Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Jacqueline Albers.

 

(1) Was machen Sie zurzeit beruflich? Welche Themen, mit denen Sie sich beschäftigen, sehen Sie besonders von der Pandemie betroffen?

Jacqueline Albers: Seit Kurzem leite ich die Nachhaltigkeitsabteilung eines Unternehmens in der Immobilienwirtschaft. Noch nie war “Wohnen” wohl so wichtig wie zu Zeiten der Pandemie. 

Im Juli 2021 habe ich zudem mein Buch “Gute Reise. Handbuch für nachhaltiges Reisen” im Verlag Reisedepeschen veröffentlicht. Darin gebe ich Tipps und Tricks an die Hand, wie man simpel und für jeden Geldbeutel nachhaltig unterwegs sein kann. Expert:innen diverser Organisationen verraten in Interviews ihre Perspektiven auf Themen und teilen ihr Know-how.

Das Buch habe ich in meiner Elternzeit geschrieben. Direkt mit Beginn der Pandemie kam da die Idee: Wenn wir alle gerade nicht reisen können, möchte ich aufschreiben, wie wir reisen sollten, wenn es wieder losgeht. Schon vor über zehn Jahren habe ich zu nachhaltigem Tourismus im Regenwald in Ecuador geforscht und dazu publiziert. Zwei Herzensthemen kann ich mit #GuteReise verbinden: Nachhaltigkeit und Reisen.

Die Reisebranche und die Zielregionen der Welt sind unheimlich stark von der Pandemie getroffen. Viele Länder und Regionen sind auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen. Die Reisebranche prägte zum Beispiel Deutschlands BIP vor der Pandemie zu knapp zehn Prozent und das der Philippen sogar zu ca. 25 Prozent. Auch haben Reisende ermöglicht, dass Regionen profitieren und in einigen Orten Einnahmequellen verdrängt werden, wie u.a. Großwildjagden. Studien zeigen darüber hinaus, dass touristisch geprägte Zielorte höhere Bildungsniveaus bzw. geringere Analphabetenraten vorweisen. Fortschritte im Bereich Bildung und Bemühungen zur Bekämpfung von Armut stehen seit der Pandemie mehr denn je auf der Kippe… 

Viele Existenzen hängen am Reisen, so viel wissen wir. Menschen an Flughäfen, in Gaststätten, in Reisebusunternehmen, in Reisebüro, in Unterkünften und viele mehr. 

Besonders bewegt hat mich persönlich der Stillstand der Kultur. Mir war nie so klar wie heute, wie wertvoll und essentiell kulturelles Angebot für uns ist und dass ich dies so oft als gegeben hingenommen habe. Auch deshalb ist mir wichtig, dass wir künftig beim Reisen stärker noch auf Kulturschutz und Kulturerhalt, Nachwuchsförderung usw. achten.

 

(2) Wie änderte sich in den Zeiten der Pandemie, Ihrer Einschätzung nach, die Bedeutung von Unternehmensverantwortung und CSR?

Jacqueline Albers: Es ist keine Neuigkeit, dass wir heute unser Verhalten ändern sollten, um unsere Natur und die Menschen zu schützen. Ergebnisse, wie das der UN Klimakonferenz in Glasgow oder die schleppenden Zielfortschritte (und großen Rückschritte) der Agenda 2030 ernüchtern mich. Wenn wir uns nur auf die Staaten und ihre Bemühungen verlassen, werden wir zu lange warten müssen. Das System der Vereinten Nationen ist reformbedürftig und träge. Erfolge werden nur über sehr lange Zeiträume erzielt.

Daher spreche ich mich dafür aus, dass wir uns als Individuen selbst an die Hand nehmen und schauen, wie wir unsere Reisen nachhaltiger gestalten können.  Der Moment ist jetzt! Die Pandemie hat Reisen auf null heruntergefahren, das Bedürfnis nach Reisen ist riesig und in diesem Moment können wir nun wählen, wie wir wieder loslegen wollen. 

Nachhaltigkeit ist sicherlich ein Prozess, also ein Ideal, welches wir zu erreichen versuchen. Aber dabei können mit einfachen Mitteln viel erreichen:

Jede Entscheidung zur Reisebuchung oder auf Reisen kann man mit vier Fragen angehen: Kann ich meinen negativen Impact auf Mensch und Natur auf Reisen vermeiden? Kann ich diesen reduzieren? Kann ich womöglich ausgleichen (unterwegs etwas reparieren, wiederverwenden etc.)? Und, kann ich beisteuern, sodass die Regionen profitieren?

Dann ist mir besonders wichtig, dass wir Ökotourismus nicht mit nachhaltigem Reisen gleichsetzen. Kultur spielt eine gleichgewichtige Rolle und auch die eigene Zufriedenheit und Erholung dürfen wir nicht unterschätzen. Nur, wenn wir glücklich zurückkehren, dann empfehlen wir die Reise, den Anbieter und/oder die Region weiter bzw. buchen direkt die nächste Reise dorthin.

 

(3) Wie hat die Pandemie aus Ihrer Sicht zu einer Verschiebung der gesellschaftlichen Priorisierung von Nachhaltigkeitsthemen beigetragen?

Jacqueline Albers: Das ist eine gute Frage. Auf Deutschland bezogen ging es sehr schnell darum, den Schutz vulnerabler  Gruppen sicherzustellen. Das heißt, dass aus europäischer bzw. nationaler Sicht das UN Nachhaltigkeitsziel Gesundheit lange die Diskussion dominiert hat. Vorher war es sicherlich die Klimakrise, die in ihrer Dringlichkeit kaum höher priorisiert werden könnte und dennoch nun mit der Pandemie nach hinten gerutscht ist.

Jetzt zeigt sich, dass auch weitere Themen, die wir in den SDGs wiederfinden auf der Strecke geblieben sind. Auf zwei Aspekte möchte ich hier gern eingehen:

  1. soziale Gerechtigkeit – z.B. bei der Impfstoffverteilung: Schauen wir uns nur mal die ungerechte Verteilung der Impfstoffe an. Reiche Länder horten ihren Impfstoff, während andere nicht mal Impfungen für fünf Prozent ihrer Bevölkerung erhalten haben. Das hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Das ist für mich Hamstern, nur auf Staatenebene. Ein wichtiger Aspekt sollte hierbei nicht außer Acht gelassen werden: Globale Lieferketten funktionieren nur dann, wenn auch globale Märkte arbeiten können. Auch deshalb ist eine gleichberechtigte Impfstoffverteilung sinnvoll.  
  2. Bildung & Digitalisierung: Seit Pandemiebeginn wurde versäumt, alles daran zu setzen, Kindern und Jugendlichen ein bildungsnahes Umfeld zu ermöglichen. Man hätte die Situation als Möglichkeit begreifen müssen, Digitalisierung von Unterricht etc. zu forcieren. Mehr als 1.5 Jahre nach dem ersten Lockdown ist Online-Unterricht nur vereinzelt erträglich. 

Dazu kommt auch, dass wir an vielen Orten im globalen Süden eklatante Rückschritte in der Bildung sehen,  Kinder und Jugendliche teilweise gänzlich den Anschluss zu Bildungsangeboten verloren haben. Es wird viel Mühe kosten, das wieder aufzubauen.

 

(4) Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Jacqueline Albers: In aller Kürze: Ich hoffe sehr, dass diese Diskussion schon vorher da war. Die Einführung der UN Nachhaltigkeitsziele und das Erreichen dieser bis 2030 ist für mich das Konzept, das uns die Ideen und Zielwege für Nachhaltigkeit vorgibt. Vielleicht könnte man aber hinzufügen, dass wir jetzt noch mehr Antrieb haben sollten, unseren Planeten zu schützen. #noplanetb 

 

(5) Stichwort “The New Normal”: Welche aus der Pandemie entstandenen Potentiale sollten künftig beibehalten werden und was wünschen Sie sich aus der Zeit vor der Krise zurück?

Jacqueline Albers: Wir konnten nicht reisen, das öffentliche Leben war vielfach heruntergefahren und im Stand by Modus.

Jetzt da wir es wieder können, können wir uns mit Freude, Spaß und Hingabe daran machen, einen Beitrag zu leisten.

Wir können darauf achten, andere Kulturen behutsam kennenzulernen, umweltbewusst unterwegs zu sein und erfüllt und zufrieden zurückzukehren. Ich hoffe, dass mein Buch “Gute Reise” (Reisedepeschen, 1. Juli 2021) dazu Denkanstöße und Unterstützung an die Hand gibt. Reisen macht glücklich, so viel wissen wir. Dann lasst uns doch die Umwelt und Menschen unserer Reiseregionen positiv beeinflussen und selbst zufrieden zurückkehren.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

 

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