Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Prof. Dr. Monika Eigenstetter.

 

(1) Beginnen wir mit Ihrem professionellen Hintergrund. Was machen Sie zurzeit beruflich, wo engagieren Sie sich und inwiefern haben Sie einen Bezug zur Wirtschaftsethik? Wie ist Ihre Institution von der Pandemie betroffen?

Monika Eigenstetter: Als Professorin für Arbeitspsychologie und CSR-Management am Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein habe ich vielfach Kontakt mit Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen der Textil- und Bekleidungsindustrie. Und was in der Bekleidungsindustrie passiert, ist ein wirtschaftsethisches Problem. Der normale Konsum blieb erstmal aus und die Belastungen einiger hiesiger Unternehmen, die um ihren Fortbestand fürchteten, wurden an die Zulieferer in den Schwellenländern durchgereicht: Die Menschen dort haben aber kein Sozial-Sicherungssystem, die Kosten sind ungleich größer für sie als für uns. Ich bin froh, dass so viele Hilfsorganisationen unterstützen. Auch unsere Studierende waren aktiv um Geld für die Textilarbeiterinnen in den Schwellenländern zu sammeln.

Als Hochschule waren wir von Corona insofern betroffen, indem wir in kürzester Zeit auf Online-Kurse umschwenkten, um die Lehre aufrecht zu erhalten. Schwer war es vor allem für unsere vielen ausländischen Studierenden. Einige waren in der vorlesungsfreien Zeit auf Heimaturlaub und konnten plötzlich aus Indien oder Bangladesch nicht mehr einreisen. Das erforderte in Lehre und Prüfung etwas kreativere Lösungen.

 

(2) Weiter geht es mit einer Evaluation der Corona-Krise: Ist diese Krise Ihrer Meinung nach eine Krise wie jede andere oder was ist das Neue an ihr?

Monika Eigenstetter: Neu ist das Ausmaß der Krise. Für mich wirkt die Krise wie ein Vergrößerungsglas für schon lange bekannte Probleme in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Man hat diese Probleme so oft wegdiskutiert und geflissentlich ignoriert. Wir haben – gerade in der Mode – eine Situation, die auf massive Überproduktion setzte – und dabei vielfach ausbeuterische Bedingungen zulässt. Dieses System ist sofort kollabiert und hat viele Arbeitenden in den Schwellenländern ins Nichts zurück katapultiert, auch wenn sie vielleicht bisher ein Auskommen hatten. Auch hierzulande gerieten die Arbeitsbedingungen in den Blick, die schon lange von einer kritischen Öffentlichkeit angeprangert wurden: die unter- oder nicht bezahlte und fordernde Care-Arbeit, die unterbezahlten systemrelevanten Jobs in der Logistik, in der Landwirtschaft und der Fleischindustrie, im Einzelhandel und in der Pflege …. Überdeutlich wird, wie sehr die CO2-Emmissionen an Produktion und die damit verbundenen Logistik gekoppelt sind, -aber auch wie der individuelle Tourismus zum CO2-Ausstoß beiträgt. Positiv aber zeigte sich, wie groß internationale Solidarität sein kann, wie anpassungsfähig die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden sein können. Wir müssen diese positive Energie für einen Wandel nutzen. Überall zeigt sich viel Kreativität, auch im Privaten.

 

(3) Nun interessiert uns, inwiefern Sie den Umgang und die Lastenverteilung der Pandemie- Herausforderung als gerecht empfinden. Inwiefern beurteilen Sie die Lastenverteilung zwischen verschiedenen Akteuren a) aus gesamtgesellschaftlicher / gesamtökonomischer Sicht und b) aus Ihrer aktuellen beruflichen / ehrenamtlichen Sicht als angemessen und fair verteilt?

Monika Eigenstetter: Diese Frage schließt gleich an die obigen Ausführungen an – und ich antworte wieder aus Sicht der Arbeitspsychologin: Viele Frauen haben schon vor Corona deutlich höhere Arbeitslasten getragen – gerade durch die unbezahlte Arbeit Zuhause – und sie taten es weiterhin, auch wenn die Männer nun auch mehr in der unbezahlten Care-Arbeit leisteten. Die Gutverdienenden, zu denen ich ja auch zähle, haben in der Regel die „Bürojobs“ und wechselten schnell ins Home-Office. Aber nicht alle hatten ein ausgestattetes Büro in der Wohnung, sondern arbeiteten am Couchtisch oder am Küchentisch. Die „Nicht-Kopf-Arbeitenden“ sind dagegen am Arbeitsplatz und im ÖPNV vielfachen Gefährdungen ausgesetzt, das war auch schon vor Corona so. Die Gesundheitswerte und so genannte Hazard-Indizes der Arbeitenden in einfachen Berufen waren schon immer schlechter und dürften nun noch deutlich schlechter sein, gerade bei den Menschen mit Migrationshintergrund. Über die Nord-Süd-Lasten-Verteilung der Länder sollten sich besser die Kolleginnen und Kollegen aus der Volkswirtschaft äußern.

 

(4) Weiter geht es mit einer Grundsatzfrage: Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Monika Eigenstetter: Ja und nein. Die kritischen Stimmen werden lauter, aber letztlich sind diese Stimmen immer noch Minderheit. Ich hoffe, dass diese Minderheit eine kritische Größe erreicht, um eine wirtschaftliche Transformation zu ermöglichen und die damit notwendigen Change-Prozesse in den Unternehmen. Umweltschädliche und ausbeuterische Produktionsprozesse müssen abgeschafft werden und viele Produkte müssen meiner Meinung nach teurer werden. Ich kann nicht erkennen, dass es ein Menschenrecht auf 5x Fleisch in der Woche, über 100 Kleidungsstücke im Kleiderschrank (von denen nur ca. 50% regelmäßig getragen werden) und Billigflüge gibt. Aber es gibt das Recht auf Gesundheit, Recht auf menschenwürdige Arbeit, Recht auf Zugang zu sauberem Wasser usw. Wenn Menschen gefragt werden, was Glück ausmacht, nennen die wenigsten „einen SUV in der Garage“, sondern antworten, Gesundheit, gute Freunde und sinnstiftende Beziehungen.

 

(5) Nun zur letzten Frage: Sehen Sie die Postwachstumsökonomie als eine Antwort auf die Corona- Krise oder vertrauen Sie auf die Vision eines ökologischen Wachstums als Weg aus der Krise?

Monika Eigenstetter: Diese Frage sollten besser wieder die Volkswirte beantworten. Ich weiß nur, dass dieser irrwitzige Wettbewerb mit einer ressourcenintensiven Überproduktion, die man dann wieder mittels einer großen Werbemaschinerie in immer kürzeren Zyklen an den Mann oder die Frau bringen möchte, uns ruinieren wird. Ökonomie lebt von dem, was „bezahlt“ wird. Wir können auch Wachstum erzeugen, wenn wir „Geschichten vorlesen“ bezahlen. Wenn die Nachfrage nach persönlichen Vorlesern steigt, können wir auch damit Wachstum erzeugen. Wenn Wachstum, dann brauchen wir ein „dematerialisiertes Wachstum“. Wenn wir höherwertige Produkte produzieren würden, z.B. höherwertige Garne und 20 Nähte mehr an einer Hose, und diese Leistung angemessen bezahlt würde, dann erhält auch die Näherin im Schwellenland genug. Und wir tragen die Hose dann drei Jahre anstelle von 1,5 Jahren und können weniger konsumieren. Wir sollten vielleicht insgesamt weniger arbeiten: 20 oder 30 Stunden als „neue Vollzeit“ erlaubt gleiche Lastenverteilungen innerhalb der Familien. Mal sehen, ob Industrie 4.0 und die weitere Digitalisierung dazu beitragen werden, oder ob alles nur weiter effizienter und billiger wird. Stichwort „Rebound“. Es ist nicht ausgemacht, dass Digitalisierung von Prozessen und Prozesses uns „nachhaltiger“ leben lässt. Eine der letzten Studien aus dem Wuppertal-Institut lässt mich stark daran zweifeln.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.
 

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