Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Prof. Dr. Dr. Alexander Brink.

 

(1) Beginnen wir mit Ihrem professionellen Hintergrund. Was machen Sie zurzeit beruflich, wo engagieren Sie sich und inwiefern haben Sie einen Bezug zur Wirtschaftsethik? Wie ist Ihre Institution von der Pandemie betroffen?

Alexander Brink: Ich bin seit 20 Jahren Universitätsprofessor an der Universität in Bayreuth in einem innovativen Studiengang “Philosophy & Economics”. Dort lehre und forsche ich in der Wirtschafts- und Unternehmensethik, der interdisziplinären Schnittstelle von Ökonomie und Philosophie. Ich habe großen Respekt vor den Vätern und Schulenbegründern der Wirtschafts- und Unternehmensethik, die ja auch in vielfältiger Art und Weise an dem Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik mitwirken bzw. mitgewirkt haben. Am Bayreuther Lehrstuhl bauen wir gerade sechs neue wirtschafts- und unternehmensethische Profilfelder auf: Sustainable Finance, Digitalethik, Wertepositionierung, Corporate Governance, Nachhaltigkeit und Regionalmanagement.

Im Jahre 2010 habe ich gemeinsam mit zwei Kollegen die concern GmbH gegründet: eine der ersten Beratungsgesellschaften für Corporate Governance, Responsibility und Sustainability mit Sitz in Köln. Dort verantworte ich als Partner die Weiterentwicklung und wissenschaftliche Fundierung innovativer Corporate-Responsibility-Konzepte. Ich plädiere für eine Blue-Ocean-Strategie im Zeitalter der Digitalisierung: Erfolgreiche Unternehmen sollten sich konsequent an ihren Werten ausrichten. Das gilt im Übrigen erst recht in der Krise.

Die Hochschule war – wie wohl jede Bildungseinrichtung – von der Pandemie stark betroffen: das betraf die Lehre, die komplett digitalisiert wurde, aber auch Sprechstunden, Kommissionssitzungen, Auslandsaustauschprogramme, studentische Aktivitäten auf dem Campus oder Prüfungsleistungen. Ich habe z.B. meine erste Klausur in einer riesen Turnhalle und unter strengsten Hygienevorschriften schreiben lassen. In der Firma haben wir die COVID-19-Krise natürlich auch zu spüren bekommen. Wir haben auf eine online-basierte Strategieentwicklung gewechselt. Eine unsere Mitarbeiterinnen hat spontan ein Hilfsprojekt zur digitalen Kleiderspende ins Leben gerufen. Unsere Klienten-Projekte konnten wir weitestgehend digital weiter betreuen. Wir haben aber auch unsere Dienstleistungen ausgebaut – z.B. die Videoberatung für Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

 

(2) Weiter geht es mit einer Evaluation der Corona-Krise: Ist diese Krise Ihrer Meinung nach eine Krise wie jede andere oder was ist das Neue an ihr?

Alexander Brink: Die Krise ist in jegliche Hinsicht einzigartig: in den Ursachen, in den Wirkungen, in der Dauer, in der Dringlichkeit und im Umfang, um nur einige Besonderheiten zu nennen. Wir haben übrigens jüngst einen Band “Lehren aus Corona” veröffentlicht und über 30 Autor*innen aus der Wirtschafts- und Unternehmensethik gebeten, ihre Erkenntnisse aus der Krise zu verschriftlichen. Die Ergebnisse sind hochspannend und deuten darauf hin, dass das “Neue” der Krise, auf das Ihre Frage abzielt, auch der Beginn von etwas “Neuen” nach der Krise sein kann – und hier sprechen wir in der Tat von einer neuen Ökonomie.

 

(3) Nun interessiert uns, inwiefern Sie den Umgang und die Lastenverteilung der Pandemie- Herausforderung als gerecht empfinden. Inwiefern beurteilen Sie die Lastenverteilung zwischen verschiedenen Akteuren a) aus gesamtgesellschaftlicher / gesamtökonomischer Sicht und b) aus Ihrer aktuellen beruflichen / ehrenamtlichen Sicht als angemessen und fair verteilt?

Alexander Brink: Meine Antwort ist kürzer als Ihre Frage: sie ist zutiefst ungerecht! Eine differenziertere und objektive Antwort kann es seriöser Weise zurzeit leider nicht geben. Wir haben es hier mit einem Multi-Stakeholder-Abwägungs- bzw. Verteilungsprozess globaler Art in einer akut bedrohlichen Situation zu tun und das bei noch unvollständiger Information (über Re-Finanzierungen von Überbrückungshilfen, Gesundheitsprognosen von COVID-19, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen). Ich würde mich aber sofort an einem Projekt beteiligen, genau dieser Frage einmal auf den Grund zu gehen.

 

(4) Weiter geht es mit einer Grundsatzfrage: Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Alexander Brink: Definitiv, unsere Studierenden fordern das schon seit Jahren – und unsere Klienten haben sich auch schon auf den Weg gemacht, diese neue Ökonomie zu gestalten. Wir werden die Ökonomie stärker in den Dienst der Gesellschaft stellen und wir werden sicherlich eine neue Balance einfordern. Unternehmen werden eine radikale Wertepositionierung vornehmen, die es dann aber auch einzuhalten gilt – hierzu brauchen wir beides mehr Theorie und mehr Praxis, unterschiedliche Standpunkte und sehr viel Lernerfahrung. Post-Wachstumsmodelle und Managementkonzeptionen schießen gegenwärtig wie Pilze aus dem Boden, leider oftmals entweder unreflektiert oder unerprobt. Wir versuchen durch die enge Verbindung von Forschung, Lehre und Transfer genau hier einen Kontrapunkt zu setzen. Ich sehe die Universitäten auch zunehmend in der Rolle, an der Lösung der gesellschaftlichen Herausforderungen aktiv mitzuwirken. In der Beratung tun wir dies bereits.

 

(5) Nun zur letzten Frage: Sehen Sie die Postwachstumsökonomie als eine Antwort auf die Corona- Krise oder vertrauen Sie auf die Vision eines ökologischen Wachstums als Weg aus der Krise?

Alexander Brink: Die Lösung aus der Krise kann nicht gegen, sondern nur mit der Ökonomie funktionieren. Dazu müssen wir Ökonomie verstehen als ein Netzwerk von Motivationen und Bedürfnissen nach Produkten und Dienstleistungen unterschiedlicher Akteure. Ich glaube nicht, dass uns neue volkswirtschaftliche Groß-Theorien hier weiterhelfen. Die soziale Marktwirtschaft ist im Kern schon gut und weiterhin überlebensfähig – nur nicht mehr in der alten Aufgabenteilung, dass der Staat für das Soziale (und das Ökologische) steht und der Markt das Wirtschaftliche innerhalb von Regeln abdeckt. Wir sprechen heute von trisektoralen Kooperationen zwischen Staat, Unternehmen und Zivilgesellschaft und zwar auf Augenhöhe. Die Solidarität gerade zu Beginn der COVID-19-Krise ist ein positives Beispiel, dass so etwas funktionieren kann. Viele haben das bezweifelt.

Wir haben es mit einem gigantischen Transformationsprozess von über 3 Mio. Unternehmen allein in Deutschland zu tun: wir wollen der Automobilindustrie helfen, sich in Richtung nachhaltiger Mobilität weiterzuentwickeln. Den Banken und Versicherungen helfen wir durch die Ausrichtung auf Sustainable Finance zu mehr Nachhaltigkeit. Die Immobilienwirtschaft steht erst am Anfang der nachhaltigen Entwicklung, die Nahrungsmittelindustrie gehört auf den Prüfstand, der Handel … – es gibt so viel zu tun. Im Kern geht es immer um die eine Frage: “Welche Werte und Ziele verfolgen wir und wie wollen wir zusammenarbeiten?” Die Digitalethik wird eine prominente Rolle einnehmen: Digitalisierung im Dienste der Nachhaltigkeit – das wäre so eine Vision.

Es gibt wunderbare Unternehmen, die hier schon eine Art Vorreiter-Rolle einnehmen. Und es gibt bewundernswerte Menschen, Unternehmerinnen und Unternehmer, die unseren Mittelstand und die vielen Familienunternehmen zu einem so attraktiven Standort weltweit machen. Um es abzuschließen: Es geht um den Wandel vom Ich zum Wir, von der Wettbewerbsökonomie zur Kooperationsökonomie, vom egoistischen Entscheidungen zu relationalen Versprechen. Da stecken viele neuen Ideen drin und wir müssen im Auge behalten, dass sie auch wirklich funktionieren.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.
 

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