Dieser Artikel basiert auf einem gleichnamigen Vortrag, den ich zusammen mit meinem agora42-Mitstreiter Frank Augustin bei der Fachtagung des Instituts der Wirtschaftsprüfer gehalten haben. Wir schilderten dort, warum wir glauben, dass sich unsere Gesellschaft am Ende einer Epoche befindet – und damit auch am Beginn einer neuen.

Immer klarer tritt zutage, dass wir uns am Ende einer Epoche befinden. Einer Epoche, die getragen war von dem Glauben daran, dass durch technischen Fortschritt (mithin dem Fortschritt der Wissenschaften, der Vernunft) wirtschaftliches Wachstum geschaffen werden kann und dass dieses Wachstum zu steigendem materiellen Wohlstand wie auch zu einem insgesamt freieren, besseren Leben für alle führt. Stichworte: Vormarsch der Demokratien, Rechtsstaatlichkeit, freie Medien etc.

Inzwischen treten jedoch die Schattenseiten des technischen Fortschritts und des wirtschaftlichen Wachstums deutlich zutage (Stichworte: Erderwärmung, Umweltzerstörung, Ungleichverteilung, Zunahme psychischer Krankheiten). Zudem ist überhaupt nicht mehr so klar wie früher, was Wohlstand meint. Bedeutete er lange Zeit ein Mehr an materiellen Gütern (und gleichzeitig auch immer bessere Güter), so treten inzwischen andere Faktoren in den Vordergrund: beispielsweise mehr Zeit zu haben, weniger abhängig zu sein, saubere Luft, saubere Böden, sauberes Wasser etc.

So kann der erste Teil der Frage „Was ist die Krise und wer sind wir danach?“ ganz einfach beantwortet werden: Die Krise ist eine Orientierungskrise. Sie ist also nicht bloß eine Wirtschafts- oder Demokratiekrise, sondern eine Krise, die unser Weltbild betrifft. Dies wollen wir anhand von sieben Entwicklungen beziehungsweise Phänomenen illustrieren.

 

1. Die Vernunft ist selbst unvernünftig geworden

Unvergessen sind die berühmten Worte Immanuel Kants: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Im Zeitalter der Aufklärung glaubte man daran, durch Vernunft, durch rationales Denken die Welt systematisch verbessern zu können. Und tatsächlich haben sich die Menschen seitdem von Vorurteilen, überholten Vorstellungen und Ideologien befreit. Die neuen Leitbilder waren ein Zuwachs an persönlicher Handlungsfreiheit, Bildung, an Bürgerrechten, allgemeinen Menschenrechten, medizinischen und technischen Fortschritten etc. Schreckliche Erfahrungen wie vor allem die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts haben diesen Glauben erschüttert, aber nicht zu Fall gebracht. Im Gegenteil: Der Glaube an den Fortschritt boomte, man denke dabei insbesondere an die technischen Entwicklungen (Mondrakete oder Computer).

Wie sieht es heute aus?

  • Für politische Führer wie Trump, Erdogan oder Putin zählen „vernünftige Argumente“ nicht länger.
  • Fakten sind keine Fakten mehr. Der Glaube an so etwas wie Objektivität geht verloren. Selbst in den Wissenschaften gilt inzwischen: Zu jeder „gut belegten“ These gibt es eine entsprechend gut belegte Gegenthese, zu jeder Studie, die dieses oder jenes „beweist“, findet man eine, die das Gegenteil „beweist“ (Stichworte: postfaktisches Zeitalter, alternative Fakten).
  • Die Überhöhung der Ratio hat zu einer extrem reduzierten Sicht auf die Welt geführt, viele Probleme erst verursacht und Erfüllung und Sinn zugunsten der Erreichung irgendwelcher Key-Performance-Indikatoren aus dem Leben gedrängt.

 

Dabei ist die Vernunftkrise nicht plötzlich über uns gekommen, viele Denker haben bereits vor den Konsequenzen der Herrschaft der Rationalität gewarnt. Da die Rationalität nur das gelten lässt, was mittels der rationalen Logik (der Kausalmechanik des Wenn-Dann) erklärt werden kann, muss sie entweder die Welt in dieses starre Korsett pressen oder sie muss wichtige Bereiche des menschlichen Zusammenlebens ausblenden. Wenn man jedoch alles ausblendet, was man nicht mit dieser Logik fassen kann – wie Solidarität, Gerechtigkeit, Würde, Sinn etc. -, bringt jede noch so gute Argumentation nichts, da sich rein rational oft auch das Gegenteil begründen lässt. Dann kann man mittels vernünftiger Argumentationen alles Mögliche begründen, weil jegliche normative Wertung fehlt. Dementsprechend zeigt sich die Vernunftkrise besonders deutlich, wenn es immer schwerer fällt, Entscheidungen zu treffen. Soll eine Bank verstaatlicht werden oder nicht? Soll der europäische Leitzins gesenkt oder angehoben werden? Soll die Autoindustrie subventioniert werden oder nicht? Soll man sparen oder noch mehr Schulden machen? – Es finden sich viele „vernünftige“ Argumente, sowohl dafür als auch dagegen. Zu viele, um sagen zu können, welche Entscheidung denn nun die richtige wäre. Wie soll man entscheiden können, wenn jeder die Vernunft für sich gepachtet zu haben scheint?

 

2. Fortschritt, der zugleich Rückschritt ist

Man kann nicht bestreiten, dass der technische Fortschritt dafür gesorgt hat, dass es uns in vielerlei Hinsicht besser geht, dass Lösungen für Probleme gefunden wurden, die unlösbar schienen und man nicht mehr auf das Wohlwollen der Götter vertrauen muss. Insofern verwundert es nicht, dass es viele Menschen gibt, die glauben, dass Technik prinzipiell die Lösung für alle Probleme bietet und man auch mittels der Technik der zunehmenden Komplexität Herr werden kann. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der angestrebten Vernetzung aller Lebensbereiche (Stichwort: Industrie 4.0): Man glaubt, dass Algorithmen alles wesentlich effizienter steuern können als der Mensch beziehungsweise eine Komplexität beherrschen können, die der Mensch schon lange nicht mehr durchschaut.

Dabei vergisst man nur allzu gerne, dass der technische Fortschritt selbst Grund für viele dieser Probleme ist und auch die Komplexität in vielen Bereichen auf den technischen Fortschritt zurückzuführen ist. Die prominentesten Beispiele für diese Probleme sind wohl die Atomenergie, deren radioaktive und finanzielle Altlasten uns noch lange Zeit vor Probleme stellen werden, sowie die Neuen Medien, mit denen inzwischen weniger Arbeitserleichterung, sondern vielmehr Stress verbunden wird (Stichworte: dauernde Erreichbarkeit, Ausweitung der Arbeit auf den privaten Bereich, Überwachung etc.).

Hinsichtlich der Komplexität ist exemplarisch die Vernetzung der Strom- und Kommunikationsnetze zu nennen, deren Risiken Marc Elsberg in dem Roman Blackout eindrücklich beschrieben hat.

Doch der Fortschritt muss weitergehen – um jeden Preis. So lautet das moderne Zauberwort: Daten! Denn die Daten seien das Öl einer neuen industriellen Revolution. Es ist also nur konsequent, wenn kürzlich auf einem Wahlplakat zu lesen war:

Digital first
Bedenken second

So fangen wir an zu vernetzen und zu algorithmisieren, was das Zeug hält. Irgendwann sollen dann die Maschinen alle Aufgaben erledigen, die wir gerne abgeben wollen.

Allerdings: Was wird passieren, wenn wir tatsächlich bedenkenlos alles der Digitalität überantworten? Ich möchte ein besonders drastisches Beispiel anführen: Mitte August 2017 haben sich Elon Musk und der Mitgründer von Google DeepMind Mustafa Suleyman sowie 114 weitere Experten auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz mit einem offenen Brief an die UNO gewandt. Sie fordern ein Verbot von Killer-Robotern, sogenannten autonomen Waffen. Konkret geht es dabei um Kampf-Drohnen, autonome Panzer und automatisierte Maschinengewehre, die allesamt von künstlicher Intelligenz gesteuert werden, also um bewaffnete Roboter, die selbstständig Ziele auswählen und angreifen können. In dem Brief heißt es: „Uns bleibt nicht viel Zeit um zu Handeln. Ist diese Box der Pandora erst mal offen, wird es schwer werden, diese wieder zu schließen.“ Laut Roger Carr, dem Aufsichtsratsvorsitzenden des britischen Rüstungskonzerns BAE, arbeiten bereits 40 Nationen an derartigen „Killer-Robotern“. Das gab Carr im Rahmen einer Diskussion auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos bekannt. Welche Folgerungen man aus diesem Beispiel zieht, sei jedem selbst überlassen …

 

3. Das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen

Das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen, ist nicht das Ende der Arbeit. Aber es spricht einiges dafür, dass künftig viel Arbeit wegfällt und die Bedeutung der Arbeit sich grundlegend wandelt. Natürlich spielen auch hier wieder die Digitalisierung und die Automatisierung eine zentrale Rolle. Häufig heißt es ja: Wie bei den bisherigen industriellen Revolutionen werden zwar Arbeitsplätze verschwinden, dafür aber auch neue und eventuell sogar mehr entstehen. Allerdings gehen viele Studien davon aus, dass es dieses Mal nicht so sein wird. Vielmehr seien etwa die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze von der Digitalisierung und ihren Folgen bedroht. Dies ist gemäß dem Frankfurter Ökonomen Bertram Schefold unter anderem darauf zurückzuführen, dass heutige Technologien keine neuen Industrien entstehen lassen, mit denen die Schaffung vieler neuer Arbeitsplätze verbunden ist. Frühere Innovationen wie die Erfindung des Autos hätten enorme Sekundäreffekte ausgelöst: Es mussten Straßen gebaut werden, Parkhäuser oder Tankstellen. Reparaturbetriebe entstanden und Automechaniker hatten ihr Auskommen. Das sei zum Beispiel beim Smartphone nicht der Fall. Im Gegenteil: Es mache sogar eine Vielzahl überkommener Geräte überflüssig, vom Fotoapparat bis zur Taschenlampe. Gleichzeitig wird das Smartphone in hochautomatisierten Fabriken gefertigt, sodass auch in der Produktion immer mehr Jobs wegfallen werden.

Aber auch die neu geschaffenen Jobs stehen in permanenter Konkurrenz mit einer sich rasend schnell entwickelten künstlichen Intelligenz – zahlreiche Studien prognostizieren, dass beispielsweise in wenigen Jahren 90 Prozent des weltweiten Börsenhandels von Algorithmen getätigt wird. Wie viele Arbeitsplätze auch immer betroffen sein werden, in jedem Fall muss man sich überlegen, woher der Staat sein Geld bekommt, wenn ein großer Teil der Einnahmen (Lohnsteuer) wegfallen werden.

Doch damit nicht genug: Auch jenen, die Arbeit haben, kann sie immer seltener einen Halt im Leben geben. Dies wird beispielsweise durch eine steigende Zahl von Krankheitstagen deutlich, die auf psychischen Stress am Arbeitsplatz zurückzuführen sind (psychische Erkrankungen stehen längst an zweiter Stelle bei den Fehlzeiten). Diese Zahlen bringen eine Paradoxie zum Ausdruck, die der modernen Arbeit innewohnt: So ist die moderne Arbeit immer mehr zum Zentrum unserer Identität und des Selbstwertgefühls geworden und wir versprechen uns Erfüllung durch sie. Zugleich aber entleert uns die Arbeit (Stichwort: Burn-out) und wir brauchen die Freizeit, um unsere Akkus durch Entspannung oder Abwechslung wieder aufzufüllen. Doch auch die Erholung kann uns keinen Sinn und keine Erfüllung bieten, sie ist bloß die andere Seite der Arbeitsmedaille. So erleben wir uns als zunehmend entwurzelt, als auswechselbares Rädchen in einer großen Maschine. Damit wird der gesellschaftliche Zusammenhalt insgesamt gefährdet.

 

4. Entfesselte Finanzwirtschaft

Seit der Liberalisierung der Finanzmärkte, also beginnend in den 1980er Jahren, haben verschiedene Entwicklungen dazu geführt, dass es heute einen Anlagenotstand gibt. Sprich: Es gibt zu wenig Anlagemöglichkeiten für die enorme Geldmenge, die global marodiert. Dies hat dazu geführt, dass nicht nur die Renditen vieler Staatsanleihen auf historisch niedrigem Niveau liegen, sondern es gleichzeitig zu einer Inflation der Vermögenspreise gekommen ist, wie man an den Immobilienpreisen und den Aktienmärkten ablesen kann. Auch wenn diese Inflation zuletzt auf die Niedrigzinspolitik der EZB und anderer Notenbanken zurückzuführen ist, so hat sich doch schon seit den 1980er Jahren eine Superblase – wie es der Hedgefonds-Manager George Soros nennt – aufgepumpt, die nach wie vor zum Zerreißen gespannt ist.

Mit dieser Superblase meint er das Verhältnis des Finanzvermögens zur Wirtschaftsleistung. Dieses lag Anfang der 1980er Jahre noch bei ca. 1,2 zu 1, im Jahr 2015 hingegen bei ca. 3,7 zu 1 – Derivate nicht mitgerechnet. Würde man diese mitrechen, läge das Verhältnis 2015 bei ca. 10,5 zu 1.

Warum ist das relevant? Nun, der wahre Wert eines Vermögens bemisst sich danach, wie viel Rendite es jährlich abwirft. Die Rendite setzt sich beispielsweise bei Aktien aus der jährlichen Dividende und der Wertsteigerung der Aktie zusammen.

Was aber, wenn immer mehr Finanzvermögen Anspruch auf Dividenden aus realwirtschaftlichen Tätigkeiten erhebt und die Realwirtschaft nicht im gleichen Tempo wächst wie die Finanzvermögen? Richtig, man fängt an zu spekulieren: darauf, dass die Wertsteigerung des Vermögenstitels (Aktien, Immobilien, Kryptowährung) weiter anhält. Oder aber man erfindet ganz neue Ertragsquellen. Letzteres lässt sich an der Bilanz der Deutschen Bank hervorragend nachvollziehen: Der größte Posten im Jahr 2016 entfällt auf Derivate, ca. 540 Milliarden Euro (ca. 33 Prozent der Bilanzsumme), der zweitgrößte Posten sind Darlehen an andere Kreditinstitute (rund 25 Prozent). Bei dem ersten Posten handelt es sich letztlich um pure Spekulation, und auch die Darlehen an andere Kreditinstitute stellen keine Investition in die Realwirtschaft dar. Dementgegen entfallen auf Kredite an Häuslebauer oder Unternehmer nur ca. zehn Prozent der Gesamtsumme. Die Bilanz der Deutschen Bank steht also symptomatisch für die Superblase, von der George Soros sprach.

Da die Finanzverwalter jedoch nicht dumm sind, haben sie sich alternativ zur Spekulationsstrategie noch etwas anderes überlegt, um ihre Renditeerwartungen befriedigen zu können: Sie steigen zunehmend in die Realwirtschaft ein, die in diesem Zuge ausschließlich nach der Profitmaximierung ausgerichtet wird. Ein Beispiel: 2012 gründete der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock die Firma Invitation Homes und kaufte im großen Stil Immobilien in den USA. Heute, knapp fünf Jahre später, gehört Invitation Homes bereits zu den größten Immobilienbesitzern der USA.

Wir sehen also nicht nur die Gefahr, dass die Blase bei den Vermögenspreisen irgendwann wieder platzt, weil diese die Renditeversprechungen nicht erfüllen kann, sondern auch die Gefahr, dass die Realwirtschaft beziehungsweise sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens einzig der Logik der Finanzwirtschaft untergeordnet wird, die bekanntlich lautet: Profitmaximierung.

 

5. Erderwärmung und Umweltzerstörung

Kommen wir zur Erderwärmung – oder, wie Donald Trump es nennt: zu den Wetterextremen. Auf dem Klimagipfel in Paris 2015 wurde beschlossen, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Da die globale Erwärmung seit Beginn der Industrialisierung etwa 1,2 Grad Celsius beträgt, verbleiben noch 0,8 Grad, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Dafür müssten die weltweiten Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent sinken, in den Industrieländern um 80 bis 95 Prozent (jeweils gegenüber dem Stand von 1990).

Was aber tun wir? Wir machen weiter. Die Firma BP geht davon aus, dass die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2035 weltweit um 29 Prozent zunehmen. Das hat zur Folge, dass ausgerechnet die Regionen, in denen die Bevölkerung weiterhin am stärksten wachsen wird, am stärksten von diesen Folgen betroffen sein werden. Das bedeutet: In einer Generation werden die Flüchtlingsströme nicht mehr zu lenken sein. Der Globalisierungsexperte Franz-Josef Radermacher geht von rund 200 Millionen Klimaflüchtlingen im Jahr 2050 aus.

Und die Umweltzerstörung? Auch hierzu nur einige Stichworte, denn das meiste dürfte bekannt sein:

  • Weltweit gehen jährlich etwa zehn Millionen Hektar Ackerfläche verloren – eine Fläche von rund 14 Millionen Fußballfeldern. Ein Viertel der globalen Bodenfläche enthält heute schon deutlich weniger Humus und Nährstoffe als vor 25 Jahren oder lässt sich gar nicht mehr als Ackerland nutzen.
  • Trinkwasser wird immer knapper, viel zu viel Wasser wird für die Landwirtschaft benötigt.
  • Müll, Atommüll, Giftmüll – ein riesiges Problem, mit dem man locker eine ganze agora42 füllen könnte. Wohin damit? Den Müll verbrennen? Dadurch wird die Luft verschmutzt und es entstehen gefährliche neue chemische Verbindungen in den Filteranlagen. Den Müll vergraben? Ins Meer werfen?
  • Bienen verhelfen uns zu mehr als einem Viertel der weltweit benötigten Lebensmittel. Ihr Wertschöpfungsanteil liegt bei etwa 200 Milliarden Dollar. Leben und Gesundheit von Millionen Menschen hängen davon ab, dass die Bienen ihre Arbeit machen. Doch leider nimmt die weltweite Population dramatisch ab.

Summa summarum und kurz gesagt: Klimawandel und Umweltzerstörung bergen Katastrophenpotenzial.

 

6. Wüsten und blühende Landschaften.

Oder: Viel zu wenig und viel zu viel von allem

Der World Food Report der UNO besagt, dass die Weltlandwirtschaft heute fast zwölf Milliarden Menschen, also fast das Doppelte der Weltbevölkerung, ernähren könnte. Dennoch hungern weltweit viele Menschen, was nicht zuletzt daran liegt, dass 28 Prozent des weltweit genutzten Ackerlandes genutzt wird, um Nahrungsmittel zu produzieren, die auf dem Müll landen (Studie UNO). Ein großer Teil der potenziellen Menschennahrung wird überdies von Tieren verspeist (Stichwort: Massentierhaltung).

Aber nicht nur Essen wird für die Müllhalde produziert, die Konsumenten kaufen generell viel mehr, als sie brauchen: Der Durchschnittsdeutsche kauft pro Jahr fünf Paar Schuhe, wechselt ca. alle 18 Monate sein Handy, 40 Prozent der Kleidungsstücke in den Kleiderschränken werden nie getragen – und dennoch werden jedes Jahr mehr Textilien produziert und verkauft als im Jahr zuvor. Wenn soviel produziert und sogar gekauft wird, müsste dann nicht jeder einen Job haben, von dem er oder sie leben kann? Nun, man muss nicht ausführen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Reich wird an Schuhen und Klamotten beispielsweise Amancio Ortega (Privatvermögen: 63,7 Milliarden Euro) – nicht diejenigen, die für ihn und sein Unternehmen ZARA Kleidung und Schuhe produzieren.

Diese Tatsache hat dazu geführt, dass die Ungleichheit immer mehr zunimmt, was OXFAM jedes Jahr in seinen Studien zur Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen anprangert. Übertragen wir die OXFAM-Zahlen auf ein Spiel, das Sie alle kennen: Monopoly. Angenommen, es gäbe zehn Mitspieler, dann sähe die Spielsituation wie folgt aus: Einem Spieler würden 90 Prozent aller Straßen, Häuser und Hotels gehören, vier weitere würden die restlichen zehn Prozent unter sich aufteilen – und die verbliebenen fünf Spieler besäßen nichts. Dann wäre nur verständlich, wenn zumindest die fünf mittellosen Mitspieler bei diesem Spiel nicht mitspielen wollen. Zumal die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen überdies

  • eine Ungleichverteilung von Chancen bedeutet,
  • mit einer Ungleichverteilung hinsichtlich des Zugang zu Netzwerken verbunden ist,
  • die Möglichkeit beziehungsweise Unmöglichkeit impliziert, auf die Gesetzgebung Einfluss zu nehmen und sich rechtlichen Beistand zu sichern.

Dumm nur, wenn es ums Überleben geht und das Nicht-Mitspielen keine Option ist …

 

7. Wem vertrauen?

Vertrauen ist das unsichtbare Band, das die Gesellschaft zusammenhält. Ist das Vertrauen weg, bedarf es immer komplizierterer Vertragswerke, umfangreicher Compliance Kataloge, dann wird überall die Forderung nach Transparenz laut.

Wo stehen wir heute? Das Vertrauen der Menschen in die politischen und gesellschaftlichen Institutionen erodiert. Politikern, Managern, Nichtregierungsorganisationen und auch den Medien wird immer weniger vertraut. Die Mehrheit der Menschen, insbesondere die 85 Prozent weniger wohlhabenden Menschen, glaubt inzwischen, dass das „System“ nicht mehr funktioniert. Diese Einschätzung basiert nicht auf irgendeiner Studie mit schmaler Datenbasis, sondern auf dem „Edelman Trust Barometer“, einer Umfrage unter mehr als 32.000 Menschen in 28 Ländern der Welt, die zwischen Mitte Oktober und Mitte November 2016 durchgeführt wurde.

Kann man da noch von Vertrauen sprechen? Ein Schelm, der nun fragen würde, ob es vor diesem Hintergrund ein Wunder ist, dass die Geheimdienste weltweit immer mehr Menschen ausspionieren – mit Wissen und Genehmigung der Regierungen und in Kooperationen mit privaten Sicherheitsunternehmen? Zeigt dies nicht deutlich, wie es um das Vertrauen der Eliten in die Massen bestellt ist? Galt lange Zeit der Grundsatz der Unschuldsvermutung, so wird dieser Grundsatz systematisch ins Gegenteil verkehrt: Verdächtig ist unter dem Vorwand des „Terrorverdachts“ prinzipiell jeder.

Wie sieht es in der Wirtschaft aus? Wie steht es um das Vertrauen in den Arbeitgeber? Einer Untersuchung der Unternehmensberatung Ernst & Young zufolge vertrauen nur 44 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland ihrem Unternehmen und nur 47 Prozent ihrem Chef. Die Folge: Die Mitarbeiter ziehen sich in die innere Emigration zurück – sie machen Dienst nach Vorschrift und hören auf, sich mit Ideen und besonderer Leistungsbereitschaft in das Unternehmen einzubringen. Entscheidender aber ist – wie der Soziologe Heinz Bude es charakterisiert – der Übergang vom Kapitalismus zum Finanzkapitalismus. Dies ist deswegen von herausragender Bedeutung, weil im Finanzkapitalismus nicht mehr der Unternehmer die Leitfigur der Gesellschaft ist, sondern der Geldvermögensbesitzer. Im Gegensatz zum Unternehmer, der mit Menschen und Dingen zu tun hat und zu dem insofern zumindest ein Grundvertrauen besteht, vertraut man dem Geldvermögensbesitzer nicht mehr, weil er nur an der (abstrakten) Mehrung des Geldes interessiert ist. Entsprechend muss sich auch die Wirtschaft vor diesem Hintergrund Sorgen machen, dass ihr in der Zukunft der gesellschaftliche Konsens entzogen wird, auf deren Basis sie Geschäfte macht.

Die zuvor geschilderten sieben Entwicklungen/Phänomene sind keineswegs neu. Aber im Alltag verliert man sie leicht aus dem Blick. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sie – nimmt man sie alle zusammen – das Ende der Welt bedeuten, wie wir sie kennen.

Doch das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist nicht das Ende der Welt. Eine neue Welt wird zwangsläufig an ihre Stelle treten. Mit dem Verblassen der alten Gesetzmäßigkeiten und Gewissheiten werden neue in Erscheinung treten. Die Zukunft muss erst noch zeigen, welchem Menschen- und Weltbild wir folgen wollen. So ist der zweite Teil der Titelfrage – „Wer sind wir danach?“ – rein spekulativer Natur. Und so sind auch folgende drei Szenarien pure Spekulationen, denn erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt.

 

Szenario 1: Es geht alles weiter wie bisher

Die zuvor beschriebenen Entwicklungen sind bekannt. Zahlreiche Experten haben in Studien, Konferenzen und öffentlichen Aufrufen auf die Gefahren hingewiesen, die mit ihnen jeweils verbunden sind. Allein, ein entschlossenes Umlenken beziehungsweise eine Politik, die diesen Entwicklungen Rechnung trägt, ist nirgendwo zu beobachten. Insofern ist die plausibelste aller Annahmen die, dass es weitergeht wie bisher.

Was bedeutet das konkret? In nicht all zu ferner Zukunft wird die erste Bombe platzen (siehe Punkte 1 bis 7), die dann eine Kettenreaktion auslösen wird (Dominoeffekt). Globale Lieferketten werden zusammenbrechen. Arbeitslosigkeit wird zur Normalität – genau wie Naturkatastrophen und gewaltige Flüchtlingsströme. Versicherungen gehen pleite. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft zerfällt. Bürgerkriege und Kriege zwischen Staaten brechen aus.

 

Szenario 2: Erlösung durch die Matrix oder: Gegen die menschliche Unvernunft!

Der Digitalisierung wird oft eine „game-changing“ Fähigkeit zugeschrieben. Nehmen wir die Digitalisierung also ernst und gestehen ihr zu, den Lauf der Dinge ändern zu können. Es wäre also durchaus vorstellbar, dass wir den Algorithmen die Macht übertragen, damit sie dafür sorgen, dass wir nicht über unsere Verhältnisse leben, dass die Erderwärmung die Grenze von zwei Grad Celsius nicht übersteigt, dass soziale Missstände behoben werden. Kurz: Die Algorithmen werden dafür sorgen, dass alles vernünftig zugeht, dass Ruhe und Sicherheit herrschen und wir Aussicht auf eine halbwegs humane Zukunft haben.

Das bedeutet jedoch auch, dass wir einen Teil unserer Selbstbestimmung abgeben müssen, dass viele Freiheiten wegfallen. Aber letztlich wäre das nur konsequent – sofern wir nicht begreifen, dass mit Freiheit auch immer Verantwortung verbunden ist.

 

Szenario 3: Eine gemeinsame Zukunft

Die beiden geschilderten Szenarien erscheinen aus heutiger Sicht plausibel. Aber will man psychisch gesund bleiben und nicht zum Zyniker werden, sollte unser Zukunftsentwurf anders aussehen. Bei aller Schelte des Ökonomischen hilft ein ökonomischer Blick auf die Situation, also eine Analyse des Angebots und der Nachfrage, um zu erkennen, dass eine ganz andere Zukunft möglich ist. Diese Analyse offenbart eine riesige, bisher nicht einmal in den Ansätzen befriedigte Nachfrage nach Sinn. Klar, wenn die plausibelste Annahme die kollektive Katastrophe ist, welchen Sinn soll man dem eigenen Leben dann schon geben können? Zwar mag man meinen, dass dieser Nachfrage bereits einiges an Sinn-Angeboten gegenübersteht – man denke nur an das Konzept des grünen Wachstums, an ein Erstarken der Zivilgesellschaft, an esoterische Möglichkeiten der Selbsterfahrung. Aber all diese Angebote sind gewissermaßen zahnlose Tiger, weil sie suggerieren, dass es prinzipiell so weitergehen könne wie bisher. Dies ist erstaunlich, denn wie in Szenario 1 gesagt: Das „Weiter so“ ist keine Option. Was dann?

Aus der Trauerarbeit ist bekannt, welche Phasen Patienten durchmachen, deren Krankheit unausweichlich zum Tode führt: Wut, Leugnen, Feilschen, Depression und schließlich Akzeptanz. Akzeptieren wir also, dass das Weltbild, das uns jahrzehntelang Orientierung gegeben hat, uns diese nicht mehr bieten kann. Anstatt am Alten festzuhalten, sollten wir sehen, dass wir materielle Wohlstandsverluste durch eine höhere Qualität des Zusammenlebens überkompensieren können: mehr Zeit, mehr Ruhe, Freundschaft, Arbeit am Menschen, gemeinsame Organisation des Zusammenlebens etc. Erkennen wir, dass wir die neue Welt nur gemeinsam erschaffen können. Konzepte, was getan werden müsste und könnte, gibt es zuhauf. Diese beinhalten beispielsweise eine Besteuerung des Naturverbrauchs, die Harmonisierung der Steuern und Sozialstandards (zumindest in der EU), die Nutzung von Wasser, Saatgut, Computercodes und vielem mehr als Commons, eine Revolution der Bildungs- und Ausbildungssysteme, die Regulierung der Finanzmärkte und die Wiederentdeckung dessen, was in der Antike unter dem Konzept der Vita activa verstanden wurde: also die Wiederentdeckung des tätigen Lebens im Sinne der politischen Gestaltung unserer Lebenspraxis mit dem Ziel, ein gutes Leben zu führen.

Manches davon mag noch fern oder abstrakt erscheinen. Aber sobald man beginnt, sich für die Umsetzung solcher Konzepte zu engagieren, die über einen selbst hinausweisen, wird sich der Sinn, die Erfüllung im Leben automatisch einstellen.

Die letzte Frage mag nun lauten: Woher rührt die Hoffnung, dass das klappen kann? Und ich verrate Ihnen gerne, dass sich diese Hoffnung letztlich aus der sehr persönlichen Erfahrung des agora42-Projektes speist. Die agora42 ist nur möglich, weil sie von Menschen getragen wird, die der Ansporn eint, etwas zu schaffen, was über einen selbst hinausweist und so eine Ahnung von einer anderen Welt vermittelt – einer Welt jenseits der Krise.

 

HINWEIS:
Der Beitrag ist entstammt der aktuellen Ausgabe der agora42 1/2018 mit dem Thema WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH. Darin u. a.: Niko Paech: Wohlstand im Widerspruch, Dieter Schnaas: Spekulation im Widerspruch, Tanja Will: Alles ist Widerspruch – Die Vernunft in der Sackgasse, Ernst Ulrich von Weizäcker (Club of Rome) im Interview: Wachstum im Widerspruch – Oder: Schaffen, was die Welt noch nie gesehen hat. agora42 ist Medienpartner des forum-Wirtschaftsethik. www.agora42.de

 

Der Autor

Wolfram Bernhardt

Wolfram Bernhardt studierte BWL mit dem Fokus auf Finanzmärkte und Unternehmensfinanzierung. Im Anschluss arbeitete er drei Jahre als Berater im Bereich Corporate Finance. Er ist Mitgründer und seit 2011 Geschäftsführer der agora42.

 

 

Vom Autor empfohlen:

SACH-/FACHBUCH:

Wolf Dieter Enkelmann/Daniel Kratz (Hg.): Denken handelt. Philosophie für Manager (Metropolis-Verlag, 2017)

Matthias Bröckers/Sven Böttcher: Die ganze Wahrheit über alles. Wie wir unsere Zukunft doch noch retten können (Westend Verlag, 2016)

 

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