Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Prof. Dr. Ingo Pies.

 

(1) Was machen Sie zurzeit beruflich? Welche Themen, mit denen Sie sich beschäftigen, sehen Sie besonders von der Pandemie betroffen?

Prof. Dr. Ingo Pies: Aus meiner Sicht hat vor allem ein Thema durch die Pandemie – wenn man das so sagen darf – eine verstärkte Virulenz erfahren: das Ringen um eine angemessene Interpretation des Vorsorgeprinzips (“precautionary principle”). Wir laufen stets Gefahr, das Vorsorgeprinzip inkonsistent anzuwenden, also die zu erwartenden Kosten und Nutzen einer Maßnahme nicht symmetrisch zu bewerten, sondern stark asymmetrisch. Aus dieser Misere findet man nur heraus, wenn man das Vorsorgeprinzip selbstreferentiell handhabt und es auf sich selbst anwendet. Am Beispiel: Gebietet das Vorsorgeprinzip, eine Schule zu schließen? Oder gebietet es, eine etwaige Schulschließung zu vermeiden bzw. wieder aufzuheben? Stets müssen beide Fragen simultan gestellt werden. Nur so lässt sich vermeiden, dass das Prinzip mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Formelhaft zugespitzt: Wir müssen lernen, mit der zum Prinzip erhobenen Vorsicht vorsichtiger umzugehen. Sonst manövriert man sich in die Sackgasse eines kruden “safetyism”. Letztlich ist nichts so riskant wie eine übertriebene Risikovermeidung.

 

(2) Wie änderte sich in den Zeiten der Pandemie, Ihrer Einschätzung nach, die Bedeutung von Unternehmensverantwortung und CSR?

Prof. Dr. Ingo Pies: Wem es gelungen ist, während der Pandemie einen kühlen Kopf zu bewahren, konnte sich intellektuelle Klarheit darüber verschaffen, dass die primäre Unternehmensverantwortung darin besteht, gesellschaftliche Probleme durch innovative Wertschöpfung lösen zu helfen. Die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten hat eindrücklich unter Beweis gestellt, wie sich existenziell drängende Herausforderungen im Kapitalismus – und noch genauer: durch Kapitalismus – bewältigen lassen. Damit meine ich zuvörderst das konstruktive Zusammenspiel von staatlich finanzierter Grundlagenforschung und privatwirtschaftlich finanzierter Anwendungsforschung sowie dann die unternehmerisch organisierte Hervorbringung und rasante Skalierung wissensbasierter Innovationsprodukte.

 

(3) Wie hat die Pandemie aus Ihrer Sicht zu einer Verschiebung der gesellschaftlichen Priorisierung von Nachhaltigkeitsthemen beigetragen?

Prof. Dr. Ingo Pies: Das Thema einer global nachhaltigen Entwicklung ist auf geradezu atemberaubende Art und Weise in den Hintergrund gerückt. Die Pandemiebekämpfung wurde primär nationalstaatlich gedacht, kommuniziert  und auch so ins Werk gesetzt. Lockdown-Entscheidungen wurden schon nicht mit den europäischen Nachbarn abgestimmt, von einer Rücksichtnahme auf unsere Partnerländer in Asien und Afrika ganz zu schweigen. Wir haben die bereits erfolgte weltwirtschaftliche Integration (vulgo: Globalisierung) im Schockverfahren zeitweise zurückgenommen – und damit viele Menschen in armen Ländern existenziell hart getroffen. Und das alles ohne schlechtes Gewissen, weil wir unsere Politikentscheidungen im Modus nationaler Nabelschau exekutiert haben. Ich diagnostiziere hier Diskursversagen: Die deutsche Öffentlichkeit operierte im kosmopolitischen Blindflug.

 

(4) Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Prof. Dr. Ingo Pies: Von utopistischen Phantastereien abgesehen: Nein. Was bitteschön sollte sich denn “grundsätzlich” daran ändern, dass die moderne Gesellschaft Markt und Staat als komplementäre Institutionen kultiviert, so dass wir unsere Wachstumsökonomie auf Produktionseffizienz und Innovationsdynamik programmieren, damit – im globalen Maßstab – unser Lebensstandard (einschließlich Lebenserwartung, Lebensqualität und Lebenszufriedenheit) auch weiterhin nachhaltig ansteigt?

 

(5) Stichwort “The New Normal”: Welche aus der Pandemie entstandenen Potentiale sollten künftig beibehalten werden und was wünschen Sie sich aus der Zeit vor der Krise zurück?

Prof. Dr. Ingo Pies: Als Beobachter und Analytiker gesellschaftlicher Lernprozesse und insbesondere als Vertreter einer ordonomischen Wirtschafts- und Unternehmensethik stehe ich in der Tradition von Hegels Kritik am perennierenden Sollen. Da habe ich es nicht so mit dem Wünschen. Auch ist bei mir die Sehnsucht nach einer verklärten Vergangenheit nicht sonderlich ausgeprägt. Nach vorn blickend, würde ich erwarten, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt weiter voranschreiten wird, mit willkommenen Auswirkungen auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und dass irgendwann auch der nahezu reformresistente Bildungssektor disruptive Innovationen erfahren wird.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

 

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