Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Prof. Dr. Susanne Hartard.

 

(1) Was machen Sie zurzeit beruflich? Welche Themen, mit denen Sie sich beschäftigen, sehen Sie besonders von der Pandemie betroffen?

Susanne Hartard:Meine Professur “Industrial Ecology” am Fachbereich Umweltwirtschaft/Umweltrecht des Umwelt-Campus Birkenfeld beschäftigt sich vor allem mit ressourcenwirtschaftlichen Fragen der Nachhaltigkeit mit Schwerpunkt auf der zirkulären Wirtschaft. Meine Lehre richtet sich an Studierende der Umwelt- und Betriebswirtschaft, aber auch Wirtschaftsingenieure und internationale Studierende der Studiengänge Sustainable Business and Technology, International Material Flow Management. Durch den Lockdown und die nahezu Einstellung sämtlicher Flugreisen konnte der Klimaschutzeffekt zur Einhaltung der Klimaziele 2020 beitragen, ohne diesen Sondereffekt wären diese bundesweit verfehlt worden. Meine persönliche Hoffnung ist ein verstärktes Bewusstsein der Bürger, aber auch der Unternehmer*innen durch die globale Krise. Eine der Kernfragen ist dabei, wie die Null-Emission in der Wirtschaft umgesetzt werden kann. Der Mensch erfährt diese Tage in Deutschland durch die Flutkatastrophe wieder schmerzlich, dass er Teil des Systems Erde ist. Nicht nur die Klimakrise ist in der globalen Gemeinschaft schnellstmöglich zu bewältigen, sondern auch die globale Flächennutzung und der Zugang und die Nutzung von Primär- und Sekundärressourcen. Die Pandemie hat Unternehmen dazu aufgefordert, die Chancen und Grenzen des Homeoffice auszuprobieren, persönlich sehe ich Chancen der stärkeren Flexibilisierung der Arbeit auch nach der Pandemie.

 

(2) Wie änderte sich in den Zeiten der Pandemie, Ihrer Einschätzung nach, die Bedeutung von Unternehmensverantwortung und CSR?

Susanne Hartard: Nachhaltiges Wirtschaften ist heute erfreulicherweise mehr oder weniger mainstream. Das hat sich seit den 1980er Jahren stark verändert. Allein die Anzahl der Aktivitäten im Bereich der Kreislaufwirtschaft von Verpackungen zeigt, dass Verbände und Unternehmen ihre Verantwortung ernst nehmen. Dennoch kann die Problematik des nach wie vor ungebrochen wachsenden Ressourcenkonsums nur auf der Basis eines globalen Dialogs, Beratung und Finanzierung von Transformationspfaden gelöst werden. Bei der Verantwortung der Wirtschaft für ein recyclinggerechtes Design und Kennzeichnung von Rohstoffen, reparierbaren Komponenten, d.h. einer Entwicklung der optimierten Kreislaufwirtschaft wird noch ein großer Handlungsbedarf gesehen.

 

(3) Wie hat die Pandemie aus Ihrer Sicht zu einer Verschiebung der gesellschaftlichen Priorisierung von Nachhaltigkeitsthemen beigetragen?

Susanne Hartard: Die Diskussionen um die globale Ausbreitung von Viren mit weltweiten dramatischen Folgen haben eine breite Debatte um die Erhaltung der Biodiversität, die Beschleunigung der Klimaschutzaktivitäten ausgelöst. Nachhaltigkeitsthemen haben kein Nischendasein mehr, sondern sind allgegenwärtig. Sich als Nachhaltigkeitspionier aufzustellen kann enorme wirtschaftliche Vorteile bringen, das haben Viele erkannt. Durch den Fachkräftemangel achten Unternehmen viel stärker auf ihre öffentliche Darstellung und haben ihr Engagement in einigen Bereichen erhöht. Dennoch gibt es nach wie vor unangenehme Themenbereiche wie die textile Lieferkette, die Konsumenten und Produzenten herausfordert, die gewohnten und billigen Pfade einer nicht nachhaltigen Lieferkette zu verlassen.

 

(4) Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Susanne Hartard: Die Corona-Krise ist sicherlich ein Katalysator dafür, dass die “Grenzen des Wachstums” eines wirtschaftenden Menschen im System Erde allgegenwärtiger sind, als zu der Zeit, wo Dennis Meadows seine Ergebnisse der Modellierung vorstellte. Dennoch besteht die große Gefahr nach Corona, wieder in die bewährten Muster eines physisch unbegrenzt wachsenden Marktes zurückzufallen. Es bedarf eines umfangreichen Dialogs und staatlicher Unterstützung aller Akteure, den Weg der Transformation einer Energie-, Rohstoff- und Mobilitätswende weiter zu gehen. Das Vorzeigemodell Deutschland ist richtig, kann aber nur auf Dauer bestehen, wenn auch der weltweite Dialog über das Umsteuern in der Ressourcenwirtschaft ausgebaut wird und neben den Klimavereinbarungen von Paris weitere globale Vereinbarungen folgen (Fläche, Recht auf Ressourcenzugang, Recyclinggerechtigkeit).

 

(5) Stichwort “The New Normal”: Welche aus der Pandemie entstandenen Potentiale sollten künftig beibehalten werden und was wünschen Sie sich aus der Zeit vor der Krise zurück?

Susanne Hartard: Bezüglich Mitarbeitermobilität und Dienstreisen haben wir im letzten Jahr positiv erfahren, wie intensiv in Webkonferenzen in Mitarbeiterteams und internationalen Gremien zusammenarbeitet werden kann. Es besteht die Hoffnung, dass hier die Flexibilisierung des Arbeitslebens weiter voranschreitet. Sie bietet hohe Nachhaltigkeitspotenziale, aber auch neue Freiheitsgrade für den Menschen, die im Kontext der Produktivität erkannt und genutzt werden sollten. Dennoch kann das interkulturelle Erlebnis eines akademischen Austausches, der persönlichen Begegnung, nicht eins-zu-eins durch digitale Medien ausgetauscht werden. Grundsätzlich sind offene Grenzen für den internationalen Austausch wichtig, auch wenn in einer Langfriststrategie im Umgang mit dem Virus einzelstaatliche Lösungen unterschiedlich ausfallen werden.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

 

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