Die deutsche Wohnungs- und Immobilienwirtschaft ist aktiv in der Entwicklungshilfe engagiert. Ihre Hilfsorganisation ist die DESWOS Deutsche Entwicklungshilfe für soziales Wohnungs- und Siedlungswesen e. V. Sie engagiert sich für Hausbau, Bildung und Gesundheit in Staaten mit hohen Armutsanteilen und Hungernöten in der Bevölkerung. Entwicklungshilfe für diese Menschen wird als Bereitstellung notwendiger physischer Ressourcen verstanden, um Menschen Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben ohne Hunger und Armut zu ermöglichen. Im Jahr 2019 feierte die Organisation ihr 50-jähriges Bestehen, blickte auf 410 Hilfsprojekte mit einem Gesamthilfsbudget in Höhe von Euro 61 Mio. zurück.[1]

Aus dieser Perspektive gelebter Entwicklungshilfe erscheint es zunächst als erfreulich, dass die ökonomische Armutsforschung konkrete Beachtung durch die schwedische Nobel Prize organisation bzw. Nobelpreis-Organisation findet. Nobelpreise gelten in der Welt seit ihrer Etablierung als besondere Auszeichnungen für weltweit bedeutende Leistungen. Der Wirtschaftsnobelpreis[2] 2019 wird an die drei Ökonomen Abhijit V. Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer “for their experimental approach to alleviating global poverty” vergeben: “Die Preisträger haben die entwicklungsökonomische Forschung entscheidend mitgeprägt. Ihre Forschungen haben bereits dazu beigetragen, die weltweite Armut zu lindern, und haben großes Potenzial, das Leben der ärmsten Menschen auf dem Planeten weiter zu verbessern.”[3] Die Nobelpreis-Organisation zeichnet somit eine mikroökonomisch-experimentelle Armutsökonomik aus, deren Ergebnisse sie bereits als effektiv ansieht. Dazu liefert sie eine Begründung der Preisvergabe in ihrem 40-seitigen “Wissenschaftlichen Hintergrund”, das über das Internet öffentlich zugänglich ist (siehe die URL: “https://www.nobelprize.org/uploads/2019/10/advanced-economicsciencesprize2019.pdf“). Die Studienergebnisse der Preisträger für 2019 sind in nachfolgenden exemplarisch angeführten Publikationen nachzulesen:

  • Banerjee, A. V./Duflo, E. (2015): Poor Economics: Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut. München: Random House.
  • Dulfo, E. (2013): Kampf gegen die Armut. Berlin: Suhrkamp.

 

Die volkswirtschaftliche Forschung über die Effizienz der Armutsbekämpfung an sich ist weder neu, noch unbekannt, stattdessen sogar durch die Nobelpreis-Organisation bereits in den Jahren 1998 und 2015 mit einem Wirtschaftsnobelpreis für Amartya Sen (“for his contributions to welfare economics”) bzw. Angus Deaton (“for his analysis of consumption, poverty, and welfare”) ausgezeichnet worden. Darüber hinaus leisten auch Nicht-Nobelpreisträger wesentliche Impulse zur international geführten verteilungspolitischen Debatte, wie der französische Ökonom Thomas Piketty. Die Auszeichnung für Banerjee, Duflo und Kremer basiert daher explizit auf dem gewählten methodisch-experimentellen Ansatz ihrer “randomisierten” Studien mit Untersuchungs- und Kontrollgruppen.

Als preiswürdig wird erachtet, dass Banerjee, Duflo und Kremer in ihren eigenen Studien und in jene der von ihnen aufgebauten Netzwerken einzelwirtschaftliche Entscheidungsprozesse von Menschen analysiert haben, die nach einem Verständnis der westlichen Industrieländer in Armut leben. Die Preisträger generieren auf diese Weise Kenntnisse über das Konsumverhalten “armer Menschen”. In diesen Verhaltensmustern sehen die Forscher die Armut begründet. Daher schlussfolgern sie, dass eine Beeinflussung der Verhaltensstrukturen die Menschen aus ihrer Armut befreien könne.

Mit ihren Ergebnissen forcieren die Preisträger eine Kehrtwende weg von der staatlichen Entwicklungshilfe an Staaten mit hohen Armuts- und Hungersnöten hin zur direkten Hilfe bedürftiger Menschen. Bislang lag diese direkte Hilfe von Menschen primär in den Händen privatinitiierter Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs). Die staatliche Entwicklungshilfe aber, “… kommt oft Regimen zugute, die wenig Interesse daran haben, ihrer eigenen Bevölkerung zu helfen, oder die sich in der Vergangenheit nicht mit entsprechenden Bemühungen hervorgetan haben.”[4] Deaton (2017, S. 396) schlussfolgert weiter: “So paradox es klingt: Die Entwicklungshilfe gehört zu den Dingen, die insbesondere in Subsahara-Afrika und einigen anderen Ländern die Entwicklung erschweren.”

Nach einigen Wirrungen um die letztjährigen Vergaben von Literaturnobelpreisen könnte die Nobelpreis-Organisation mit dem 2019er Wirtschaftsnobelpreis erneut eine diskutable Entscheidung getroffen haben. Der mikroökonomisch-experimentelle Forschungsansatz von Banerjee, Duflo und Kremer wird nämlich in Ökonomenkreisen nicht nur gefeiert, sondern auch sehr kritisch reflektiert. Denn die Transformation medizinisch-pharmazeutischer Experimentalforschung auf sozialwissenschaftliche Verhaltensforschung führt unter anderem zur bewussten Unterlassung möglicher Hilfeleistungen. In Armut lebende Menschen werden bei diesem Forschungsansatz in Vergleichs- und Kontrollgruppen subsumiert. Hierbei sind die Gruppen nach dem Zufallsprinzip zusammengesetzt, also randomisiert. Auf diese Weise sollen sich zum einen die Wirkungsgrade von Hilfsprojekten und zum anderen Entscheidungsprozesse einzelner Wirtschaftssubjekte analysieren lassen.

Mikroökonomisch-experimentelle Studien vernachlässigen allerdings makroökonomisch wirtschaftspolitische Gründe für Armut und Hunger. Beispielhaft zu nennen sind diktatorische Regierungen, staatliche Subventionen von Unternehmen und Branchen in den Industrieländern im globalen Handel mit Wirtschaftssubjekten der Länder mit großer Armut und Hungersnöten. Vernachlässigt wird also die Frage, ob und inwieweit die “Reichen” der “entwickelten” Industrieländer den “Armen” deren Armut aufoktroyieren. Deshalb ist im Hinblick auf den Forschungsansatz von Banerjee, Duflo und Kremer sogar die Rede von einer “unethischen Schmalspurforschung”, wie das Handelsblatt bereits im Jahr 2012 berichtet hat.[5]

Vor diesem Hintergrund überrascht die Nobelpreis-Organisation: Sie fragt nämlich auf ihrer Web-Site, ob Leserinnen oder Leser erwarten, dass der mikroökonomisch-experimentelle Forschungsansatz von Banerjee, Duflo und Kremer helfen wird, die Armut in der Welt zu beseitigen.[6] Am 22. November 2019 waren insgesamt 2.797 Antworten registriert. 56 % von ihnen stimmten mit “ja” und 44 % mit “nein”. Überraschend ist diese Auswertung deshalb, weil die Nobelpreis-Organisation die Preisvergabe doch damit begründet hat, dass die Forschungen der Preisträger bereits dazu beigetragen haben (sollen), die weltweite Armut zu lindern (siehe oben).

Randomisierte Studien stammen aus der Medizin und Pharmazie und dienen der Wirksamkeitsanalyse von Medikamenten. Sie lassen sich mit menschlichen und tierischen Versuchsgruppen durchführen. Dabei werden Vergleichsgruppen definiert, von denen z. B. eine Gruppe das Medikament einnimmt, die andere Gruppe aber nur ein Placebo. Wer was einnimmt, ist den Versuchsgruppen unbekannt. Für derartige Versuche bewerben pharmazeutische Forscher Freiwillige zur Mitarbeit. Diese Personen wissen um das grundsätzliche Anliegen. Auch werden sie für ihre Bereitschaft zur Teilnahme an den Versuchen gewöhnlich monetär entlohnt. Bei Tierversuchen erübrigt sich die Entlohnung.

Eine Übertragung der mikroökonomisch-experimentellen Methodik von randomisierten Forschungsstudien auf die Analyse einzelwirtschaftlicher Entscheidungsprozesse in der Armutsforschung erachten wir als zumindest ebenso sehr fragwürdig, wie die explizite Auszeichnung entsprechender Forschungsleistungen mit dem Wirtschaftsnobelpreis. Dazu betrachten wir die beiden oben angeführten Arbeiten von Banerjee/Duflo (2015) und Duflo (2013) unter ethikbasierten Gesichtspunkten.[7] Wir hinterfragen dabei, ob und inwieweit es den Autoren gelingt, ihre moralischen Ansprüche mit ihren rationalen Untersuchungsschwerpunkten zusammenzuführen.

Sicherlich funktioniert eine Zusammenführung nicht ohne ein eindeutiges, stringentes wissenschaftliches Konzept. Die Arbeitsergebnisse in der Armutsforschung mit Vergleichs- und Kontrollgruppen liefern aber noch kein solches Konzept. Denn nachhaltige volkswirtschaftliche Studien müssen als Analysegegenstand einer Sozialwissenschaft, die mit Menschen arbeitet, auf langjährigen empirischen Untersuchungen fußen. Selbst, wenn sich die theoretische Gedankenkonstrukte an sich (noch) nicht widerlegen lassen, dürfen sie im Umkehrschluss nicht als belegt gelten. Ein signifikanter Rückgang der weltweiten Armut ist empirisch aber nicht per anno erfahrbar geworden. Dass “(h)offnungslose Fälle wie Bangladesch und Kambodscha [..] in wunderbarer Weise auf(blühen)”[8], wie die Preisträger formulieren, dürfte zumindest im Hinblick auf die Fabrikunfälle auf Grund fehlender Sicherheitsmaßnahmen wie im April 2013 mit über 1,1 Tsd. Toten und über 2,4 Tsd. Verletzten kein haltbares Fazit sein.[9]

Vielmehr wird deutlich, dass die Preisträger in ihren mikroökonomisch-experimentellen Studien Meta-Themen wie Menschenrechte und makroökonomische Abhängigkeiten von Staaten untereinander vollständig vernachlässigen. Deutsche Unternehmen erhalten nämlich in der “Auseinandersetzung um die Frage, ob für den Menschenrechtsschutz in der Wirtschaft eine Selbstverpflichtung der Unternehmen ausreicht – oder mit einer gesetzlich vorgeschriebenen Sorgfaltspflicht nachgeholfen werden muss”, Unterstützung durch die Bundesregierung, indem “(v)or allem das Wirtschaftsministerium [..] verhindern [will], dass den deutschen Unternehmen neue bürokratische Lasten entstehen.”[10] Wenn die Verpflichtung zur Einhaltung der Menschenrechte seitens der Unternehmen aus den Industriestaaten als “bürokratische Lasten” abgelehnt werden darf, können einzelwirtschaftliche Entscheidungsprozesse “armer Menschen” nicht die alleinige und nicht die zentrale Begründung von Armut sein. Vielmehr erkennt Sen (2003) niedrige Einkommen und fehlende Verwirklichungschancen als einzelwirtschaftliche Armutstreiber.[11]

Zusammenfassend erachten wir die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises explizit für die Leistungen der Preisträger um die Verbreitung randomisierter Studien der Armutsforschung als kritikwürdig. Hierbei maßen wir uns keinesfalls an, die Schlüssigkeit der einzelnen Studien der Preisträger in Frage zu stellen. In der Diskussion wollen wir aber den spezifischen Fokus experimenteller Forschung mit Menschen in Armut sehen, die sich keinesfalls immer als Forschungsgegenstände erkennen können und dafür auch nicht entlohnt werden. Wenn Dörfern für Analysen mit Vergleichsgruppen Entwicklungshilfe wie die Bereitstellung notwendiger physischer Ressourcen (wie es DESWOS positiv forciert) allein aus einer Forschungsmotivation vorenthalten wird, erachten wir den Ansatz als unmoralisch. Ebenfalls erkennen wir keine Potenziale zur Übertragung mikroökonomisch-experimenteller Forschungsergebnisse aus dem einen Dorf auf das andere – gegebenenfalls noch über Kontinente hinweg. Den isoliert mikroökonomisch-experimentellen Studien fehlt es an integrativ-ethischen Bestandteilen. Zumindest hätten sie in den Problemstellungen der in diesem Kommentar zitierten, publizierten Studien genannt werden sollen. Alles in allem wünschen wir uns im Sinn einer nachhaltigen Armutsforschung und vor allem Armutsbekämpfung eine kritische Auseinandersetzung mit dem 2019er Wirtschaftsnobelpreis sowie ihm zu Grund liegender Forschungsarbeiten.

 

[1] Vgl. DESWOS e. V. (2019): 50 Jahre DESWOS – Wir schaffen Heimat – weltweit. URL: “https://www.deswos.de/app/download/7336035651/DESWOS_Jubilaeumschrift_2019.pdf?t=1565688917” (Download der PDF-Datei am 23. November 2019).

[2] Korrekt: Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel, founder of the Nobel Prize (deutsch: Preis der Schwedischen Reichsbank in Wirtschaftswissenschaft zur Erinnerung an Alfred Nobel).

[3] Vgl. zu allen herangezogenen Quellen der Nobelpreis-Organisation die URL: “https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/” sowie entsprechende Verlinkungen (Abruf diverser WWW-Seiten am 22. November 2019). Übersetzungen der Verfasser.

[4] Deaton, Agnus (2017): Der große Ausbruch. Stuttgart: Klett-Cotta.354.

[5] Vgl. Buhse, M. (2012): Streit über ökonomische Experimente. In: Handelsblatt, 17. Dezember 2012, Nr. 244, S. 13.

[6] Als Armutsgrenze bennen Banerjee/Duflo (2015, S. 11f.) die Verfügbarkeit von einem U.S.-Dollar pro Tag angesehen – diese Armut ist in Deutschland verfassungsrechtlich verboten, genauso verbietet Deutschland eine unter dem Mindestlohn (ab 2020: Euro 9,20 pro Stunde) vergütete Arbeit.

[7] Vgl. zum theoretischen Fundament dieser Betrachtungsweise Knüfermann, M. (2005): Ethikbasiertes Strategisches Management. Heidelberg: Physica.

[8] Banerjee/Duflo 2015, S. 345.

[9] Vgl. zum Fabrikunfall Spohr, F. (2017): Das Schmuddelkind der globalen Textilindustrie. In: Handelsblatt.com, URL: “https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/bangladesch-das-schmuddelkind-der-globalen-textilindustrie/19195210-all.html” (Abruf der HTML-Seite am 23. November 2019).

[10] Koch, M./Stratmann, K. (2019): Menschenrechtsschutz light. In: Handelsblatt, 02. April 2019, Nr. 65, S. 8.

[11] Sen, A. (2003): Ökonomie für den Menschen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag (DTV).

 

Die Autoren

 

Professor Dr. Markus Knüfermann

forscht und lehrt als Volkswirt an der EBZ Business School. Darüber hinaus agiert er selbstständig in der Beratung von Banken- und Kapitalmarktfinanzierungen. Er betreut zudem die institutionelle Investorenseite des Aktienfonds Velten Strategie Deutschland (WKN: A2ATCU) und ist Aufsichtsratsvorsitzender der FIDUS Finanz AG mit Sitz in Frankfurt a. M. Zuvor war er viele Jahre als Führungskraft und Prokurist im Bankgeschäft tätig.

m.knuefermann@ebz-bs.de

 

 

 

Detlef Knüfermann OStD a. D.

war als Ingenieur und Germanist Leiter des Robert-Bosch-Berufskollegs – Städtische Schule der Sekundarstufe II und Fachschule in Duisburg. Darüber hinaus war er in der schulpraktische Lehrerausbildung als Dozent und Prüfer ​tätig. Schon seit dieser Zeit konzentriert er sich auf gesellschaftspolitische Fragestellungen zur Eigenverantwortlichkeit berufstätiger Menschen insbesondere im Bildungswesen.

knuefermann@arcor.de

 

 

 

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