Eine globale Pandemie stellt Unternehmen sowie die Gesamtwirtschaft momentan vor ungeahnte Herausforderungen und erschwert sowohl das Tagesgeschäft als auch eine strategische Planung. Uns interessiert dabei die folgende Fragestellung: Wie verändert sich in diesen Zeiten der Unsicherheit die Bedeutung von Verantwortung und CSR in Unternehmen? Zu diesem Thema haben wir “5 Fragen an…” Prof. Dr. Tobias Viere.

 

(1) Was machen Sie zurzeit beruflich? Welche Themen, mit denen Sie sich beschäftigen, sehen Sie besonders von der Pandemie betroffen?

Tobias Viere: Ich leite den Studiengang M.Sc. Life Cycle & Sustainability an der Hochschule Pforzheim, bin der Nachhaltigkeitsbeauftragte der Hochschule und forsche am Institut für Industrial Ecology zu Themen wie Circular Economy, Ökobilanzierung und Klimaneutralität. Der Austausch mit den Studierenden, in Forschungsprojekten und auf Fachtagungen leidet unter der kompletten Verlagerung ins Digitale; andererseits ist die Reduktion der dienstlichen Reisetätigkeiten ökologisch durchaus sinnvoll!

 

(2) Wie änderte sich in den Zeiten der Pandemie, Ihrer Einschätzung nach, die Bedeutung von Unternehmensverantwortung und CSR?

Tobias Viere: Schwer zu sagen. Hoffentlich stärkt die Pandemie die Einsicht, dass Unternehmen Verantwortung für die Gesellschaft haben, weil die Gesellschaft in Krisenzeiten auch Verantwortung für Unternehmen übernimmt (Soforthilfen des Staates, Kurzarbeitergeld usw.).

 

(3) Wie hat die Pandemie aus Ihrer Sicht zu einer Verschiebung der gesellschaftlichen Priorisierung von Nachhaltigkeitsthemen beigetragen?

Tobias Viere: Zumindest sind wir uns nun der Verletzlichkeit unserer Systeme stärker bewusst und wissen, dass nur entschiedenes Handeln und manchmal auch harte Maßnahmen wirklich helfen. Wenn wir mit der gleichen Logik die Klima- und Biodiversitätskrise angehen, kommen wir voran.

 

(4) Denken Sie, dass die Corona-Krise einen Anstoß zur Diskussion einer grundsätzlichen Neukonzeption der Art, wie wir zukünftig wirtschaften möchten, darstellt?

Tobias Viere: Aus meiner Sicht ist das eher ein weiterer Impuls, den Anstoß hat es schon früher gegeben. Die Notwendigkeit so zu wirtschaften, dass gesellschaftlicher Nutzen entsteht und die ökologische Tragfähigkeit unseres Planeten erhalten bzw. überhaupt erst wieder hergestellt wird, ist ja schon sehr lange offensichtlich und eigentlich sogar aus purem Eigeninteresse oder Selbsterhaltungstrieb heraus geboten. Und dennoch sind die Beharrungskräfte groß, vielleicht steigert die Pandemie zumindest den politischen Willen, notwendige Änderungen der Rahmenbedingungen schneller auf den Weg zu bringen.

 

(5) Stichwort “The New Normal”: Welche aus der Pandemie entstandenen Potentiale sollten künftig beibehalten werden und was wünschen Sie sich aus der Zeit vor der Krise zurück?

Tobias Viere: Der kritischere Umgang mit Dienstreisen und deren Notwendigkeit sowie der vermehrte Einsatz des Home Office sind nicht nur aus Umweltsicht Potentiale, die gerne weiter ausgebaut werden können. Ein großes Potential sehe ich in der gestiegenen Bedeutung von Wissenschaft. Die wissenschaftliche Beratung und die wissenschaftlichen Innovationen (Impfstoffe usw.) sind der Schlüssel zur erfolgreichen Krisenbekämpfung. In der Zeit vor der Pandemie waren wir längst in der globalen Umwelt- und Klimakrise. Das wir die Jahre nicht zurückbekommen, die dieser Krisenbekämpfung durch Nichtstun und “Weiter so” verloren gegangen sind, wünsche ich mir nun umso entschlosseneres Handeln und ein Primat der wissenschaftlichen Erkenntnisse und Empfehlungen.

 

Unternehmensverantwortung und CSR in der Krise – 5 Fragen an… ist eine Interviewreihe zum Thema Wirtschaftsethik in Krisenzeiten. Sie zeichnet sich besonders durch die Pluralität unserer Expert_innen aus. Die gesamte Reihe veröffentlichen wir fortlaufend im Dossier.

 

 

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