Rezension zu: Wieland Achenbach, Veronika Kneip: Wirtschaftsethik für Dummies. Wiley 2018.

 

Eine Einführung in die Wirtschaftsethik, die den Anspruch hat, dass ihre Leserinnen und Leser mit höherer Wahrscheinlichkeit die nächste Prüfung an der Universität bestehen (S. 21; 29), steht vor der Herausforderung neben der Theorie auch „realitätsnah, spannend und nicht belehrend oder moralisierend [zu] vermitteln“ (S. 22). Während es den Autoren durchaus gelingt Begeisterung für das Fach zu wecken, vergessen sie häufig, dass es sich in der Wirtschaftsethik nicht um subjektive „Meinungen“ (siehe S. 22; 23), sondern um eine Wissenschaft handelt. Den Bezug auf und die Erklärung von verschiedenen (insbesondere deutschsprachigen) Theorien der Wirtschafts- und Unternehmensethik sucht man in „Wirtschaftsethik für Dummies“ daher leider vergeblich. An den meisten Universitäten in Deutschland könnten die Studierenden das Fach jedoch nicht bestehen, ohne sich intensiv mit der Ökonomischen Ethik von Homann oder der Integrativen Wirtschaftsethik von Ulrich auseinander gesetzt zu haben. Zusammengefasst würde ich das Buch daher nicht als Klausurlektüre, sondern nur als interessante Einführung mit aktuellen Beispielen (sehr schön z. B. auf S. 71; 155; 156; 182; 184) empfehlen.

 

Nach dieser kurzen Zusammenfassung möchte ich im Folgenden sowohl einige negative als auch positive Beispiele nennen, die exemplarisch meine oben genannte Position begründen sollen.

Es ist zum Beispiel positiv hervorzuheben, dass die Autoren auch auf Themen eingehen, die häufig im Unterricht nur am Rande erwähnt werden: zum Beispiel der Teil II zum Thema soziale Marktwirtschaft und ihre Institutionen (siehe insbesondere die weiteren Akteure auf S. 154-161). Leider wird in vielen Seminaren und Vorlesungen zur Wirtschaftsethik das eigene System (in Deutschland) mit seinen Vor- und Nachteilen vernachlässigt. Es kann eine wichtige Lektion über den Unterricht hinaus sein; welche Rolle zum Beispiel die Gewerkschaften, die Kirchen oder auch die Sozial- und Wohlfahrtsverbände spielen. Das Buch „Wirtschaftsethik für Dummies“ gibt hier einen schönen Überblick und zeigt, dass wir mit Hilfe einer Vielzahl an Akteuren in Deutschland ein System der Kontrolle, aber auch des Vertrauens aufgebaut haben.

Eine besonders spannende und auch aktuelle Debatte in der Wirtschaftsethik ist die Frage nach den Grenzen des Marktes. Es ist erfreulich, dass die Autoren dieser Debatte (S. 168), unter anderem geführt von Michael Sandel, ein kurzes Kapitel widmen. Allerdings werden andere Positionen, unter anderem von Elisabeth Anderson, Jason Brennan und Peter Jaworski nicht dargestellt. Dafür werden zwei besonders drastische Beispiele zur Illustration genannt: Dazu gehört das Angebot von Hilfsorganisationen an drogenabhängige Frauen, sich gegen Bargeld sterilisieren zu lassen, und die Verteilung von Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen der Terroranschläge vom 11. September.

Die Kapitel „Ethik als Geschäftsmodell“ (Kapitel 13) und der „Einfluss der Stakeholder“ (Kapitel 14) sind mit Sicherheit gerade für Studierende der Wirtschaftswissenschaften von großer Bedeutung. Man verlässt bei dieser Thematik zwar häufig den Bereich der „klassischerweise“ als Wirtschaftsethik bezeichnet wird, aber dennoch zeigt sich hier ein Zugewinn: Die Lebensrealität als Manager und auch als Kunde werden herausgestellt. Auch das letzte Kapitel mit „zehn Fällen der realen Wirtschafts- und Unternehmensethik“ verdeutlicht noch einmal die Relevanz und Aktualität des Themas. Allerdings haben die Autoren an dieser Stelle versäumt, Fragen zu den Fallstudien zu stellen. Es wäre eine schöne Möglichkeit gewesen, das Gelernte noch einmal anzuwenden und zu wiederholen.

 

Nach diesen positiven Aspekten möchte ich nun auch einige besonders kritische Abschnitte des Buches hervorheben.

So fehlt es in dem Einführungskapitel des Buches „Wirtschaftsethik für Dummies“ an einigen Grundlagen, die später zwar aufgearbeitet werden, aber zu Beginn bereits nützlich gewesen wären. So wird beispielsweise zu Beginn versäumt zu zeigen, dass sich unter dem Überbegriff der „Wirtschaftsethik“  neben normativen Theorien auch deskriptive, das heißt mit quantitativen und qualitativen Methoden ermittelte Erkenntnisse stecken (z.B. in der Corporate Sociale Responsibility Forschung oder mit einem verhaltenswissenschaftlichen Zugang). In Teil IV „Unternehmensverantwortung als Freiwillige Selbstverpflichtung“ gehen die Autoren dann zwar auf diese deskriptiven Aspekte ein, es fehlt jedoch an einer grundsätzlichen Klassifizierung. Auch die Unterscheidung zwischen Wirtschafts- und Unternehmensethik fehlt in diesem ersten Kapitel. Das Spannungsverhältnis zwischen Recht und Ethik wird beispielsweise erst im achten Kapitel (S. 183) angesprochen. Dabei wäre es bereits zu Beginn gerade für „Nicht-Philosophen“ wichtig zu verstehen, dass Ethik und Recht nicht dasselbe sind (z. B. möglicherweise missverständlich auf S. 65). Auch in anderen Kapiteln scheint die theoretische Fundierung eher dünn: Der Utilitarismus wird beispielsweise auf einer Seite erklärt (S. 71). Es fehlen allerdings wichtige Unterscheidungen (z. B. Regel- vs. Handlungsutilitarismus) und Konzepte, die zum Verständnis beitragen (z. B. des abnehmenden Grenznutzens). Auf derselben Seite wird zudem noch John Rawls und seine Theorie der Gerechtigkeit als Gegensatz vorgestellt – allerdings nicht unter einer neuen Überschrift, sondern subsumiert unter dem Titel „Die teleologische Herangehensweise„. Für das Verständnis der Studierenden ist das nicht zuträglich.

Diese zum Teil verwirrende Struktur zeigt sich manchmal auch in einzelnen Unterkapiteln. Kapitel zwei enthält beispielsweise die Unterüberschrift „Egoisten und Gutmenschen“ (S. 45). Das ist natürlich ein brandaktuelles und auch spannendes Thema – wie bewertet die Wirtschaftsethik „fahrradfahrende Veganer“ oder „naive Flüchtlingshelfer/innen“, die heutzutage häufig pauschal zur Gruppe der Gutmenschen gezählt werden?

Tatsächlich ist der Inhalt des entsprechenden Abschnitts jedoch ernüchternd. Das Wort Gutmensch fällt kein einziges Mal. Es taucht auch erst einige Unterkapitel später (S. 52) wieder auf. Unter der besagten Überschrift dreht es sich vor allem um den Opportunismus oder – wie die Autoren ihn nennen – „einen Zustand, in dem ein Mensch versucht, über den rein positiven Egoismus hinausgehend, eine ‚günstige‘ Gelegenheit zu nutzen, um für sich einen Vorteil zu erhalten“ (S. 45). Da fragt man sich als verwunderte Leserin: Wurde die Überschrift aus Versehen falsch gewählt oder soll suggeriert werden, dass Gutmenschen sich opportunistisch verhalten?

Ein letztes Problem von vielen, das ich hier ansprechen möchte, sind die teilweise unsauberen und sehr verkürzten Formulierungen. So wird beispielsweise auf der Schummelseite (S. 1) die folgende Definition von Wirtschaftsethik vorgeschlagen (leicht abgeändert wiederholt auf S. 27¸36): „Wirtschaftsethik beschäftigt sich mit fairen Regeln beim Tausch. Ein Tausch gilt als fair und gerecht, wenn er beiden Seiten einen Vorteil bringt.“ Zum einen beschäftigt sich die Wirtschaftsethik zwar viel, aber nicht ausschließlich mit wirtschaftlichen Transaktionen (z. B. können Konzepte wie Rechte, Freiheit und Gleichheit nicht allein auf den Tausch reduziert werden). Zum anderen würden viele Philosophen der Aussage widersprechen, dass ein Tausch als „fair und gerecht“ gilt, solange er nur für beide von Vorteil ist. Wenn ein Muslim ceteris paribus zum Beispiel weniger Gehalt für die gleiche Arbeit erhält, wie ein Buddhist, dann gilt dieser Tausch in vielen Augen nicht als „fair und gerecht“. Gleiche Arbeit sollte gleich behandelt werden und Religionszugehörigkeit sollte hierbei keine Rolle spielen. Die genannte Definition ist daher nicht nur verkürzt, sondern scheint auch falsch. Darüber hinaus wird auf S. 37 auf einmal eine neue Definition eingeführt.

Ich möchte zusammenfassen: Es ist schön, dass der Autor und die Autorin es schaffen, die Relevanz der Wirtschaftsethik für den Alltag aufzuzeigen. Fragen, mit denen sich die meisten Menschen bereits privat beschäftigt haben, werden in dem Buch aufgegriffen und in einen größeren Zusammenhang gesetzt. Das Buch zeigt, dass Lösungen nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch praktisch implementiert werden können.

Trotzdem kann ich das Buch als Klausurlektüre nicht empfehlen. Das liegt unter anderem an den vielen kleinen Ungenauigkeiten und leider auch einigen Fehlern. Darüber hinaus wurden wichtige Vertreter der deutschsprachigen und angelsächsischen Wirtschaftsethik nicht einmal erwähnt, obwohl zum Beispiel die Debatte zwischen Ulrich und Homann bis heute relevant ist. Damit wird „Wirtschaftsethik für Dummies“ seiner selbst gestellten Aufgabe nicht gerecht: Zumindest in der Philosophie, aber voraussichtlich auch in der BWL, hätte die Studierenden, die mit dem vorliegenden Buch gelernt hätten, zwar viel gelernt, aber ihre Prüfung trotzdem nicht bestanden.

 

Die Rezensentin

Rebecca Ruehle: MLitt, M.A., B.A.,

Studium der internationalen Betriebswirtschaftslehre in Kooperation mit der IBM Deutschland GmbH an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg mit Auslandsaufenthalten in China, Spanien und den USA. Studium der Philosophie, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie an der Universität Mannheim. Studium der Philosophie an der University of St. Andrews. Mehrjährige berufspraktische Tätigkeiten bei der IBM Deutschland GmbH im Bereich Corporate Citizenship. Seit 2016 Doktorandin am Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik und seit 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin im ESF-geförderten Projekt zum Aufbau eines berufsbegleitenden Weiterbildungsmasters an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Arbeits- und Forschungsgebiet: Behavioural Business Ethics. Lehrbeauftrage in der Philosophie an der Universität Mannheim mit dem Thema Wirtschafts- und Unternehmensethik.

 

 

 

 

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