecht empfinden. Inwiefern beurteilen Sie die Lastenverteilung zwischen verschiedenen Akteuren a) aus gesamtgesellschaftlicher / gesamtökonomischer Sicht und b) aus Ihrer aktuellen beruflichen / ehrenamtlichen Sicht als angemessen und fair verteilt?

Dr. Stelter: Welche Lasten? Die Politik hat sich zum Retter für die Wirtschaft aufgeschwungen. Kurzarbeitergeld, Kredite, Beteiligungen an Unternehmen. Die Politik hat so getan, als könnte der Staat alles und jeden retten. Natürlich gibt es Verlierer – namentlich die Solo-Selbstständigen -, aber bisher ist es in Summe für die meisten Bürger glimpflich verlaufen. Das ändert sich jetzt: Einige Unternehmen erkennen, dass der Markt lange oder gar nie mehr zurückkommt. Denken Sie an die Fluggesellschaften oder Reiseveranstalter. Dort stehen jetzt massive Arbeitsplatzverluste bevor. In anderen Bereichen ist es der Strukturwandel, zum Teil politisch gewollt, wie in der Automobilindustrie. Hier erleben wir, wie die Politik ein eigentlich richtiges Ziel, nämlich die Bekämpfung des Klimawandels mit planwirtschaftlichen Instrumenten verfolgt, statt auf Preissignale über CO2-Abgaben zu setzen. Insofern handelt die Politik aus meiner Sicht durchaus unethisch, weil sie, ohne die Kompetenz zu besitzen, Entscheidungen trifft, die sie nicht treffen sollte. Hier werden wir in den kommenden Jahren die Verlierer haben: die gut bezahlten Arbeitsplätze, die verloren gehen, werden Deutschland in Summe ärmer werden lassen. Da helfen dann auch höhere Steuern auf “Reiche” nicht mehr, sinkt doch das Vermögen der Reichen auch, wenn wir die Grundlagen unseres Wohlstandes überstürzt vernichten.

 

(4) Weiter geht es mit einer Grundsatzfrage: Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Dr. Stelter: Ich halte nichts von jenen, die die Corona-Krise und die Herausforderungen des Klimawandels in den gleichen Kontext bringen. So wie ich nichts von jenen halten, die davon sprechen, dass es in einem Land, wo jeder zweite Euro durch die Kassen des Staates fließen, “neoliberal” zuginge. Wir haben seit Jahren immer mehr Eingriffe der Politik in die Wirtschaft, getragen von Überzeugungen, die auch in dieser Frage mitschwingen. Dabei schaffen diese Interventionen meist weitere Probleme und führen dann zu weiteren. Die Marktwirtschaft ist die beste Ordnung, wenn es darum geht, Wohlstand zu schaffen. Denken Sie an die Hunderte von Millionen Menschen, die dank der Globalisierung der Armut entkommen sind. Die Marktwirtschaft braucht einen klaren Rahmen, vor allem die Durchsetzung von Recht und Ordnung. Auch die Bepreisung von CO2 gehört dazu, und dort, wo die EU in den letzten Jahren bereits mit CO2-Zertifikaten gearbeitet hat, sind die Emissionen deutlich gesunken. Der Fehler war, einige Bereiche wie Verkehr und Gebäude nicht gleich mit in den Handel einzubeziehen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Um die Umwelt war es in den sozialistischen Planwirtschaften deutlich schlechter gestellt als im Westen. Wer nun glaubt, man bräuchte eine “andere Art, wie wir in Zukunft wirtschaften wollen”, hat das vergessen.

 

(5) Nun zur letzten Frage: Sehen Sie die Postwachstumsökonomie als eine Antwort auf die Corona- Krise oder vertrauen Sie auf die Vision eines ökologischen Wachstums als Weg aus der Krise?

Dr. Stelter: Wer glaubt, durch eine Kultur des Verzichtens die Herausforderungen der Menschheit lösen zu können, unterschätzt den Wunsch von Milliarden Menschen, der Armut zu entfliehen und ein besseres, gesünderes und letztlich auch umweltschonenderes Leben zu führen. Wer glaubt, wir im Westen sollten unseren Lebensstil einschränken und grundlegend ändern, verkennt, dass dies nicht der Realität entspricht. Eine Minderheit mag für Einschränkung und Verzicht sein. Die Mehrheit ist es nicht und wenn man versucht, dies mit Zwangsmaßnahmen durchzusetzen, wird es Ausweichreaktionen geben. Die Folge: weitere Zwangsmaßnahmen und der schleichende Verlust der Freiheit. Die Antwort muss eine andere sein: Innovation und technologischer Fortschritt. Jene Staaten, die darauf setzen, werden die Gewinner des Jahrhunderts sein. Ob Deutschland dazugehört, wage ich zu bezweifeln. Dazu ist der öffentliche Diskurs hierzulande schon zu technik- und innovationsfeindlich und geprägt von den Rufen nach Verzicht und Verbot.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.
 

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