Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Dr. Jochen Weimer.

 

(1) Beginnen wir mit Ihrem professionellen Hintergrund. Was machen Sie zurzeit beruflich, wo engagieren Sie sich und inwiefern haben Sie einen Bezug zur Wirtschaftsethik? Wie ist Ihre Institution von der Pandemie betroffen?

Jochen Weimer: Die Wirtschaftsethik hat sich in den vergangenen 15 Jahren zu einer meiner Lebensaufgaben mit verschiedenen Bezugspunkten entwickelt: ob als langjähriges Mitglied des dnwe, im Rahmen meiner Promotion zur “Ökonomischen Hermeneutik” in Mainz und Rom oder aktuell als Lehrbeauftragter für Wirtschafts- und Unternehmensethik an diversen Hochschulen, sie war und bleibt eine meiner Herzensangelegenheiten. Neben meiner Lehrtätigkeit bin ich als Geschäftsführer eines Reiseveranstalters und Omnibusunternehmens tätig. Um Ihre zweite Frage zu beantworten: 98% Umsatzrückgang seit März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bedürfen wohl keiner weiteren Erläuterungen. Unser Familienunternehmen wird aber nach über 60-jähriger Geschäftstätigkeit auch nach der Krise noch existieren.      

 

(2) Weiter geht es mit einer Evaluation der Corona-Krise: Ist diese Krise Ihrer Meinung nach eine Krise wie jede andere oder was ist das Neue an ihr?

Jochen Weimer: Ja und Nein. Ja, da auch diese Krise wie jede Krise die Betroffenen dazu auffordert, Verhaltensweisen zu überdenken. Nein, da in diesem Falle nicht nur einzelne Wirtschaftszweige und Wirtschaftssubjekte national betroffen sind, sondern der Transaktionsschock – wenige Branchen ausgenommen – branchenübergreifend und global wirkt. Sie zeigt zudem auf beeindruckende Art und Weise, dass die Ökonomie von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht schaffen kann und wie wichtig Wirtschaftsethik ist: eine zügige und transparente Kommunikation Chinas im Kontext einer funktionierenden Global Governance wäre sicherlich nicht nachteilig gewesen. Und dass momentan viele Bürger nicht mehr in Flugzeuge steigen und geschlossene Räume in Gastronomiebetrieben meiden, zeigt, wie wichtig Vertrauen als Vermögenswert ist. Transaktionen haben eben doch einen moralökonomischen Charakter. Darüber hinaus wird es ein verantwortungsvolles und integres Verhalten aller brauchen, um die Fallzahlen im Griff zu behalten. Ich zumindest bereue die Lektüre der Werke von Wieland, Grüninger und Suchanek, die sich zu den angesprochenen wirtschaftsethischen Phänomenen äußern, nicht.

 

(3) Nun interessiert uns, inwiefern Sie den Umgang und die Lastenverteilung der Pandemie- Herausforderung als gerecht empfinden. Inwiefern beurteilen Sie die Lastenverteilung zwischen verschiedenen Akteuren a) aus gesamtgesellschaftlicher / gesamtökonomischer Sicht und b) aus Ihrer aktuellen beruflichen / ehrenamtlichen Sicht als angemessen und fair verteilt?

Jochen Weimer: Aus gesamtgesellschaftlicher, insbesondere aber aus gesamtökonomischer Sicht sind die Lasten bisher ja noch gar nicht verteilt. Oder wurde schon endgültig entschieden, wer beispielsweise die Kosten für die diversen Überbrückungshilfen am Ende trägt? Die Musik ist bestellt, aber noch lange nicht bezahlt. Wer und was am Ende besteuert wird, bleibt ja noch zu klären. Was den Tourismus und die Mobilitätsdienstleistung betrifft, stimmt mich allerdings bereits im Rahmen der Verteilung der Unterstützungshilfen einiges nachdenklich: so wurden im Rahmen des “Soforthilfeprogrammes Reisebus” Unternehmen für eigenkapitalfinanzierte Reisebusse der höchsten Emissionsklasse keine Vorhaltekosten erstattet, während kreditfinanzierte Fahrzeuge vollumfänglich gefördert wurden. Bei der Lufthansa hingegen verabschiedet sich der Finanzvorstand nach der 9 Milliarden Hilfe des Bundes, weil ihm die Boni gestrichen werden. Mit Verlaub, aber als Unternehmer mit Vollhaftung darf ich attestieren: nachhaltiges ökonomisches Handeln wird an dieser Stelle scheinbar nicht gewürdigt. Und: wer nach Eyjafjallajökull im Jahr 2010 als Vorstand einer Fluggesellschaft Naturrisiken mit einem möglichen Grounding der Flotte komplett ausblendet und trotz Kurzarbeitergeld bereits nach wenigen Wochen Milliardenkredite beansprucht, hat nicht einmal das fürstliche Grundgehalt verdient.    

 

(4) Weiter geht es mit einer Grundsatzfrage: Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Jochen Weimer: Zweifelsfrei. Es gab eine Zeit vor Corona, es wird eine Zeit nach Corona geben. Inwiefern sich diese Zeiten wirklich voneinander unterscheiden werden, das wird man sehen. Es sollte aber einer breiten Bevölkerungsschicht offensichtlich geworden sein, dass das “Dominanzmodell” der vergangenen Jahrzehnte, welches in der Natur häufig nur einen Ressourcenlieferanten erkannt hat, mehr als fragil ist. Hier bietet sich eine Chance, nachhaltigere Formen des Wirtschaftens zu diskutieren. Wobei ich davor warne, vertraute Technologien wie die Dieseltechnologie pauschal zu verteufeln und beispielsweise die Elektromobilität zum neuen “Nachhaltigkeitsmessias” zu machen. Auch wenn es eine wirtschaftsethische Binsenweisheit ist: wichtig bleibt der gesamte Lebenszyklus und Wertschöpfungsprozess eines Produktes. Und am Ende heißt es dann sicher an der ein oder anderen Stelle auch einfach einmal Verzicht zu üben. Dass dies möglich ist, haben wir ja in den vergangenen Monaten in einer ungewollten “Trainingseinheit” lernen dürfen.

 

(5) Nun zur letzten Frage: Sehen Sie die Postwachstumsökonomie als eine Antwort auf die Corona- Krise oder vertrauen Sie auf die Vision eines ökologischen Wachstums als Weg aus der Krise?

Jochen Weimer: Momentan würde ich eher von einer Postrezessionsökonomie sprechen. Und zum Thema Vertrauen: ich bevorzuge es, täglich mit unserem unternehmerischen Handeln und meiner Lehrtätigkeit einen – wenn auch bescheidenen Beitrag – zu einem qualitativen Wirtschaften zu leisten, wobei dies ein stetiger und nicht abgeschlossener Lernprozess ist. Und hier haben wir sicher eine Parallele zur Corona-Krise: es ist wichtig, dass sich möglichst viele an einem verantwortungsvollen Lernprozess beteiligen. Denn nur so entsteht das von Ihnen angesprochene Vertrauen in eine Post-Corona-Wirtschaft, die zwangsläufig auch ökologische Aspekte berücksichtigt und damit garantiert “qualitativ” wachsen wird. Wenn Sie mir darüber hinaus einen abschließenden Kommentar erlauben: Zuversichtlich zu bleiben und das eigene Glück am Arbeitsplatz nicht von Boni-Zahlungen und ununterbrochenem quantitativem Wachstum abhängig zu machen, scheint mir insbesondere in Krisenzeiten keine unkluge Lebensstrategie zu sein.    

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.
 

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