Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Dr. Katharina Reuter.

 

(1) Was machen Sie zurzeit beruflich? Welche Themen, mit denen Sie sich beschäftigen, sehen Sie besonders von der Pandemie betroffen?

Katharina Reuter: Als Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft bringe ich die Stimme der zukunftsorientierten Unternehmen direkt ins politische Berlin (und Brüssel). In unserem Verband engagieren sich die Unternehmer:innen, die Nachhaltigkeit in ihr Kerngeschäft verankert haben. Damit sind wir – in dieser spannenden politischen Phase gerade – der Umsetzungspartner par excellence. Unser Pionierunternehmen sind eben längst keine Ökospinner mehr, sondern gefragte Gesprächspartner:innen für Politik und Wirtschaft und damit wichtige Role Models für die Transformation. 

Da wir branchenübergreifend aufgestellt sind, haben wir natürlich auch die Branchen bei uns in der Mitgliedschaft, die jetzt krass von der Pandemie betroffen waren und immer noch sind: Veranstaltungswirtschaft, Gastronomie, Hotellerie, Tourismus. Das sind gerade wirklich harte Zeiten. Aber die Pandemie hat auch wie ein Brennglas gezeigt, wo wir unsere Wirtschaftssysteme ändern müssen. Stichworte sind hier resiliente Lieferketten, regionale Produktion von relevanten Gütern für unsere Gesellschaft, dramatischer Verlust der Biodiversität und die Notwendigkeit ethischer Lieferantenbeziehungen in einer globalisierten Welt. 

 

(2) Wie änderte sich in den Zeiten der Pandemie, Ihrer Einschätzung nach, die Bedeutung von Unternehmensverantwortung und CSR?

Katharina Reuter: Schon vor der Corona-Pandemie titelte das Zukunftsinstitut “Nachhaltigkeit als Megatrend des 21. Jahrhunderts”. Schon vor der Corona-Pandemie ermittelte das Weltwirtschaftsforum im Global Risks Report, dass CEOs weltweit die Klimakrise und Umweltgefahren als die größten Risiken für ihre Unternehmen ansehen. Das heißt, schon vor der Pandemie stiegen Unternehmensverantwortung und CSR stark in ihrer Bedeutung an. Gekoppelt war diese Entwicklung an die steigenden Anforderungen aus der Regulatorik und Gesetzgebung (Stichwort grüne Taxonomie, nicht-finanzielle Berichterstattung, Lieferkettengesetz). Die Frage war aber dann mit dem harten Einbruch durch die Pandemie in unser aller Leben und in jedes wirtschaftliche Geschäftsgebaren: Bleibt Nachhaltigkeit und Klimaschutz auf diesem steigenden Niveau? Oder wird durch die Krise jedes Nachhaltigkeitsengagement obsolet? 

Die gute Nachricht ist, dass Unternehmensverantwortung und CSR durch die Krise nicht geschwächt wurden. Im Gegenteil: Die Fehler im Wirtschaftssystem, die ich oben kurz genannt habe, wurden sichtbar. Die Notwendigkeit, gerade jetzt unternehmerische Verantwortung ganzheitlich zu denken, war und ist mit den Händen zu greifen!

 

(3) Wie hat die Pandemie aus Ihrer Sicht zu einer Verschiebung der gesellschaftlichen Priorisierung von Nachhaltigkeitsthemen beigetragen?

Katharina Reuter: Die Pandemie wirkte sicherlich als Brennglas – und in vielen Fällen als Augen-Öffner und Möglich-Macherin. Warum? Vor der Pandemie war Homeoffice wenig verbreitet, für viele Arbeitgeber:innen nicht vorstellbar, dass auch vom Homeoffice auch zuverlässig gearbeitet werden kann. Vor der Pandemie waren Videokonferenzen die Ausnahme – und wenn es sie gab, waren sie technisch ziemlich aufwendig. Und heute? Sind wir doch alle Profis mit Online-Conferencing-Tools, sind ausgestattet mit Headset und Co. – wer hätte sich das vor 4 Jahren träumen lassen?

Mit der Pandemie sind beispielsweise auch viel mehr Menschen aufs Rad umgestiegen. Allein in 2020 legte der Absatz an Fahrrädern und E-Bikes um rund 17 Prozent zu. An der frischen Luft, Bewegung – und keine vollgestopften Busse oder U-Bahnen. Das Fahrrad bietet infektionssichere, aktive und umweltschonende Mobilität. Auch diese positiven Errungenschaften bleiben. 

Dass wir von einer gesellschaftlichen Priorisierung von Nachhaltigkeitsthemen sprechen können, hat aber tatsächlich mehr Gründe als die pandemische Lage. Hier spielt u.a. auch eine Rolle, dass die Klimakrise uns immer näher kommt: Dürre auf unseren Feldern, Waldbrände, Katastrophen wie im Ahrtal – die Gesellschaft bekommt die Auswirkungen der Klimakrise immer heftiger zu spüren.

 

(4) Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Katharina Reuter: Ja sicherlich, einen Anstoß hat die Pandemie dazu auch gegeben. Es gibt eine ganze Reihe an Wirtschaftsunternehmen, die mit Blick auf die Transformation schon viel weiter sind als die Politik. Die heute schon zeigen können, wie klimafreundliches, sozial- und ökologisch nachhaltiges Wirtschaften funktioniert. Allerdings gibt es auch genügend Beharrungskräfte und lobbymächtige Industriezweige, die eine ganz grundsätzliche Neukonzeption des Wirtschaftssystems weiterhin ablehnen. Die ihre ganze Kraft darauf verwenden, die Geschwindigkeit der Transformation zu verlangsamen. Die dafür kämpfen, dass beispielsweise die CSR-Richtlinie aus Brüssel möglichst als zahnloser bequemer Tiger endet – und doch auch bitte nicht schon für Unternehmen ab 250 Mitarbeitende gelten solle. 

Hier sollten wir als transformative Wirtschaftsbewegung noch viel enger zusammenstehen, um dem etwas entgegenzusetzen. Dem Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft ist es im Vorfeld der Bundestagswahl erstmals gelungen, einen gemeinsamen Aufruf der Zukunftswirtschaft zu organisieren. Wenn diese kooperative Kraft genutzt werden kann, würde mich das riesig freuen!

 

(5) Stichwort “The New Normal”: Welche aus der Pandemie entstandenen Potentiale sollten künftig beibehalten werden und was wünschen Sie sich aus der Zeit vor der Krise zurück?

Katharina Reuter: Was bleiben soll: Mehr Fahrräder auf den Straßen (diese brauchen dann übrigens auch dringend mehr Platz)! Mehr Flexibilität und Homeoffice. Videokonferenzen statt Inlandsflüge für kurze Meetings. Mehr Biolebensmittel und mehr wieder-selber-Kochen! 

Was wünsche ich mir zurück? Dass ich Menschen, die ich bei uns in der Geschäftsstelle begrüße, als erstes die Hand geben kann oder um den Hals fallen – und nicht als Erstes nach dem Impfstatus und Testergebnis fragen muss. Dass wir uns nach einem langen Konferenztag mit leidenschaftlicher (und auch gern kontroverser) Diskussion alle gemeinsam auf der Tanzfläche wiederfinden. Dass sich unsere Mitgliedsunternehmen aus der Gastro, der Event-Branche, dem Tourismus und der Hotellerie nicht mehr um ihre Zukunft sorgen müssen. Dass meine Kinder wieder spontan und in wechselnden Gruppen mit anderen Kindern im real life zusammen sein können – und nicht nur vor dem Bildschirm. Dass die Menschen, die derzeit so unter Einsamkeit leiden, wieder unbeschwert ins Café, ins Theater und ins Konzert gehen können. Das wünsche ich mir zurück. 

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

 

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