Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Prof. Dr. Helmut Kaiser.

 

(1) Beginnen wir mit Ihrem professionellen Hintergrund. Was machen Sie zurzeit beruflich, wo engagieren Sie sich und inwiefern haben Sie einen Bezug zur Wirtschaftsethik? Wie ist Ihre Institution von der Pandemie betroffen?

Helmut Kaiser: Ich wurde 1949 in Stuttgart geboren und habe mein Wirtschaftsabitur in Esslingen absolviert. Es folgte das Studium der Theologie und Philosophie in Tübingen mit Abschluss des Theologiestudiums in Bern 1977 und Dissertation über “Die Berggebietsförderung des Bundes. Ethische Interpretation und Handlungsorientierung, Zürich 1987.” Bis 1984 arbeitet ich als Assistent an der Theologischen Fakultät in Bern. Danach war ich Mitarbeiter am Institut für Sozialethik ISE des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Während dieser Zeit war ich in verschiedenen Expertenkommissionen – Gentechnologie, Energie, Neuer Lebensstil – des Bundesrates Schweiz tätig. Es folgte die Habilitation 1990 über die Grundlegung einer Wirtschaftsethik. Als Titularprofessor TP erhielt ich einen Lehrauftrag für Sozial- und Wirtschaftsethik an der Universität Zürich. Seminare während des WEF in Davos von 2002 bis Januar 2019. Von 1989 bis 2013 arbeitete ich als Pfarrer in CH-3700 Spiez. Erster Aufenthalt bei den Lakota Native Americans in South Dakota 2002. Partizipierender bei Weltkonferenzen der Kirchen und Mitarbeit in zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Agenda 21. Seit Anfang 2014 neben weiterer Grundlagenarbeit im Bereich der Wirtschaftsethik starke Konzentration auf Freiwilligen-, Generationen- sowie auch Freizeitarbeit. Reisen nach Marokko, Jordanien, in Gebiete der Native Americans in South Dakota, Kuba, Finnland und Chile.

Von der Pandemie betroffen sind wir vor allem als Institutionen der Zivilgesellschaft (z.B. Lokale Agenda 21) dadurch, dass wir alle Veranstaltungen absagen mussten. Da diese Veranstaltungen durch Freiwilligenarbeit organisiert werden, hält sich der finanzielle Ausfall in Grenzen. Doch: Der normalerweise intensive Einsatz für die Nachhaltigkeit oder Gerechtigkeit wie auch viele Begegnungsmöglichkeiten lagen brach, was für die Verantwortlichen wie die Partizpierenden als herber Verlust empfunden wurde, auch wenn in dieser Situation immer wieder Kreatives entwickelt wurde.

 

(2) Weiter geht es mit einer Evaluation der Corona-Krise: Ist diese Krise Ihrer Meinung nach eine Krise wie jede andere oder was ist das Neue an ihr?

Helmut Kaiser: In Bezug auf die bisherigen Krisen (Erdölkrise, Finanzkrise) gilt: Politische Entscheide mussten ohne sichere Informationen und Daten sofort getroffen werden. Es gab neu eine zeitlich-existentielle Dringlichkeit und Unmittelbarkeit. Unplanbarkeit, Unsicherheit, sofortige mögliche Tödlichkeit prägten die Entscheidungssituation. Das Wissen um das Nichtwissen war enorm gross und bei diesem Nichtwissen stand viel und umfassend auf dem Spiel, nämlich die Gesundheit und das Leben der Menschen. Es musste sofort “radikal” gehandelt werden, nicht erst übermorgen, um Zeit zu gewinnen und ungewisse und tödliche Folgen unmittelbar auszuschliessen. Bei der Erdölkrise wurde der Autoverkehr eingestellt. Dies führte zugleich zu mehr Lebensqualität. Ein unmittelbarer Tod musste nicht befürchtet werden. Auch die Finanzkrise stand nicht im Kontext der Tödlichkeit. Die Lösungen für die beiden genannten Krisen liessen / lassen sich zeitlich hinausschieben und die Klimaziele werden auf 2050 terminiert. Die Coronakrise ist eine Krise in Echtzeit und erst wenn diese Krise global bewältigt ist, ist die Krise gelöst. Zudem hat die C-Krise wie mit einem Brennglas die schon lange bestehenden Armuts- und Ungerechtigkeitsverhältnisse so stark sichtbar gemacht, dass die westlichen Gesellschaften zunehmend in eine Legitimationskrise geraten.

 

(3) Nun interessiert uns, inwiefern Sie den Umgang und die Lastenverteilung der Pandemie- Herausforderung als gerecht empfinden. Inwiefern beurteilen Sie die Lastenverteilung zwischen verschiedenen Akteuren a) aus gesamtgesellschaftlicher / gesamtökonomischer Sicht und b) aus Ihrer aktuellen beruflichen / ehrenamtlichen Sicht als angemessen und fair verteilt?

Helmut Kaiser: Dazu nur die gesamtgesellschaftliche Aussage: Für die Bewältigung einer solchen Krise braucht es einen starken und funktionsfähigen Staat. Marktfundamentalistische – der Markt regelt alles – und staatsskeptische Dogmen – möglichst wenig Staat: Deregulierung und Privatisierung – wurden durch das Coronavirus aufgehoben und es brauchte einen Staat, der den Schutz der Gesundheit vorrangig zur Grundlage seines Handelns machte. Das bestätigt die Aktualität von J.M. Keynes (1883–1946) gerade in einer Krisensituation. Die neoliberalen (seit der Wende 89) Prinzipien der Deregulierung und Privatisierung mussten ersetzt werden durch eine umfangreiche und strikte staatliche Regulierung (= Lockdown) des Virus.

 

(4) Weiter geht es mit einer Grundsatzfrage: Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Helmut Kaiser: Meine Zurückhaltung im Blick auf das Lernpotenzial der Coronaviruskrise begründet sich durch den Bezug auf zwei Krisen der letzten fünf Jahrzehnte: Erdölkrise 1975: Wir fuhren auf der Autobahn mit dem Fahrrad und hatten die Hoffnung, dass die Grenzen des Wachstums nun erkannt sind. Stattdessen gab es ein Wachstum der Grenzen. Die Folgen des neuen Wachstums waren: Ozonloch, Klimakatastrophe. Der Zwang zum Wachstum hat sich, weil systemimmanent, durchgesetzt. Finanzkrise von 2007/2008: Es wurden die Eigenkapitalquoten erhöht, die Aufsicht über das Finanzsystem wurde verbessert. Aber: Es gibt immer noch eine wachsende Verschuldung, die Verdrängung der Realwirtschaft, Umverteilung von den Arbeitenden zu den Vermögenden, Börsen- und Devisenspekulationen in Billionenhöhe. Es gibt bei Grossbanken weitere Rechtsfälle (Steuervergehen, manipulierte Libor-Zinssätze, faule Kredite im US-Hypothekarmarkt), die später zum Teil mit Milliardenbussen erledigt werden müssen. Auszahlung von Milliarden Boni in der C-Krise. Aus beiden Krisen ergab sich keine Transformation der Gesellschaft mit mehr Resilienz. Die (neoliberalen: Wende 89) Sparprogramme im Bereich der Gesundheit wurden in der C-Krise zu einem lebensgefährlichen Problem. Also: Es besteht die Gefahr eines Backlash, jetzt das verlorene Wirtschaftswachstum aufholen zu müssen. Dies wird auf Kosten des Klimas erfolgen. Die Zivilgesellschaft wie die Klimabewegung müssen eine kräftige Gegenmacht zu dieser Wachstumsstrategie erzeugen. Und: Ist es richtig, dass unser Wirtschaftssystem auf einem Wachstumszwang beruht, dann wird eine ökologische Transformation (Neukonzeption) des bestehenden Wirtschaftens wenig Chancen haben und es wird zu starken Konflikten kommen müssen.

 

(5) Nun zur letzten Frage: Sehen Sie die Postwachstumsökonomie als eine Antwort auf die Corona- Krise oder vertrauen Sie auf die Vision eines ökologischen Wachstums als Weg aus der Krise?

Helmut Kaiser: Die Coronakrise stellte die Frage der Suffizienz: Was brauchen wir wirklich, um leben zu können? 20 verschiedene WC-Papierarten? Gibt es überhaupt eine solche Bedürfnisdifferenzierung für diesen speziellen Bereich? Diese Frage muss bedacht werden. Zugleich braucht es ein kritisches Nachdenken über diese Frage. Es kann sonst zu undemokratischen, unheilvollen und inhumanen Strategien führen, die in eine Ökodiktatur münden. Also: Die Vision eines ökologischen Wachstums, realisiert durch technische Innovationen (Faktor 4 Effizienz-Konzept), reicht nicht aus, um einen nachhaltigen Weg aus der Krise zu finden. Die Strategie der Suffizienz – Wieviel ist genug? – wird unabdingbar und führt zu grundsätzlichen Fragen wie: Welchen Lebensstils wollen wir? Bedeutet die Konsumvielfalt wirklich Glück? Stellenwert der Arbeit? Braucht es ein bedingungsloses Grundeinkommen? Was soll oder muss die konzeptionelle Grundlage der Postwachstumsökonomie sein? Careökonomie, das Konzept der Commons … Die Aufgabe für die Zukunft wird darin liegen, die Strategien der ökologischen Effizienz, der Subsistenz, Konsistenz und der Suffizienz so zu integrieren, dass die Klimaziele nicht erst im Jahre 2050 erreicht werden, vielmehr 20 Jahre früher. Das kann aus der Coronakrise gelernt werden: Wirtschaftliche Effizienz muss konsequent und ab sofort in eine unauflösbare Relation zu Basiswerten und Grundbedürfnissen wie Gesundheit, Wohlbefinden, Gerechtigkeit, Menschenrechte und ökologische Nachhaltigkeit gestellt werden.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

 

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